Bis einer heult! • mit Fehlern
Skip to content
27. Mai 2011 | Pia Drießen

mit Fehlern

Ich schrie heute den Quietschbeu an. Sehr laut, sehr wütend, sehr aggressiv. Und es tat mir binnen einer Sekunde bis ins Mark leid.

Das Löwenmäulchen zahnt gerade, was das Zeug hält. Dazu hat er eine enorme Rotznase und erhöhte Temperatur. Das personifizierte Leiden. Es ist wirklich furchtbar. Als ich ihn dann heute Abend nach dem Baden gut gestillt in sein Bett legte, jammerte er leise. Ich tätschelte ein Bisschen seinen Po, sang ein Lied und betete mit den Jungs eine Gute-Nacht Gebet.

Während der Miezmann und ich das Wohnzimmer und die Küche aufräumten schwoll das Gejammer immer mehr an und endete in einem lauten Geheule. Also ging ich wieder hoch, setzte mich auf den Stuhl neben das Löwenmäulchenbett und streichelte. Der Quietschbeu, von so viel Verkehr auf den Plan gerufen, sendete in einer Tour seinen Tagesbericht, den wir vor und nach dem Zubettbringen bereits mehrfach gehört und kommentiert hatten. Nun gut, er quatscht halt gerne und solange er das nicht schreien tut … dann begann er seine Trinkflasche an den Gitterstäben hin und her zu streifen. Wie das die Gefangenen im Gefängnis gerne tun. Sie wissen schon. Um die Wärter mürbe zu machen.

Das Löwenmäulchen jedenfalls heulte und jammert weiter und steigerte sich in eine anhaltende Hysterie. Also nahm ich ihn aus seinem Bett und wiegte ihn hin und her. Er schrie und kreischte weiter, wurde immer schriller und begann zu dem noch zu Kneifen und zu Kratzen.

Ruhig bleiben, tief atmen und summen.

Mit jedem Ton, den das Löwenmäulchen lauter und schriller wurde, schlug auch der Quietschbeu seine Flasche lauter gegen die Gitterstäbe. Auf meine Bitte dies zu unterlassen reagierte er gar nicht. Auch nicht auf meine lautere Aufforderung SOFORT aufzuhören und sich HINZULEGEN.

Wir schaukelten und also alle Drei munter immer weiter hoch und es endete in einem sehr lautem, wütenden und aggressiven Schrei meinerseits in Richtung Quietschbeu, er solle auf der Stelle die Klappe halten und sich hinlegen.

Totenstille.

Der Quietschbeu legte sich sofort ohne einen weiteren Ton hin, mir Schlug der Herzschlag bis zum Hals und das Löwenmäulchen hielt für Augenblicke den Atem geschockt an, bevor es erneut begann zu Weinen. Diesmal konnte ich ihn jedoch relativ schnell beruhigen.

Bevor ich wieder raus ging streichelte und küsste ich den Quietschbeu noch einmal und entschuldigte mich für mein Gebrüll. Ich sagte, dass ich ihn lieb habe und er etwas Schönes träumen solle. Er war nicht nachtragend, sagte mir gute Nacht und ließ sich küssen. Dennoch hatte ich noch Minuten später einen Puls wie nach einem Autounfall.

Sehen Sie. Ich bin halt wirklich keine Supermom. Ich bin nur ein Mensch. Mit Fehlern.

 

Print Friendly
Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. skamilora / Mai 27 2011

    Ach du. Ich kann dich gut verstehen…
    Sowas passiert eben, wenn sich was hochschaukelt. Ich bin zwar ja keine „richtige“ Mutter, aber das passierte mir auch bei den Kids vom Freund. Irgendwann steigt einem der Puls so hoch, dass….
    Es passiert. Ja, wir sind alle Menschen.

  2. die_schottin / Mai 27 2011

    Ich kann das nachvollziehen. Ich hab bisher einmal laut gebrüllt. Da stand Colin urplötzlich auf einem Klappstuhl in der Küche und hopste. Und ich ärgerte mich, dass ich ihn anschrie, weil er hätte genauso gut durch mein Geschrei vom Stuhl fallen können. Aber man ist eben Mensch und in Ausnahmesituationen und unter Stress kann sowas schon mal passieren. Glücklicherweise verzeihen einem die Kinder das auch, solange es nicht an der Tagesordnung steht.

  3. susi / Mai 27 2011

    Huhu,

    das schlechte Gewissen kenne ich. Und auch das Gefühl, wenn die Nerven irgendwann einfach „blank“ liegen und man dann so reagiert, wie man es nie niemals im Leben nicht wollte.

    Aber mit einer Entschuldigung und der Versicherung, dass man die kleine Nervensäge doch lieb hat, ist es meist gut, und die Kurzen sind nicht nachtragend (das Mutterherz dagegen schon eher).

    Wir sind auch nur Menschen und keine Roboter, und die Kleinen dürfen sicher auch sehen, dass das so ist… solange es die Ausnahme von der Regel ist ;-)

    LG

    Susi

  4. evizentrum / Mai 27 2011

    Ich finde das gar nicht soooo furchtbar falsch und schlimm.
    Was solltest du denn machen? Eine große Diskussion mit Erklärungen anfangen?
    Solange du nicht andauernd herumbrüllst, ist das doch nicht so verkehrt. Außerdem hast du dich später entschuldigt.
    Der QB darf doch ruhig wissen, dass auch du mal sauer bist und er nicht ewig weiter Unsinn machen darf.

  5. A. / Mai 27 2011

    Es tut mir leid, aber jetzt fühle ich mich noch mehr Rabenmutter, als ich das eh immer schon tue, wenn ich Dein Blog lese … (Nicht falsch verstehen: Ich bewundere Dich. Ganz ehrlich. Für Deine Hingabe und Geduld. Die ich nicht habe.)

    Warum ich mich jetzt noch schlechter fühle? Weil mir so ein Anschreien öfter mal passiert. Weil meine knapp Dreijährige mich einfach manchmal zur Weißglut bringt, wenn sie zum Beispiel so tut, als könne sie die Treppe in den ersten Stock nicht selbst raufsteigen. Sie macht das nur, wenn ich so viel zu tragen habe, dass ich keine Hand frei habe, um ihr zu helfen (wie gesagt, es ist nicht nötig) und wenn ich so schwer bepackt bin, dass ich das Gewicht nur eine begrenzte Zeitlang tragen kann. Wenn das passiert, muss ich das Baby und die Einkäufe raufschleppen, oben abstellen (das Baby schreit dann meistens) und wieder runterlaufen, um sie an der Hand zu nehmen. Wenn sie dann auch noch streikt und sich mit dem ganzen Gewicht an meine Hand hängt und zu jammern anfängt, dann werde ich je nach Tagesform schon mal echt sauer. Und laut. Weil es mich einfach so wütend macht. Ich habe eh so viel Arbeit mit den beiden, so viel Geschleppe, Geputze, Getrage und so weiter, und dann macht sie mir absichtlich noch mehr, wenn ich eh am Limit bin.

    Es gibt Wochen, da werde ich täglich laut. Und jedes Mal tut es mir nachher leid, und jedes Mal nehme ich mir vor, dass ich es nie wieder tue, und jedes Mal schafft sie es, mich so sauer zu machen, dass ich doch wieder laut werde.

    Ach, manchmal sehne ich mich nach meinem lieben Kind zurück, das ich hatte, bis es ungefähr zwei Jahre alt war.

    Traurige Grüße
    A.

    • Mama Miez / Mai 27 2011

      Ich werde auch öfters mal laut. Das bleibt bei so einen wilden Kind, wie dem Quietschbeu, nicht aus, der sich regelmäßig in Gefahren begibt und mich und meine Aufforderungen, etwas nicht zu tun, mit stoischer Ruhe ignoriert. Das heute war aber kein „laut werden“. Es war ein sehr aggressives, wütendes Schreien.

    • aleXXblume / Mai 28 2011

      Liebe A.,

      ich kann dich sehr gut verstehen! Ich kenne das auch, mein jetzt knapp 4jähriger hat mich auch sehr stark herausgefordert. Aber glaub mir: das ist, wie so vieles, auch nur eine Phase, die Trotzphase nämlich. Alle Kinder haben sie, manche mehr, manche weniger, und sie ist wichtig für ihre Entwicklung, auch wenn sie uns Eltern z.T. halb wahnsinnig macht…
      Versuch mal zu überlegen, wann sie dich besonders herausfordert. Ich denke, es ist ein Zusammenspiel aus Trotz und Eifersucht. „Das Baby wird immer getragen, ich darf nicht mal mehr an die Hand… “ Vielleicht fällt dir ein Weg ein, wie du ihr die Aufmerksamkeit, die sie vermisst, auf anderem Wege zurückgeben kannst. Es ist sicher nicht leicht, aber wie gesagt, glaub mir, in spätestens einem Jahr sieht die Welt wieder anders aus! :) Hab Mut!

  6. ramona / Mai 27 2011

    Ich glaube, das wird dir noch öfter passieren. Du bist auch nur Mensch. Und später werden sich die Kinder gegenseitig anbrüllen. Auch nur Menschen. Was hättest du denn alternativ tun können? Hier passieren solche Situationen oft. Je nach meiner und der Kinder Tagesform. Aber zum Glück sind wir alle nicht nachtragend, reden drüber, daß uns mal die Nerven durchgehen und wir haben uns alle lieb. Ich finde toll, wie du alles reflektierst. Das ist wichtig. Schön, daß du uns dran teilhaben lässt!

  7. FrauPerle / Mai 27 2011

    Ich finde, das ist normal. Du bist ein Mensch der nicht ohne jegliche Gefühle lebt. Der QB testete seine Grenze aus, die war damit erreicht und mit einem kurzen lauten Luftballonknall wurde er daran erinnert. Bildlich gesprochen.

    Ihr wachst beide miteinander. Der QB lernt das es Grenzen gibt und das man seine Mutter auch mal bis zum absolutem No Go reizen kann und du nimmst diesen Augenblick für das nächste Mal für dich mit und wirst versuchen beim nächsten Mal anders zu reagieren.

    Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, denn der QB sowie auch das LM werden noch viele Grenzen testen. Und es wird wieder solche Tage geben an denen dein Geduldsfaden sehr dünn gesponnen ist.

    Es ist kein Fehler, es ist ein miteinander wachsen.

    (Und natürlich beziehe ich das nun auf deine geschilderte Situation, nicht das man mich falsch versteht. Es gibt schon einen Unterschied zwischen Grenzen und Geduldsfäden oder Kinder grundlos beliebig anzuschreien)

  8. Anja / Mai 28 2011

    Klar fühlt man sich nach so einem Schrei schlecht. Also ich auch. Das Positive daran ist doch aber, dass die Kinder wenigstens noch darauf reagieren. Würden Sie öfter SO laut schimpfen, wäre das den Jungs vollkommen egal. Bei uns funktioniert das jetzt noch (Kinder 15, 6, 4) wenn ich mal absolut wütend auf den Küchentisch haue.

    Und JA; Kinder müssen wissen, dass Eltern auch mal richtig sauer werden. Wichtig und richtig finde ich, dass man sich später auch entschuldigen kann. Sie schreiben so oft, dass Kinder das Meiste vom Zuschauen lernen. Das ist doch auch wieder ein Beispiel dafür: man darf wütend sein, man darf das ausdrücken, aber man sollte sich auch dafür entschuldigen können.

    LG Anja

  9. eva / Mai 28 2011

    ja, so gehts ;)
    mach dich nicht verrückt- das passiert uns allen und ist menschlich!
    ich kann das bestätigen, dass, wenn man nur noch brüllt, keiner mehr reagiert.
    in der kur sind wir wieder auf NN runtergefahren. und wenn ich jetzt mal lauter werde,
    wird es auch wahrgenommen.
    unsere nerven sind eben nicht endlos belastbar.
    und kinder können einen nun mal an den rand des wahnsinns treiben ;)
    liebe grüße!

  10. Romina / Mai 28 2011

    Sehr beeindruckend fand ich den Grossen, als er so mit 3,5 Jahren während einer Diskussion die arme in die Hüfte stämmte und sagte „Mama, das macht mich jetzt echt sauer!“
    Ich hät ihn soooo knutschen können ;-)

    Ich würde mich Perle anschliessen und ihren Kommentar komplett unterschreiben.

    • Q / Mai 28 2011

      Na, da läuft ja dann irgendwas sehr richtig :)

  11. Lotta Leben / Mai 28 2011

    Liebe Mama Miez,

    einen GANZ dicken, fetten Drücker!
    Und es ist endlich Wochenende!
    Und (zumindest hier) schönes Wetter! ;-)

    Lieben Gruß!

  12. aleXXblume / Mai 28 2011

    Liebe Miez,
    letztendlich haben meine Vorrednerinnen ja schon alles gesagt… :) Besser als Frau Perla kann man es nicht sagen und eva beschreibt auch was Wahres – sprich, wenn es Ausnahmen bleiben, dann verstehen die Kids auch ganz bald, dass das einfach nur bedeutet: „Jetzt ists echt ernst!“
    Ich seh das bei meinen Kids, die, wenn ich plötzlich und elendslaut „Stopp!“ brülle, sofort und (fast) ausnahmslos innehalten mit dem was sie tun, weil sie genau wissen, dass ich das nur dann mache, wenn es wirklich brennt, wenn Gefahr im Verzug ist.

  13. Q / Mai 28 2011

    Wie sagt Jesper Juul doch immer… auch die besten Eltern machen 10 Fehler am Tag.

    • frauniepi / Jun 4 2011

      und gerade dadurch sind sie ja überhaupt die besten eltern.
      mama miez, ich wäre eher erschrocken, wenn sie nicht auch mal gepflegt austicken würden. das wäre doch nicht normal. wir sind glaube ich, alle oft genug schockiert über unser eigenes verhalten im umgang mit den kindern, aber genauso eben auch manchmal positiv überrascht. wir machen ganz viel richtig, das wird nur gern (besonders von uns selbst) übersehen.

  14. frau siebensachen / Jun 14 2011

    menschlich. normal. und effektiv ;-)

    manchmal sind die lieben kleinen so in ihr gezeter verstrickt, daß sie durch nichts erreichbar sind. so ein schrei (der ja vor allem sagt: hey, ich bin auch noch da, ich bin nur eine mama!) reißt sie dann aus ihrem karussell heraus.

    nicht daß ich schreien als erziehungsmethode gutheißen würde. doch ich hab drei herzallerliebste rabaukinnen, und mir passiert es auch. manchmal, aber zu oft, klar.

    alternative, die mir nur manchmal gelingt: rausgehen (äußerlich oder innerlich), umschalten und dann neu in die situation gehen. und ganz selten gelingt es mir, einen scherz daraus zu machen, den stress ins lustige zu ziehen – und dann staunen sie!

    oder nerven wie stahlseile entwickeln…

Leave a Comment