auf sich selber hören

In Ermangelung eines Internet-Zugangs ziehe ich dann heute mal wieder BlogDesk zur Hilfe. Inzwischen sind wir, Bruce und meine Wenigkeit, seit 2 Stunden unterwegs und es liegen noch weitere 45 Minuten vor uns.

Die Zugstrecke, erst am Rhein und später an der Mosel entlang, ist wirklich traumhaft. 5 Gelegenheiten zum Aussteigen boten sich und 5 Mal habe ich überlegt diese zu nutzen und auf einen der unzähligen Weinberge zu rennen.

Weinberge haben einen ganz außergewöhnlichen Reiz auf mich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich als kleines Mädchens Sonntags immer mit der Familie in eben diesen Weinbergen wandern war.

Ich erinnere mich an eine Wanderung bei Altenahr, jedenfalls bin ich der Meinung, es wäre Altenahr gewesen. Auf dem Rückweg kamen wir an einem großen Baum vorbei, an dem ein einziger roter Apfel hing. Er leuchtete so reif, dass ich augenblicklich diese Apfel haben wollte; nein musste.

Mein großer Bruder versuchte also mit einem Stock den Apfel vom Baum zu werfen. Schließlich standen alle außer mir unter dem großen Apfelbaum und warfen Stöcke zwischen die Äste.
Ich weiß nicht wie lange wir da standen und ich weiß auch nicht, wer zum Schluss derjenige war, der den Apfel zu Fall brachte. Meine Augen müssen geleuchtet haben, wie an Weihnachten.

Mein Bruder hob den Apfel auf, kam auf mich zu und sah mich traurig an. Ich weiß noch, dass er vor mir in die Hocke ging, das machte er äußerst selten, und meinte, dass es ihm Leid tät.
Der Apfel glänzte von vorne in leuchtendem Rot, jedoch war er auf der Rückseite völlig verfault.
Ich heulte laut auf, nicht jedoch, wie man wohl annehmen mag, weil der Apfel ungenießbar war, sondern weil meine Familie sich so abgemüht hatte, mir eine Freude zu machen. Und dies schließlich ganz umsonst.

Als Kind hat mich das vermeintliche Leid anderer meist mehr gequält, als meines eigenes. Oft habe ich auch Leid vermutet, wo keines war. Mein Leben lang versuche ich die Menschen um mich herum glücklich zu machen. Meine Stimmung und Laune ist von nichts so abhängig, wie vom Befinden meiner Mitmenschen.

Manchmal muss man daher alleine sein, um in sich rein zu horchen und um feststellen zu können, welche Stimmung eigentlich aus einem selber spricht.

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8 Heulsusen

  1. Evtl. war der Apfel auf einer Seite nicht verfault, und das hat der Bruder nur gesagt um Schwesterherz zu ärgern? Brüder sind so, ich als Bruder weiß das! :smile:

  2. AndiBerlin: Da er mir den Apfel zeigte, kann ich das ausschließen. „So ein“ Bruder war er – Gott sein Dank – nicht.

    Tobis + Observer: Jawohl die Herren. Keine Ahnung was Sie meinen. Vielleicht mal weniger philosophisch versuchen ;)

  3. Wir meinten dasselbe, was Sie wohl auch zu meinen, meinten, meinten aber, unsere Meinung allgemeiner kundtun zu müssen… ;-)
    Jedenfalls weiß ers ja jetzt ;-)

  4. Pias Bruder ist deutlich älter als sie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so gemein zu seiner richtig kleinen Schwester gewesen wäre.

  5. 2. September 2015 / Pia Drießen

    Heilende Erinnerung
    Damals, Erinnerung HSK, Frühkindliche Erinnerung, Heilung, Hochsensibilität, HSP

    „Mama, weißt Du noch, wie ich als Baby immer geweint habe und Du mir ganz viele Sachen angeboten hast?“„Hm, Du hast als Baby sehr viel geweint. Meinst Du was bestimmtes?“„Du hast mich dann gefragt: magst Du Milch, magst Du Brot, magst Du Apfel? Und ich hab nur geweint, weil ich noch nicht sprechen konnte und Dir nicht sagen konnte was ich wollte!“„Oh, ja, das ist aber schon sehr lange her.“„Ich wollte Kakao. Das weiß ich noch genau! Aber geweint habe ich, weil Du Dir so eine Mühe gegeben hast mir etwas Gutes zu tun und ich Dir einfach nicht antworten konnte.“
    Das hört sich für den ein oder anderen jetzt vermutlich etwas unglaublich an, aber ich glaube wirklich, dass er sich an so eine Szene noch erinnert. Mein Vater (72) erzählt auch immer davon, wie sein Vater etwas weniger Nettes über ihn sagte und er sich fürchterlich darüber aufregte, weil er noch nicht (wider)sprechen konnte. Mir geht es auch oft so. Ich habe sehr Frühkindliche Erinnerungen. Viele konnte ich mit den Jahren über meine Schwester oder auch meinen Vater verifizieren. Ich bilde mir diese nicht nur ein. Sie sind wirklich so geschehen. Auch wenn ich erst 1 oder 2 Jahre alt war.
    Zum Beispiel die Geschichte vom roten Apfel, die ich bereits 2006 aufgeschrieben habe. Mit meinem heutigen Wissen um meine Hochsensibilität (die ich mit ziemlicher Sicherheit von meinem Vater habe) liest und erklärt sich der Text von damals heute viel einfacher.
    Auch erstaunte es mich, wie viele Menschen sich nicht an ihre eigene Einschulung oder ihre allererste Hausaufgabe erinnern können. Ich dachte, diese Erinnerungen seien etwas völlig natürliches. Und ich meine jetzt nicht, was ich an diesem Tag anhatte (was man sich vielleicht auch anhand von Fotos eingeprägt hat), sondern die Gefühle, die ich in dieser Situationen empfand.
    So erinnere ich mich an eine Szene aus der 1. Klasse. Auch bei uns gab es die obligatorische Schulmilch und als ich nach ein paar Tagen Krankheit wieder in die Schule kam, empfing mich eine Mitschülerin mit den Worten: „Ich durfte Deine Milch trinken und auf Deinem Platz sitzen!“ Da habe ich zuhause Stundenlang weinen müssen, weil ich das Gefühl hatte, ich wäre einfach so ersetzt worden und niemand hätte mich vermisst. Das Gefühl hallte lange nach und machte es mir schwer, Vertrauen zu meinen Mitschülern zu fassen.
    Nach außen war ich immer die krawallige und rabaukige Pia, weil ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln für alle möglichen Leute eingesetzt habe. Laut. Hartnäckig. Selten aber für mich selber. In mir drin war ich eine kleine Heulsuse und wirklich sehr empfindsam. Und ja, vielleicht bin ich das heute auch noch dann und wann.
    Und so ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass mein große Kind nach unserer obigen Unterhaltung glasige Augen hat und: „Das tat mir echt so leid, Mama.“ ergänzt. Ich kann ihm dieses Gefühl gut nachempfinden. Darum sage ich nur „Danke, dass Du mir das erzählt hast.“ und nehme ihn feste in den Arm.
    Tatsächlich hat er mich und meine Baby-Mama-Zweifel in diesem Moment ein kleines Stück weit geheilt.

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    Über den Autor:
    Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012).
    Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media, arbeitet Nebenberuflich als Beraterin/Referentin zum Thema „Vernetzte Mütter“ und bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser.
    Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+

    Abgelegt unter damals©, Der Große, IchIchIch

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