glücklich lieben

Ich schreibe jetzt hier etwas Komisches, aber ich meine es absolut ernst: Die vergangenen 10 Wochen waren seit langem das schlimmste Beste, das mir – respektive uns – passieren konnte.

Ich habe es bereits in meinem gestrigen Artikel angedeutet. Ich hatte 10 Wochen lang Zeit mir über die vergangenen 9 Jahre, über mich, über ihn, über uns und unsere Jungs Gedanken zu machen. Ich habe ganze Abende damit zugebracht mich zu erinnern. Manchmal habe ich diese Erinnerungen aufgeschrieben, für mich, manchmal habe ich sie aufgeschrieben und ihm als Brief zukommen lassen. Es war wie eine kleine Zeitreise. Eine, bei der ich vergangene Gefühle wieder spüren konnte, Ängste, Sorgen, Euphorie. Eine Reise, die mir Erinnerungen zurück gab, die ich verloren geglaubt habe.

Ich habe mich betrachtet. Wo und wie ich war, damals vor neun Jahren, und wo und wie ich heute bin. Dazwischen liegen Welten, vermutlich Universen. Je nach Blickwinkel.

Es ist nicht so, dass wir eine perfekte Ehe führen. Oder eine perfekte Beziehung. Was ist schon perfekt. Perfekt ist langweilig, hat jemand erst kürzlich zu mir gesagt. Wir sind nicht nur dieses Paar, das sich vor neun Jahren fand, wir sind auch Freunde. Die besten Freunde, was manchmal, im Streit, wirklich schwierig sein kann. Mit wem redet man, wenn man mit dem besten Freund und Partner gleichzeitig Krach hat?

Ich habe in den vergangenen 10 Wochen gelernt, dass ich sehr gut alleine mit zwei Kindern zurechtkomme. Vermutlich waren diverse Umstände und Situationen so sogar noch einfacher zu Händeln, als auf einen weiteren Erwachsenen Rücksicht nehmen zu müssen. Mit der Vorfreude geht die Angst einher, sich nun aneinander zu stoßen und zu reiben, weil mein alleinerziehender Alltag so glatt und gut funktioniert hat. Vielleicht haben wir uns auseinander gelebt. Kann man das in 10 Wochen, hab ich eine Bekannte gefragt und sie antwortete: Es gibt Menschen, die leben sich nebeneinander auseinander.

Was am Ende eines Tages jedoch immer übrig blieb, war diese unbändige Sehnsucht, das Vermissen, das klopfende Herz, dass immer ein bisschen mehr wehtat, je länger er weg war. Man arrangiert sich mit der Situation. Aber ich bin mir sicher, dass ich Vieles einfach ruhig und besonnen getan und ertragen habe, weil ich genau wusste, dass er wiederkommt. Dass das kein Dauerzustand sein wird.

Versuche ich mich an die unschönen Dinge unserer Beziehung zu erinnern, dann sind das Nichtigkeiten. Es wäre peinlich sie hier aufzuschreiben, in Anbetracht der Tatsache, dass da draußen Menschen sind, die echte Probleme haben.

Als er ging war eine meiner Sorgen, dass ich erkennen könnte, dass es ohne ihn einfacher ist. Was ich erkannt habe ist, dass ohne ihn so Manches einfacher ist, aber die entscheidenden Dinge, die Herzdinge, die Freude, das Weinen, das Lachen, das Wüten, das Leben … die sind fürchterlich schwer ohne ihn.

Jetzt, an einem Punkt angekommen, an dem ich nur noch Stunden und keine Tage oder Wochen zähle, bin ich um die Erkenntnis reicher, dass ich diesen Mann liebe, wie keinen anderen Menschen (die Jungs spielen in einer anderen Liga.). Dass ich glücklich bin, weil er mich glücklich macht. Weil ich mit ihm das Leben lebe, das mich erfüllt.

Weil ich mich fürchterlich halb fühle, wenn er nicht da ist.

Insofern kann ich Resümieren, dass das schlimmste Beste, was mir in den vergangen Jahren passieren konnte, mich lehrte, dass ich ehrlich glücklich lieben darf. Und dafür bin ich einfach nur unendlich dankbar.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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18 Gedanken zu „glücklich lieben

  1. Hach! Das klingt sehr schön, vor allem, weil es nicht nur voller Gefühl sondern auch noch intensiv reflektiert ist. Ich kann dich gut verstehen, Mama Miez, jede Dienstreise meines Mannes ist so eine Lücke, die Zeit lässt für Dinge, die mit ihm nicht gehen, die aber auch Zeit bietet, nachzudenken und vor allem zeigt, wie groß das Loch ist, das er hinterlässt! Schön, dass alles im Leben auch seine guten Seiten hat, oder?! :)

  2. Danke, danke, danke für diesen Denkanstoß (grade die Ohne-ihn-so-manches-leichter-Konfrontation, die erlebe ich im Alltag auch oft, erwische mich dabei, mich selbst und meine Alltagsplanung allein mit Kind „effizienter“ ((wie peinlich!)) zu finden… — aber Du hast Recht: ohne ihn ist manches leichter, aber das, was das Leben ausmacht, nichts.)
    Ich freue mich für Dich, dass Du die Zeit so gut überstanden hast, so klug genutzt hast, und vor allem, dass Du ihn wieder in die Arme schließen kannst!

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