Bis einer heult! • fürs Leben
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26. Juni 2006 | Pia Drießen

fürs Leben

Als Sie mich fragte, wie man die große Liebe findet, musste ich schwer schlucken. Noch während ich mir im Kopf eine belanglose und nichts sagende Antwort zusammen stammelte, weitete Sie ihre Frage um ein „Beziehungsweise, wie erkenne ich die große Liebe, wenn sie vor mir steht?“ aus. Äh ja, Moment. Ich verwarf den Gedanken, den ich mir gerade zurecht gelegt hatte, fuhr alle philosophischen Aspekte wieder auf null, legte den Kopf etwas schrägt, schaute in ihre braunen Augen und seufzte leise.

„Wie man erkennt, ob die große Liebe vor einem steht? Du meinst den einen Mann, mit dem man bis an das Ende seines Lebens das Waschbecken, inklusive aller Wasserflecken und Zahnpastaspritzer auf Keramik und Spiegel teilen möchte?“ Sie nickte heftig, zog ihre üppigen braunen Wimpern nach oben und strahlte mich mit großen Augen, so wie diese kleinen japanischen Schulmädchen in diversen Mangas sie immer haben, an.

Ich seufzte noch einmal, um den Beginn eines langen Gesprächs einzuläuten, zog den Korbstuhl, welche rechts von mir stand, zu mir herüber und ließ mich hinein fallen. Sie griff rasch nach dem anderen Korbstuhl, lies sich schwungvoll darauf nieder und rutschte hektisch in meine Richtung. Ich kam mir ein wenig wie eine dieser Kindergärtnerinnen vor, die uns damals Geschichten aus Tausend und einer Nacht vorgelesen hatten.

„Schau, dort vorne in der Auslage liegen diverse Kuchen und Torten. Bei welcher von ihnen würdest Du sofort ja sagen und sie bestellen?“ Auf ihrer Stirn bildeten sich kleine Wölkchen, die mir verrieten, dass sie meine Frage nicht verstanden hatte. „Ich möchte gar keinen Kuchen.“ Mein Lächeln wurde ungewollt zu einem breiten Grinsen. „Nein, das meine ich nicht. Nehmen wir an, Du gehst an einem Schaufenster mit Schuhen vorbei, erspähst aus dem Augenwinkel das eine Paar Schuhe. Du rennst in den Laden und kaufst sie, obwohl Dein Konto, Deine Vernunft und die Stimme Deiner Mutter dir ganz klar davon abraten.“ „Mama ist mit dabei?“

Ich seufze erneut, diesmal etwas lauter und ungehaltener. „Nein, das war sinnbildlich gemeint. Woher wusstest Du, dass Du diese Schuhe haben musst? Wieso hast Du sie gekauft, obwohl Du sie nur 2 Minuten betrachtet hast, obwohl Dein Konto völlig leer ist und dein Verstand Dir ganz klar zurief, dass Du es nicht tun solltest?“ Ihre großen brauen Augen senkten sich auf die gelbe Tischdecke und versonnen begann sie ein paar der herabhängenden Tischdeckenfransen zu flechten. „Ich weiß nicht. Weil ich sie einfach haben wollte? Nein …“ sie machte eine kurze und andächtige Pause. Dann fuhr sie mit bestimmter, fester und lauter Stimme fort. „… weil ich sie haben musste!“

Sie strahlte mich an, als hätte sie gerade als erste und einzige die Lösung auf ein unlösbares Rätsel gefunden. „Du meinst, wenn ich einen Mann unbedingt haben will und muss, dann ist es der Richtige?“ schoss es euphorisch aus ihr heraus.

Ich senkte den Kopf ein wenig und sah sie seitlich von unten an. Ich gebe zu, ein wenig oberlehrerhaft wird es gewirkt haben, was aber durchaus beabsichtigt war. Langsam sagte ich „Nein. Wenn Du den Richtigen, die große Liebe und den Mann fürs Leben triffst, dann wirst Du an ihm vorbei eilen, wie an einem Schaufenster, welches für Dich auf den ersten Blick nichts zu bieten hat. Aber Du wirst später merken, dass Du vielleicht doch einen genaueren Blick hättest riskieren sollen. Folglich wirst Du wieder zu diesem Schaufenster gehen, einen langen Blick hinein werfen und vielleicht wirst Du sogar hinein gehen, den Schuh aus dem Regal nehmen und ihn genauer begutachten.“

Sie wurde auf ihrem weißen Korbstuhl ganz hibbelig, ließ den geflochtenen Teischdeckenzopf achtlos fallen und brüllte beinahe: „Und dann kaufe ich ihn?“ Ich griff schnell nach ihrer Tasse, welche Sie in ihrer Aufregung beinahe umgeworfen hatte.

„Nein, denn Du wirst das Gefühl haben, dass Du nicht zu diesem Schuh passt.“ Ich sah, wie sie mir widersprechen wollte und entgegnete schnell. „Du hast richtig gehört. Du passt nicht zu ihm und nicht umgekehrt. Du wirst das Gefühl haben, diesem wunderschönen Schuh nicht gerecht zu werden, da er einfach zu edel und zu teuer ist, um ihn in einer schalen Bierpfütze in irgendeiner Disko zu ertränken.“

Als ich einen Schluck Kaffee nehmen wollte, legte sie mir ihre kalten Hände auf die Hand, mit der ich nach der Tasse griff. „Und dann?“ Unbeirrt griff ich nach der heißen Tasse Latte Macchiato, lehnte mich zurück und antwortete: „Schau mal, Blasen kannst Du Dir in jedem x-beliebigen Paar Schuhe laufen. Die meisten schmeißt man dann nach einem halben Jahr weg. Aber diesen einen, den trägt man mit Wonne, auch wenn die Blasen besonders groß, blutig und schmerzhaft waren. Auf diesen musst Du warten. Darauf warten, dass er von selber zu Dir kommt und das entscheidende Stückchen auf Dich zugeht.“

Sie lachte laut auf und warf ihre dicke braune Mähne in den Nacken. „Schuhe können doch nicht von alleine zu jemandem kommen.“

Ich setzte die Tasse ab und grinste „Männer sind ja auch keine Schuhe.“

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. fräulein anna / Jun 26 2006

    So eine schöööööne Geschichte.

  2. .chris / Jun 26 2006

    wirklich sehr schön. und bis auf den letzten part (zumindest für mich) zutreffend. wurde schließlich doch selbst „gekauft“ ;)

  3. waschsalon / Jun 26 2006

    wirklich klasse und sehr einfühlsam. ich bin froh, dass männer am ende nicht mit schuhen verglichen werden. wir sind ja schon wie toiletten…

  4. .chris / Jun 26 2006

    echt? sagt wer?

  5. Stefan Nothnagel / Jun 26 2006

    Wirklich klasse Frau Pia. Hut ab, besser kann man das nicht erklären.

  6. Pia / Jun 26 2006

    Eigentlich kann man es ja gar nicht erklären :)

  7. marcc / Jun 26 2006

    Irgendwann habeich mir bei dem Thema gesagt „die kommt, wenn ich nicht damit rechne.“ Und ich weiß inzwischen, dass die faszinierenden Frauen nicht nicht sind. Denn die sind so, weil sie alles haben was ich nicht habe aber auch nicht bin. Eher passen die, die mir etwas langweilig erscheinen. Denn ich bin auch eher langweilig.

  8. waschsalon / Jun 26 2006

    doch. doch. du hast das schon ganz gut nicht erklärt…

  9. Seraphima / Jun 26 2006

    Schön. Und so treffend. „Du passt nicht zu ihm […]. Du wirst das Gefühl haben, diesem wunderschönen Schuh nicht gerecht zu werden, da er einfach zu edel und zu teuer [für Dich] ist.“ Danke für diese schönen und so treffenden Worte.

  10. Bernardo / Jun 27 2006

    Ganz großes Kino! Hab mich köstlich amüsiert… :grin:

  11. vierlagig / Jun 27 2006

    wenn sie mich doch nur aus dem regal nehmen würde… ich würd ihr keine blasen bereiten…und die richtige größe hab ich auch :cry:

    und so kann es dann wieder sein, dass etwas wunderbares an zuviel zurückhaltung eingeht, nicht die möglichkeit zum erblühen bekommt

    …eine wunder wunderschöne geschichte :luv:

  12. Maniac / Jun 27 2006

    Wirklich sehr schön geschrieben…

    Ich überlege grade, ob ich mich und meine Ex darin wieder finde (und sie dann doch irgendwann wieder auf mich zurück [zu] kommt) oder es dann eben doch nicht die richtige war…

  13. eller82 / Jun 27 2006

    eine sehr schöne Geschichte. nur stellt sich die Frage, wieviele Frauen wieder zurück gehen, nachdem sie an einem vermeindlich „uninteressanten“ Schaufenster vorbei gegangen sind und dann noch einmal einen zweiten Blick dort hinein werfen?

  14. Codo / Jun 27 2006

    Und woher weiss man, dass man die Schuhe fuer immer tragen wird? Es gibt kein Mann mit dem man alles bis an sein Lebensende teilen will. Nur mit manchen Maennern gelingt einem das, obwohl es voellig unlogisch ist :grin:

    Ich hoffe, dass Du Dir mit Herrn H. keine Blasen holst sondern nur welche gibst :razz:

  15. Pia / Jun 27 2006

    Dsa weiß man nicht. Das weiß man nie.

  16. marcc / Jun 27 2006

    @eller82: Zurückgehen reicht ja nicht, denn es kommt noch erschwerend hinzu, dass die Schaufenster sich auch bewegen.

  17. Pia / Jun 27 2006

    Sie dürfen das ganze nicht zu bildlich überstetzen, meine Herren.

  18. Tobias K. / Jun 27 2006

    Schade. In Punkto Blasen hät ich da sonst noch ein paar Nachfragen gehabt… :pfeif:

  19. Pjöni / Jun 27 2006

    Die armen Männer, die barfuß laufen, die bekommen keine ab. :flenn:
    Eine sehr traurige Geschichte ist das.

  20. Tine / Jun 27 2006

    Das macht Hoffnung… Nur das sich der Schuh ja auch zu einem hingezogen fühlen muss. Sonst gibt es die Blasen schon beim Anprobieren. :sad:

  21. Daniela / Jun 28 2006

    Man merkt und weiss sofort, wenn DER EINE vor einem steht. Ungelogen! Alles was man vorher über Liebe auf den ersten Blick dachte oder was man vorher schon erlebt hat, verpufft in dem Moment. :ja:

  22. schoko-bella / Jun 28 2006

    schöne geschichte. und so treffend! :flenn:

  23. pantalaimona / Aug 10 2006

    So ein Schmarrn…..
    Zu teuer / gut für mich? Gibts nicht… man sollte sich immer das nehmen, was am Besten für einen ist. Und man kann den Schuh auch ruhig kaufen. Er muss doch nicht von selber auf einen zulaufen? Wir leben im Zeitalter der Emanzipation :razz:

    Na ja, ich hab meinen Schuh auf jeden Fall schon seit fünf Jahren an *lol* :ja:

  24. Herr H. / Aug 10 2006

    Ensteht dann nicht irgendwann ein seltsamer Geruch?

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