„Wenn Du nicht … wenn ich nicht …“

Diese eine Umarmung
Sie bricht Euch das Herz
Sie hinterlässt zwei Hälften
Aber teilt auch den Schmerz

© P.Drießen

Sie lächelt, während sie einen Schritt auf ihn zugeht, die Arme hebt und dann doch noch einen winzigen Augenblick zögert, bevor sie ihn umarmt. Sie spürt, wie er sich unter der Berührung versteift, ebenfalls einen Augenblick zögert und die Umarmung dann erwidert. Dies ist wohl die innigste und engste Berührung, die beide je miteinander erlebt haben. Je miteinander erleben werden.

Leise und tief holt sie Luft, um sich an seinen Duft erinnern zu können, wenn wieder diese unerträgliche und dennoch völlig natürliche Distanz zwischen ihnen bestehen würde. Wenn sie sich wieder nur mögen dürfen, wie Bekannte eben. Wie Kollegen. Wie Schulkameraden.

Oft haben sie miteinander gelacht, sich geneckt und diskutiert. In Gegenwart anderer. Das war der einzige Weg, die einzige Möglichkeit, in Kontakt zu kommen, zu agieren, zu reagieren … aufeinander einzugehen. Doch noch häufiger waren da diese Blicke. Dieses beobachten und schnelle weggucken, wenn der andere es bemerkte. Wahrscheinlich denken sie beide bis heute, sie wären mit dieser unergründlichen Sehnsucht nach dem anderen alleine.

Nur einmal Berühren. Nur einmal in den Arm nehmen. Nur einmal vertraut die Augen schließen, dem andere beim Atmen zuhören, sich gegenseitig halten.

Wären sie beide nur eine Spur mutiger, einen Tick risikofreudiger … dann hätten sie sich zu erkennen gegeben. Ihre Gefühle. Doch er war viel zu aufrichtig, zu gut erzogen, als dass er eine verheiratete Frau in Unsicherheit und Verlegen gebracht hätte. Und sie war viel zu treu, als dass sie ihren Partner hätte betrügen können. Sie schämte sich ja bereits dafür überhaupt Gefühle für einen anderen Mann zu haben. Und Gott weiß, die hatte sie sich nicht selber ausgesucht. Sie waren einfach plötzlich da und hatten sie ebenso überrascht und verunsichert wie nun seine geflüsterten Worte, die wie ein Windhauch mit ihren Haaren spielten:

„Wenn Du nicht …“, er stockt, holt leise Luft. „Wenn ich nicht …“ Er unterbrach erneut. „Ein anderer Ort … oder eine andere Zeit.“ Seine Stimme zittert kaum merklich, ebenso wie die Umarmung, die sie weiterhin umschließt.

Alles, was sie als Antwort zu Stande bringt, ist ein gehauchtes „Ja.“ Als sie sich langsam von einander lösen glänzen ihre Augen und die blinzelt hektisch, bevor sie in den Kopf senkt.

Das mag wohl der Moment gewesen sein, in dem er verstand. Der Moment, der ihm bewusst machte, dass sie ebenso fühlte, wie er. Dass sie beide so nicht empfinden durften und es dennoch taten.

Als er wenige Minuten später das Gebäude verlässt und ihn Beifall und Applaus empfangen, lächelt sie wieder. Ein gequältes Lächeln.

Wir sind nur wenige Meter hinter ihm, bleiben in der offenen Tür stehen und beobachten einen Moment wie die fröhliche Meute mit Reis wirft. Ihre Hand greift nach meinem Arm, ihre Fingernägel bohren sich in meine Haut.

Es ist seine Hochzeit und ich kann ihr Herz brechen hören.

Nun weiß sie, dass das schmerzende Stück Ihres Herzens in guten Händen ist.
Alles was Sie wollte war Gewissheit.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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15 Gedanken zu „„Wenn Du nicht … wenn ich nicht …“

  1. Liebe Frau Pia,
    ich werde das Gefühl nicht los dass es sich um zwei echte, bekannte, Menschen von Ihnen handelt. (Falls Sie das irgendwo erwähnt haben hab ichs nicht gesehen)

    Im Prinzip ist es der Schreibe wegen aber wurscht um wen genau….

    Das ist derartig emotional daß Worte fehlen…. und auch unpassend wären.

  2. hm. ziemlich genauso erlebt und mehr als treffend von pia beschrieben. in dem moment bricht das herz, keine frage. Aber irgendwann tut es nicht mehr so und noch später fast gar nicht mehr weh. ehrlich!

  3. fand die geschichte immer so wunderschön…
    und dann steckt man auf einmal mittendrin. :(
    die zerrissenheit, die es wirklich gibt, die bringst du wunderbar im unterton mit. danke dafür.

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