Bis einer heult! • Uff. Ächz.
Skip to content
11. November 2011 | Pia Drießen

Uff. Ächz.

Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend die Phase ist, in der die kleinen Menschen ihren eigenen Willen entdecken, ihn aber mangels Sprachvermögen nicht kommunizieren können. Das Löwenmäulchen taumelt derzeit von einer Frustration in die nächste. Und wir Eltern rotieren um ihn herum, versuchen zu erraten, was genau er jetzt gerade möchte und versagen doch leider meistens kläglich, wofür wir mit lautem, sehr enttäuschtem und verzweifeltem Geheule gestraft werden. Diese Phase schmerzt nicht nur im Gehör und an den Nervenenden, nein, auch ganz besonders im Herzen. In Sekundenbruchteilen schießen gigantische Krokodiltränen aus den kleinen braun-grün-blauen Regenbogenaugen, meist werden die Hände vor das Gesicht geschlagen und der Kopf hängen gelassen. Oft wird sich auch auf die Erde geworden, das kleine Gesicht fest an die Fliesen gepresst. Und geweint, geweint, geweint. Errät man dann nach einer gefühlten Ewigkeit den Wunsch und Willen, dann sehen einen verheulte rote Äuglein an, der kleine Kopf nickt ganz heftig und die spitzen Lippen formen immer wieder ein erschöpftes „Ja! Ja! Ja!“

Zum Glück heult das Löwenmäulchen nicht halb so schrill wie der Quietschbeu damals. Erstaunlicherweise hatte der dieselbe Phase nämlich zum selben Zeitpunkt: kurz nachdem er Laufen konnte. Damals haben wir gedacht, es sei die neue Situation, weil ja das löwenmäulchen gerade geboren worden war und ihn „entthront“ hatte. Ich vermute heute eher, dass die körperliche Erschöpfung der neugewonnenen Fähigkeit „laufen“ dazu führt, dass die Reaktionen auf Nichtverstehen (oder auch ein Verbot) so stark sind.

Auch wacht das Löwenmäulchen derzeit jede Nacht (mal früher, mal später) auf und weint gar bitterlich. Es gibt nichts was ihn beruhigen könnte. Gar nichts. Gestern Nacht war es eine ganze Stunde, in der er nur weinte und schrie. Schließlich ist er neben mir im Bett erschöpft in meinen Armen, dicht an mich gedrängt, eingeschlafen. Er tat mir so leid.

So ein Baby-Kleinkindleben ist von Phasen geprägt und Phasen gehen vorbei. Haben wir alle schon x-Mal gelesen. Dennoch. Trotzdem. Uff. Ächz.

***

Unser Besuch beim Sankt Martins Umzug war für den Quietschbeu und das Löwenmäulchen ein voller Erfolg. Mit großen Augen bestaunten sie das Feuer und winkten mit Hingabe Sankt Martin, der auf einem großen Schimmel seine Runden um das Feuer ritt. Der Quietschbeu sang lauthals mit mir „Ich geh mit meiner Laterne!“, wobei er sogar noch Text-sicherer war als ich, und das Löwenmäulchen hielt mit stolzgeschwellter Brust die ganze Zeit seine Laterne fest und weigerte sich, diese herzugeben. Der Quietschbeu war auf Grund ausgefallenen Mittagsschlafs (dazu ein andern Mal mehr) weniger gut gelaunt und wollte auf dem Rückweg nur getragen werden. Leider endete der schöne Tag für den Quietschbeu daher beim Abendbrot in großem, nicht enden wollendem Geheul. Auch hier: Uff. Ächz.

Print Friendly
Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. tadellos / Nov 11 2011

    ich finde das bei unseren und dem geringen altersabstand immer so praktisch, dass der grosse was durch macht und genau ein jahr später machts die kleine. mich entspannt das enorm, weil ich genau weiss „ach sieh mal an, da steht sie jetzt und das steht an!“

    • Mama Miez / Nov 11 2011

      Die Erkenntnis habe ich inzwischen auch erlangt und ja, gibt sowas wie ein „sicheres“ Gefühl (kann einem aber auch höllisch Angst machen. Nochmal SO EINE Trotzphase? OMG.)

  2. Tine / Nov 11 2011

    Gestern Abend dachte ich, dass diese Eigener-Kopf-Phase bei unserem kleinen Prinz schon mit dem 13 Lebenstag eingesetzt hat. Und es schmerzt gar bitterlich, dieses winzige Wesen im Brutkasten liegen zu sehen, den Kopf ständig drehen zu wollen – was aufgrund der Atemhilfe aber nicht möglich ist. Und er meckert, weil er nicht immer auf dem Bauch liegen und den Kopf nach rechts gedreht haben will. Und Mama kann nichts machen. Den kleinen Menschen nicht einfach in den Arm nehmen…

    Ich wünsche dem Löwenmäulchen, dass diese Phase schnell vorbei geht. Etwas zu wollen, aber noch nicht zu können, ist für uns Große ja auch ätzend.

    • Mama Miez / Nov 11 2011

      Ach Tine, Du bist so tapfer, ehrlich! Ich möchte nicht eine Sekunden in der Haut stecken und ich denk jeden Tag ganz fest an Dich und den kleinen Prinzen ?

  3. agatha / Nov 11 2011

    Hatte der QB nicht auch eine PHASE, in der er nachts aufwachte und schrie? Nachtschreck, oder? Oder hab ich das woanders…sorry, aber wenn ja, liegt auch das anscheinend in der Familie. Uff, Kopf hoch! Ächz, Kopf hoch!!

    • Mama Miez / Nov 11 2011

      Ja, das stimmt, aber beim Löwenmäulchen ist es kein Nachtschreck. Er ist richtig wach, während der Quietschbeu nie wirklich ansprechbar war.

  4. Shura / Nov 11 2011

    Unser kleiner Räuber ist auch in der Phase. Ich versage desöfteren kläglich, weil ich net erraten kann, was er meint. Und dann weint er und weint und weint..Manchmal auch nur, weil er seine Schwester sehen will und sie! die Süße!, desöfteren ein Wort sagt und er sofort heftig nickt und wieder glücklich ist. Beide haben eine Fantasiesprache, die sie untereinander verstehen. Das ist so süß!

    Kleiner Herr Löwenmaul, bald, bald wird es besser und deine Eltern verstehen, was DU meinst. Die Phase dauert zum Glück nicht ewig! :)

  5. Vorstadtpoetin / Nov 11 2011

    Oh ja, hier auch. Das Vorstadtkind haut auch gerne mal den Kopf auf den Boden, um seiner (für uns unverständlichen) Forderung Nachdruck zu verleihen. Mittlerweile hat er aber raus, dass das auch richtig schmerzhaft sein kann, weshalb er dann rechtzeitig den Schwung rausnimmt, abbremst und das Ganze nur andeutet – zum Piepen (aber lachen darf man natürlich nicht, ist ja eine ernste Angelegenheit, das Ganze).

    Wie lange dauert die wohl, diese Phase…? Sehr strapaziös – für alle Beteiligten.

    • Mama Miez / Nov 11 2011

      Beim Quietschbeu dauerte sie vier Wochen, wenn mich nicht alles täuscht. Aber die Phase ist nicht die ganze Zeit so extrem.

  6. fraucolle / Nov 11 2011

    Oahr, hört sich genau wie hier an. Kreischen, weinen, jammern, bei einem Nein oder der endlosen Suche nach dem was das Söhnchen gerne haben will.
    Krächz.
    Klingt zwar doof, aber freu mich das zu lesen – dann merkt man dass es normal ist.

  7. Barbara / Nov 11 2011

    Das tut gut, hier zu lesen, dass es anderswo genauso zugeht…. ich sage nur 20 Schwächeanfälle auf dem Weg zum Kindergarten, den der kleine Mann sonst spielend mitäuft… ihn störte, dass er eine Mütze tragen sollte…….

  8. Neumama / Nov 11 2011

    Ach, puh! Immer wieder erleichtert zu lesen: woanders auch. Mein hasenzahn ist ein Monat älter als das LM und bei uns wird auch nach 60 bis 80 Minuten Geschrei nur mit körperkontakt geschlafen. Aber dieses auf unserem Bauch und auf der Brust liegen ist soooo süß…und so anstrengend ;) und wieder: danke fürs bloggen!

  9. Anette / Nov 11 2011

    Ich tröste mich in solchen Phasen immer damit, dass sie wichtig und nötig sind. Wenn das LM nonverbal seine Wünsche deutlich machen könnte, würde es das auch tun und nicht sprechen lernen, denn es wäre ja nicht nötig. Vereinfacht gesagt.

    Kennst Du den alten Witz von den Eltern, die sich Sorgen machen, weil ihr Sohn nie ein Wort spricht? Die eines Tages total überrascht sind, als der Sohn beim Abendessen sagt: „Bitte gebt mir mal das Salz rüber, das fade Zeug kann man ja so nicht essen!“ Die Eltern sind entzückt. Der Sohn spricht endlich! Auf die Frage, warum er nicht schon früher was gesagt hätte, meint er: „Bisher war immer alles in Ordnung.“

    Liebe Grüße
    Anette

Leave a Comment

           

Rabatt Wochen bei Roompot