Bis einer heult! • 'Happy Birthday' oder auch 'Emotionen zu Worten'
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28. September 2007 | Pia Drießen

‚Happy Birthday‘ oder auch ‚Emotionen zu Worten‘

Heute wird jemand zwanzig Jahre alt. Jemand, der mir in der Zeit, in der ich an B:SEITE schrieb, eine große Hilfe war, eine tolle Gesprächspartnerin und eine gnadenlose Kritikerin. Vor einem Jahr war ich mir sicher, mit dieser Altersgruppe nicht mehr viel gemein zu haben. Ich habe mich geirrt. Ich habe vergessen, wie ich selber in diesem Alter war. Albern, unbeschwert und sicher auch einen Tick respektlos. Aber ebenso konnte ich sehr ernsthaft sein, habe lange, nervenaufreibende Diskussionen über Leben und Tod, Liebe und Hass, Nähe und Entfremdung geführt. Ich war damals schon sehr nachdenklich. Sie hat mich daran erinnert. Daran und dass es arrogant und überheblich ist, wenn man junge Menschen weniger ernst nimmt, weil sie halt noch nicht mit beiden Beinen im Leben stehen. Weil sie halt erst auf dem Weg dahin sind.

Dafür möchte ich Ihr heute, an Ihrem 20. Geburtstag, danken. Und ich möchte einen Text von Ihr veröffentlichen, den Sie geschrieben hat, um ein eigenes Erlebnis zu verarbeiten. Er ist stilistisch nicht perfekt, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass Sie Ihre Emotionen in Buchstaben, Worte und Sätze gepackt hat. Und dass diese Emotionen zumindest bei mir ankommen, wenn ich diesen Text lese. Es geht um die Wirkung, nicht um Wortwiederholungen, falsche Zeiten oder zu viele Adjektive. Ich veröffentliche diesen Text, weil er mich berührt hat und ich bitte darum, respektvoll mit den Gefühlen, die in jeder Zeile stecken, umzugehen.

Happy Birthday!

Mein Freund Leon

Schon seit ich denken kann, war er da. Mein ganzes Leben lang. Ich kann mir keinen wichtigen Moment in meinem Leben vorstellen, an dem er nicht beteiligt war. Wir haben alles zusammen gemacht. Sechzehn Jahre lang habe ich ihn immer um mich gehabt, war er immer da. Ich fühle mich wohl in seiner Umgebung, bin gerne mit ihm zusammen. Beruht das auf Gegenseitigkeit? Zumindest bilde ich es mir ein. Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann war da schon immer mehr von meiner Seite aus, als von ihm kam. Irgendwie tut es weh. Vor allem in letzter Zeit immer mehr.

Die letzte Zeit.. damit meine ich die letzten zwei Monate.. acht Wochen… 56 Tage… oder 1344 Stunden, wie auch immer. Seit diesem einen Tag vor zwei Monaten hat sich alles verändert. Bei ihm, Leon, und bei mir, Fee.. bei uns, Leon und Fee.
Wir beide sind kein Paar. Wir sind Freunde. Freunde seit sechzehn Jahren. Wir sind mittlerweile achtzehn. Ich sage immer, ich kenne ihn mein ganzes Leben, denn so fühlt es sich an. Auch er sagt, dass er mich sein ganzes Leben lang kenne und dass er es besser als jeder andere tue. Ich glaube, er ist stolz darauf, weil er es immer mit einem Lächeln auf den Lippen sagt und mir damit zeigt, dass er stolz darauf ist. Ich bin stolz darauf. Stolz, dass ich jemanden über so viele Jahre um mich habe und stolz, dass derjenige es mit mir ausgehalten hat.

Wenn ich versuche, mich an den Tag vor sechzehn Jahren zu erinnern, an den Tag als wir uns das erste Mal getroffen habe, dann kann ich das genau genommen nicht. Das alles liegt schon so weit zurück und ist so lange her, dass ich wie gesagt, nur noch Erinnerungen an die schönen Erlebnisse mit ihm habe. Wenn ich über schöne Erlebnisse spreche, dann meine ich damit so was wie gemeinsam in den Kindergarten gehen, gemeinsam das Seepferdchen machen, gemeinsam eingeschult werden, gemeinsam das Gymnasium besuchen, gemeinsam die erste Zigarette zu rauchen, den ersten Alkoholabsturz zu haben, sich gemeinsam konfirmieren zu lassen, gemeinsam den Führerschein zu machen und gemeinsam das Abitur zu bestehen. Letzteres sollten wir nicht gemeinsam erleben.
All diese Dinge, die ich eben aufgezählt habe, scheinen für einige nichts besonderes zu sein, aber für mich sind sie sehr wichtig. Ich hoffe, diese Momente nie zu vergessen, denn sie erinnern mich an einen Menschen, den es so heute nicht mehr gibt. Einen wichtigen und liebenswerten Menschen. Sie erinnern mich an meinen Freund Leon.

Leon war schon immer besonders. Er wohnte in einem tollen großen Haus, hatte ein tolles Zimmer, Tiere, und, worauf ich besonders neidisch war, einen Pool im Garten. Aber Leon hatte keine Geschwister. Er war Einzelkind und seine Eltern liebten ihn über alles. Das tun sie auch heute noch. Manchmal war ich auch eifersüchtig auf Leon, weil er alles von seinen Eltern bekam und ich selbst zu Hause mit meiner Schwester um die Gunst unserer Eltern konkurrieren musste. Deshalb genoss ich die gemeinsame Zeit mit Leon und seinen Eltern. Seine Mutter machte mir immer die schönsten Zöpfe und sein Vater kaufte mir immer das leckerste Eis. Wenn ich bei ihnen war, dann war es, als ob wir eine Familie sind. Dann gab es keinen Unterschied zwischen Leon und mir. Dann bekamen wir beide neue Anziehsachen gekauft, wurden beide von seiner Mutter mit Brot und Joghurt verpflegt, wenn wir nach einem anstrengenden Nachmittag im Pool völlig erschöpft eingekuschelt in unsere warmen Handtücher vorm Fernseher lagen.
Leon mochte seinen Vater schon immer mehr als seine Mutter. Er liebte seine Mutter auch sehr, aber die Bindung zu seinem Vater war schon immer enger und tiefer gewesen. Wenn ich spontan bei ihnen zu Hause aufkreuzte, dann schraubte er mit seinem Vater an dessen Motorrad herum. Manchmal räumten sie auch die Garage auf, oder sie waren gemeinsam unterwegs. Zurückblickend sehe ich Leon immer mit seinem Vater vor meinem inneren Auge. Wie sie lachen und rumalbern. Irgendwann gab es nur noch Leon und seinen Vater.
Ich bewunderte ihn dafür, dass er so einen tollen Vater hatte, der so viel Zeit mit ihm verbrachte und ihm alle seine Wünsche erfüllte. Leons Vater war toll. Ich mochte ihn sehr, denn er gab mir das Gefühl, dass ich die Tochter für ihn sei, die er sich immer gewünscht hatte.

Als wir dann älter wurden, besuchte ich Leon nicht mehr allzu häufig. Schließlich wird man älter und verändert sich.
Leon hat sich auch verändert. Er fing ziemlich früh mit dem Rauchen an und so dauerte es auch nicht lange, bis er mich dazu brachte. Auf die Frage, ob seine Eltern davon wüssten meinte er: „Meinem Vater hab ichs gesagt, aber meine Mutter weiß davon nichts. Sie würde sich nur unnötige Sorgen machen“. Wir trafen uns auf Geburtstagen und Partys. Mit der Zeit fiel mir auf, wie viel Alkohol Leon trank und wie benebelt er davon wurde. Nicht selten kam es vor, dass er nicht mehr richtig reden und laufen konnte. Nicht nur der Alkohol schien ihn zu faszinieren, auch Haschisch war irgendwann ziemlich angesagt bei ihm. Ich verstand nicht wieso und machte mir ernste Sorgen.

Wir beide redeten nicht mehr viel miteinander. Irgendwie lebten wir aneinander vorbei. Er war mir immer noch sehr wichtig und ich denke, das war ich ihm auch, aber zu reden gab es nicht mehr viel.
Leon war noch nie der Typ, der seine Gefühle nach außen hin zeigte. Trotzdem wusste ich immer, wie es ihm ging. Ich konnte und kann es auch jetzt noch in seinen Augen sehen. Überhaupt kann ich mich an jedes kleine Detail seines Gesichts erinnern. An die kleine Narbe auf seiner Lippe, die er meinem Ellenbogen verdankt, genauso gut, wie an das Muttermal auf seinem Ohrläppchen und an seinen Geruch. Leon roch anders. Er roch besonders. Ich kannte Leon eben gut.

Mit der Zeit gehörten das Kiffen und der Alkohol eben zu Leon. Man gewöhnt sich da recht schnell dran. Mich störte es immer noch ungemein und ich kam nie wirklich damit zurecht. Auch heute nicht. Leon war Leon und ich konnte ihm nicht in sein Leben reinreden. Das konnte niemand, außer vielleicht sein Vater. Er hat es nie gesagt, aber sein Vater war alles für ihn. Ich konnte mir auch nie meinen Leon ohne seinen Vater vorstellen. Die beiden gehörten zusammen, das war jedem klar. Nicht nur, dass er mit der Zeit mehr und mehr die weichen Gesichtszüge seines Vaters annahm, er sprach und gestikulierte genauso wie sein Vater.

Irgendwann hatten auch Leon und ich es in die Oberstufe geschafft und waren nun auf dem besten Weg, unser Abi gemeinsam zu bestehen. Es lief weiterhin komisch zwischen uns, aber auch daran habe ich mich recht schnell gewöhnt. Leon war nicht mein Lebensinhalt, ich hatte auch noch andere Freunde. Aber Leon war eben mein Freund. Aus diesem Grund fiel es mir immer schwerer, meine Wut auf ihn, was das Kiffen und den Alkohol anging, in den Griff zu bekommen und so kam es nicht selten vor, dass ich ihn, in seinen Augen grundlos, anschrie und hilflos davon rannte. So blieb alles beim Alten. Aber Leon war nicht mehr mein Leon…

Ich werde diesen Tag nie vergessen, diesen einen Tag, diesen einen Morgen, an dem ich erfuhr, was Leon schon seit mehr als zwölf Stunden wusste und was ihn innerlich schon ab diesem Tag zerfraß.
Kennt ihr das, wenn man etwas schreckliches erfährt, was einen so dermaßen schockiert, dass es einem die Luft zum atmen nimmt? So sehr, dass es wehtut und man sich vorkommt, als stehe man neben sich selbst? Man steht neben sich selbst und kann nur dabei zusehen, wie einem die Luft weiter und weiter abgeschnürt wird? So ging es mir an diesem Morgen.
Meine Mutter stürmte in mein Zimmer, schaltete das Licht an. Ich lag noch im Bett und schlief, es war früh am Morgen. Es war ein grauer Morgen. Überall in den Straßen hing der Nebel und man bekam das Gefühl, dass an diesem Tag die Sonne nicht mehr scheinen würde. Für mich sollte sie auch nicht mehr scheinen.
Meine Mutter stand mit dem Telefon in der Hand in meiner Tür. Ich konnte noch das Tuten des Telefons wahrnehmen, was davon zeugte, dass ihr Gesprächspartner schon aufgelegt hatte. Völlig darauf konzentriert hörte ich plötzlich ihre stockende Stimme… „Leons Vater ist tot..“
Ich kann dieses Gefühl einfach nicht vergessen. Dieser Schmerz, der sich in mir ausbreitete, der mir die Luft zum atmen nahm und mich lähmte. Ich saß kerzengerade im Bett und spürte kaum, wie viele Tränen über meine Wange liefen. Mein einziger Gedanke war Leon. Ich konnte nur an Leon denken. Leon und nur Leon kam in meinen Gedanken vor. Allein die Vorstellung, wie schlecht und einsam er sich jetzt fühlte und wie krank ihn dieser Verlust machen würde, machte mich fast wahnsinnig.
Ich war hilflos, schlicht und ergreifend hilflos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, außer daran zu denke, wie schlecht es ihm gerade ginge. An diesem Tag wurde ich wahnsinnig. Ich schaffte es nicht, Leon anzurufen oder ihn zu besuchen. Im Nachhinein fühle ich mich schuldig deswegen. Ich wurde nicht damit fertig, wie ungerecht das Leben ist. Wie ungerecht es ist, Leon, eine Woche vor seinem 18ten Geburtstag seinen Vater zu nehmen. Wie ungerecht es ist, einer Familie den Vater zu nehmen. In dieser Zeit habe ich aufgehört an Gott zu glauben. Als ich erfahren habe, auf welche Weise sein Vater zu Tode kam und wie Leon davon erfahren hat, verfluchte ich Gott. Wieso muss er einen 45jährigen Mann aus seinem Leben reißen und dessen Familie damit unendliches Leid zufügen? Wieso macht Gott so was? Die Antwort darauf habe ich bis heute nicht gefunden…

Heute, das bedeutet fast zwei Jahre später. Mir kommen diese zwei Jahre unglaublich kurz vor. Ich werde diese Bilder einfach nicht los. Diese Bilder, als ich endlich den Mut aufbrachte und Leon am nächsten Tag besuchte. Als ich seine Mutter sah, eine verzweifelte, einsame und gebrochene Frau. Ich spürte Mitleid. Ich spürte einfach nur noch unendlich großes Mitleid und konnte dies auch nicht verbergen.
Ich traf Leon in der Küche. Ich weiß noch genau, was er angehabt hat, wie er ausgesehen hat, wie seine Augen ausgesehen haben. Ich weiß noch genau, wie ich vor ihm stehe und nicht weiß, was ich sagen soll. Wie ich zu ihm hoch schaue und Tränen in seinen Augen erkenne. Ich habe Leon vorher nie weinen sehen … und sollte dies auch nie wieder tun.
Ich brach in Tränen aus und fiel ihm um den Hals. Ich klammerte mich wie eine Ertrinkende an ihn und war nicht fähig auch nur ein Wort zu sagen. Ich fühlte mich schlecht, weil ich die starke Freundin für ihn sein wollte, an die er sich klammern kann.. an deren Schulter er sich ausweinen kann. Ich fühlte mich schlecht, weil das Bild nicht stimmte. Ich weinte hemmungslos, weil er mir so unendlich leid tat. Aber genau das wollte Leon nicht.
Er löste sich von mir und ging in sein Zimmer. Nach ungefähr einer Stunde, ich hatte das Gefühl für Zeit verloren, die ich wie betäubt bei seiner Mutter verbracht hatte, ging ich die Treppe rauf zu Leons Zimmer. Ich klopfte an und wartete, bis er mir öffnen würde. Er tat es nicht. Ich nahm wenigstens diesmal meinen Mut zusammen und betrat das Zimmer. Leon stand rauchend am Fenster. Er drehte sich nicht zu mir um. Er schaute raus in den Garten, der von der Sonne hell erleuchtet wurde. Komischerweise schien an diesem Tag die Sonne. Ich kam ihm näher, bis ich endlich dicht hinter ihm stand. Ich konnte den kalten Rauch riechen, aber das störte mich jetzt nicht. Ich sagte nichts und weinte auch nicht, trat noch näher an ihn und legte meine Arme um seinen Bauch. Ich umarmte ihn fest und legte mein Gesicht an seinen Rücken. Ich war froh, als er endlich seine kalten Hände auf meine legte und mir damit Erleichterung verschaffte. Nach einer schier endlosen Zeit fing er an zu reden: „Ich habe gestern einen Baum gepflanzt. Ich habe einen kleinen Baum in unseren Garten gepflanzt und eine Kerze dazu gestellt. Ich habe diesen Baum für meinen Papa gepflanzt“. Langsam trat ich neben ihn und schaute nach unten in den Garten. Dort stand tatsächlich ein Baum, gleich unter Leons Fenster. Es war der schönste Baum, den ich je gesehen habe.
Leon und ich redeten an diesem Tag noch eine Weile. Er erklärte mir, dass er jetzt für seine Mutter da sein müsse und deshalb keine Schwäche zeigen dürfe. Ich bewunderte Leon dafür, aber machte mir ernsthafte Sorgen, ob er sich damit nicht zu viel zumuten würde. Leon hat nach außen hin nie seine Gefühle gezeigt, und so sollte es auch bleiben.

Nach einigen Monaten sah es so aus, als würde sich Leons Leben wieder normalisieren. Er fehlte dennoch oft in der Schule, was dazu führte, dass er das Schuljahr wiederholen musste. Dieser Moment war schrecklich für mich, denn ich fühlte mich von ihm allein gelassen. Er ließ mich nicht nur in der Klasse allein, er distanzierte sich auch anderweitig von mir und lebte sein eigenes Leben. Ich kam nicht mehr an ihn ran. Er fehlte weiterhin oft in der Schule und auch von Bekannten, dass er immer öfter zum Alkohol und den Drogen griff. Ich war völlig am Ende. Ich konnte praktisch dabei zusehen, wie sich Leon sein Leben versaute, oder das, was nach seiner Meinung noch davon übrig war, seit sein Vater gestorben war.
Es machte mich wahnsinnig. Ich konnte nur noch mit ihm reden, wenn ich ihn auf irgendwelchen Partys betrunken in einer Ecke sitzen sah. Dann war er ein völlig anderer Mensch. Er nahm mich in den Arm und erzählte mir von seinem Vater, davon, wie sehr er ihn vermissen würde. Davon, wie sehr er mich brauchen würde und dass ich ihn nicht auch noch verlassen sollte. Solche Momente brachen mir mein Herz. Es kann einen Menschen kaputt machen, wenn man dabei zusieht, wie ein anderer Mensch, ein Mensch, den man liebt, an seinem Schmerz zu Grunde geht.
Ja, ich hatte mich in Leon verliebt. Irgendwie traf mich diese Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste nicht, ob ich ihn schon die ganze Zeit geliebt hatte, oder ob ich es erst seit Kurzem tat. Ich wusste nicht, ob es aus Mitleid heraus passierte, ich wusste nur, dass es so war und dass er mich deshalb mit seinem Verhalten noch stärker verletzte.
Es verletzte mich ungemein, dass Leon in nüchternem Zustand so tat, als ob er mich nicht kannte und kein Wort mit mir redete. Leon machte mich krank. Auch wenn ich es nicht wollte, fing ich an ihn zu hassen. Ich hasste ihn dafür, dass er mich so verletzte und ich hasste ihn dafür, dass es mir wegen ihm so schlecht ging.

Immer wieder nahm ich mir vor, mich auf der nächsten Party nicht von ihm einwickeln zu lassen, woran ich immer wieder kläglich scheiterte. Es machte mich wütend zu erkennen, dass er es mit seiner Art immer wieder schaffte, meinen eigentlich starken Willen zu brechen. Irgendwann blieb es auch nicht mehr dabei, dass er mich nur in den Arm nahm, es passierte mehr, es passierte viel mehr. Mir war durchaus klar, dass das alles keine Zukunft haben würde, aber diese Momente mit ihm zusammen machten mich, wenn auch nur für kurze Zeit, unglaublich glücklich.
Eine ganze Zeit ging das so mit uns beiden. Und auch hier habe ich mich irgendwann an die Situation gewöhnt, so, wie ich mich schon an viele Situationen gewöhnt hatte, die mit Leon zu tun hatten.
Es folgte Party auf Party und Leon blieb Leon. Hey, ich kam damit klar, redete ich mir zumindest immer wieder ein, aber womit ich mich absolut nicht abfinden konnte, war die Tatsache, dass Leon auch in betrunkenem Zustand meinte, Auto fahren zu können. Auf einer dieser zahllosen Partys passierte dann, wovor ich schon lange Angst gehabt hatte: Leon hatte einen Autounfall. Wieder war ich wie gelähmt, ich konnte nicht klar denken, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Man fühlt sich einfach so verdammt hilflos in solchen Momenten. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als zu schreien und das tat ich. Ich schrie so lange, bis ich keine Kraft mehr hatte und zusammenbrach.
Das nächste, an das ich mich erinnern kann, war Leon. Ich sah ihn in einem Krankenbett liegen. Er hatte eine schwere Platzwunde am Kopf, ein gebrochenes Bein und innere Verletzungen, die operiert werden mussten. Die Ärzte hatten ihn in ein künstliches Koma gesetzt, damit er sich besser erholen konnte. Ich bin bis heute unendlich dankbar, dass ihm bei diesem Unfall nicht mehr passiert ist.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie lange ich an seinem Krankenbett saß. Wie lange es dauerte, bis er wieder aufwachte, aber ich ließ ihn nicht allein. Ich blieb bei ihm, weil ich mir einbildete, dass es ihm helfen würde, wieder gesund zu werden.

Leons Unfall ist jetzt drei Monate her. Ich war bei ihm, als er aus dem Koma aufgewacht ist und war bei ihm, als er nach Hause kam. Leon und ich haben lange miteinander geredet. Über unsere Vergangenheit, über unsere Fehler und über seinen Vater. Wir waren seitdem schon oft zusammen an seinem Grab. Ich habe Leon gesagt, dass ich ihn liebe und dass ich für ihn da sein werde, dass ich ihn nicht allein lassen werde. Leon sagt, dass er Zeit brauch. Zeit, um die Erlebnisse seiner Vergangenheit zu verarbeiten. Ich verstehe Leon und gebe ihm diese Zeit, weil ich ihn liebe, auch wenn es wehtut. Denn er ist mein Freund Leon.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Sebastian / Sep 28 2007

    Eine Wucht an Emotionen, die mich hier stocken lässt. Die beim Lesen irgendwie transportiert und einwickelt, bis mir diese Träne aus dem Auge fließt.
    Ich möchte gerade soviel dazu sagen und nichts davon wäre passend. Vielleicht aber zwei Wünsche. Zum weitergeben.
    „Alles erdenklich Gute.“ und „Viel Kraft.“ vielleicht mit ein bißchen Unterstützung von einer ganz anderen Stelle, die da etwas wiedergutmachen muss…

  2. Jenny / Sep 28 2007

    Happy Birthday – und alles Gute für sie und Leon.

  3. HinRichter / Sep 28 2007

    Sehr bewegend. Bin beeindruckt. Wirklich schade um seinen Vater. „Das Leben ist wie eine Reise in die Fremde und irgendwann kehrt man heim.“

  4. bekki / Sep 28 2007

    Hallo Pia,

    sehr ergreifend, emotional ergreifend die Geschichte.

    Happy Birthday und alles Gute für euch!

    LG
    bekki

  5. Snoopy / Sep 28 2007

    Ich habe einen Kloß im Hals. Ich habe Tränen in den Augen.

    Ein Text, der mich tief berührt hat. Danke, dass Pia ihn hier veröffentlichen durfte.

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