Bis einer heult! • Geschwister
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2. August 2011 | Pia Drießen

Geschwister

Nur weil ich damals nicht in Tränen ausbrach, als sie mir eröffnete, wir würden ausziehen; nur weil ich nicht „Wieso?“ oder “Warum?“  fragte, sondern einfach nur „Okay“ sagte; nur deshalb war es mir noch lange nicht egal.

Ich erinnere mich so unglaublich gerne an das Bisschen Familie, dass ich damals erleben durfte. Ich war erst fünf, mein Erinnerungsschatz ist begrenzt und wahrscheinlich waren mein Geist und mein Verstand noch nicht wach genug, um die Schattenseiten zu erkennen. Für mich hat die Sonne geschienen, damals. Ich war glücklich.

Ich erinnere mich an Wander-Sonntage an der Ahr, an Fangenspielen mit meinem großen Bruder, an ewige Stunden Schule spielen mit meiner großen Schwester. Ich erinnere mich an ihre Wärme, wenn ich nachts – jede Nacht – zu ihr ins Bett kroch. 8 Jahre lang. Ich erinnere mich sogar an Urlaube auf Langeoog, an meine Geschwister, wie sie mit anderen Kindern, nein, Jugendlichen spielten, sich gegenseitig im Sand eingruben. Ich erinnere mich sehr wohl. Ich war erst fünf.

Ich erinnere mich hingegen nicht daran, dass mein Vater ein schlechter Vater war oder meine Mutter eine schlechte Mutter. Die Erinnerung an meine eigenen Eltern, vor der Trennung, ist nahezu nicht präsent. Nur einzelne Bilder, wie alte Polaroids, die langsam verblassen.

Ich war glücklich in dieser Zeit. Ich habe damals nicht verstanden, wieso wir ausgezogen sind. Ich habe aber auch nicht gefragt. Als ich meinen Vater und meine Mutter nach unserem Auszug beim Küssen überraschte, sagte ich aus meiner kindlichen Logik heraus: „Dann können wir ja wieder zusammen ziehen!“

Meine Mutter sagte später mal zu mir, das wäre der Moment gewesen, in dem sie sich innerlich zur endgültigen Trennung entschieden hätte, die auch umgehend folgte. Und ja, ich habe mich lange Jahre gefragt, ob ich darum schuld daran bin, dass es keine Familien-Sonntags-Wanderungen an der Ahr mehr gab, kein Tannenbaumzählen von der Rückbank des Autos aus, keine lachenden Geschwister – wir alle Drei.

Wissen Sie, ICH war damals glücklich. Ich hatte meine Geschwister bei mir, alle Beide. Das fehlt mir heute so sehr. Es ist immer so, als stünde irgendetwas oder irgendjemand zwischen uns. Es ist ein beäugen. Ich will das nicht. Sie sind meine ersten Erinnerungen. Meine Kindheit. Sie haben mich glücklich gemacht.

Sie waren meine glückliche Kindheit!

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. ramona / Aug 2 2011

    Hach, wenn ich so lese, dann überkommt mich eine Gänsehaut. Schön hast du das geschrieben. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, welche Erinnerungen wohl in meinem Kind zurückgeblieben sind, zurückbleiben, aus der Zeit davor und danach. Und manchmal kommen dann tatsächlich ein paar winzig kleine Schuldgefühle hoch. *seufz*

  2. claudia / Aug 2 2011

    Liebe Frau Pia,

    freuen Sie sich doch über diese schöne Zeit. Und über die Zeit danach auch. Sie sind doch ein toller Mensch geworden. Und nu haben Sie auch so ein Geschwister Zeuchs bei sich! Generationenwechsel
    Aber im Rückwärtsgang guckt man auch immer selektiv. Das doofe ist- Kindheit is immer endlich! Und früher war alles Besser! Für jeden!
    Meine Kids sind ja Teenager- und meckern schon das früher besser war. Da hat die Mama immer Zeit gehabt und gespielt und und und (stimmt zwar nicht-aber gut das die es so erinnern). Ja, die Kinder aber auch. Die gehen jetzt auch lieber zu Freunden. Hat halt alles seine Zeit.
    Und diese frühe Zeit die Sie da so erinnern mit Ausflügen etc. die hört – getrennt oder nicht getrennt bei allen Familien irgenwann auf. Ihre Geschwister waren ja dann auch schon bisken größer.
    Und in der Vorstellung ist ja das was man nicht hat immer schöner! Ich will auch Locken!!!!
    Außerdem kann Ihnen ja auch gar nix passieren-Sie haben ja den Schutzengel von Gerd noch! Also Glücklich sein und entspannt zurückblicken sei Ihnen doch von Herzen gegönnt.

    • Pia / Aug 3 2011

      Ich denke, Sie haben den Text negativer aufgefasst, als ich ihn meinte :)

      • claudia / Aug 3 2011

        Negativ dachte ich nicht. Nur so ein klein wenig traurig.

  3. Q / Aug 2 2011

    Ach Mensch… Aber dieses „Ich habe auch nicht gefragt“… wieso wurde es denn nicht erklärt? Da gibt es doch bestimmt Sätze, die auch einer Fünfjährigen gerecht werden?

    • Pia / Aug 3 2011

      Die wird es sicher auch gegebenen haben.

    • ginny / Aug 3 2011

      Ich weiß nicht, ob es wirklich Sätze gibt, die verhindern, dass ein sorgloses und total unschuldiges Kind sich heimliche Gedanken macht. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass auch eine Trennung im Guten ein ziemlicher Einschnitt in das Leben aller Beteiligten ist und Eltern vielleicht nicht direkt in einer Verfassung sind, in der man sich gute Sätze überlegen kann. Es braucht seine Zeit, um sowas zu reflektieren und mit Sicherheit hinter den Entscheidungen zu stehen und die Zeit von Zweifel und Unsicherheit, ggf. auch starken negativen Emotionen, spürt das Kind immer.
      Das bedeutet aber nicht, dass ein Scheidungskind seine Kindheit automatisch nicht als glücklich empfindet. Es lernt einfach nur manche Sachen früher zu fürchten und andere früher zu schätzen. Das hab ich dem Text auch entlesen.

  4. ednong / Aug 3 2011

    So schön, wieder was von Ihnen zu lesen. Und dann gleich sowas!

    Was steht denn dem Zusammenkommen mit Ihren Geschwistern im Wege? Wenn sie Sie beäugen, ist das doch das eine. Sie müssen es doch nicht gleich tun.

    Und geniessen Sie es, wenn Sie ein glückliche Kindheit hatten. Die hat nicht jede(r).

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