Bis einer heult! • Vom naturgegebenen Sammeltrieb
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2. Februar 2008 | Pia Drießen

Vom naturgegebenen Sammeltrieb

Auf Grund der Befürchtung an einem Karnevals-Samstag im Großraum Köln-Bonn elendig verhungern zu müssen, zogen wir heute morgen sehr früh aus, um eine gewissen Anzahl Nahrungsmittel für das Wochenende und den bevorstehenden Rosenmontag zu erlegen. Während der Lieblingsmensch sich fleißig auf die Jagt begab, kam ich meinem naturgegebenen Sammeltrieb nach und bog in das Regal mit dem ofenfrischen Brötchen ein.

Sofort erkannte ich: hier kommst Du nicht heil raus. Der Altersdurchschnitt lag deutlich über meinem Alter und umgehend sah ich mich mit ganzen Jahrzehnten an Sammelerfahrung konfrontiert. Meine Motivation geriet ins Wanken. Tapfer griff ich nach einer Brötchentüte, stellte mich mehr schlecht als rechts irgendwo „hinten“ an (das wiederum liegt an der Nationalität, in die ich geboren wurde) und warte artig.

Schnell wird klar: hier wartest Du bis zum Sankt Nimmerleinstag, wenn Du jetzt nicht Krallen zeigst. Es gibt kein hinten oder vorne … Sieger ist, wer mit mindestens einem Brötchen den Gang verlässt! Dennoch lässt mich meine gute Erziehung nicht mit nackten Fingern in das Brötchenregal greifen, so wie die Schwärme von 60+ Frauen, die ihre erdigen Fingernägel und verdreckten Handflächen durch den wohlig duftenden Berg frischer Weißmehlbrötchen gräbt. Ich schenke einigen von ihnen verachtende Blicke und die ein oder andere weicht sogar mit einem leicht schuldigen Blick zurück.

Ich räuspere mich laut, greife nach einer Brötchenzange und schimpfe beim Einführen der Sammelware in den Sammelbehälter deutlich über die umherstehenden Bakterienherde und Keimschleudern. Zu 50% tue ich das aus Ekel. Die anderen 50% sind Morgenmuffeligkeit mit einhergehender Streitsucht, die mich an einem Samstagmorgen grundsätzlich beherrscht.

Als ich die Zange wieder in das Brötchenregal zurück stecke, sehe ich eine Frau neben mir an, die gerade ihre nackten Fingerchen gen Brötchenkörper streckt.

„Ist doch so, oder?“, sage ich hart. „Wissen wir denn, wer sich von denen nach dem Scheißen die Hände nicht wäscht?“

Sie nickt, zieht die Hand zurück und greift nach einer Zange.

Durch meine Schimpferei kam ich schneller an das gewünschte Brötchenregal, bekam schneller eine Zange und konnte schneller erfolgreich den Gang wieder verlassen, als andere. Auch Jahrzehnte an Sammelerfahrungen können meinen Tricks und Kniffen nicht das Wasser reichen.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Christoph / Feb 2 2008

    Wer wagt gewinnt! Und die Hygiene-Einstellung einiger Leute…

  2. delijha / Feb 2 2008

    wääähää – das erinnert mich an das thema, das ich mit einem kollegen letzte woche hatte. schweine, die sich nachm klobesuch inner firma nich die haende waschen und gleich darauf in die kueche oder kantine latschen. egal, was die machen danach, aber abschuetteln und danach tuerklinken anfassen, reicht bei mir schon zum wuergereiz.

    leute, die ich dabei „erwische“ sprech ich auch an – geht ja gaaar nicht!

  3. Marc / Feb 2 2008

    Die Leute sollen mal in einem labor arbeiten. Da wäscht man sich sogar bevor man aufs Klo geht die Hände, weil man nicht weiß welche Chemikalie man ausversehen an den Fingern hat.

  4. noch ein Markus / Feb 3 2008

    Respekt, Frau Pia, echter Respekt
    :)

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