Bis einer heult! • Vom emotionalen Wachsen
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28. Februar 2012 | Pia Drießen

Vom emotionalen Wachsen

Es ist dieses große, bald 3jährige Kind, das mich derzeit so ein bisschen aus der Fassung bringt. Der Quietschbeu war zum Beispiel Zeit seines – zugegebenen noch recht jungen – Lebens, Nichtkuschler. Das heißt, er schaffte es maximal 5 Minuten auf meinem Schoß zu sitzen, mit dem Blick nach vorne, um nichts zu verpassen, und nannte das dann Kuscheln. Dann, von heute auf morgen, forderte er mich auf, mit ihm zu kuscheln, schmiegte sich feste an mich und ließ sich fallen. Einfach so.

Ich weiß nicht, was sich verändert hat. Ist er es, der plötzlich die Form von Nähe und Geborgenheit braucht, der plötzlich erkannt hat, dass diese Form von Nähe und Geborgenheit Kraft gibt? Oder habe ich mich verändert? Strahle ich nun mehr Ruhe aus? Vermittle ich ihm erst jetzt das Gefühl, sein Ruhepol sein zu können? Aber das Löwenmäulchen kuschelte doch schon immer so intensiv mit mir? Hat sich vielleicht mein Verhältnis zu meinem ältesten Kind geändert?

Es steht außer Frage, dass der Quietschbeu diese eine große Liebe ist, die man als Mutter empfindet, wenn man eben das erste Mal Mutter wird. Diese überwältigenden Gefühle, mit denen man nie im Leben gerechnet hätte, die sind mit nichts anderem auf der Welt vergleichbar.

Aber auch die Ängste und Sorgen, die damit einhergingen, projiziert man anfänglich auf das Kind. Man hat die unmöglichsten Gedanken und Sorgen und ist – unterm Strich mal ganz objektiv betrachtet – fürchterlich egoistisch in seiner Denkweise:

  • Wieso schreit mein Kind anhaltend?
  • Was mache ich falsch?
  • Ich mache alles falsch!
  • Bin ich keine gute Mutter?
  • Ich bin keine gute Mutter!
  • Ich kann es ihm nie recht machen!
  • Er mag mich nicht.
  • Er hasst mich!

Es ist auch kein Wunder. Hat man doch bis zu dem Zeitpunkt, an dem man eben das erste Mal Mutter wird, sich immer nur um sich selber und ums eigene Seelenheil kümmern müssen. Dann ist da von heute auf morgen dieser winzige Mensch, der zu hundert Prozent von einem abhängig ist und für den man im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig ist. Das eigene kleine Universum stellt sich auf den Kopf, man muss seine eigenen Bedürfnisse von gleich auf jetzt hinter die eines neuen, hilflosen und zu Beginn fremden Menschen stellen.

Heute weiß ich, dass ich meine Aufgabe gut gemeistert habe. Doch in diesem ersten Lebensjahr des Quietschbeus habe ich das ganz oft nicht gewusst, ja, nicht einmal erahnt. Wäre es also verwunderlich, wenn diese ganze Zeit, das Neue, das Unbekannte, das (Über-)Fordernde unser Verhältnis … nun, nennen wir es mal schwierig gestaltet hätte?

Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder dabei ertappt, dass ich mich mehr um den Quietschbeu sorge, als um das Löwenmäulchen. Dass ich nach wie vor das Gefühl habe, ich muss ihn mehr unterstützen und ihm mehr zur Seite stehen, als dem kleinen Bruder. Er ist so feinfühlig, mit seinen mikro-sensiblen Stimmungsantennen, so unfassbar empathisch. Mein Gott, er ist noch nicht mal 3 Jahre alt und hat schon mehr Mitgefühl als die meisten Erwachsenen, die ich kenne.

Das Kindergartengespräch vor wenigen Wochen hat mir gezeigt, dass ich als Mutter mehr Möglichkeiten und Macht habe, auf das Wohlsein meines Kindes Einfluss zunehmen, als ich bisher gedacht habe. Wundern Sie sich ruhig. Aber ich dachte, wie mein Kind in seinem Umfeld zurechtkommt, das liegt allein daran, wie ich mein Kind erziehe und was ich ihm mitgebe. Aber das ist Blödsinn. Mein Kind ist, wie es ist. Ich kann ihm natürlich beibringen und vorleben, dass man Bitte und Danke sagt, aber dass er sensibel und empathisch ist, dass steckt in ihm. Das ist er. Ohne mein Zutun!

So ein bisschen hat diese Erkenntnis wohl auch bewirkt, dass ich innerlich ruhiger wurde. Dass ich noch weniger bei mir und meinem Umgang mit ihm nach Änderungsmöglichkeiten suche, sondern ihn viel mehr in seiner gegebenen Umgebung wahrnehme und schaue, ob auch da alles in guten Bahnen läuft. Dass ich nicht nur das Innen (wir, die direkte Familie), sondern auch das Außen (die weitere Familie, seine Freunde, der Kindergarten, das Turnen, der Musikgarten) aufmerksam beobachte und gegebenenfalls einschreite, wenn ich merke, dass ihm etwas nicht gut tut (wie zum Beispiel diese eine Erzieherin in seiner Gruppe).

Irgendwas, auch wenn ich es derzeit nicht konkret greifen kann, hat sich also geändert. An mir, an ihm, an uns.

Seit Wochen schläft er nun die halbe Nacht in unserem Bett, eng an uns gekuschelt oder auf den Rücken liegend, die Arme von sich gestreckt. Vertrauen pur. Dabei hat er es bis vor Kurzem gehasst, in unserem Bett zu schlafen. Zu eng, zu viel Bettdecke, zu viele Geräusche.

Als wir das erste Mal gemeinsam den Musikgarten besuchten, war er so offen und neugierig, wie ich ihn noch nie zuvor in einer neuen, fremden Situation erlebt habe. Kein Fremdeln, sondern lauthals mitsingen, Musik machen und sich Lieder wünschen.

Und er hat einfach mal so alleine entschieden, dass er jetzt trocken sein will. Seit Samstagmorgen, als er beschloss keine Windel mehr tragen zu wollen, hat er nur noch auf der Toilette Pipi gemacht. Keine Unfälle, weder zuhause, noch im Kindergarten.

Es fühlt sich so gut an, zu sehen, wie er mutiger und selbstbewusster wird. Und wie er trotzdem mehr Nähe sucht und sich mehr anvertraut. Tatsächlich fallen mir kleine Veränderungen an ihm nun auch viel früher auf. Wenn er sich in einer Situation unwohl fühlt merke ich das schon an seinem Blick, seiner Körperhaltung und nicht erst, wenn er es verbal äußert. Zweieinhalb Wochen war er nun auch im Kindergarten wie ausgewechselt, fröhlich und wild. Doch seit vergangenem Freitag ist er wieder mehr in sich gekehrt. Heute Morgen äußerte er, er wolle nicht in seine Gruppe gehen, sondern in der Löwenmäulchengruppe bleiben. „Mama, gib mir Deine Hand ja?“ hat er geflüstert und mir wurde ganz schwer ums Herz, als ich ihn angrinste und lachte „Na klar mein Schatz!“

Aber das, das ist nun wieder ein anderes Thema (das ist so sehr gehofft hatte, geklärt zu haben …)

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Pjaupe / Feb 28 2012

    Danke für’s Teilen – wie immer wunderbar ehrlich und voller Herz! Gerade der erste Teil hilft mir als noch frische Mama – zu sehen, dass die Gefühle und Gedanken nicht nur in meinem Kopf sind, sondern auch von anderen gedacht werden/wurden.

  2. Marlene´s Mom / Feb 28 2012

    Hallo!
    Eine Freundin hat auch einen Sohn, so gar kein Kuschler. Plötzlich sucht ihr viel mehr ihre Nähe, wie bei Dir. So wie Erwachsene unterschiedlich sind, sind es so kleine Mäuse ja auch schon. Dieses „Nicht kuscheln“ ist wohl nur das Erkennen, dass man eine eigenständige Person ist. Das ist manchmal ganz toll, manchmal so beängstigend und dann suchen sie Mama´s Nähe. Hat mir mal eine Kleinkindpädagogin erklärt. Das hilft auch manchmal, um diese Selbstzweifel, die auch mich plagen, etwas einzudämmen und entspannter zu sagen: So isses eben. Das gehört jetzt zur Entwicklung.
    Er scheint ein ganz Süßer zu sein, dein Quietschbeu! Wie immer sehr schön geschrieben!

  3. WollibosWelt / Feb 28 2012

    Ich habe bei meinen beiden auch das Gefühl, dass sie umso verschmuster sind, je mehr sie sich ihrer Umwelt öffnen. Vermutlich, weil sie eben die Bestätigung brauchen, dass Mama trotzdem da ist, auch wenn sie sich von uns entfernen, um die Welt zu erkunden und neue Dinge kennenzulernen. Unser kleines Schneeflöckchen (14 Monate) ist schon seit einiger Zeit sehr verkuschelt. Sie ist auf der anderen Seite aber auch ein sehr abenteuerlustiges und aufgeschlossenes Kind. Unsere fast Vierjährige war dagegen immer extrem anhänglich, ohne jedoch das Bedürfnis zu haben, wirklich mit mir zu kuscheln. Seit einigen Monaten beobachte ich bei ihr aber, dass sie immer mutiger wird, mehr aus sich heraus und auf andere zugeht. Und fast zeitgleich wurde sie auch deutlich kuschelbedürftiger. Möchte morgens nach dem Aufwachen intensiv kuscheln und abends vor dem Schlafengehen ebenso. Auch tagsüber kommt sie immer wieder von sich aus auf mich zu, um zu kuscheln – was ich selbst auch sehr genieße. :-)

  4. Stephie / Feb 28 2012

    Wieder so ein toller Post! Danke fürs Teilen!

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