Bis einer heult! • "Kennt ihr den ... ?"
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21. März 2007 | Pia Drießen

„Kennt ihr den … ?“

Wahrscheinlich hat es ihn Überwindung gekostet. Er stand bereits vier Minuten im Gang mit den Brot- und Backwaren, drehte das gute alte Paderborner immer wieder zwischen seinen Fingern hin und her, griff nach einem anderen Paderborner und beäugte es aufmerksam. Ab und zu riss sein Blick aus, richtete sich auf das junge Paar, welches zwischen Weißmehltoasts und Vollkorntoasts in eine lachende Diskussion verfallen war. Er schmunzelte, als Beide laut lachten. Mit einem Auge erkannte er, dass der männliche Part des Paares schließlich einfach beide Toasts in den Korb legte und sich auf den Weg zu seiner Partnerin machte, die vor lauter Lachen aus dem Gang gestolpert war und sich nun zwischen Nutella-Gläsern und Erdbeer-Vanille-Marmelade versteckt hielt. Die Leute guckten ja schon.

Es dauert nicht mal einen Augenschlag, da trat das Paar erneut in den Gang mit den Brotregalen, immer noch über das Pro und Contra von Weißmehltoast lachend. Sie entschieden sich schließlich dafür, beide Brotsorten zu nehmen. Jetzt aber wirklich.

Das war der Augenblick, in dem er wohl seinen ganzen Mut zusammen nahm, neben sie trat und lächelte. Er versuchte freundlich zu wirken, nicht zu aufdringlich, aber auch nicht zu verschüchtert.

„Kennt ihr das mit dem Joggingbrot?“ Das Paar sah ihn mit großen Augen an. Offensichtlich verstanden sie überhaupt nicht, worauf er hinaus wollte. Zögerlich richtete er seinen Finger auf den Weißmehltoast in ihrem Korb und erntete nun doch endlich ein Nicken der jungen Frau. Er grinste schief, weil er sich seines Witzes und der Pointe plötzlich nicht mehr so sicher war.

„Wenn man das isst, muss man danach ganz schnell zum Arzt rennen.“

Nein, sie lachten nicht wirklich. Es war mehr ein unbeholfenes Höflichkeitslachen, welches sie ihm knapp schenkten, bevor die in das nächste Regal abtauchten.
Ihn hatte es wahrlich viel Mut und Überwindung gekostet, das fremde Paar anzusprechen. Er war ja sonst nicht der Typ, der auf Fremd zuging. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass das ja ganz gut geklappt hatte. Immerhin hatten sie gelacht. Ein Wenig.

An der Nebenkasse erspähte er sie schließlich erneut, als er dabei war, seinen eigenen Einkauf zu verstauen. Unauffällig versuchte er ihren Blick aufzufangen, damit man irgendwie noch mal kurz ins Gespräch kam. Er kannte hier ja niemanden, weil er erst wegen einer Frau hierher gezogen war, die ihn schließlich, vor knapp drei Wochen, hatte sitzen lassen. Irgendwie musste man ja neue Kontakte knüpfen, wenn man nicht vor Einsamkeit eingehen wollte. Und die Beiden, die schienen nett, lustig, aufgeschlossen.

Als sie schließlich mit ihren Einkauftüten an ihm vorbei traten, sprach er den Mann von der Seite an. „Soll ich Euch noch einen Witz erzählen?“ Doch die Beiden reagierten nicht. Wahrscheinlich hatten sie ihn nicht gehört, weil sie mit ihren schweren Tüten zu kämpfen hatten. Mit schnellem Schritt gingen sie auf die Bäckertheke zu und bestellten ein Baguette. ‚Weißbrot‘, hallte es in seinem Kopf und er grinste stumm vor sich, während er, vor dem Brett mit den Kleinanzeigen wartend, sich bemühte, beschäftigt zu wirken. Wenn sie an ihm vorbei gingen, würde er seine Chance nutzen.

Noch während er sich innerlich für seinen Plan lobte und erneut all seinen Mut sammelte, sah er aus den Augenwinkeln, wie das Paar an ihm vorbei und aus dem Supermarkt huschte. Ihr Schritt war dabei schnell, eilig, so als hätten sie noch einen Termin. Er seufzte leise, ließ kurz den Kopf hängen und schob dann seinen Einkaufwagen in Richtung Tiefgarage.

Das mit dem Kontakte knüpfen, das hatte er sich wahrlich leichter vorgestellt. Aber immerhin war das hier ein erster Schritt. Über den Zweiten würde er sich heute Abend Gedanken machen. Bei einer 5-Minuten-Terrine und einer Flasche Bier. Hoffentlich kam später etwas Gutes im Fernsehen.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Sonnenanne / Mrz 22 2007

    Ich kenne den, ich kenne mich und Neuanfänge sind verdammt schwer. Schöner Text.

  2. Katja / Mrz 22 2007

    Ich weiß nicht warum hier noch kein Kommentar steht, vielleicht traut sich keiner, oder was auch immer.
    Auf jeden Fall ist diese Geschichte sowas von aus dem Leben gegriffen und einfach berührend. Jeder von uns war vermutlich schon in beiden Situationen und kann beides nachvollziehen. Und fühlt sich durch diesen Text vielleicht ein bißchen „erwischt“…

  3. Pia / Mrz 22 2007

    Und diese Geschichte erzählt eine Geschichte, die mir Schuldgefühle beschwerte, nachdem ich sie erzählt hatte.

    Verwirrend.

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