Bis einer heult! • Was uns erdet.
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24. Juni 2013 | Pia Drießen

Was uns erdet.

Es gibt eine Geschichte in meiner Familie, an die ich in den letzten Tagen oft denken muss. Ich bin mitten im Herzen von Köln geboren. Als Einzige meiner Geschwister, die alle in Hessen zur Welt kamen. Ich muss so 3 oder 4 Monate alt gewesen sein, als die erste Karnevalszeit meines Lebens anbrach und meine Familie samt mir zu einem Kölner Karnevalsumzug ging. Meine Familie erzählt gerne, dass ich ganz fürchterlich schrie, weil man meinen Sauger vergessen hatte und ich so wohl meinen Unmut über aufkeimenden Hunger kundtun wollte. Ich schrie und schrie und schrie. Bis der erste Spielmannszug vorbei zog und direkt vor meiner Mutter und mir die „dicke Trumm“ (Pauke) zu Stehen kam. Mein Weinen verstummte und ich lächelte, während der Paukenschläger immer und immer wieder auf die Pauke traf und die nahe Umgebung in sanftes Zittern versetzte.

Meine ganze Kindheit und auch noch heute, habe ich die Pauke und lauten, dumpfen Bass, der einem bis in die Magengrube zieht und das Innere leicht erschüttert und in Schwingungen versetzt, geliebt. Es löst in mir ein Gefühl von Euphorie und Freude aus. Immer noch.

Der Quietschbeu wollte, seitdem er sprechen kann, eine Trommel haben. Er bekam schließlich eine Bongo, die er auch sehr liebt, aber das, was er eigentlich wollte, war das nicht. Er liebt die Pauke über alles. Der Bass macht ihn glücklich und ruhig.

Am Wochenende hatte er einen kleinen Gefühlsüberlauf, war unruhig, unwillig und fahrig. Er zappelte umher, hörte nicht zu und war in einer Tour sehr laut. So schickte ich ihn irgendwann hoch in sein Zimmer, wo er eine kleine Auszeit vom Wohnzimmer-Trubel nehmen sollte. Er machte sich selber seine Leo Lausemaus Geschichte an und saß auf der Bettkante. Nicht einmal hinlegen wollte er sich, so nervös war er.

Wir holten ihn schließlich wieder zu uns ins Wohnzimmer, wo der Miezmann eines unserer liebsten Konzerte – eines von Genesis – auf DVD anmachte. Das Konzert beginnt mit einem infernalischen Schlagzeug-Solo von Phil Collins persönlich und geht dann in einen Schlagzeug-Battle mit seinem Band-Schlagzeuger über. Für mich ist das Gänsehaut pur und ich könnte allein diese Minuten immer und immer wieder ansehen.

Der Quietschbeu saß im Wohnzimmer auf der Erde, im Schneidersitz, und sah zum Fernseher. Als das Drumsolo begann, war sein Körper das erste Mal an diesem Tag ganz ruhig. Seine Augen leuchteten, sein Mund verzog sich wie von Zauberhand zu einem breiten Lächeln und seine Finger trommelten rhythmisch auf seinem Bein. Er war völlig gefangen, von dem was er sah und dem was er spürte.

Das rhythmische Vibrieren, das einem bis in die Knochen geht, das den Bauch in Schwingung versetzt und die kleinen Schmetterlinge fließen lässt, die ich seit jeher kenne.

In seinem Bauch fliegen sie auch, kitzeln ihn und lassen seine Augen vor Glück und Euphorie strahlen.

So ruhig und ruhend habe ich ihn seit Tagen nicht erlebt. Er war völlig geerdet, zufrieden und bei sich.

Mich hat dieses Bild sehr berührt. Positiv. Darum wollte ich es mit Ihnen teilen.

Unser aktuelles Lieblingslied ist das hier:


Imagine Dragons — Radioactive – MyVideo

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. hummelchen84 / Jun 24 2013

    Wahnsinn… immer wieder erstaunlich was Musik – na in dem Fall sogar nur ein Instrument – so bewirken kann!? Hab ich so noch nie gehört und find das echt faszinieren.. Schön, wenn man sowas rausfindet!

    Gibts denn eure Wohnsituation her, dass er mal als „großer Junge“ (wann immer das sei, keine Ahnung wie groß man dafür sein muss und ab wanns Unterricht gibt) dann „echtes Schlagzeug“ lernen kann? Das was ihn so beruhigt später mal selbst produzieren zu können wär ja bestimmt Balsam für ihn, und mit so einer Begeisterung als Voraussetzung hat er bestimmt auch das Talent oder die Freude, richtig *gut* zu werden… ?

  2. / Jun 24 2013

    Liebe Frau Miez,
    Nun muss ich mich als bisher stille Leserin doch mal melden.
    Dieses Gefühl, das sie da beschreiben, das kenne ich sehr gut. Ich liebe Trommeln und Bass, immer schon.
    Da ich auch ein großer Japan-Fan bin, entdeckte ich schon vor einigen Jahren Taiko – japanische Trommeln. Seitdem vergeht keine Woche, in der ich nicht einmal eine meiner Konzert-DVDs einlege, um mich zu entspannen, meine Nerven zu beruhigen, oder einfach nur um das Kribbeln zu spüren.
    Vielleicht schauen Sie mal bei Youtube nach Taiko. Und vielleicht können die kraftvollen Rhythmen und die Schwingungen der schweren Trommeln Sie ja auch erden. :)

    Liebe Grüße

  3. G / Jun 24 2013

    He, ein neuer Schlagzeuger ist geboren, oder ein neuer Weltmusiker. Denn den Rhythmus hat er damit ja schon im Blut. Das Freut das Elternherz mit Sicherhiet :)

    Schöne Grüße

  4. Frau PN / Jun 25 2013

    Das klingt so schön.
    Danke fürs Teilen.

    Ich konnte noch nicht feststellen was der Käthe besonders gut tut, sie beruhigt, etc. Muss ich mal näher drauf achten…

    :)

  5. Liebe Mamamiez,

    viiielen Dank für diesen Post! Durch ihn habe ich mich an ein Lied erinnert, das ich am Ende der Schwangerschaft rauf und runter gehört habe. Gestern habe ich es meinem den ganzen Tag quengeligem Baby vorgespielt – und auch er hat sich direkt beruhigt. Vielleicht konnte er sich tatsächlich erinnern, oder der Rhythmus hat ihn einfach beruhigt. Auf jeden Fall hat es geholfen.
    Danke!!

    Liebe Grüße
    Julia

  6. Julchen / Jun 25 2013

    Hier auch so. Mein Bruder spielt auch von klein auf Schlagzeug, und braucht es auch heute noch immer mal um “runter zu kommen. Ich habe das Cello immer sehr geliebt. Dauerbrenner sind hier Muse, Depesche

  7. Julchen / Jun 25 2013

    Ach ja, unterwegs mit Swype gar nicht so einfach ;) sollte heißen Muse, Depeche Mode etc gehen immer, momentan außerdem sehr beliebt ist Bastille. LG

  8. Gletscherfee / Jun 26 2013

    Liebe Frau Miez

    Ich bin soeben erst auf Ihre Seite gestossen, weiss seit ganz kurzem erst, dass ich auch hochsensibel bin. Dieses Gefühl von tiefem „Bass im Bauch“ kenne ich ganz gut. Gänsehaut kriege ich jedoch vorallem bei Dudelsack Klängen. Eine Militärmusik z.b. am Basel Tattoo bringt da Gefühle mit sich, die man kaum fassen kann. Wunderschön! Dass Ihr Sohn sich dadurch geerdet fühlt finde ich wunderbar. Da ich mich erst seit kurzem damit beschäftige weiss ich auch noch nicht ganz sicher, ob einer meiner beiden Söhne ebenfalls hochsensibel ist. Eine Ahnung hab ich da schon, aber das braucht nun alles etwas Zeit.

    Liebe Grüsse
    Gletscherfee

  9. Frau Muggel / Jun 26 2013

    Ich kann den kleinen Mann so gut verstehen.
    Es war in einem Elektronikmarkt, als ich genau dieses Battle das erste mal auf einem riesigen LCD TV sah und gar nicht weiter gehen konnte. Wie paralysiert blieb ich stehen, ich glaube sogar mit offenem Mund.
    Schlagzeuge und alles drumherum haben mich ebenfalls schon immer fasziniert, ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass mein Daddy Schlagzeuger war?

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