Bis einer heult! • Der Herr Polizist
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27. Juni 2007 | Pia Drießen

Der Herr Polizist

Der Curser zappelt auf dem weißen, aber nicht realen Papier herum. Irgendwie macht er mich nervös, so als würde er personifiziert um mich herum springen und immer rufen: „Schreib, los, schreib schon.“

Ich starre ihn eine Weile teilnahmslos an, so als würde ich ihn nicht hören oder nicht verstehen. Mein Kopf ist so voll, das es schwer fällt nur einem Gedanken zu folgen, nur eine Geschichte zu bloggen, nur eine Emotion zu umschreiben. Kurz vor dem Nervenknotenpunkt, an dem der Gedanke sich auf den Weg zu meinen Fingern macht, scheint irgendein kleiner Polizist zu wachen. Ob es ein Moral-, ein Harmonie- oder vielleicht sogar ein Angstpolizist ist, kann ich nicht wirklich sagen. Er hat sich bei mir ja nicht vorgestellt. Jedenfalls steht er da, an dem Nervenknotenpunkt, reckt die rechte Hand in die Luft und schüttelt mit bestimmendem Gesichtausdruck den Kopf. „Nein, mein lieber Herr Gedanke, Du kommst hier nicht raus. Zieh ruhig noch ein paar Bahnen und stell dich wieder hinten an. – Ah, Frau Gedanke, sie aber auch nicht. Sie stellen sich bitte da drüben an, beim Weg zum Mund, und mein Kollege lässt sie dann zur richtigen Zeit durch.“

So steht er da und versorgt einen Gedanken nach dem anderen mit einer Abfuhr. Manchmal geben die Gedanken dann auf und er steht mit verschränkten Armen vor seinem Nervenknotenpunkt, schaut zufrieden drein und grinst wissend. In unbeobachteten Momenten blättert er versteckt vor den Augen der anstehenden, wartenden oder gelangweilten Gedanken in einer Liste mit aktuellen Abfuhrgründen.

Am liebsten würde ich ihm diese dämliche Liste aus der Hand reißen, in tausend Fetzen zerpflücken und ihm diese dann höhnisch lachend vor die Füße werfen. Doch allein bei dem Gedanken daran sieht er zu mir auf, beziehungsweise zu genau diesem Gedanken, der gerade vor ihm steht. Er schüttelt mahnend den Kopf und wackelt mit dem Zeigefinger. Dann grinst er frech: „Sie sind aber ein unartiger Gedanke.“ Dann deutete er dem Gedanken mit einem Kopfnicken, dass er passieren darf. Leise, schnell und unauffällig. Er sieht ihm noch eine Weile schmunzelnd hinterher, klopft dann an die Großhirnrinde und flüstert: „Wenn Du nicht soviel denken und dafür mehr handeln würdest, könnt ich auch mal Pause machen.“

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. loosy / Jun 27 2007

    Ein wundertolles Bild! Hoffe er gönnt sich demnächst mal ne Mittagspause ;)

  2. Saskia / Jun 27 2007

    Liebe Pia, dann schick doch mal eine Armada junger wilder Blitzidee-Demonstranten hinter die Großhirnblockade. Anarchie im geregelten Synapsenverkehr wird sicher Deine Gedanken aufmischen! Funktioniert bei mir auch hervorragend…

  3. Franziska / Jun 27 2007

    Sehr schoen geschrieben! Ich kenne solche Situationen…. Aber so ein Bild ist mir dazu noch nicht eingefallen.

  4. Mascha / Jun 27 2007

    Wie süß. Ich denke dabei gerade an „Es war einmal… das Leben“ diese lustigen Zeichentrickfilme mit den Blutkörperchen usw.

    Aber, was will uns der Autor damit sagen? Vielleicht, dass es was interessantes zu erzählen gibt, was aber vielleicht nicht für „die breite Masse“ bestimmt ist?

  5. norbert / Jun 28 2007

    Ah, Neuronenstau. Wird bei mir nach dem Urlaub meist durch den Kulturschock rückwärts (aka „Willkommen im Alltag“) ausgelöst ;)

  6. Kagome / Jun 28 2007

    Es ist unglaublich zu lesen, wie du solche gefühlten Momente so treffend beschreiben kannst. Faszinierend.

  7. Pia / Jun 28 2007

    Vielen Dank :)

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