Bis einer heult! • E-Mail für mich
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21. Juli 2008 | Pia Drießen

E-Mail für mich

Hallo Pia,
ich lese dein Blog schon eine ganze Weile und besonders haben es mir die ♥-Texte angetan. Du beschreibst die Gefühle der darin vorkommenden Personen so real und greifbar, daß man sie nachempfinden kann. Bei „Da geht doch was.“ habe ich zum Schluß sogar ein paar Tränen runter schlucken müssen, so sehr hat mich die Situation traurig gemacht, in der sich die Beiden befanden. Das geht mir bei deinen Texten häufiger so.
Und darum wollte ich dich heute mal fragen, woher du diese Geschichten bzw. die Gefühle nimmst? Erlebst du das alles selber? Erzählt dir jemand diese Sachen? Erfindest du sie?
Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß sich jemand Gefühle nur vorstellt und sie dann so realistisch mit Worten beschreibt, daß der Leser sie nachempfinden kann […]

Da mir die Frage schon mal gestellt wurde und ich damals schon lange über eine Antwort nachdenken musste, möchte ich sie heute mal hier beantworten. Natürlich erlebe ich nicht alle Situationen, über die ich schreibe, selber. Den Psychotherapeuten, den ich dann bräuchte, könnte ich gar nicht bezahlen.

Ich denke jeder hat schon mal die ein oder andere verzweifelte Situation erlebt. Eine Situation, in der man am Boden kniete, schrie und das Gefühl hatte, man müsse sterben. Es gibt so viele Wege und Gründe, die einen zu solchen Reaktionen und Gefühlen veranlassen, so dass ich das nicht an einer Sache fest machen will. Oder könnte. Der Rest sind Erzählungen.

Es wundert mich selber immer wieder, wie bereitwillig mir manchmal nicht wirklich vertraute Personen sehr intime Geschichten erzählen. Sie erzählen mir wie sehr sie etwas schmerzt, umschreiben ihre Gefühle mit ihren Worten und meist lässt mich eben die Schilderung der Gefühle nicht los. Man könnte sagen, dass ich sie sammle. In meinen Kopf. Ich sammle Beschreibungen, Erzählungen, Wortbilder für Gefühle. Es macht mich süchtig. Die Guten, wie auch die Schlechten.

Dann gibt es die Situationen und die Gefühle, die mir Freunde und enge Bekannte erzählen. Das sind die Wertvollsten. Doch bin ich bis heute nicht in der Lage, deren Geschichten zu erzählen. Ich nehme die Gefühle und baue sie in neue Geschichten … unterm Strich geht es aber nur um das Gefühl, die Emotion. Sie sind der Ursprung, der eine Geschichte dahin bringt, dass sie funktioniert. Dass der Leser zum Schluss sagt, dass er hat Schlucken müssen. Dass ihn das, was ich geschrieben habe, berührt hat.

Um auf den Punkt zu kommen: jedes empfundene Gefühl speichere ich ab, erinnere mich bewusst daran und manchmal führe ich es absichtlich herbei, empfinde es erneut. Viele Emotionen basieren auf Verzweiflung. Hass, Liebe, Verlustangst, Trauer … ich würde nicht soweit gehen und sagen: kennt mein eins, kennt man alle. Aber man hat eine Ahnung, wenn man seine eigene Erfahrung mit den Wortbildern mischt, die die Menschen um einen herum benutzen, um ihre Gefühle zu beschreiben.

Die richtige Mischung entsteht im Bauch.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Conni / Jul 22 2008

    Ich finde das sehr schön, wenn man sich diese Antennen bewahrt hat und so tief in sich selber und andere reinhorchen kann.

    So feinfühlig ist nicht jeder bzw. nicht jeder kann das … und aus dem Bauch kommt viel richtiges, das stimmt :).

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