Bis einer heult! • Hui Buh!
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12. Oktober 2010 | Pia Drießen

Hui Buh!

Als ich gestern abend in der Waschküche war kam eine Nachbarin dazu, die deutilch auf Schnacken aus war. Also unterhalten wir uns ein wenig, während ich meinen Trockner und die Waschmaschine einräume. Als wir nach oben gehen, will sie noch kurz im Flur stehen und weiter quatschen. Sie ist eine ausgesprochene Quasselstrippe. Doch ich höre sofort, dass was nicht stimmt. Als ich ihr ein Zeichen gebe kurz den Schnabel zu halten hört man ganz leise ein sehr hysterisches Schreien. Ich wusste sofort, dass das der Quietschbeu ist. Und wenn man ihn bis in den Hausflur hören konnte, dann war wirklich Holland in Not. Ich sprinte also die Treppe hoch und die Nachbarin ruft noch: „Das ist Dein Kleiner, oder?“ – „Nein, das ist der Quietschbeu!“

Natürlich hatte ich Recht. Als ich in sein Zimmer stürze steht er im Bett, ringt nach Luft, knallrot, pitschnass und völlig verkrampft. Ich nehme ihn sofort auf den Arm und er klammert sich an mich, schreit mir dabei aber mit vollem Volumen und in der schrillsten Tonlage die er hat ins Ohr. Mehrfach. Ich beiße die Zähne auf einander und wiederstehe dem Drang ihn einfach fallenzulassen. Körperlicher Schmerz und so. Sie wissen schon.

Doch er beruhigt sich nicht. Wir gehen ins Wohnzimmer. Er schreit. Ich ziehe ihm den Schlafsack aus. Er schreit. Ich biete ihm etwas zu Trinken an. Er schreit. Ich stelle ihn hin. Er schreit. Ich nehme ihn wieder hoch. Er schreit. Ich gehe wieder mit ihm in sein Zimmer. Er schreit. Ich verdunkle bis auf ein kleines Licht alles. Er schreit. Ich setze mich auf den Fußboden, stelle seine Trinkflasche vor mich und warte. Da tippelt er auf die Flasche zu, nimmt sie und wirft sie volles Programm gegen die Zimmertür. Das macht er noch zweimal, bis ich ihm die Flasche dann abnehme. Stattdessen schlägt er dann gegen die Heizung, die Tür. Er ist wie von Sinnen.

Inzwischen sind gute 30 Minuten vergangen. Ich gebe ihm Bachblüten.

Dann ziehe ich ihm einen dünnen Sommersack an, lege ihn sein Bett wo es eine Weile dauert, bis ich ihn dazu überreden kann, sich hinzulegen und sich zudecken zu lassen. Er schluchzt und schluchzt und schluchzt. Eine halbe Stunde lang muss ich meine Hand an seiner Wange liegen lassen, bis er endlich eingeschlafen zu sein scheint. Eine schier endlose halbe Stunde, in der ich immer wieder abwäge, ob ich möglicherweise mit in das Gitterbett passe und ob es mich wohl mit trägt oder zusammenbrechen würde. Da er „sowas wie schläft“, traue ich mich nicht ihn wieder aus dem Bett und mit in meines zu nehmen.

Als ich schließlich sein Zimmer verließ, gerade die Tür leise hinter mir zuziehen möchte, beginnt das Löwenmäulchen zu schreien. Ich bin wirklich überrascht, weil er sich sonst nie vor 3 Uhr nachts meldet. Als ich ins Schlafzimmer komme und mich über ihn beuge ist auch sofort klar, dass er schlimme Bauchkrämpfe haben muss. Er windet sich, jammert, quiekt, weint. Ich nehme ihn hoch, schuckel ein bisschen und lege ihn an. Das beruhigt ihn sofort. Doch kaum liegen wir beide, beginnt der Quietschbeu erneut in seinem Zimmer fürchterlich zu weinen.

So gehe ich kurzerhand rüber und nehme ihn auch noch mit in mein Bett. Das Löwenmäulchen lege ich zwischen uns, damit ich es stillen und zeitgleich den Quietschbeu kuscheln kann. Hätte ich mir früher auch nicht geträumt. Stereoberuhigen und –ksucheln.

Der Quietschbeu schläft ratz fatz wieder ein und auch das Löwenmäulchen scheint alsbald im Land der Träume. Da der Quietschbeu einen recht wilden Schlaf hat, versuche ich das Löwenmäulchen wieder in sein angestelltes Babybett zu legen und mit einem Stillkissen vor seinem Bruder zu schützen, als es urplötzlich hinter mir aus der Dunkelheit „Huiiiii Buuuuuh!“ quietscht und ich eine Boo ins Gesicht bekomme. Der Quietschbeu saß kerzengrad hinter mir, grinste mich sehr breit an – so ein bisschen wie der Grinsekater aus Alice im Wunderland – und begann dann in seine Wort-Gestik-Laut-Sprache Wasserfallartig auf mich einzuquatschen. Mitten im seinem Erzählen reißt er dann beide Arme in die Luft, sagt sehr kurz und knapp „So!“ und fällt wie ein Baumstamm zur Seite um.

Ich hatte im ersten Moment ernsthaft Angst. Das war eine so gruselige Szene.

Ich warte eine viertel Stunde ab, nur um immer wieder solche Szenen zu erleben. Letztendlich entschließe ich mich, den Quietschbeu doch wieder in sein Bett zu bringen. Zeitweise stand er nämlich im Bett und rüttelte lachend am Kopfteil. Wer weiß, was er sonst noch im Schlaf angestellt hätte. Wohlmöglich wäre er auf das Löwenmäulchen gefallen oder hätte die Schlafzimmertür aufgemacht und wäre die Wendeltreppe runter gestürzt. Nix für meine Nerven.

Zum Glück schlief er dann in seinem Bett auch sofort weiter.

Als ich um 23:30 Uhr wieder nach unten gehe bin ich restlos erschöpft. Das waren die wohl anstrengendsten 2 Stunden seitdem ich mit den Jungs alleine bin. Und Sorgen macht mir das Geschlafwandle auch, da ich weiß, dass der Miezmann als Kind so stark Schlafwandelte, dass man alles weg und abschließen musste.

Um 4 Uhr hat der Quietschbeu eine erneute halbstündige Schreiphase, von der ich mir aber nicht sicher bin, ob es nur ein ausgeprägter Nachtschreck war. Möglicherweise hatte er auch ernsthaft Schmerzen, da das Zahnfleisch um die obere rechte Eckzahnspitze, die bereits durchgebrochen ist, arg geschwollen war. Natürlich war das Osanit alle. Erst habe ich ihn eine Weile auf dem Arm, trage ihn im Kreis, dann streichle ich ihn, während er Schluchzend im Bett liegt, bis er schließlich wieder eingeschlafen ist.

Heute Morgen ist er nahezu ein Sonnenscheinkind. Sieht man mal davon ab, dass er seit heute seinen Tripp Trap als Klettergerüst nutzt und mich so schon gute 10 Mal an den Rand einen Nervenzusammenbruchs gebracht hat. Dann machen wir den Bügel nun also ab.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Melli / Okt 12 2010

    Da fällt mir nur zu ein: UFFF! Ich glaube, mir wäre das Herz stehen geblieben …

  2. Maren / Okt 12 2010

    Ach du liebe Güte, das klingt aber wirlich gruselig!
    Denkst du, es war wieder soein Nachtschreck? Oder „nur“ schlecht geträumt/geschlafwandelt? Ich hab das als Kind phasenweise auch sehr stark gemacht, da war ich allerdings schon etwas älter als der QB heute.

  3. Janine / Okt 12 2010

    Hoppala, was war denn da los… Du Arme, das muss sich wirklich bescheiden angefühlt haben.

    Aber über „Hui Buuh“ musste ich doch einen ganz kurzen Moment schmunzeln ;-)

  4. die_schottin / Okt 12 2010

    Oh man. Da möchte man nicht tauschen. Hoffentlich bleibt usn schlafwandeln erspart.

  5. Ninette / Okt 12 2010

    Halleluja. Ich habe beim Lesen schon den Atmen angehalten.

    Meine beiden älteren Brüder haben stark geschlafwandelt und meine Mutter sagte, die Szenen hätten sie teilweise ausgemacht wie in „Das Omen“ oder so etwas. ;P

  6. Frau Bluemel / Okt 12 2010

    Tschuldigung, aber bei HUI BUUH musste ich ganz ernsthaft und aus vollem Halse lachen.

    Ist schlafwandeln vererbbar?

  7. Isabella / Okt 12 2010

    Hm, komsich wir hatten auch so eine schreckliche Nacht. Gab es Vollmond? Ich war auch Schlafwandler.

  8. Mama Miez / Okt 12 2010

    Maren: also bei der 4 Uhr Aktion denke ich entweder an einen Albtraum oder an Schmerzen. Leider kann er mir das ja noch nicht beantworten.

    Ninette: Ja, hier war der erste Gedanke auch „Das Omen“. So gruselig.

    Frau Bluemel: und das war wirklich so! „Hui!“ sagt er immer, wenn etwas überraschendes passiert. Und wenn ich ihm die Boo zuwerfe, sagt er „hui!“, woraufhin ich immer „Buh!“ ergänze. Nun kann er das auch selber kombinieren.

    Ob Schlafwandeln vererbbar ist weiß ich gar nicht, aber ich denke schon, dass da viel in so Genen steckt.

    Isabella:
    Der Nachbarsjunge hatte den selben „Anfall“ vorgestern Nacht. Seine Eltern sind sogar mit ihm ins Kinderkrankenhaus gefahren, weil er nicht aufhörte zu weinen. Die haben aber nichts gefunden.

  9. aleXXblume / Okt 12 2010

    Puh! Meine Güte, das war sicher nicht leicht! Hast du schon mal geschaut, ob man den Quietschbeu mit seinen doch sehr emotionalen Anfällen und dem Schlafwandeln irgendwie mit Homöopathie oder Bachblüten positiv unterstützen kann?

  10. Mama Miez / Okt 12 2010

    Alex:
    Ich denke der erste „Anfall“ resultierte eher daraus, dass er wach wurde und ich nicht da war bzw. schnell kommen konnte. Ich war bestimmt 20 Minuten im Keller. Wer weiß, wann er anfing zu schreien … Bachblüten habe ich ihm dann ja gegeben und dann wurde es auch besser.

  11. Tanja / Okt 12 2010

    Au backe, da habe ich mich doch gerade sehr an meine Kindheit erinnert gefühlt – allerdings war ich deutlich älter, als ich Hochphase des Schlafwandelns hatte – sehr zum Entsetzten meiner Eltern… Der Nachschreck ist bei Anni auch immer mal wieder zu Besuch, jetzt, wo ich weiß, was es ist, ist es auch nicht mehr ganz so bedrohlich.
    Meine Töchter sprechen übrigens auch im Schlaf und haben dem Gatten und mir schon den einen oder anderen Lacher zur Nacht beschert.

  12. annicee / Okt 12 2010

    hört sich ganz schön beunruhigend an! das babyphone reicht wahrscheinlich nicht bis in den keller, oder? vielleicht hat der qb auch daran zu knabbern, dass der miezmann nicht da ist…

  13. Maracaya / Okt 12 2010

    Krass. Ich bekomm ja schon die Krise wenn der halbe Grieche stundenlang jammernd, aber schlafend durchs Bett krabbelt. Aber SO was? Weiha.

    In einem kann ich aber beruhigen: Gitterbetten halten Muetter aus. Ich stille den Kleenen manchmal in seinem Gitterbett, damit er vielleicht irgendwann mal freiwillig darin schlaeft. Nicht das es was nuetzen wuerde… aber zusammenbrechen tat es davon jedenfalls bisher nicht (nur der Mann, der brach vor Lachen zusammen, als er mich das erste mal zusammengefaltet im Gitterbett das Kind stillend vorfand …)

  14. Ela / Okt 13 2010

    Hallo meine liebe Mamamiez,

    ja, das kann ganz schön an die Substanz gehen. Wir haben diese nächtlichen /Schrei/Wach-Phasen im Moment auch. Man kann gar nichts tun. Sie schlagen einfach um sich, oder schreien das halbe Haus zusammen. Meistens schlafen sie dabei ganz tief. Wir hatten das gestern Nacht jede Stunde.

    Ich glaube das mein Sohn einfach das erlebte des Tages verarbeitet, mal mehr, mal weniger.

    Ist schon befremdlich, wenn sie sich so anders verhalten.

    Aber auch das wird vorüber gehen und die Momente, wo sie einen anlächeln und man dahin schmelzen könnte, entschädigen für so viele schlaflose Nächte sofort. ;o)

  15. Zickenbändigerin / Okt 13 2010

    Oje, das liest sich sehr anstrengend. Gut, das der Spuk am nächsten Morgen vorbei war.

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