Bis einer heult! • Wir sind so satt.
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7. September 2006 | Pia Drießen

Wir sind so satt.

Die Betreiber von Newsseiten stellten mit Verblüffung fest, dass die Nachricht vom Tod des Tierschützers und -filmers (Steve Irwins) die Menschen mehr interessierte und erschütterte, als die täglichen Katastrophenmeldungen, an die Mensch sich gewöhnt hat.

Ja, wir haben uns gewöhnt. Gewöhnt an Kriege, Terror, Naturkatastrophen. Aber wir haben noch genug Energie, um uns über Headlines wie „Vom Rochen erstochen“ zu brüskieren. Der Mann, der mit seinem Säugling im Arm durch ein Krokodilgehege lief, ist heute unser Held. Die Menschen, die täglich gegen Terror, Krieg und Naturkatastrophen im Einsatz sind, nur Leute, die ihren Job machen. Alltäglich.

Wir langweilen uns, denn wir sind satt. Überfressen an Tragödien und Horrormeldungen.

Wenn ein Mensch stirbt, ist das immer bedrückend. Aber ich frage mich, was an Steve Irwins bedeutender gewesen sein soll, als zum Beispiel an Annemarie Wendl?

[Aus der Kategorie: rhetorisch nachgefragt.]

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Tobias K. / Sep 7 2006

    Ich brüskiere mich tatsächlich – das täte ich aber auch, wenn der Mann in Afrika mit eigenen Händen Brunnen gegraben hätte, oder aber im Kosovo Waffen verkauft hätte. So oder so geht mir die Art der Medien nicht nur auf den Keks sondern macht mich stinkwütend. Ich argumentiere da quasi von der anderen Seite aus.
    Über Irwins „sittlichen Nährwert“ erlaube ich mir kein Urteil. Allerdings bemerke ich, dass es zwei Irwins zu geben scheint und nehme an dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Vielleicht war es für ihn genauso gefährlich sein Baby bei den Krokodilen mitzuschleppen, wie wenn ich am Klavier ein Kind im Schoß liegen hätte – vielleicht wußte er genau was er tat. Vielleicht war er aber auch einfach nur leichtsinnig. Und wenn jetzt vermutlich das Video seines Todes (quasi auf seinen eigenen Wunsch hin) ausgestrahlt wird, dann verstehe ich das von seiner Perspektive aus, möchte aber zugleich protestieren, weil ich die Rezeptionseite doch sehr fraglich finde…
    Und ich glaube bei Todesmeldungen darf man nicht aufrechnen. Das hat eben tatsächlich etwas damit zu tun, was für eine Beziehung man zur jeweiligen Person hat. Ich nehme an, es ist nicht das Übermaß an Tragödien, sondern das zuwenig an wirklichen Kontakten, das und erschüttert sein läßt wenn eine „öffentliche“ Person stirbt.

  2. Pia / Sep 7 2006

    Und noch einmal die Frage, was Steve Irwins hatte, was Annemarie Wendl nicht hatte?

    Und an der Headline „Vom Rochen erstochen“ fand ich persönlich nichts geschmacklos. Es war so. Eine Tatsache. Darf man die Headline nicht wählen, weil sie sich zufällig reimt? „Vom Elefanten zertrampelt“ wäre eine durchaus gängige Headline.

    Aufhänger diese Beitrags ist/war unsere Gesellschaft, nicht das Leben des Crocodile Hunters.

  3. Andreas Rauer / Sep 7 2006

    Steve Irwin war nicht bedeutender als „Else Kling“, das stimmt. Vermutlich auch nicht mehr zwingend medienpräsenter oder kauziger (ich vermeide jetzt mal „penetrant“..).

    Was man ihm zu gute halten muss, ist seine scheinbar grenzenlose Begeisterungsfähigkeit und Engagements für den Naturschutz. Führt zu Fans.
    Als Negativpunkte konnte man seine selbstmörderisch idiotische und tiernervende (von „-quälend“ will ich jetzt nicht direkt sprechen, allerdings frage ich mich schon, wievielen Schlangen der Kerl die Kiefer gebrochen hat) Präsentationsart nennen. Führt zu Anti-Fans.

    Letztere grinsen hämisch ob ihrer Schadenfreude, das der Blödmann endlich von einem Viech erlegt wurde, welchem er wieder zu nah auf die Pelle rückte.

    Die anderen betrauern den Verlust eines medienpräsenten Naturschutzförderers und Interesseweckers an der Natur.

  4. Waszszaf / Sep 7 2006

    Es war wohl erst der zweite tödliche Angriff eines Stachelrochen auf einem Menschen, der bekannt ist.

  5. Tobias K. / Sep 7 2006

    @pia Jein. Ich nehme an, dass es tatsächlich an der Art der Beziehung liegt, die man zur jeweiligen Person hat. Mich erwischte der Tod von Heinz Rühmann in einem Baumarkt und es war mein persönlich größter Verlust bis dahin, was nun von so ziemlich keinem meiner Altersklasse damals geteilt wurde. (Hat wer um Gene Pitney gejammert? – Ich schon.)- Ich kenne wenige, die Irwin betrauern, aber die die es tun, mochten ihn mehr als nur ein bißchen.

    Das wäre meine Antwort auf die Frage, was er hatte, was sie nicht hatte. Die ist nämlich schon falsch gestellt. Und zu Recht muß unsere Gesellschaft hinterfragt werden, aber das ist halt nicht so leicht wie man annimmt. Wer war zuerst da? Die Zeitungshenne, die die Nachrichteneier legt? Die Nachrichteneier selber? Oder doch der Rezeptionsbauer, der sie gierig abgreift und die Henne mästet, damit er mehr davon bekommt?

    Die Headline finde ich genauso übel wie eine andere in meiner kleinen Sammlung. Ein Artikel über Klausjürgen Wussow (schon ein paar Jahre alt), überschrieben mit „Neuigkeiten vom grauen Star.“ – Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sowas ist Absicht (und glaub mir, bei einer Zeitung, wo die Überschriften fast nie von den Journalisten selber gemacht werden IST das Absicht) oder aber es mangelt an Feingefühl. Beides halt ich für bedenklich. Äußerst bedenklich. Wie wäre es mit „Tod durch Rochen“? Immer noch sensationsgeil, aber wenigstens nicht mehr KOMISCH – oder „Unfall bei Dreharbeiten“? Nur weil etwas faktisch stimmt ist es nicht die einzige Möglichkeiten. Der naturalistische Fehlschluß läßt mal wieder grüßen…

  6. Pia / Sep 7 2006

    Vielleicht liegt es nur am unterschiedlichen Betrachtungswinkel. Ich empfand die Headline nicht als komisch (auch nicht unfreiwillig komisch). Ich habe sie so genommen, wie sie da stand, die Fakten auf den Punkt bringend. Vielleicht liegt es an mir und meiner Auffassung, die Menschen wären nicht wirklich so berechnend. Blauäugig, nennen das viele.

    Und dennoch verstehe ich nicht, wieso solch ein Kult um diese Person gemacht wird. Und diese Frage bezieht sich auf den oben verlinkten Artikel. Das meistgesehene Video auf Youtube etc. Nein, ich verstehe es nicht. Aber wahrscheinlich will ich das auch nicht.

  7. Christian / Sep 7 2006

    Die Bewertung, warum denn nun gerade _dieser_ Mensch so eine Berühmtheit bekommt, ist natürlich schwer. Für den einen war er ein toller, jemand, der begeisterte – für den anderen war er ein Depp. Das ist mit vielen Promis, Halbpromis oder anderen Fernsehgestalten so und ich fürchte, wir sind schon lange weit davon entfernt, dass jemand, der in der Öffentlichkeit steht eine unantastbare, integre Person ist, die allgemein als Vorbild dienen kann. Und so sucht sich das halt jeder selber aus, wenn er mag und wen er vermisst und betrauert.

    Und ausgeschlachtet wird alles; es gibt immer eine härtere, sensationsgeilere Überschrift. Da bin ich resigniert. Völlig.

  8. Arne / Sep 7 2006

    Punkt.

    Und mal ehrlich: Der Kerl hat kein Mitleid verdient, eher noch einen Tritt. Begibt sich ständig in Lebensgefahr, obwohl er Frau und Kind hat. Sowas gehört getreten, und zwar dolle.

  9. Pia / Sep 7 2006

    Das Betrauern verwundert mich gar nicht und ich würde im Leben nicht auf die Idee kommen zu behaupten, dieser Mensch hätte das nicht verdient. Mich erschreckt vielmehr der Hype, der durch seinen Tod ausgelöst wurde. Die Tatsache, dass der Tod dieses Mannes für so viele Menschen bedeutender ist, als die täglichen Nachrichten, welche voll von Elend, Terror und Leid sind, die erschreckt mich.

  10. Hannah Hübsch / Sep 7 2006

    Ist die Bedeutung einer (verstorbenen) Person, eines Ereignisses (nur noch) ablesbar an medialen Aufmerksamkeit?

    Annemarie Wendl und Steve Irwin. Die „gefürchtetste Hausmeisterin Deutschlands“ und „der Held“ der mit seinem 1 Monat alten Sohn im Arm ein 4 Meter langes Krokodil aus der Hand fütterte.
    Ihr Ableben ist Schlagzeilen und Titelseiten wert.

    Hungerleidende Menschen in Kriegsgebieten, Naturkatastrophen, Flüchtlinge… werden als Alltag verkauft, sind Gewohnheit. Diese Themen sind verbraucht. Diese Themen erscheinen weit weg.

    Nah sind uns dagegen ein Prinz Ferfried „Foffy“ zu Hohenzollern und sein Aschenbr(l)ödel Tatjana während ihrer Hochzeitsvorbereitungen.
    Nah ist uns eine Michaela Schaffrath die nicht mehr Gina Wild sein will mit ihrer Brustverkleinerung. Nah ist uns Susann Stahnke zeigt sie uns ihr Innerstes bei einer Darmspiegelung.
    Fotografierenden Passanten veröffentlichen ihre Handy- Bilder in den Medien. Bilder von Autounfällen, verunglückten Zügen, Explosionen von Prominenten der Kategorie A, B, C-, die nicht von Presseperson aufgenommen wurden werden in Zeitungen veröffentlicht.
    http://www.bild.t-online.de/BTO/news/leser-reporter/artikel-aktuell/08/31/leser-reporter-ueberblick-zeitzeugen.html

    Wir nehmen täglich Trash zu uns.
    Das tut weh und ist sehr schade.

    Die These liegt nah, das sich nur noch mehr Trash von bisherigen Verdauten abheben kann.

  11. Hannah Hübsch / Sep 7 2006

    Stichwort Headlines, und dem gesagten:

    „Die Headline finde ich genauso übel wie eine andere in meiner kleinen Sammlung. Ein Artikel über Klausjürgen Wussow (schon ein paar Jahre alt), überschrieben mit „Neuigkeiten vom grauen Star.” – Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sowas ist Absicht (und glaub mir, bei einer Zeitung, wo die Überschriften fast nie von den Journalisten selber gemacht werden IST das Absicht) oder aber es mangelt an Feingefühl. Beides halt ich für bedenklich. (…) “

    Ich würde es gerne um „Castro wieder fidel“ http://www.stern.de/politik/ausland/:Kuba-Castro/569138.html
    ergänzen. Weiß aber nicht ob fehlendes Feingefühl oder Absicht die Ursache war.

  12. Christian / Sep 7 2006

    Ich glaube, man konzentriert sich auf die Dinge, die man selbst noch fassen kann.
    Wenn man über jeden Krieg schreiben wollte opder wenn man alles in Relation setzen und nach Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit abwägen wollte, gäbe es nur Kriegsartikel, nur Betroffenheitsblogs.

    Aber den Tod eines Menschen, den ich vom Samstags-RTL2-Programm kannte, den kann ich fix in ein Posting stecken.

    Wenn das dann plötzlich alle mit _einem_ Ereignis tun, dann ist es kein Problem dieses einen Ereignisses, sondern vielmehr ein totaler Focus darauf, dass es so viel gibt, was man ausblenden muss.

    Und auf einmal hat man einen Vergleichspunkt. Natürlich gibt es 284564 Dinge, die wichtiger und berichtenswerter sind. Wissen auch alle, die geschrieben haben, denke ich.

    Und durch die Macht, dass auf einmal alle etwas unwichtiges, aber fassbares schreiben, wird dieser Widerspruch und dieses „wir müssen alle ständig ausblenden“ plötzlich wieder mal so klar.
    Das finde ich bemerkenswert.

  13. xenon / Sep 7 2006

    ich finde ehrlich gesagt steve und die wendl bescheuert. wer so einen stuss macht und in der lindenstraße mitspielt ist bescheuert und noch bescheuerter sind für mich typen wie steve. so crazy kann man echt nur down-under sein. katastrophen interessieren mich schon lange nicht mehr. ich stehe nur noch auf platte nachrichten über irrelevate dinge wie z.b. wann der neue player von creative zu bekommen ist und wieviel er kostet. mfg Xe54

  14. Observer / Sep 7 2006

    „Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.“ – Josef Stalin

  15. Unbekannt / Sep 7 2006

    Dieser Post verwirrt mich, liebe Frau J.
    Ich denke, dass jemand der weltweit über 500 Millionen Zuschauer hatte und sein Tun in den Dienst des Artenschutzes gestellt hat, doch wohl kaum mit einer deutschen Seriendarstellerin/Bühnenschauspielerin auf gleicher Ebene steht. Wer verdient denn nun keine Headline, Mr. Irvin oder beide, also auch Frau Wendl? Und was brüskiert Sie eigentlich? Die Art der Schlagzeile oder die Priorität Irvins‘ Tod gegenüber anderen unschönen Meldungen aus aller Welt?

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich in Redaktionsbesprechungen mit dem Taschenrechner (nehmen wir die 47 Toten aus Bagdad oder doch die 50 Toten des Flugzeugabsturzes über der Ukraine?) darüber einig wird, was denn nun auf Seite Eins veröffentlicht wird. Vielmehr MUSS populären Personen – wiederhole: 500 Millionen Zuschauer! – in einem so spektakulären Fall Raum in den Medien eingeräumt werden. Die Verdienste dieses Mannes – ob man ihn nun mochte oder nicht – sind doch unbestritten.

    Aus dem Bauch heraus Schreiben ist ja ganz in Ordnung, aber vielleicht macht es manchmal Sinn, vorher den Kopf einzuschalten.

  16. Pia / Sep 7 2006

    Ich bin nicht brüskiert, dies vorne weg. Auch die Medienpräsenz zum Tod von Herrn Irwins irritiert mich nicht. Erstaunt hat mich lediglich der Hype unserer Gesellschaft, der plötzlich um diesen Herren ausgelöst wird (bezogen auf den oben verlinkten Spiegel-Artikel und das Zitat). Dieser wird IMHO nicht von den Medien ausgelöst, sondern von unserer Gesellschaft.

    „Der Tod diese Mannes interessiert die Menschen mehr, als Katastrophenmeldungen“ – so die Aussage.

    Es geht auch nicht speziell um diesen Mann. Er ist eben der, an dem die Tatsache des Hypes festzustellen ist. Der Mann, für den sich unsere Gesellschaft mehr interessiert, als für „alltägliche“ Schreckensmeldungen.

    Mein Kopf war durchaus eingeschaltet. Vielleicht haben sie einfach den Kern des Beitrages anders gedeutet.

  17. Tobias K. / Sep 7 2006

    @arne Vorsicht. Zumindest pauschal hast Du Unrecht, oder triffst ne ganze Menge Soldaten, Bombenentschärfer, Sicherheitsbeamte, Polizisten usw. mit

    @pia Der Tod des Partners oder von Vater/Mutter erschüttert auch mehr als die tausenden Toten in fremden Ländern. Wie Jankélévitch sagt „Der Untröstliche beweint den Unersetzbaren.“ – Das würd für meine Annahme sprechen, dass man zu manchen Berühmtheiten eine beinahe private (Einbahn-)Beziehung entwickelt.
    Und leider kriegen wir auch bei den Katastrophenmeldungen ja nur eine bestimmte Auswahl mit. Fragt sich nur – wer wählt da aus – und nach welchen Kriterien?

    @hannah Beim Stern halte ichs für Absicht.

    @christian Das mit dem „was man noch fassen kann“ find ich einen interessanten Ansatz. Ich werde mal ne Zeit drüber nachdenken. Danke dafür.

    Vergessen wir aber nicht, dass wir aktiv daran teilhaben. Wenn wir die Nachricht, die man uns vorsetzt so nicht annehmen, wenn wir die Zeitungen nicht kaufen, oder gar Beschwerdebriefe schrieben – dann müßte sich das ändern. Oder wir müßten konsequent bleiben. Warum nicht mal den Newsletter der bild-online als SPAM melden?

  18. marcc / Sep 7 2006

    Annemarie Wendl war über 90 Jahre alt. Da ist nicht mehr überraschend, wenn jemand stirbt.

    Steve Irwin posierte und spielte mit gefährlichen Tieren. Da ist nicht mehr überraschend, wenn jemand stirbt.

    Äh, Moment…

    Sehr gut, Pia!

  19. Marc / Sep 7 2006

    „Und noch einmal die Frage, was Steve Irwins hatte, was Annemarie Wendl nicht hatte?“

    Weltbekanntheit. Ihn kannte man nicht nur in Australien, Deutschland, den USA, England oder gar Luxemburg. Außerdme ist sein Tot nicht alltäglich passiert, wenn man dazu noch bedenkt, was er für Australien etc getan hat, bemerkenswert. Fand ich ehrlich gesagt auch interessanter, als den Tot einer alten Dame die viele nur durch die Lindenstraße kannten – was aber auch viele „jüngere“ nickt oft gucken.

    Und wenn man bedenkt, dass sich der Herr den Stachel auch noch selbst raus gezogen hat, bevor er eine Minute später verstorben ist, ist das .. naja, „interessanter“? Sozusagen, heutzutage.

  20. Hannah Hübsch / Sep 7 2006

    Zitat:
    (..) Vergessen wir aber nicht, dass wir aktiv daran teilhaben. Wenn wir die Nachricht, die man uns vorsetzt so nicht annehmen, wenn wir die Zeitungen nicht kaufen, oder gar Beschwerdebriefe schrieben. (…)

    Wenn wir aktiv daran teilhaben werden wir weiterhin auf den Input von Privatpersonen (Reportern per Handykamera) angewiesen sein, die Geschehnisse dokumentieren.
    Auf dieser Ebene gesehen unterscheidet sich doch auch ein Weblog nicht wirklich, der dazu ermutigt Bilder und Videos zu schicken (?!)

    Die Frage (die pauschal kaum beantwortet werden kann) scheint doch:
    Ist die Öffentlichkeit konditioniert und zeigt deshalb starkes Interesse an „unwichtigen“ ? Oder haben wir selbst Schuld weil wir bestimmte Inhalte anziehen und komplexe nicht mehr interessieren?

    Ich finde es einfach bedenklich das so viele Personen über Wochen und Monate hinweg Schlagzeilen machen können und Prominentenstatus erreichen-, ohne das am Ende einer sagen kann für welche große Leistung.

    Wir sind einfach verdammt kurzweilig.

  21. Miri / Sep 7 2006

    der tod eines anderen ist halt immer noch sehr interessant :(

  22. Jörg / Sep 7 2006

    Na ja, bei so einem Abtritt ist das Interesse doch kein Wunder…
    Wenn man es genau betrachtet, ist aber hier in D. so ausführlich hauptsächlich bei SPON berichtet worden. (und natürlich bei RTL… die haben halt die Serie gezeigt…)
    Wir lesen halt alle dieselbe (die beste…) Newsseite

  23. Meris / Sep 7 2006

    Wer wessen Tod betrauert ist immernoch Sache jedes Einzelnen. Dass es unmoralisch ist, sich mehr auf Steve’s Tod zu konzentrieren als auf die Opfer eines Krieges, ist in meinen Augen nur teilweise richtig. Für manche (ich gehöre dazu) war Steve ein toller Entertainer. Gut, er hat auch Fehler gemacht, aber er hat es geschafft, selbst kleine Kinder für Zoologie zu interessieren. Ich habe nämlich das Gefühl, diesen Steve Irwin besser gekannt zu haben als all die namenlosen Ofper eines unnötigen Krieges. Deshalb geht mir Steve’s Unfall deutlich mehr ans Herz als Kriege.

  24. marcc / Sep 7 2006

    @Marc: Aber Weltbekanntheit ist doch nur interessant für die mediale Verbreitung. Für mich hat das doch eigentlich keine Bedeutung?

    „Außerdem ist sein Tot nicht alltäglich passiert“
    Ja, doch, denn wilde Tiere erschrecken und anfassen war doch für ihn alltäglich.
    :-)

  25. Michael / Sep 8 2006

    Da das Stalin Zitat schon gefallen ist, brauch ich das ja nicht mehr zu erwähnen.

    Ich hab das mit dem Tierschützer nur am Rande mitbekommen; statt dessen habe ich mich gefragt, was der Rummel um Natascha Kampusch soll… Ja, es ist schlimm, dass sie entführt worden ist und noch schlimmer, dass sie 8 Jahre eingesperrt war, aber da jetzt so einen (Medien)Zirkus draus zu machen… Da gibt es weltpolitisch wichtigeres. Innenpolitisch genauso.

    Derjenige, der persönlich etwas mit einem Menschen verbindet, wird auch um ihn trauern, ohne dass sein Tod die Headlines in 36pt schmückt.

  26. Surrounder / Sep 8 2006

    Naja, was ist der Unterschied zwischen den beiden? Ich denke, in den Altersklassen, die Weblogs führen und schreiben, ist die Lindenstraße nicht sonderlich weit verbreitet. Das war mit Steve anders. Er wurde auf Premiere und RTL2 gezeigt, Sender, die eher die Jüngeren sehen. Der Bekanntsgrad war einfach anders. Wenn man sich bald die Ausgaben von BUNTE und NEUE REVUE ansieht, da wird wahrscheinlich eher auf Tante Else eingegangen.

    Beide Tode sind bedrückend, nur wäre es falsch, die Internet-Generation zu tadeln, dass der eine Tod mehr angesprochen wird als der andere. Wenn Eminem auf der Bühne umkippt, schlägt es bestimmt mehr Wellen, als wenn Roland Kaiser auf der Bühne ohnmächtig wird – wie vor ein paar Tagen berichtet. Das ist nun mal so!

    Gruss
    Surrounder

  27. Carsten / Sep 8 2006

    Mir fällt gerade kein passendes Wort ein. Evtl. ne Mischung aus Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Was genau willst du den Leuten vorwerfen? Dass sie nicht bei jedem Soldaten, der irgendwo erschossen wird, in Tränen ausbrechen? Wer soll das verkraften? Darf man keine mitteltragischen Nachrichten zur Kenntnis nehmen, solange es noch viel schlimmere gibt? Dann frage ich, wie du über Robbie Williams und Teddybären schreiben kannst, während in Afrika Kinder verhungern?

    Was an Steve Irwin bedeutender gewesen sein soll, als an Annemarie Wendl? Kommt auf den Standpunkt an. Für den Lindenstraßenfan vermutlich nichts. Anderen sind bestimmt beide Personen gleichermaßen egal. So ist das eben. Und es ist auch so, dass ein bekannter Name in den Todesanzeigen einen mehr schockt, als einer von 100 namenlosen Toten, die aus welchem Grund auch immer ums Leben kamen. Ich schätze mal, du würdest bei einem möglichen Tod von Robbie Williams auch mehr Gedanken machen, als wenn es beispielsweise Kofi Annan erwischen würde.

    Würde man sich über jeden Menschen dieser Welt gleichermaßen Gedanken machen, würde man sich ganz schnell in der Gummizelle wiederfinden. Ohne ein gewisses Maß an Ignoranz ist diese Welt nämlich unerträglich.

  28. chris / Sep 8 2006

    steve irwins tod ist deswegen bedeutend, weil man immer, wenn man ihn beim alligator-ärgern gesehen hat, dachte: „mensch, wenn der typ nicht mal von irgendeinem vieh gefressen wird“. direkt danach kam dann die erinnerung: „ach nee, is ja nur fernsehen“.

    jetzt hats ihn tatsächlich erwischt und alle welt kann sich an der gewissheit erfreuen, dass das fernsehen also doch manchmal die wahrheit zeigt. in gewisser weise war der gute mann somit ein märtyrer für die authentizität des mediums.

    außerdem mag ich tierfilme lieber als grantige omas.

  29. Hellspawn / Sep 8 2006

    Ganz simpel gesagt: die sog. ‚Nachrichtenfaktoren‘ beeinflussen das mediale Interesse an Ereignissen entscheidend.

    Und das ist bei Irvine einfach größer.

    Insofern sind die Gewichtungen der Berichterstattung meiner Meinung ganz normal und branchenüblich. Die Medien produzieren und der Rezipient folgt.
    Genauso gut hätten ja die Menschen mit einem „Na, und?“ zum Tagesgeschehen übergehen können…

  30. Julien / Sep 8 2006

    Es ist immer schlimm, wenn ein Mensch stirbt. Sei es nun wegen des Alters oder wegen eines Krieges. Nur wenn in den Nachrichten vom Krieg oder von Naturkatastrophen berichtet wird, werden nur Zahlen genannt (Bsp. es starben 54 Menschen wegen Hochwassers).
    Soll man um eine Zahl trauern? Denn viel mehr als eine Zahl ist es für mich nicht.
    Würden nun alle Opfer beim Namen genannt werden, wäre dies wieder etwas anderes.

    Das mag sich nun vielleicht kalt und gefühllos anhören, aber so ist bei mir einfach.

    „Wenn ein Mensch stirbt, ist das immer bedrückend. Aber ich frage mich, was an Steve Irwins bedeutender gewesen sein soll, als zum Beispiel an Annemarie Wendl?“

    Der unterschied ist das Annemarie Wendl nur in einer Serie mitgespielt hat und man sonst nicht viel von ihr wusste.
    Dagegen ist Weltbekannt, das Steve Irwins sich sehr für Tiere einsetze und versuchte jedem Menschen mit seiner Serie mehr Verständniss für Tiere zu vermitteln.

    Vielleicht war er auf sein weise verrückt, aber er kannte das Risiko und wusste das jeder Tag sein letzter sein könnte.
    Was Steve Irwins machte war im Grunde ja nicht gefährlicher als der eines normalen Arbeiters der bei einer Firma an einer Maschine steht.
    Irgendwann kann ein Unfall passieren und naja.

    Eine kleine Frage noch an eine oder mehrere Personen die hier die ja darauf rumhacken das es doch klar war, das er mal bei so etwas stirbt:
    „Steve Irwins fing Tiere und fütterte sie. Eines Tages passiert ein Unfall und er stirbt dabei.
    Ein Taxifahrer fährt täglich mit seinem Taxi und irgendwann stirbt er bei einer seiner Fahrten wegen eines Unfalls.“
    Muss man nun sagen: „War doch klar das er irgendwann ein Unfall mit seinem Taxi hat“???

    Dies könnte man noch weiterführen, aber ich denke das Bsp. mit dem Taxifahrer reicht.

  31. Hans Spiegl / Sep 9 2006

    liebe pia – wie üblich auf den punkt gebracht!

    alles ablenkung, schutz vor echter betroffenheit … „wir amüsieren uns zu tode!“

    hans

  32. Tobias K. / Sep 9 2006

    @hans spiegl „schutz vor echter betroffenheit “ – Die ist aber menschlich, davon bin ich überzeugt. Wir glauben nämlich durchaus, dass alle mal sterben müssen – nur wir selber nicht. Denn die logische Deduktion („Alles Gewordene muß vergehen also muß auch ich einmal sterben“) baut auf Einzelfällen auf – und man selber ist eben kein *Fall*. Wenn man das „zu Tode amüsieren“ weiterdenkt, müßte dann nicht irgendwann alles nur noch Ablenkung vom eigenen Tod sein? Aber Beziehungen (auch zu Medienmenschen) sind mehr als das, glaub ich.

  33. apollon / Sep 9 2006

    Wir haben uns definitiv überfressen. Vielleicht hat ja auch die eine oder andere Portion Gammelfleisch, die wir uns im Lauf der Jahre einverleibt haben, mit dazu beigetragen, dass wir wirklichem Mitgefühl und für Betroffenheit kaum noch zugänglich sind. Und ich glaube nicht, dass wir selbst daran Schuld sind – so nach dem Motto: Jede Gesellschaft kriegt die Presse, die sie verdient. Ich sehe das mehr anders herum. Die Medien füttern uns, wir schnappen danach und fühlen uns wohl dabei nicht einmal unwohl. Höchstens dann mal (kurzfristig), wenn solche Fragen aufgeworfen werden.

  34. Hannah Hübsch / Sep 13 2006

    Steve Irwins Anhänger trauern anders: Link

  35. Daniel J. / Sep 20 2006

    sehr sehr schade :(
    Letztens ne Doku gesehen über Skandal-Jäger … keine Gnade und keine Tabus davor was man alles nicht filmen darf – Hauptsache die Kasse stimmt.

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