Bis einer heult! • manchmal ist er ihr unheimlich
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26. Oktober 2006 | Pia Drießen

manchmal ist er ihr unheimlich

Wenn sie sich streiten, dann würde er ihr immer so unheimlich, erzählt sie mir verschüchtert, schaut unter sich und nestelt am Saum ihrer Bluse. Erst würde er lauter werden, so wie sie, bis man sich gegenseitig anbrüllt. Doch dann, ganz plötzlich, würde er sehr still und leise. Er zischt beim Sprechen und flüstert kaum hörbar seine Verwünschungen und ja, auch Beleidigungen, in ihre Richtung. Das sind dann die Momente, in denen er ihr unheimlich wird, sagt sie.

„Hast Du Angst vor ihm?“

Sie schüttelt energisch den Kopf und sieht mich ein klitzekleines Bisschen vorwurfsvoll an. Wie kann ich so was nur fragen?

Sie beteuert, dass er ein herzensguter Mensch ist, sie auf Händen trägt, ein Bär von einem Mann ist, ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Kurzum, sie zählt mir jede romantische Redewendung auf, die man schon mal gehört hat.

„Und wenn er Dir unheimlich ist? Was ist dann anders?“

Plötzlich wird sie wieder sehr still, ihre Finger schnellen erneut zum Saum ihrer Bluse und ihr Blick verschwindet unter de Tisch. Es dauert einen Moment, bis sie mir antwortet.

Sie sagt, er würde sich dann so verspannen – anspannen. Sein Körper würde zittern und sie könne die Spannung zwischen ihnen förmlich spüren. Und sie habe dann das Gefühl, als müsse er sich entladen und eben diese Vorstellung wäre ihr unheimlich. Wahrscheinlich hätte ich sogar Recht. Dann hätte sie Angst vor ihm.

„Hörst Du mir noch zu?“, fragt sie mich plötzlich und ich schrecke aus meinen Erinnerungen auf.

Ich nicke, die Schatten der Vergangenheit noch nicht wirklich abgeschüttelt und versuche sie aufmunternd anzulächeln.

„Liebst Du ihn?“

Ihr Blick ist unsicher, so als wüsste sie nicht mit Sicherheit, wie sich Liebe anfühlt. Dann schüttelt sie ganz langsam den Kopf. Ihr Blick ist verschwommen und ihre Lippen zittern leicht. Sie ist überwältigt. Überwältigt von der Einsicht, vor ihrem Partner Angst zu haben; Von der Einsicht, ihn durchaus lieb zu haben, aber nicht zu lieben.

Ich beobachte sie einen Augenblick von der Seite, sehe, wie sie ihre Tränen nieder kämpft und mich bemüht gefasst ansieht.

„Was mache ich jetzt?“

Ich hole tief Luft, lächle sie aufmunternd an und antworte ihr bestimmt, dass sie einen sauberen Schnitt machen muss. Sie muss offen und ehrlich mit ihm sprechen, ihn zu verstehen geben, dass sie ihn mag, sehr mag, aber nicht ausreichend liebt. Vielleicht sollte sie ihm auch sagen, dass sie dann und wann vor ihm Angst hatte, damit er in Zukunft darauf achten kann.

Ich sehe an ihren Augen, dass sie davor Angst hat, aber ich kann ihr versichern, dass dies der richtige Weg ist.

„Ich war mal in einer ähnlichen Situation. Ich bin ohne ein Wort gegangen, aus Angst vor der Reaktion. Die Reaktion kam trotzdem und das dreimal schlimmer, als ich zu Träumen gewagt hatte. Und dabei habe ich mal gedacht, er könne keiner Fliege was zu leide tun. Das haben alle gedacht. Und die, die das heute noch glauben, denen wünsche ich, dass sie ihn niemals so reizen, wie ich es anscheinend tat, als ich ging.“

Ich antworte ihr nicht auf die Frage, was damals geschah. Ich habe damit abgeschlossen. Ich habe damals seine Entschuldigung angenommen, in einer sternklaren und eiskalten Nacht.

Ich erinnere mich, wie ich auf der Polizeiwache sitze, mir die Anzeige des Augenzeugen vorlesen lasse, welche ich selber nicht stellen wollte, und nicke. Immer wieder. Ich habe mich unter Kontrolle, weine nicht mehr. Der Polizist tippt mit den Zeigefingern ein Befragungsprotokoll zusammen. Ich stehe auf, beuge mich über das Schreiben lese es kurz und unterzeichne.

„Und Sie wollen wirklich keine Anzeige erstatten?“

Ich schüttle den Kopf. Nein, will ich nicht, wollte ich nie. Ich wollte doch nur meine Ruhe, meinen Frieden und einen sauberen Schnitt.

Ich sehe in ihre strahlend blauen Augen. Sie soll es richtig machen. Nicht so, wie ich, die feige und ängstlich einfach davon geschlichen ist. Sie soll ihm entgegen treten, ihm nett, aber bestimmt zu verstehen geben, dass es aus ist und gehen.

Sie soll ihm in fünf Jahren auf der Straße begegnen können, lachend winken und rufen: „Wie geht´s dir? Lang nichts mehr von einander gehört!“

[Aus der Kategorie: was aus dem Ideen-Ei wurde.]

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. AnKa / Okt 26 2006

    Ich muss ja gestehen, dass ich nicht sehr angetan von deinem Idee-Ei war.

    Aber die Geschichte ist super authentisch wiedergegeben und toll geschrieben! Sie regt zum Nachdenken an und man wünscht beiden Personen, dass sie in Zukunft nicht mehr in solche Situationen geraten.

  2. Littleandy / Okt 26 2006

    Ich bin recht froh darüber, dass meine letzte Beziehung nicht so auseinandergegangen ist, sondern die Trennung fast einvernehmlich beschlossen wurde. So kann ich mich tatsächlich noch nett mit meiner Ex unterhalten, und niemand muss die Straßenseite wechseln, nur weil der jeweils andere entgegen kommt…

  3. Jenny / Okt 26 2006

    Sehr schön geschrieben.

  4. Aexel / Okt 26 2006

    Mal wieder klasse geschrieben.
    Die Gefühle der Personen kommen einwandfrei wieder.

  5. crosa / Okt 26 2006

    Wow. Fühlte mich als wäre ich dabei gewesen, nicht nur als hätte ich es gelesen.

  6. Pia / Okt 26 2006

    Freut mich, wenn Euch die Geschichte „real“ vorkommt, was sie durchaus auch ist. Das Schreiben fiel mir hier allerdings auch sehr leicht.

  7. Mann² / Okt 26 2006

    warum dauert es eigentlich immer solange, bevor man sich wieder anschauen und lächeln kann?

  8. Tobias K. / Okt 27 2006

    Sich anschauen und lächeln? Obwohl es ohne physische Gewalt vor sich ging glaub ich da in meinem Fall nicht dran. Und wenn, dann ists gelogen.

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