Bis einer heult! • Der junge Fahrer
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28. Juni 2006 | Pia Drießen

Der junge Fahrer

In der dritten Klasse, am letzten Tag vor den Osterferien, begab ich mich wie an jedem Morgen mit dem Fahrrad zur Schule. Im Fahrradkörbchen auf dem Gepäckträger die Sporttasche, da wir an diesem Tag schwimmen gehen wollten. Ach, was hab ich mich gefreut.

Ich pfefferte also den langen Berg hinunter, der auf meinem Schulweg lag, warf am Ende einen raschen Blick nach links uns rechts und schoss über die grüne Ampel. Na ja, „über die Ampel“ schoss ich nicht wirklich, denn auf der Hälfte des Überwegs kreuzte plötzlich ein Auto auf, ich prallte mit hohem Tempo in die Beifahrertür, flog hoch durch die Luft und landete unsanft auf meinem schwarzen Scout-Ranzen.

Das war mein erster richtiger Schock, soweit ich mich erinnerte. Ich konnte nicht aufstehen, aber auch nicht weinen oder schreien. Ich lag wie ein Marienkäfer auf der Strasse, zitterte wie ein Aal und versucht zu begreifen, was da gerade passiert war.

Der junge Fahrer, 19 mag er gewesen sein, kam auf mich zu gerannt, stellte mich auf die Beine und schrie mich an, ob mir etwas passiert sei? Er war nicht böse aufgebracht, sondern ängstlich panisch, da er soeben ein 8jähriges Kind angefahren hatte.

Als ich an ihm hoch schaute erinnerte er mich so sehr an den damaligen Freund meiner Schwester, heute mein Schwager, dass ich ihm größenbedingt um die Hüfte fiel, mich festkrallte und laut zu weinen begann. Mehrer Menschen kamen angelaufen, jeder zuppelte an mir herum, fragte, wie es mir ginge, ob ich Schmerzen hätte und brüllte anschließen den jungen Autofahrer an, den ich die ganze Zeit panisch festhielt, da ich mich bei ihm irrwitziger Weise sicher fühlte.

Jemand hatte mein pinkes Mädchenfahrrad aufgehoben, auf welches ich so stolz gewesen war und trug es nun an mir vorbei, da man es nicht mehr schieben konnte. Es sah aus, als wäre es mit einer Dampfwalze kollidiert, was mich erneut laut aufheulen ließ. Der Verlust meines Fahrrads schmerze mich in dem Augenblick mehr, als meine lädierten Beine und Ellbogen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand, denn irgendwann war plötzlich eine Menge Polizei aufgelaufen und ich wurde in einen Krankenwagen verfrachtet. Im Krankenhaus stellte man jedoch fest, dass ich bis auf ein paar Prellungen und Schürfwunden rein gar keine Verletzungen hatte und schickte mich mit meiner Mutter nach Hause.

Ich machte mir unheimliche Vorwürfe, den jungen Fahrer so erschreckt zu haben und erzählte meiner Mutter, dass auf der Autotür etwas gestanden hätte. „Das war bestimmt ein Firmenwagen und nun wird er ganz schrecklichen Ärger bekommen.“, war meine einzige Sorge.

Etwa zwei Stunden später klingelte es und der junge Fahrer stand samt einem Plüschtier vor der Tür. Wir unterhielten uns 2 Stunden lang und er erzählte unter anderem, dass seine Freundin zwei Frettchen hätte. Das beeindruckte mich damals ungemein.

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie bei ihm zu Hause angerufen hatte, um wegen meines kaputten Fahrrads eine Lösung zu finden, so wie der junge Fahrer es ihr versprochen hatte. Sie erreichte jedoch nur seine Eltern, die meiner Mutter unmissverständlich klar machten, dass ihr Sohn mir ganz sicher kein neues Fahrrad kaufen würde, da ich viel zu schnell unterwegs gewesen wäre und richtig hätte gucken müssen. Er habe keine Schuld an diesem Unfall.

Gut, es mag stimmen, dass ich sehr schnell war. Jedoch hatte ich nach rechts und links geblickt und war eindeutig über eine grüne Ampel gefahren. Der junge Fahrer war links abgebogen und hatte mich schlichtweg übersehen.

Ein paar Wochen später klingelte es erneut an unserer Haustür. Der junge Fahrer drückte meiner Mama 150 DM in die Hand, sagte, dass er mehr leider nicht hätte. Das wäre das Geld von seinem Nebenjob und seine Eltern sollten doch bitte nichts davon erfahren.

Ich bekam ein neues, größeres und vor allem cooleres Fahrrad in schwarz/grün … den jungen Fahrer habe ich nie wieder gesehen. Aber ab und an denke ich noch an ihn und wünsche ihm dann, dass es ihm gut geht.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Annerose / Jun 28 2006

    Es ist schön, dass es so vorurteilsfreie und positiv denkende Menschen wie dich noch gibt. Und vielen Dank für das Aufschreiben solcher Geschichten!

    Liebe Grüße,
    Annerose

  2. DraMatick / Jun 28 2006

    Ich find die Geschichte auch schön, weil sie einfach schön ist :ja:

  3. susi / Jun 28 2006

    hey, du. sehr nette geschichte, da werden eigene kindheitserinnerungen wach. ach ja, „marinenkäfer“ ist ja wirklich gelungen :wink:
    lg

  4. juergen / Jun 28 2006

    „Schön“ war auch das erste Wort, was mir dazu einfiel beim Durchlesen! Und „selbstlos“. Und dann wiederum „schön“ :smile:

  5. Tom / Jun 28 2006

    Auch wenn ich von den anderen Kommentaren geblendet sein mag:

    SCHÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖN!

  6. vierlagig / Jun 28 2006

    …daher der hang zu schwarz und grün :wink:

  7. Andrea / Jun 28 2006

    Auch mir gefällt die Geschichte sehr sehr gut. Ausserdem musste ich an einigen Stellen immer wieder ein bisschen schmunzeln. Hab dafür aber auch böse Blicke von meinem Chef geerntet.. Der mag keine Blogs:-(

  8. Willi / Jun 28 2006

    Sehr schön geschrieben Frau Pia. Vielen Dank das wir es lesen durften.

  9. CRen / Jun 28 2006

    Hmmm… das erinnert mich an damals, als ich in ein Handgemenge mit ein paar stadtbekannten Schlägern geraten war, einem in Notwehr die Lichter ausgeknipst und mir dabei die Hand gebrochen hatte…

    2 Wochen später rief die Mutter von dem harten Typen an und wollte, dass ich seine Krankenhaus-Rechnung bezahle, für’s Flicken vom linken Auge… und angezeigt wegen Körperverletzung hat er mich auch noch…

    Und wisst Ihr was?

    Der hat NIEMALS Geld gesehen und mein Vorstrafen-Register ist auch sauber :baeh:

  10. Htwo / Jun 28 2006

    Eine wunderbare Geschichte :smile:
    viel mehr kann man dazu gar nicht schreiben, außer, dass ich deine Gedanken von damals sehr gut verstehe, auch wenn ich im ersten Moment wohl anderst gedacht hätte. Ich nenne sowas wahre Größe.

  11. Emilys Everyday Life / Jun 28 2006

    Es ist erstaunlich, woran Kinder so zuerst denken, wenn etwas derartiges passiert, während Erwachsene, direkt nur an Geld denken. :shock:
    Ich finde diese Geschichte sehr bezeichnend für die heutige Zeit :ja:
    Beim lesen bekam ich eine Gänsehaut und war wirklich gerührt :roll:
    Vielen Dank liebe Pia!!!

  12. setrok / Jun 28 2006

    Schön! Das mit der Gänsehaut kann ich bestätigen.

  13. Bibi / Jun 29 2006

    Die Geschichte kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. Mag daran liegen, das mir fast das gleiche passiert ist. Außer das der junge Mann meine spätere Englisch und Erdkundelehrerin war.

  14. Elephas / Jun 29 2006

    Schöne Geschichte. Sehr bwegend.

  15. min / Jun 29 2006

    Mir is mal was ähnliches passiert. Nur war ich der panische, junge Fahrer und das 8-jährige kleene Mädchen war mein LK-Lehrer :D Ihm is, Gott sei dank, nichts passiert aber noch Wochen später wurde ich gefragt warum ich nicht zurückgesetzt hab und nochmal drüber bin.

  16. Littleandy / Jun 29 2006

    Besonders krass die Reaktion der Mutter des jungen Fahrers – was die wohl gesagt hätte, wenn ihr Kind angefahren worden wäre???

  17. Hans Spiegl / Jun 30 2006

    manche deiner geschichten sind einach genial!

  18. Henning / Jul 1 2006

    Auch auf die Gefahr hin, dass die nochmalige Wiederholung etwas abgedroschen klingt, aber die Geschichte fand ich echt schön. Jetzt stell dir mal vor, der liest hier mit… :-)

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