Bis einer heult! • Ein netter Kerl.
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27. September 2012 | Pia Drießen

Ein netter Kerl.

Mein Kind ist das, das nicht „Guten Morgen“ sagt. Schon wieder. Wer und hier uns schon ein Weilchen begleitet, der weiß vielleicht noch, dass der Quietschbeu in seiner alten U3-Gruppe den harten Kampf um den Guten Morgen-Gruß ausfechten musste. Mal sagte er es zu leise, dann nicht oft genug. Dann eine Weile lang gar nicht mehr. Irgendwann platzte der Knoten und mein Kind wünschte lauthals einen Guten Morgen, so lange und so oft, bis auch der letzte auf ihn reagierte.

Dann folgte der Wechsel in die Ü3-Gruppe und alles Selbstbewusstsein meines großen Sohnes war dahin. Sich verschüchtertes hinter meinen Beinen verstecken, sich an mich klammern, trölftausend Abschiedsküsse und „Mama, bleib hier!“s. Das ist im Moment der Quietschbeu. Das zehrt so ein bisschen an meiner Gelassenheit, aber die brauche ich ja wiederum, damit der Quietschbeu sich sicher fühlt und gut ankommt. Also gehe ich spätestens nach dem 3 Abschiedskuss. Ohne Diskussionen. Dann mault und meckert er meist noch eine Minute, isst dann aber in aller Ruhe sein Frühstück.

Jedenfalls schafft er es seit dem Wechsel in die große Gruppe nicht, einen Guten Morgen zu wünschen. Wobei mir nun auffiel, dass er einer ganz bestimmten Erzieherin keinen guten Morgen wünscht. Da diese nun alles andere als unsympathisch ist, habe ich ihn einfach in einer ruhigen Minute mal gefragt, warum er die Frau K. nicht grüßt. Und dann kam eine Antwort, mit der ich so nicht gerechnet habe und die mich auch so ein bisschen ins Schleudern bringt.

„Weil die Frau K. einen ganz dicken Bauch hat.“

Ich war im ersten Moment total schockiert und fragte mich, wann ich meinem Kind suggeriert haben könnte, ein dicker Bauch sei was Schlimmes. Frau K. ist tatsächlich sehr korpulent, was aber nie thematisiert wurde, schon gar nicht negativ. Sie ist ein herzlicher, warmer Mensch und wir mögen sie alle sehr. Ich fragte also nach, was an dem dicken Bauch denn so schlimm wäre.

„Die Frau K. bekommt ein Beebi. Und dann ist die weg und kommt gar nicht mehr wieda!“

Und da fügte sich dann alles irgendwie wieder zusammen. Für den Quietschbeu hat die Frau K. nur einen dicken Bauch und aus dicken Bäuchen kommen Babys. Und die Lieblings-Erzieherin vom Löwenmäulchen ist vom Dienst suspendiert, weil sie eben ein Baby erwartet und ihr eine bestimmte Immunisierung fehlt. Die ist weg und kommt erst mal nicht wieder. So sensibel und – nun ja – empfindlich wie mein Kind nun einmal ist, denkt der jetzt, gewöhn Dich mal lieber nicht zu sehr an die Frau K., die ist dann eh bald weg. Ja, Kinder ticken so. Meins zumindest.

Ich frage mich nun, ob und wie man sowas anspricht. Weil, eigentlich möchte ich nicht, dass die Frau K. denkt, der Quietschbeu mag sie nicht. Das tut er nämlich. Sehr sogar. Als ich ihm erklärte, die Frau K. bekäme gar kein Baby, wollte er natürlich direkt wissen, warum sie dann so einen dicken Bauch hat. Aber ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Ich habe geantwortet, dass es eben dicke und dünne Menschen gibt. So wie es große und kleine Menschen gibt. Wirklich befriedigt hat ihn die Antwort nicht. Er schien weiterhin misstrauisch. So ein bisschen vermute ich auch, dass der Gruppenrüpel dahinter steckt. Vielleicht hat der irgendeinen blöden Spruch gerissen. Dafür ist er nämlich bekannt. Für dumme Sprüche und dummes Verhalten. Und das sage ich nicht nur aus dem subjektiven Empfinden einer Mutter heraus. Ich weiß das von den Erziehern.

Er hat sich den Quietschbeu sofort in der ersten Woche als Ziel seiner Attacken ausgesucht. Weil der Quietschbeu der jüngste Junge in der Gruppe ist. Alle anderen neuen Kinder sind Mädchen.

Am Anfang hat der Quietschbeu zu Hause noch geweint und gesagt, der N. habe ihn gehauen und gesagt er dürfte dieses und jenes nicht spielen und hier und dort nicht stehen oder sitzen. Auf meine Ansage hin, das müsse er sich nicht gefallen lassen, hat er dann begonnen sich zu wehren. Was aber wiederum dazu führte, dass die beiden wie ein Pulverfass sind.

Gestern konnte ich zufällig beobachten, wie der N. dem Quietschbeu eine Decke wegnahm, mit der er spielte. Sofort sprang der Quietschbeu auf, packte die Decke und riss daran. Dabei schrie er, er habe mit der Decke gespielt und der N. solle sie SOFORT los lassen.  Als die anwesende Erzieherin sich zur Szene umdrehte ließ der N. sich wie einen Stein auf die Erde fallen und schrie und heulte. So eine Szene habe ich mit dem N. schon mal erlebt. Da hat er sich vor mir fallen lassen, weil ich ihn ermahnt hatte. Die anwesende Erzieherin hatte ihn daraufhin damals, wie auch gestern, streng ermahnt und mir erklärt, das sei seine Masche, ich müsste mich nicht sorgen, sie würden das schon kennen.

Meine Sorge ist aber nicht, dass der Quietschbeu fälschlicherweise beschuldigt wird dem N. irgendwas getan zu haben, sondern dass er sich das Rüpelverhalten von N. abguckt und annimmt. Zuhause ist er nachmittags inzwischen so viel wilder und lauter und ärgert für meinen Geschmack auch das Löwenmäulchen viel zu häufig mit wirklich saublödem Verhalten.

Gestern ergab es sich dann, dass ich der anwesenden Erzieherin meine Sorge unbemerkt von den Kindern mitteilen konnte und sie versicherte mir nachdrücklich, dass sie das im Auge hätten und schon in den Griff bekommen würden. Der Quietschbeu sei ein liebes und ruhiges Kind und sie würden sich nach ihren Möglichkeiten bemühen, Rüpel N. von ihm fernzuhalten.  Es ist ja bekannt, dass der Quietschbeu eher introvertiert ist. Er muss auch erst lernen, wie man sich ruhig aber bestimmt zur Wehr setzt. Solche Kämpfe musste er ja bisher weder zu Hause noch im Kindergarten ausfechten. Ist alles ein Lernprozess.

Mit dem Wissen um die aktuelle Situation im Kindergarten und das daraus resultierende Rüpelspiel am Nachmittag zu Hause, bin ich gestern mit der Valium-Taktik auf den Quietschbeu eingegangen und habe direkt super Erfolg damit gehabt.

Valium-Taktik bedeutet, dass ich mit dem Quietschbeu immer in sehr leisem, sehr beherrschten und sehr liebevollen Tonfall spreche und dabei vor Verständnis und Zustimmung nur so strotze. Grundsätzlich ist das ohnehin meine Erziehungsbasis, aber bei der Valium-Taktik ist das alles noch mal stark überzeichnet. So stark, dass es mich bei anderen Menschen beobachtet vermutlich total kirre machen würde.

Man stelle sich das so vor: Wir haben klar definierten Grenzen, die der Quietschbeu kennt und einzuhalten hat. Diese Grenze stelle man sich nun wie einen Weidezaun vor, zum Beispiel. Der Quietschbeu ist nach dem Kindergarten so aufgeputscht, dass er ständig auf dem Zaun hängt, daran rum turnt und in einer Tour rütteln, nur um ihn einzureißen. Normalerweise bin ich sehr konsequent und nehme ihn – sinnbildlich – ohne Diskussionen vom Zaun wieder runter. Punkt. Bei der Valium-Taktik habe ich so viel Verständnis für das Vorhaben des Quietschbeus und säusle ihm in einer Tour so liebevoll ins Ohr, dass er schließlich selber vom Zaun wieder runter steigt und die bekannten Grenzen als Schutz wahrnimmt, nicht als Hindernis.

Das erfordert viel Geduld, Zeit und Kraft. Die hab ich nicht immer. Weder Geduld, noch Zeit, noch Kraft. Ich bin ja nicht Superwoman. Aber in dieser wichtigen Phase, in der der Quietschbeu halt lernen muss sich zu behaupte, zu positionieren und dabei dennoch sozial zu handeln, in dieser Phase muss die Geduld, Zeit und Kraft einfach da sein. In dieser Phase muss ich versuchen Superwoman zu sein.

Denn nur so kann meine kleine Testosteronbombe ein netter Kerl werden. Und mehr will ich ja gar nicht.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. die_schottin / Sep 27 2012

    Genau so ein Problem haben wir hier derzeit auch. Colin kann derweil zum AK mutieren. Das kannten wir vor dem Kindergarten nicht. Er haut manchmal um sich, tritt und hört so gar nicht. Momentan hilft da leider rein gar nichts. Nicht einmal Deine so called „Valium-Taktik“.
    Ich weiß aus Erzählungen von Colin und denen anderer Mütter, dass es mindestens einen Jungen in unserer und auch einen Jungen in der Nachbargruppe gibt, die sich die kleinen Jungs vorgenommen haben. Das Resultat daraus hockt dann nachmittags in Form eines Rumpelstiezchens bei uns daheim. Heute Abend ist Elternabend im KiGa und ich werde das Thema gezielt ansprechen. Inwieweit die Erzieherinnen darauf eingehen, möchte ich wissen. Kinder imitieren gerne, aber bitte nicht ein solch asoziales Verhalten. Ich habe auch wenig Lust darauf, das Colin nächstes Jahr hier derjenige ist, der die kleinen Kinder attakiert. Ich wünschte mir manchmal Mäuschen spielen zu können.

  2. Stephie / Sep 27 2012

    … und mal wieder bewundere ich dich und versuche mir klammheimlich für die nächste Zeit oder auch Jahre eine Scheibe abzuschneiden, mich zu motivieren und mir zu sagen, „das schaffst du auch, wenn es beim Schmusebäckchen soweit ist“..

    Ich bin mir 100% sicher, dass der QB ein super netter kleiner und später großer Kerl wird. Ehrlich!

    LG

  3. LittleMinx / Sep 27 2012

    Ich kann Stephie da nur zustimmen, ich finde Dich auch absolut bewundernswert, vor allem, weil Du es bei drei Kindern auch noch schaffst, regelmäßig zu bloggen! Hut ab!
    Auch ich finde es ganz toll, und versuche mir eine Scheibe ab zu schneiden.
    Bei einer so tollen Mama kann ja nur was Großes aus Deinen Kids werden!

  4. rage / Sep 28 2012

    meine damen, entspannen sie sich. es ist ganz normal, dass ihr kind ab und zu ein ak ist, und es ist genau so normal, dass ein anderes kind das ak ist. sind sie froh, dass es derzeit nicht ihr kind ist. und glauben sie mir: ihr kind lernt dabei unglaublich viel. nämlich, sich zu wehren, gegen andere zu bestehen und seine eigenen grenzen kennen zu lernen. wege, sich aus der abhängigkeit anderer kinder zu lösen und eigene kameraden zu finden. undsoweiter. und das, was im kindergarten abgeht, ist noch harmlos. seien sie froh, dass es dieses übungsfeld in einem geschützten rahmen mit erzieherinnen etc. gibt. später, auf dem pausenplatz und auf dem heimweg, gibt es diesen nicht mehr. (ich gehe jetzt von schweizer verhältnissen aus, hier ist es üblich, dass die kinder alleine in die schule und in den kindergarten laufen und wieder zurück. auch alleine in den hort etc..) und es wird die zeit kommen, in der ihr kind alleine auf den spielplatz geht! (hier: ab zwei, drei jahren, allerdings mit blickkontakt zum haus.)

    es gibt gefüge, in denen ihr kind das ak sein wird. und andere, in denen ihr kind unter dem ak leidet. es ist aber immer so: sobald eines weg ist, mutiert ein anderes zum ak. ausserdem muss auch asoziales verhalten imitiert werden, denn wie anders soll ein kind merken, dass es so keine spielkameraden findet? dass so die türen zu den freunden verschlossen bleiben, weil die eltern solche spielkameraden nicht wollen? da wären dann wieder die grenzen.

    wo wir wohnen, gibt es verschiedene aks. manchmal sind es meine, manchmal die anderen. aber es ist auch immer so: sie kommen auch ohne meine kinder auf die allerdümmsten ideen. und das ist gut so, denn alle zusammen lernen dabei, was sie dürfen und was nicht. und dass das überschreiten von regeln auch konsequenzen hat.

  5. Tanja / Sep 28 2012

    WOW! Meinen allergrößten Respekt, liebe Frau Miez! Diese „Valium-Taktik“ würde ich nie nie NIE durchhalten können, denn die Prinzessin – so wie ich sie kenne – würde es ausnutzen, bis zum bitteren Ende. Gut, nun ist sie älter, aber auch damals wäre es so gewesen, dessen bin ich mir sicher.
    Mal davon abgesehen, dass ich sehr auf die Regeln und Grenzen bestehe und es mir absolut nicht vorstellen kann, diese so flexibel zu gestalten und so lange geduldig zu warten, bis das Kind sich von alleine dran halten mag. Uff.
    ABER wenn es beim QB den gewünschten Erfolg hat und Sie das so können: Meinen allergrößten Respekt und alles Gute für dieses Vorhaben… :-)

  6. Marei / Sep 28 2012

    Wenn ich groß bin, möchte ich auch mal so viel Geduld und Kraft haben wie du.

    Ich bin mir total sicher, dass dein Quietschbeu es nicht „dans son caractère“ hat (wie Hercule Poirot sagen würde), wie der Gruppenrüpel zu werden, aber ich finde es total beeindruckend, wie liebevoll du ihm die Zeit gibst, das selbst herauszufinden und mit seinem Frust umzugehen, den Gruppenrüpel von seinen Hacken zu schütteln.

    Von ganzem Herzen ziehe ich meinen Hut vor dir und wünsche dem Quietschbeu, dass er bald unbehelligt spielen kann!

  7. FrauPerle / Sep 28 2012

    Nein, keine „Superwomen“. Aber, die beste Quietschbeu Mama der Welt. Wird der Quietschbeu mir bestimmt bestätigen :o)

  8. Nadine / Sep 29 2012

    Klasse Technik, muss ich mir merken! Werde sie aber erstmal bei meinem Mann testen. Der Zwerg ist noch zu klein! Aber klappt das valiumtechnische danieder Reden immer oder versuchst Du es einfach immer wieder! Und gibt es nicht Situationen, wo alles nichts hilft und man am besten Schreien würde! Bei mir auf der Arbeit, Jugendwohngruppe, würde das nie klappen, denn je leiser Du bist um so lauter sind die Kids! Komisch aber war! Heißt nicht, das ich eine Verfechterin des Lauten Redens wäre, aber es ist gut zu wissen, das es in jungen Jahren vielleicht antrainiert werden kann! Und es schon die Stimmbänder ungemein!
    In diesem Sinne, immer wieder schön dich zu lesen!
    Bis bald!

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