Bis einer heult! • Manchmal halt.
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28. Dezember 2006 | Pia Drießen

Manchmal halt.

In Gedanken versunken strich sie über den Einband des Buches, welches ihr der nette ältere Herr gerade gereicht hatte. Ein schönes Buch, stellte sie stumm fest, ohne auch nur eine Seite gelesen zu haben. Allein der Einband bestach durch Schönheit.
Sie kauerte sich auf den Boden vor dem großen Bücherregal, welches endlos in die Höhe zu ragen schien und strich erneut über den Deckel. Dann öffnete sie es langsam, las die ersten Zeilen.

Für Pia – die immer alles richtig machen will.

Leise und zischend sog sie Luft in ihre Lungen, schüttelte lächelnd den Kopf und blätterte die Seite um.

Sie blätterte die Seite um und erstarrte. Ihr Blick glitt hektisch über die ersten Zeilen, die ihr genau das verrieten, was sie in diesem Moment tat. Ein, zweimal zwinkerte sie kurz, um sich bewusst zu werden, dass sie dies hier gerade nicht träumte. Dann las sie die ersten Sätze noch einmal, bis sie erneut an dieser Stelle angelangte. Sie wollte begreifen, verstehen und das richtige tun. So wie sie es immer wollte. Doch sie musste erkennen, dass ihr auch dieses Buch nicht verraten würde, was das richtige war.
Was hätte sie wohl getan, wenn sie es erfahren hätte? Aus diesem Buch, diesen Zeilen, diesen Wörtern? Hätte die Suche dann wirklich ein Ende gehabt? Wäre der nächste Schritt nicht gewesen, sich zu fragen, warum es so war? Wäre der nächste Schritt nicht wieder eine Suche gewesen? Sie wusste es nicht.
Die Zeichen tanzten vor ihren Augen, bildeten die Sonne, den Mond, die Sterne. Schäfchenwolken, über die sie so gerne und lange schrieb. Schäfchenwolken, die in ihren Augen symbolisierten, was den Menschen ausmacht. Das bitterliche und schmerzhafte Weinen. Die Tränen, die jedem im Leben einmal brennend über das Gesicht streichen. Die hysterischen und gelösten Lachanfälle, die jedem im Leben einmal Bauchschmerzen bescheren.
Woher kamen die Worte, mit denen sie ihre Geschichten schrieb? Die Worte, die Gefühle in Silben packte und sie dennoch so lebendig machen konnte, dass sie diese selbst beim Schreiben empfinden konnte.
Noch einmal seufzte sie schwer, strich sich mit einer Hand eine Haarsträhne hinter die Ohren und ließ sie anschließen über ihre Augen fahren.
Es gab keine Antwort. Es würde nie eine geben.
Dieser Drang, dieser unbändige und nicht stillbare Wunsch zu schreiben war ihr eben gegeben. Ob es gut oder schlecht war, war dabei unwichtig. Und eben dies erkannte sie in dieser Sekunde, in diesem Moment, in dem ihr die Zeilen dies verrieten.
Zögerlich schloss sie das Buch wieder …

Leise lachend strich sie ein letztes Mal über den Buchrücken, bevor sie sich vom Boden erhob. Der alte weißhaarige Mann stand lächelnd neben ihr und streckte die Hand nach dem Buch aus. Sie legte es zurück in seine Hände und seufzte erneut.

„Hast Du deine Antwort gefunden?“
„Ja und nein. Die Antwort ist wohl, dass es keine gibt.“

Der Mann nickte, schob das Buch wieder in die Reihe anderer Bücher, die unter dem Buchstaben P abgelegt waren und deutete ihr, ihm zu folgen.
Am Ausgang angelangt warf sie noch einen wehmütigen Blick zurück, verharrte kurz und schien darüber nachzudenken, ob sie noch eine letzte Frage riskieren konnte.

„Frag nur.“
„Wenn dieses Buch mein Leben beinhaltet. Wenn dieses Buch heute schon weiß, was ich morgen tun werde. Wieso kann es mir dann keine genaueren Antworten geben?“
„Weil auch das Buch nicht weiß, wie du in einer Minute denken und handeln wirst. Oder Morgen. Oder in einem Jahr. Weil es im Leben kein Falsch und kein Richtig gibt. Nur unterschiedliche Blickwinkel.“

Sie nickte schwach und sah abwesend vor sich auf den Boden. Kein Richtig. Kein Falsch. Nur Blickwinkel.
Lächelnd sah sie schließlich wieder auf.

„Werde ich es irgendwann ganz lesen können?“
„Erst, wenn Dein Leben geendet hat. Aber dann wirst du es nicht mehr brauchen. Dann kennst du jede Seite deines Buches auswendig, kannst deine Geschichte selber erzählen. Bis dahin solltest du tun, was du ohnehin tun würdest. Schreibe all das auf, was du mit anderen teilen möchtest. Lass sie teilhaben, an deiner Geschichte, an deinem Leben. Zeig ihnen ein paar Seiten aus deinem Buch.“

Als er die Tür aufstieß empfing sie ein eisiger Wind und schützend zog sie ihren Schal enger um ihren Hals.

„Die Menschen haben das Gespür für Gefühle verloren. Echte Gefühle.“, flüsterte sie leise vor sich in den Wind, sah noch einmal über die Schulter und grinste dem alten weißhaarigen Mann zu.

„Dann solltest du ihnen dieses Gespür versuchen wieder zu geben.“
„Ja, das sollte ich wohl.“

Die Tür schloss sich hinter ihr. Den ersten Schritt tat sie noch zögerlich, dann rannte sie los, haltlos. Um endlich wieder schreiben zu können. Um endlich ein Stück aus ihrem Buch, ihrem Leben erzählen zu können. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der sie laut auflachen ließ.

„Fräulein Pias Gespür für Gefühle …“

Manchmal halt.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    

22 Kommentare

  1. Lisa / Dez 28 2006

    Genau so!

  2. träumi / Dez 28 2006

    *Dir ein warmherziges Lächeln schenk*

  3. Helge / Dez 28 2006

    Super Geschichte! Ein echtes Fundstück! Ganz eigene? Dann besonders bewundernswert!
    Danke – gleich ans Schreiben! (auf beide bezogen)

  4. Adben / Dez 28 2006

    Respekt… Wundervoll geschrieben.

  5. Holg / Dez 28 2006

    ganz große Literatur in einem kleinen Text.
    ich zieh mich wieder zurück um darüber zu meditieren (und ein wenig gerührt zu sein!).

  6. TromPeter / Dez 28 2006

    Der Schatten des Windes.
    von Carlos Ruiz Zafon
    EUR 9,90
    Wird dir gefallen. Frau Pia ;-)

  7. marcc / Dez 28 2006

    Hehe, ich wollte ja schon anregen aus „Daily Pia“ ein „Weekly Pia“ zu machen. Aber Pia war schneller. Jetzt nur noch die URL anpassen…

  8. blaustrophobiker / Dez 28 2006

    Wunderschön geschrieben, Frau Pia. Vor Allem so wahr…

    @marcc: „manchmal-pia.de“ sieht aber nicht unbedingt schön aus.

  9. Marc / Dez 28 2006

    sometimes-me; sometimes-pia; weekly-pia .. is doch toll^^

  10. lemondres / Dez 28 2006

    sehr schön wenn ich mal groß bin, will ich auch so schöne texte schreiben.

  11. Bernardo / Dez 28 2006

    „Nur Blickwinkel“?

    Das erinnert mich irgendwie an Star Wars – Die Rückkehr der Jedi-Ritter…und den Dialog von Obi Wans Geist und Luke Skywalker:

    „Aber du hast mir nicht die Wahrheit gesagt! Du hast gesagt, mein Vater wäre tot!!“

    „…aber ich habe dir die Wahrheit gesagt…von einem gewissen Standpunkt aus…“

    …leicht inspiriert? Oder nur Zufall? :)

  12. Mascha / Dez 30 2006

    Mir geisterte zum schluss das Lied „unwritten“ von Natasha Bedingfield im Kopf rum…
    hör mal rein! http://www.youtube.com/watch?v=5ONrMhrn_P0
    übrigens tolles Video!

    „Feel the rain on your skin, no one else can feel it for you[…]no one else can speak the words on your lips[…] today is when your book begins, the rest is still unwritten“

    Wie wahr wie wahr!

    Tolle geschichte, übrigens!

  13. Sascha / Dez 31 2006

    Schön… Sollte ich doch wieder mit dem Schreiben beginnen?

  14. Guido / Jan 2 2007

    @Pia, … dann kann das Jahr ja beginnen … sehr, sehr schön geschrieben! Weiter so!

  15. Kathinchen / Jan 2 2007

    Frau Pia, Sie dürfen um Himmels Willen niemals aufhören zu schreiben! Ein schönes neues Jaht wünsche ich noch…

  16. Andreas / Jan 3 2007

    Liebe Frau Pia, ich darf mich den Wünschen / Bitten / Flehen meiner Vorredner nur anschließen: bitte machen SIE weiter! ;-)

  17. Peer / Jan 4 2007

    Wann kommt das Hörbuch öhm bzw. die Podcast zur Geschichte ?

  18. manjol / Jan 5 2007

    ist ja ganz nett, aber leider geklaut

    michael ende unendliche geschichte.

  19. Pia / Jan 5 2007

    Ja? Dann zeigen Sie mir mal die Stelle, wo dieser Text steht.

    Aber dennoch danke für den Schups in die richtige Richtung. Ihr Kommentar zeigt mir, dass mich an diesem Blogdings echt gar nichts mehr reizt. Zuviele Wichtigtuer und Mitredenwoller.

  20. Tobias K. / Jan 5 2007

    najaaaa. Die Grundidee hat dassn auch der oben bereits erwähnte Herr Zafon bei Ende geklaut (Wobei ich ernsthaft bezweifel, dass der den gelesen hat.) Aber ich vermute viel eher, dass das alles: Weisheit, Bücher, Lebenssituationen, die Suche nach dem „wahren Willen“ (Jawohl, das was auf Auryn steht. Zufällig hab ich nen Brief von Michael Ende gelesen, in dem er erklärt, wo ER das alles ‚geklaut‘ hat…)… das sind nicht ohne Grund so große Themen, die immer wieder Menschen berühren… Genau darum, weil sie von Bedeutung sind.

    Betrachtet man die Wletliteratur mit dieser „geklaut-suchen-konsequenz“ – dann bleibt nicht viel über. In der Bibel kann man dann schon die ersten Striche machen…

    @pia Deine Haltung ist wahrscheinlich die einzig richtige. Und ich habe nun wirklich keinen Grund Dir zu sagen, dass ich Dich hier unbedingt weiterlesen will (nicht falsch verstehen *lächel* Wenn ich hier kryptisch klingen sollte, dann unabsichtlich) – aber zu verschwinden weil die Menschen hier zu viele komische Kommentare ablassen… das wär zu schade. Ich würd irgendwie schon die (vor allem die kürzeren, – ich weiß, das sagt der richtige) Texte vermissen. – Und kenne bisher erst ein einziges Blog, dass konsequent die Kommentarfunktion einfach abgestellt hat. Und Deine Texte sind es wert gelesen zu werden. Ich verstehe allerdings sehr gut, wenn Du meinst, dass das hier nicht die richtige Plattform ist. Aber neben den sichtbaren Mitredenwollern und Wichtigtuern gibt es eben auch noch die schweigenden Leser, die es sicherlich jammerschade fänden…

  21. Sven / Jan 5 2007

    Das finde ich auch echt das letzte…
    Noch nicht einfach die Stelle angeben aber jemanden des Diebstahls bezichtigen… :-S

    @Pia: Lass dich von solchen Wichtigtuern nicht von deiner Linie abbringen, ich finde die Geschichte wundervoll. Mach weiter so!!

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