Bis einer heult! • 60 Minuten später
Skip to content
1. August 2007 | Pia Drießen

60 Minuten später

Sie drückt auf einen Punkt, den nur Physiotherapeuten drücken können. Sie wissen schon. Diese eine kleine Stelle, die einen höllischen Schmerz von der kürzesten Haarspitze bis hin zum Dreck unter den Fußnägeln, den ich mir selbstredend jeden Morgen beim Duschen wegschrubbe, verursacht. Ich kneife die Augen zusammen, zähle leise bis zehn und sehe sie dann wieder an. Ihre Geschichte ist spannend und zeitgleich befremdlich. Ich bin eine Fremde, wir sehen uns heut zum zweiten Mal. Und dennoch kann ich nicht anders, als auf die Aufforderung, ruhig zu sagen, wenn sie mich nerven würde, wild mit dem Kopf zu schütteln. „Nein, nein, erzählen sie ruhig weiter.“

Zehn Jahre ist sie mit ihrem Mann zusammen und vor zehn Monaten haben sie geheiratet. Vor vier Monaten – auf der Hochzeitsreise – fand sie heraus, dass er eine Affäre hat. Vor drei Monaten zog er aus und noch letzte Woche hat er ihr gesagt, dass er sie lieben würde, sich aber nicht entscheiden könne.

Sie spricht mit neutralem Tonfall, während sie an meinen Beinen zieht und meine Hüfte von links nach rechts rollt.

Sie habe ihm schließlich eine offene Ehe vorgeschlagen, weil sie ihn lieben würde. Weil sie selber ja auch Fehler gemacht hat und weil sie selber auch nicht immer treu war, das müsse sie zugeben. Jetzt gerade sei er geschäftlich in einem anderen Land. In einem Land, in dem SIE just in diesem Moment Urlaub macht. An Zufälle glaubt sie nicht mehr, aber sie hat noch Hoffnung, dass alles gut wird. Dass er zu ihr zurück kommt.

Eine Stunde, dauert die dreißig minütige Sitzung. Zum Schluss grinst sie, aber mit einem müden und erschöpften Blick. „Ich habe mir ein Wellness-Wochenende gegönnt, um mal abzuschalten. Für die Tonne. Ein Einzelzimmer, EIN Bademantel, alleine Essen … zum Schluss habe ich den ganzen Sonntag über wie ein Schlosshund geheult.“

Sie tut mir leid und gleichzeitig bewundere ich sie für ihre Stärke. Sie winkt mir nach und ich verlasse völlig geknickt die Praxis. Ich fühle mich, als hätte sie all ihre Sorgen und Probleme in mich rein geknetet und gedrückt. Aber es ist okay. Zu hause warten der weltbeste Mann und die weltbesten Fellmonster. Ich drücke alle drei und lass mich dann seufzend aufs Sofa sinken.

Print Friendly
Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Blabbermouth / Aug 1 2007

    Ohje – sowas am frühen Morgen. Hoffen wir drauf, dass es da draussen noch ehrliche Menschen gibt und dass das nicht jeden von uns so erwischt… Damn, das is‘ aber auch mal ne harte Nummer!!!

  2. ritman / Aug 1 2007

    Untreue ist eines der heftigsten Dinge die es gibt..

  3. Tine / Aug 1 2007

    Fragt sich nur, warum er dann noch heiraten wollte. Ich finde, es gibt Schritt die sollte man dann einfach nicht mehr gehen. Heiraten, oder Kinder kriegen, während man eine Affäre hat – zum Beispiel.

  4. Pia / Aug 2 2007

    Laut eigener Aussage, hat er seine Affäre erst nach der Heirat kennen gelernt.

Leave a Comment