Bis einer heult! • Dein Haus
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24. Januar 2010 | Pia Drießen

Dein Haus

Seit sechs Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen. Zuletzt zu Deiner Beendigung. Wir haben Dich im nahegelegenen Friedwald beigesetzt, unter einem wunderschönen Baum, den wir zuvor alle gemeinsam für Dich ausgesucht hatten. In der Baumkrone saß ein großer schwarzer Rabe, der davon flog, als das letzte Gebet gesprochen war und wir wieder gingen.

Seither bin ich nicht hier gewesen. In Deinem Haus. Deine Tochter wohnt noch darin, doch Deine Wohnung ist nun vermietet. Wir kommen im Dunkeln an. Zum Glück. Ich will nicht sehen, dass fremde Möbel in Deinem Wohnzimmer stehen. Oder eine moderne Küche die bunte 60er Jahre Küche abgelöst hat.

Als wir klingeln, die Haustür aufsummt, da ist das erste was ich flüstern feststelle, dass es hier noch genauso riecht, wie zu Deinen Zeiten. So ein altbekanntes Gefühl kribbelt in meinem Bauch und ich möchte mich so gern Deiner Wohnungstür zuwenden und den Schlüssel drehen. So wie früher.

Aber da steckt kein Schlüssel mehr. Nun wohnen da Fremde. Fremde mit sehr großen Füßen, wie mir das riesige Paar Sneaker auf dem Abtreter verrät.

Ich schlucke, drücke mein Kind fester an mich und gehe die Treppe hoch, in die Wohnung Deiner Tochter. Zumindest hier hat sich nichts verändert. Ein sehr beruhigendes Gefühl, das mir ein wenig die Panik und Angst nimmt, das hier nicht ohne Tränen überstehen zu können.

Meine Geschwister und deren Kinder sind schon da, Papa und natürlich Tante Iris und ihr Lebensgefährte. Sofort stellt sich so ein vertrautes Gefühl ein. Das war eigentlich immer das schönste an diesen Treffen bei Dir. Immer im Januar, zu Deinem Geburtstag. Vergangene Woche wärst Du 90 Jahre alt geworden. Nun feiern wir den 60en Deiner Tochter, die nur einen Tag nach Dir Geburtstag hatte.

Mein Sohn ist das allererste Mal in seinem Leben hier. Er versteht nicht, warum Mama ihn die ganze Zeit fest umklammert, ab und an sehr still wird, dann wieder mit den anderen lacht.

Ich habe mich schon sehr früh dazu entschieden, nicht in diesem Haus zu schlafen. Wir fahren nachts noch ein kleines Stückchen in die nahgelegene Gästeherberge. Ich kann nicht unter diesem Dach schlafen, das unmittelbar nach Deinem Tod seine Wärme verloren hatte. Obwohl es heute natürlich auch warm dort ist. Aber anders. Deine Wärme fehlt.

Meine Geschwister sind in diesem Haus aufgewachsen. Ich war hier stets nur zu Besuch. Und dennoch habe ich die meisten Schwierigkeiten hier her zurückzukehren, nachdem Du gegangen bist. Und doch bin ich nun da, nach sechs langen Jahren. Sechs Jahre ohne Dich und in denen Du mir immer wieder so schmerzlich gefehlt hast und fehlst.

Unser Sohn wird Dich nicht kennenlernen. Er wird nie Deinen wunderbaren Sandkuchen essen, Deinen Gurkensalat, Deine heiße Schokolade trinken und Deinen wunderbaren Schokoladenpudding naschen. Er wird nie ein Fläschchen Malzbier von Dir geöffnet bekommen, nie mit der Porzellanballarina-Spieluhr spielen können, die auf dem Kaminsims stand oder Hüpfekästchen auf dem großen orientalischen Teppich im Wohnzimmer. Und ich hätte mir genau das so sehr gewünscht. Dass er das erleben und empfinden darf, was ich bei Dir stets empfunden habe. Unendliches Glück, Geborgenheit und Liebe. Die schönsten Kindheitserinnerungen hast Du mir geschenkt.

Oma, Du fehlst mir so sehr. So schmerzlich.

Und doch bin ich froh, dass ich da war, in Deinem Haus. Ein Teil von Dir ist noch da und wenn es nur die warmen Erinnerungen an damals sind. An Gurkensalat, Schokoladenpudding und Malzbier.

Ich liebe Dich, werde es immer tun.

Danke.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Marc / Jan 24 2010

    *schnief*

  2. Jacqueline / Jan 24 2010

    Oh man.
    Laß Dich drücken!

  3. ednong / Jan 24 2010

    Das Leben hat nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende. Leider. Läßt sich nicht ändern.

    Aber behalten Sie die Erinnerungen in Ihrem Herzen. Und denken Sie dran, wenn Ihnen danach ist. Holen Sie dieses Gefühl wieder hervor. Und schenken Sie es Ihren Kindern. Und deren Kindeskindern. Das ist das, was man damit machen kann.

  4. MonikaZH / Jan 24 2010

    *schluck*
    Danke.

    Das hat viele eigene Erinnerungen geweckt.

    Eine sonst sehr stille Mitleserin

  5. Cecie / Jan 25 2010

    Ich drück dich, du weisst wie sehr.

  6. Steffi / Jan 25 2010

    Was für eine schöne Liebeserklärung an Ihre Oma *Träne wegwisch*

  7. Vreni / Jan 25 2010

    Bei Ihren Texten, die einen Titel wie diesen tragen, überlege ich mir jedesmal, ob ich gerade die Zeit habe, ihn ganz in Ruhe zu lesen und dabei ein bisschen zu heulen.

    Mein Gott, schreiben Sie toll.

    Ich bin jedesmal wieder überwältigt von Ihrer Schreibkraft und lese und heule jedesmal wieder gleich gerne. Auch, wenn der Anlass dieses Artikels mit so schmerzlichen Gefühlen verbunden ist.

  8. Pia Drießen / Jan 25 2010

    Vreni, das ist ein wirklich sehr sehr schönes Kompliment. Danke schön :)

  9. die_schottin / Jan 25 2010

    Das erinnert mich an meine Schotten-Oma, die vor 5 Jahren nur 3 Wochen vor meiner Hochzeit gestorben ist. Ich war mir so sicher, dass sie es noch schafft zu kommen … Als wir dann zu Hause in Schottland zur Beerdigung ankamen, war es irgendwie leer, obwohl noch all ihre Möbel da waren. Heute wohnt mein behinderter Onkel alleine in dem Haus. Möbel wurden ersetzt, fast alles ist anders. Es war ein seltsames Gefühl vorletzten Herbst in dieses Haus zu fahren. Immerhin sind die Kleiderschränke von Oma und Opa geblieben. Meine Eltern brachten es nicht über`s Herz sie wegzugeben. Ich genieße es bei jedem Besuch mich morgens an der dazugehörenden Schminkkommode zurechtzumachen. Denn hier saß Oma auch jeden Morgen.

  10. Lisa / Jan 25 2010

    Sehr bewegend! Ich hoffe, dass die guten Erinnerungen nie verblassen werden!

    (Bei mir sind es bald 5 Jahre und am Wochenende habe ich erfahren, dass das Haus der Oma, mittlerweile von einem Cousin bewohnt, nicht mehr dasselbe ist. Rausgerissene Wände und so. Ich weiß nicht, ob ich das Haus jemals wieder betreten möchte.)

  11. Kai / Jan 26 2010

    Sollte ich einmal das Haus meiner Eltern übernehmen, ist doch das erste was ich machen werde: umbauen, verändern und ja, rausreißen (hoffentlich dauert das noch viele Jahre bis dahin). Wer will denn schon in einem Museum seiner eigenen Kindheit wohnen. Die Zeit schreitet voran und die eigenen Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen, mit „ihren“ Großeltern, ihren Eltern.

    Es sind ihre Erfahrungen, sie sollen nicht meine erben. Allenfalls daran teilhaben.

    Meine große Tochter (jetzt 11) hat ihre Ur-Oma noch erlebt (gestorben 2008 mit 97 Lenzen – ihr Mann blieb im Krieg, die beiden anderen Ur’s starben schon 1970), die jüngere (3) wird sich nicht daran erinnern können. Bedeutend für beide sind aber meine Eltern, meine Schwiegereltern, ihre Großeltern, zu denen sie und natürlich ich und meine Frau jeweils völlig unterschiedliche Beziehungen und Zuneigungen haben. Und genau so soll es ja auch sein. ;-)

  12. jo / Jan 26 2010

    Wenn ich das lese, schnürrt sich mein Hals zu, weil ich weiss, dass es vielleicht auch bei mir nicht mehr allzu lange dauern wird, bis ähnliche schöne Erinnerungen auch nur noch Erinnerungen sein werden. Und ich hoffe, ich kann sie dann auch so gut in Worte fassen wie Du, für meine Kinder…

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