Bis einer heult! • anders
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6. April 2006 | Pia Drießen

anders

Meine Schwester bringt meinen Vater heute morgen in die Kölner Uni-Klinik, wo er einer Katheder-Untersuchung am Herzen unterzogen wird. Möglicherweise mit direktem Einsatz von Stents oder sogar einem Bypass. Verdacht auf Hinterwandinfarkt.

Mein Gefühl dabei ist … anders. Ich versuche mir vorzustellen, er sei beim Hausarzt, weil er Schnupfen hat. Und dann muss ich doch wieder daran denken, wie er vor 6 Jahren bei einer Herzuntersuchung einen Infarkt erlitt und sofort operiert werden musste. Als ich davon erfuhr dachte ich, dass der liebe Gott mich strafen will, weil ich oft so wütend auf meinen Vater gewesen war. Ich dachte: Du kannst ihn mir doch nicht weg nehmen, bevor ich mich für alles entschuldigt habe.

Mein Vater ist derzeit 62 Jahre alt und hat, wie er selber immer gern betont, noch eine Menge hier zu erledigen.

Ich bin oft nicht der selben Meinung, wie mein Vater. In Wahrheit bin ich des Öfteren sogar über seine Haltung und seine Art erzürnt. Er ist einer von der Sorte Väter, die ihre Kinder nur sehr selten loben, dafür aber ständig und alles kritisieren. Ich glaube nicht, dass er je böse Absichten hatte, ich glaube eher, dass er dachte, als Vater müsse er uns die Grausamkeit des Lebens und der Realität permanent vor Augen führen.

Wenn ich ihn anhielt, doch mal etwas optimistischer in die Zukunft zu blicken, antwortete er stets, er sei Realist. Eine Aussage, die mich rasend macht, besonders wenn ich sie von „Fremden“ höre, die meinen Hintergrund nicht kennen.

Mein Vater hat sich stets so stark unter Kontrolle, dass man nur selten mitbekommt, was wirklich in im vorgeht. Als ich ihn vor ein paar Tagen traf, bemerkte ich jedoch eindeutig, dass er Angst hatte; Angst vor dieser OP, bei der Sie ihm bei vollem Bewusstsein einen Schlauch in das Herz schieben.

Entschuldigt habe ich mich nicht bei ihm. Ich denke, meine Gefühle haben ihre Berechtigung. Ein Gefühl ist heute zum Beispiel, dass ich ihn nur einmal im Leben richtig herzhaft Lachen sehen will. Ich will ihn nur einmal glücklich sehen, mit leuchtenden Augen; und ich möchte ihn einmal Weinen sehen; ich möchte wohl nur einmal in unserer gemeinsamen Zeit in seine Seele blicken damit ich weiß, dass es alles so okay war und ist, wie es ist.

Ich fühle mich heute anders … und mein Vater hat noch eine Menge hier zu erledigen.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. bekki / Apr 6 2006

    Liebe Pia,

    das kann ich nachvollziehen, mein Dad hat letztes Jahr einen Stent bekommen und ich war genauso angstvoll wie Sie gerade jetzt.

    Mein Mitgefühl-..

    Mein Vater ist auch so einer wie Ihrer…Und dabei will ich ihm genausoviel sagen, wie Sie Ihrem…

    Liebe Grüße
    bekki.

  2. Steffino / Apr 6 2006

    mmh… das erinnert mich sehr an meinen vater. er wahr auch immer sehr kontrolliert, ich habe ihn nie lachen oder weinen gesehen. er hat mich sehr oft kritisiert und ich habe heute noch große schwierigkeiten, mit kritik umzugehen (sowohl andere zu kritisieren als auch kritik anzunehmen fällt mir schwer).
    mein vater beging im alter von 62 jahren selbstmord, er ging (beinahe) ohne ein einziges wort. kein wort hörte man auch jemals über seine gefühle, er war immer da, machte immer seinen job – doch eigentlich war er nie wirklich da. ich denke heute beinahe, dass ich meinen vater nie gekannt habe und ich jetzt auch keine chance mehr habe, ihn kennen zu lernen.

  3. Christian / Apr 6 2006

    always the same ole stories

    *daumendrück*

  4. Observer / Apr 6 2006

    Falsche Kategorie? :neutral:

  5. Neri / Apr 6 2006

    Kann Deine Ängste aus eigener Erfahrung mehr als gut nachvollziehen. Aus Sicht eines angehenden Mediziners sei allerdings noch angemerkt, daß die Risiken verhältnismäßig gering sind. Trotzdem schließe ich mich dem kollektiven Daumen-Drücken selbstredent an.

    LG, der Neri

  6. Steffino / Apr 6 2006

    mein gott, ich habe ‚war‘ mit ‚h‘ geschrieben.. und keinen daumen gedrückt! also: ruhig blut, wird schon schief gehen…

  7. Tine / Apr 6 2006

    Mein Vater war so ganz anders als deiner. Immer für mich da und ich glaube, ihn gut gekannt zu haben. Leider verblasst die Erinnerung und ich hatte in 14 Jahren nicht wirklich Zeit, in sehr gut kennen zu lernen. Mein Vater ist seit fast acht Jahren tot. Seine Seele, so hofffe ich, ist aber immer noch bei mir.

    Ich kann deine Gefühle gut verstehen. Mein Vater hat nie gesagt, er hätte noch viel zu erledigen. Deshalb: *Daumen_drück* Der Glaube versetzt Berge. Es wird schon gut werden.

    Liebe grüße, Alisia.

  8. Pia / Apr 6 2006

    Herzlichen Dank Euch allen für Eure Worte :)

    Eins muss ich dennoch klar stellen, so scheint es mir: mein Vater ist und war immer für mich da. Er hat uns drei Geschwister immer aus der Scheiße geholt, wenns nötig war.

  9. christian / Apr 6 2006

    bei welcher Art von „Herzuntersuchung“ hat Dein Vater denn vor sechs Jahren einen Infarkt erlitten, naja, was frage ich, es geht mich ja nichts an. Darüber hinaus kann man nur sagen, daß ein Herz-Katheter in einer Klinik wie der Kölner Uni-Klinik doch eine alltägliche Routine-Untersuchungs- und ggf. Therapie-Methode ist und Komplikationen, außer den bei allen Arten von invasiven Methoden vorhandenen, für welche das Risiko nie ganz null sein wird, nicht zu erwarten sind und Dein Vater auch hoffentlich keine hatte. Für Ihn alles Gute und Dir sei gesagt, daß trotz aller Gefühle, dei in solchen Situationen auftreten, man doch zu jedem Zeitpunkt mit allem rechnen muß, unabhängig davon, was ein Mensch noch alles vorhat, zu erledigen, es wird geschen, was geschehen wird…, nicht wirklich aufbauend, aber nicht zu ändern, oder?

  10. Observer / Apr 6 2006

    Jetzt stimmt die Kategorie. :smile:

  11. Michael / Apr 7 2006

    Alles gute für Euch.

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