Bis einer heult! • "Mama weint?"
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19. September 2011 | Pia Drießen

„Mama weint?“

Heute war so ein Tag – seit ich Kinder habe dürfte das der Dritte oder Vierte gewesen sein – an dem ich am späten Nachmittag den Mann auf der Arbeit anrufe, um ein bisschen in den Hörer zu weinen.

Tatsächlich hatten die Jungs, nachdem wir um 14:30 Uhr vom Kindergarten zuhause waren, an sich gute Laune. Das Löwenmäulchen futterte eine Banane und der Quietschbeu malte mal wieder einen seiner berühmten Flugzeugabstürze („Flugzeug fliegt – daaaaaa lang – fällt da runter – ROMMS – kaputt!“). Man konnte es durchaus ein entspanntes Miteinander nennen.

Ich legte mich danach ein wenig aufs Sofa, was normalerweise gar kein Problem ist. Meist folgen die Miezbeus, legen oder setzen sich mit einem Buch neben mich oder kuscheln auch einfach mal. Das ist  dann meine 20-Minuten-Energietank-Pause. Sseit die Jungs in den Kindergarten gehen, habe ich ja gar keine Mittagspause mehr.

Heute wurde dieses Päuschen jedoch jäh und sehr schmerzhaft beendet. Der Quietschbeu war wohl der Meinung, ich habe nun lang genug geruht und sprang mit Schwung auf mich drauf. Dabei rammte er mir sein Knie gegen das Schambein und die Ellbogen in Magen und Rippen. Ganz kurz konnte ich tatsächlich die Engel singen hören und ihr Sound gefiel mich gar nicht!

Von den plötzlichen Schmerzen ergriffen schrie ich den Quietschbeu natürlich an. Wütend und sehr laut. Der grinste mich nur frech an und hüpfte erneut auf dem Sofa auf und ab, um sich dann aufs Löwenmäulchen fallen zu lassen (das zum Glück zu klein ist, um bösartig getroffen zu werden).

Natürlich habe ich dann geschimpft. Ich hab den Quietschbeu festgehalten, ihm tief in die Augen geschaut und gesagt, dass er das nicht dürfe! Er würde Mama und dem Löwenmäulchen sehr wehtun. Das war ihm heute aber scheinbar egal. Wenn der Quietschbeu übermüdet ist, wird er zum echten Wildschwein.

Er begann dann zu quietschen. Und ja, er trägt seinen Spitznamen weiterhin sehr verdient! Er ist schrill und laut. Seine Stimme überschlägt sich und sein Tonfall hat etwas hysterisch an sich. Die Art von Hysterie, die einen Aggressiv macht. Ich bat ihn das zu lassen, was er wiederum als Aufforderung sah noch lauter und schriller zu kreischen und zu quietschen. Über eine halbe Stunde ging das so. Ich verließ zwischenzeitlich mit dem Löwenmäulchen den Raum, was aber der Wut, die in mir aufkochte, keinen Abbruch tat. Nach einer guten Stunde setzte ich den Quietschbeu dann wortlos in sein Bett. Aber auch das war ihm pieps egal. Er kreischte und schrie und quietschte so unglaublich schrill und laut, dass sich mir die Nackenhaare aufrichteten und ich immer und immer wieder bis zehn zählen musste. Vermutlich hätte ich auch direkt bis 1000 zählen können. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

Ich boxte in Sofakissen, hielt mir die Ohren zu, versuchte durch Schmusen und Kuscheln mit dem Löwenmäulchen mehr innere Ruhe wiederzufinden … der Quietschbeu kreischte weiter.

Nach einer Weile holte ich ihn wieder zu uns ins Wohnzimmer. Hauptsächlich, weil ich inzwischen Angst hatte, dass die Nachbarn bald die Polizei rufen würden (das Quietschbeu-Zimmer liegt mit der Wand zu den Nachbarn). Ich versuchte ihn mit Malen, Kochen, Bücher abzulenken. Nichts half. Er kreischte, schrie, quietschte und lachte sich dann kaputt. Inzwischen heulte und weinte das Löwenmäulchen, weil ihm der ganze Lärm und die Hektik natürlich auch nervlich zusetzte.

Das ganze gipfelte also nach zweieinhalb Stunden darin, dass ich den Mann anrief und Rotz und Wasser heulte.

Und als der Quietschbeu sah, dass ich weinen musste, stand er plötzlich neben mir, schaute mich ganz eindringlich an und stellte leise fest: „Mama weint?“

Ich telefonierte noch zu Ende und holte mir beim Miezmann diverse Tschaka-Du-schaffst-das und Durchhalte-Parolen ab. Immerhin ist so ein Mann für eben genau das da! Dann legte ich auf und war innerlich sogar wieder so etwas wie ruhig.

Der Quietschbeu stand immer noch neben mir und sagte erneut:
„Mama weint?“
„Ja, Mama weint. Weil Du heute gar nicht lieb bist!“
„Ich mach Quatsch!“
„Nein, Männlein, das ist kein Quatsch. Das ist ganz ganz doof und blöd. Überhaupt kein lustiger Quatsch. Keiner lacht!“
„Doch! Ich lach!“
„Aber die Mama und das Löwenmäulchen nicht. Uns tut das sehr weh. Im Kopf und in den Ohren. Darum müssen wir weinen.“

Und dann streichelt er meinen Arm und sagt: „Mama, kuscheln?“ Ich hebe ihn hoch und drücke ihn ganz feste an mich. „Drück mich mal feste!“ Und er drückt so feste er kann und gibt mir von sich aus drei feuchte Küsse.

In diesem Moment bin ich sehr glücklich, wenn auch nervlich völlig am Ende. Ich bin stolz, dass ich meine ach so dünnen Nerven unter Kontrolle hatte. Vor meinem geistigen Auge hatte ich die Nerven nämlich mehr als einmal verloren. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie eigene Kinder haben, aus deren Säuglings-Non-Stop-Brüll-Phase. Da stellt man sich ja dann durchaus auch mal vor, das Kind aus dem Fenster zu werfen, ohne es wirklich zu tun.

Den Rest des Abends war der Quietschbeu dann wieder gewohnt liebenswürdig und lustig. Wir aßen Wurstnudelkraken und malten noch ein paar Flugzeugabstürze. Zum krönenden Abschluss gab es eine warme Milch und den Sandmann, bevor dann ohne Meckern oder Gezeter ins Bett gehuscht wurde.

Nun ruhe ich wieder in mir. Allerdings todmüde, so als habe ich den halben Tag neben einer Großbaustelle mit Presslufthammer und einer kreischenden Kreissäge gestanden. Wann war gleich nochmal Wochenende?

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Julia / Sep 19 2011

    Hach,da muss ich mal ganz stark kniepern..
    Da wusste der Quietschbeu wohl nicht,was für einen Schaden er da anrichtet!
    Aber faszinierend,wie gut er Sie versteht,wenn Sie ihm seine Gefühle erklären. Beeindruckend..
    Liebe Grüße und eine ruhige,erholsame Nacht. Julia

  2. Mrs. Felsenheimer / Sep 19 2011

    das schlimme an solchen situationen ist zu wissen, dass man es nur aussitzen kann. aber der quietschbeu zeigt ja auch ganz deutlich wie viel empathie in ihm steckt. so nahm der aufstand wenigstens ein gutes ende. das erinnert mich daran, dass ich neuen baldrian-tee besorgen muss^^

  3. yenofa / Sep 19 2011

    Das hört sich wirklich anstrengend an. Ich finde, nach so einem Nachmittag darf man auch ein wenig stolz auf sich sein. Bei den Gedanken an die Nachbarn musste ich innerlich ein wenig grinsen, denn die Sorge hatte ich heute kurzzeitig auch. Aber bei uns ging es insgesamt doch etwas gemäßigter zu, das Fröschlein ertrug es einfach nicht, mehr als 5cm von mir getrennt zu sein. Und das lässt sich ja zum Glück leicht beheben. Die großen Trotz-, Wut- und Sonstwasanfälle(oder auch Quatschmachanfälle) sind hier hoffentlich noch fern.

  4. Mo / Sep 19 2011

    Letzte Woche bin ich morgens von nem Alptraum geweckt worden. Das hat mich so mitgenommen und total verstört das ich verheult die Treppe runterkam und dem Mann einfach mal heulend in den Arm gefallen bin.
    Der Lütte saß am Tisch und mumpelte sein Frühstück.

    Ich putzte dann die Nase, setzte mich mit morgendlichem Getränk zu ihm an den Tisch und er fragte: Mama, hast du geweint?
    Ich nur: Ja Spatz, Mama hat was ganz blödes geräumt..
    Mini: Und wer nimmt dein Gesicht in die hand und küsst den blöden Traum weg? Iiich mach das.

    Und bei uns gipfelte das mit nutellaverschmiertem Haar & Schnute, morgens halb acht in Deutschland. ?

    Ich find gut das du das nicht versteckt hast. Kinder sollten sehen das es uns auch mal schlecht geht und wir keine Übermenschen sind. ;)

    ? , Mo.

  5. FrauNebeL / Sep 19 2011

    Ach Du,
    ich kenns, nur zu gut. Wenn auch mit ganz anderen Eigenheiten meiner Kinder.
    Es ist unglaublich schwer und anstrengend.
    Ich finde Euren AUsgang da ganz grossartig und behalt genau den im Kopf fürs nächste Mal:
    tschakka, du kannst das!
    ((()))

  6. lotterleben / Sep 19 2011

    Das tut sehr gut zu lesen. Also vor allem das Ende, aber auch die Stellen mit der kochenden Wut, dem Kampf um die innere Ruhe mit ganz festem Zähnezusammenbeißen und der tiefen Erschöpfung danach, das habe ich in der letzten Zeit beim (doppelt so alten) Tochterherz auch wieder durch – ich würde mich eigentlich als freundlichen und vor allem geduldigen Menschen beschreiben und es erschreckt mich immer wieder, welche Gefühle mein eigenes Fleisch und Blut in mir auslösen kann. Ein bißchen beruhigt es, daß es das auch woanders gibt.

  7. Stjama / Sep 20 2011

    Ich musste weinen, als ich deinen Beitrag gelesen habe. Mit dir und dem Löwenmäulchen, weil ihr so einen schrecklichen Tag hattet. Und über den süßen Quietschbeu, der dann so toll die Kurve gekriegt hat. Ich möchte euch drei am liebsten einfach drücken.

    Liebe Grüße,
    Stjama

  8. Katha / Sep 20 2011

    Wow, was für ein Tag! Gut, dass es herum ist und morgen (heute) wird alles besser! Garantiert (vermutlich)!
    Weinen als letzten Ausweg hatten wir hier auch das ein oder andere mal- die Kinder sollen schon sehen, dass Mamas zwar stark sind, aber wenn es nicht mehr geht- wie bei Dir- da bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass man schon einmal die Tränen raus lassen sollte, bevor es eskaliert. Oft wirklich oft hilft das. (nein, ich heule nicht ständig meine Kinder zu ;-) )
    Von hier also auch ein Tschakka-du-schaffst-das (das nächste Mal), und: hast Du gut gemacht. Auch, wenn es nicht so geplant war…

  9. eva / Sep 20 2011

    ui. ich sach doch: acdc, hells bells. hilft IMMER. konsequent. die gesichter dazu sind der hit. (ich möchte eine fotogalerie dazu machen.) red hot chilli peppers gehen auch gut.
    ich kenn das so gut. heut morgen streiteten sich meine beiden schulkinder um ihre getauschten spardosen. meine tochter kann furchtbar laut brüllen und sich mega-mäßig aufregen. das ging von ca 6h58 bis 8h, kurz vor der schule so.
    ich genieße gerade das gerumpel der waschmaschine.
    lg eva

  10. Marc / Sep 22 2011

    Nur zur Sicherheit, und als Reserve noch eins: Tschakka! Man weiss nie, wann man’s brauchen kann.

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