Bis einer heult! • Therapeutisches Rezensieren: Shades of Grey
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1. August 2013 | Pia Drießen

Therapeutisches Rezensieren: Shades of Grey

Im letzten Urlaub in den Niederlanden habe ich ein Buch gelesen. Nein. Zwei. Es waren die einzigen deutschsprachigen Bücher, die ich vor Ort bekommen habe. Bestseller. In Deutschland.

Problem 1: ich kann kein angelesenes Buch weglegen.

Problem 2: diese Reihe verfolgt mich nachhaltig. Und das meine ich jetzt weniger positiv.

Ich habe nach einigem hin und her überlegen also den Entschluss gefasst, dieses Buch auf meine ganz persönliche Art und Weise zu rezensieren. Mir quasi den Frust von der Seele zu schreiben. Wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, dass mich ein ganzer Pulk Fangörls vermutlich virtuell schlachten wird. Aber das muss raus. Aus meinem Kopf!

Für alle, die besagte Buchreihe noch nicht erkannt und/oder noch nicht gelesen haben und dies eventuell für die Zukunft planen:

Hier geht es um die Trilogie „Shades of Grey“. Meine Rezension wird vor Spoilern und inhaltlicher Wiedergabe nur so strotzen. Lesen Sie sie nicht, wenn Sie sich die Spannung (ahahahaha) bewahren wollen.

***

Ich weiß gar nicht, wo ich genau anfangen soll. Buch 1 bedient noch dieses klassische Modell von „unschuldige junge Frau“ (folgend die Unschuld genannt) verfällt „bösen dunklen Biest“ (folgend das Biest genannt) . Das böse dunkle Biest ist ein mega-super-duper erfolgreicher Unternehmer, der wirklich in jeder Branche irgendwas am Laufen hat. Super-Magnat. Irgendwas Mitte/Ende 20. Und einen Hang zu BDSM. Im Schnelldurchlauf endet das erste Buch damit, dass er sich in die junge Unschuld verliebt und seinen bisherigen Lebenswandel ihr zur Liebe ändern will.

Da ich jetzt nicht auf den kompletten Inhalt, der generell Spannungskurventechnisch eher wie leichter Schluckauf verläuft, eingehen will, zähle ich einfach mal die Dinge auf, die mich wirklich genervt haben:

  • Die Unschuld ist so abgrundtief naiv und dümmlich. Nach 50 Seiten weiß der Leser ganz genau, wie das Biest tickt. Sie hingegen rafft das auf circa 1600 Seiten nicht und macht immer und immer wieder dieselben „Fehler“, die immer und immer wieder darin enden, dass er „stinksauer“ ist und sie ihn bittet „bitte sei nicht sauer auf mich!“. Dann ist sie wieder sauer, weil er sauer ist und der genannte Dialog dreht sich um. Zum Schluss haben sie Sex. Dieses Szenario kommt in allen drei Bänden insgesamt ca. 25-mal vor!
  • Laufend wird dem Biest vorgeworfen, auf Grund seiner grässlichen Kindheit und Jugend, diese nun rein emotional erst nachholen zu müssen. In Wahrheit ist es aber die Unschuld, die sich ununterbrochen wie eine pubertierende 15jährige verhält. Gut, das kann nun auch an der Ich-Perspektive liegen. Selbstreflektion und so und jedenfalls nicht ihre Stärke.
  • Das Buch hat so gut wie gar keine Handlung. Außer Sex. Man bekommt vielmehr das Gefühl, in einer Daily Soap gefangen zu sein. Ständig passieren neue Haarsträubende Dinge, die aber auf den folgenden 2 Seiten wieder aufgeklärt werden. Schluckauf-Spannungsbogen. Schrieb ich ja schon. Und dann Sex. Manchmal reihen sich auch gleich 2 oder 3 Beischlafszenen aneinander.
  • Buch 1 und 2 enden mit sehr unerwarteten Cliffhangern, die mich dazu zwangen, das folgende Buch auch noch zu lesen. Letztendlich werden die Cliffhanger aber wieder auf den ersten 10 Seiten des Folgebuchs aufgelöst.
  • Die Protagonisten kommen ständig und mit EINER EINZIGEN Ausnahme zeitgleich zum Orgasmus. Ich hab sie nicht gezählt, aber so um die 50 Orgasmen werden ganz sicher beschrieben. Die sind alle markerschütternd, weltverändert, etc. pp. Da die Unschuld zu Beginn der Buchreihe noch Jungfrau ist, stört es auch nur minimal, dass sie ständig einen neuen „besten Orgasmus ihres Lebens“ hat.
  • Die Orgasmen werden von der Autorin alle mit einem minimalen Pool an Wörtern bestritten. So hat man laufend das Gefühl, dass sich die Szenen ständig wiederholen. Einmal ist mir das Buch ohne Lesezeichen zugeklappt. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, bis ich die Stelle wieder fand, weil sich jede 10 Seite gleich liest.
  • Ab Band 2 dann ständige Liebesschwüre „Ich liebe Dich so sehr.“ – „Ich liebe Dich auch so sehr!“.
    Orgasmen enden standardmäßig von „O Christian!“. „O Ana!“.
    „Du bist so wunderschön!“, „Deine Haut ist so weich!“ und andere Sätze werden bis zum Erbrechen wiederholt. Man wartet eigentlich die ganze Zeit nur darauf, dass er sie fragt, welche Bodylotion sie benutzt.
  • Das Ende war auf den ersten Seiten schon zu erahnen. Dennoch habe ich die ganze Zeit darauf gehofft, dass die Autorin mich überrascht. Auch weil ich immer dachte: „Ist ein Bestseller. Muss ja was können.“ Leider waren alle Ansätze des Überraschens nach 2 Seiten wieder zerstört. Am Ende sind sie verheiratet und bekommen das 2. Kind. Was auch völlig klar war, so oft wie auf der Verhütungsfrage herumgeritten wurde und jedes aufgerissene Kondompäckchen mit blumigen Worten umschrieben wird.
  • Die aufgeführten Sexpraktiken sind weder sonderlich Grenzüberschreitend noch übermäßig ausgefallen. Sag ich jetzt mal so. Entweder sind die Briten besonders prüde oder ich besonders versaut. Man weiß es nicht.
  • Übersetzungsfehler (ich hoffe inständig, dass es welche sind), die mich allerdings wirklich sehr zum Lachen brachten. So wird zum Beispiel eine atemberaubende Verfolgungsfahrt in einem Audi R8 beschrieben, die mit sagenhaften 120 km/h bestritten wird. Ich meine: fährt so ein R8 überhaupt 120 km/h, wenn man das Gaspedal durch tritt? vermutlich 0,5 Sekunden oder so. Ich vermute mal stark, dass hier Miles per Houre mit Kilometer pro Stunde übersetzt wurden.
    Liebesschwüre, die mit „Du bist für mich wie das Wasser für einen Ertrinkenden!“ formuliert werden. Ich hätte geantwortet: „Na danke, Schatz!“ Aber stattdessen haben sie Sex. Natürlich. Ich hoffe im Original stand Verdurstenden. Und die Übersetzerin hatte nur nen miesen Tag.
  • Die personifizierte „innere Göttin“ versus das personifizierte „Unterbewusstsein“ der Unschuld. Teufelchen und Engelchen in leicht schizophrenen Nebenrollen. Die eine immer mit Highheels, das andere immer mit Lesebrille. Nervten beide UNGLAUBLICH!

Ich könnte noch ewig weiter schreiben und auf vielen Kleinigkeiten rum reiten. Aber ich belasse es dabei. Letztendlich habe ich die Bücher ja halb freiwillig zu Ende gelesen. Der innere Dämon, der mich immer anschrie: „Und dahan? Und dahan?!“ war eben nicht so pessimistisch, wie ich, die sich nach Band 1 eigentlich bewusst war, dass es nicht mehr besser wird.

Der letzte Band hat übrigens den hübschen Untertitel: Befreite Lust. Ich sag’s Ihnen. Nachdem ich mit der Reihe fertig war, war alles in mir befreit, nur nicht meine Lust.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Carola / Aug 1 2013

    Hahaaa :-D

    Du hast von mir allen Respekt der Welt, dass Du das überhaupt bis zum Ende durchgehalten hast!

  2. Annika / Aug 1 2013

    Shades of grey entstand als eine fanfiction über twillight. Also ist Ana eine Abwandlung von Bella und Christian eine Abwandlung von Edward.

    Wenn man also bedenkt das eine Hausfrau die ein Fan von twillight ist ihre „Geschichte“ aufschreibt und das ganze mit der Hausfrauen Ansicht von SM würzt und die ersten potenziellen Leser Teenager waren dann kann doch nichts anderes dabei rauskommen.

    Das Bestseller Problem ist auch einfach zu erklären. Viele die es als fanfiction kannten haben es gekauft. Dann geht es mal wieder um ein Tabu Thema oder hält einfach um Sex. Dann schreiben und reden viele drüber und jeder will wissen warum darüber geredet wird und liest es.

    Bestseller heißt nicht gutes Buch.

    Aber es heist wir machen ein Film draus.

    Ich freue mich schon drauf ????

  3. fraurage / Aug 1 2013

    hat mich nie gereizt. nienienie. und jetzt weiss ich wieso. danke!!! generell stelle ich fest, dass, je älter ich werde, mich je weniger interessiert, wie andere leute beischlafen… in büchern schon gar nicht. manchmal denk ich, es ist wie der letzte rest privatsphäre, die man aufrecht erhalten will – in einer zeit, wo sich schon schulkiz pornos rumschicken und die kinder im elternbett schlafen. :-) aber keine ahnung. das buch sah schrottig aus und ich würde es nicht mal dann kaufen, wenn es das einzige in deutsch wäre :-)))

  4. Michael / Aug 1 2013

    Hype ist alles, Fähigkeiten sind nix. Erinnert mich immer an die Feuchtgebiete, die ich mir damals, auf Rückfahrt von einem Gerichtstermin im Zug gegönnt hab. Langweilig. Belanglos. Uninteressant. Und trotzdem mehr verkaufte Exemplare als alle talentierten Schreiberlinge zusammen. Würden alle toten deutschen Dichter angesichts dieser Literatur rotieren in ihren Gräbern – wir bräuchten keine Windkraftwerke mehr ;)

  5. ellebil / Aug 1 2013

    Hier, falls du Bestätigung suchst ;): http://www.andreherrmann.de/50-shades-of-nee-ey-4/

  6. Katja / Aug 1 2013

    Das ist so ziemlich die allerobergeilste Rezension die ich je, und insvesondere über DIESE Bücher, gelesen habe.
    Ganz nebenbei trifft sie alle vorhandenen Nägel auf den Kopf.
    Danke.

  7. DaWürdIchWasÄndern / Aug 1 2013

    Insgesamt trifft die Rezension so ziemlich meine Erwartungen. Sehr erheiternd geschrieben! :-)
    Ich hab die Bücher selber nicht gelesen, aber man hat hier und da was gehört und die Kritiker haben u.A. mit „Softporno für frustrierte Hausfrauen“ ja die Richtung bereits vorgegeben.
    Nur das mit der Verfolgungsjagd raff ich nicht: Also ein Audi R8 hat je nach Modell ne Höchstgeschwindigkeit von um die 300 km/h. Also schafft er locker 120km/h. Kommt auf die Straße an, aber wenn’s kurvenreich oder viel Verkehr ist (ich weiß es nicht, hab es ja nicht gelesen), kann 120 schon ne Herausforderung sein.
    Falls da ein Übersetzungsfehler passiert sein sollte, geht die Rechnung hier nicht auf: 120 mp/h (miles per hour ;-) ) sind nicht weniger als 120 km/h, sondern mehr, nämlich ca. 193 km/h. Und damit kann man schonmal ne Verfolgungsjagd starten, glaub ich! :-)

    • Pia / Aug 1 2013

      Ja, eben. Sie tritt das Gaspedal durch und fährt dann konstant 120 km/h. In meinen Augen mehr als unlogisch. 190 machen da mehr Sinn. Deshalb glaube ich ja an einen Übersetzungsfehler.

  8. Nala / Aug 1 2013

    Ich geb zu, da es immer wieder auftaucht war ich versucht es zu lesen. Aber das werde ich definitiv noch mal überdenken ;)
    Danke!

  9. Frau Eff / Aug 2 2013

    Ich tat offensichtlich gut, daran diese Bücher nie auch nur in die Hand zu nehmen. Vielen Dank für die erheiternden Zeilen.

  10. DaWürdIchWasÄndern / Aug 2 2013

    Achso, dann haste dich also nur falsch ausgedrückt.

    • Pia / Aug 2 2013

      Äh. Nö.
      Hab das schon so geschrieben, wie gemeint.

  11. Jil Peren / Aug 3 2013

    und gemeint wie geschrieben. Sehr schön.

  12. Marc / Aug 4 2013

    „Einmal ist mir das Buch ohne Lesezeichen zugeklappt. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, bis ich die Stelle wieder fand, weil sich jede 10 Seite gleich liest.“

    Sehr schön formuliert! Prust. Und mein Kaffee ist in feinsten Tröpfchen auf dem Monitor. ;)

  13. DaWürdIchWasÄndern / Aug 5 2013

    „Ich meine: fährt so ein R8 überhaupt 120 km/h, wenn man das Gaspedal durch tritt?“ ist ein klarer Zweifel daran, dass das Auto überhaupt 120 km/h schafft, keine Vermutung, dass es viel mehr kann. Und aus „vermutlich 0,5 Sekunden oder so.“ schließt man eher, dass Du vermutest, dass es dann auseinanderfällt und nicht, dass es danach noch auf mehr als das Doppelte kommt, wenn man will. Und da Du das so nicht meinst, haste wohl falsch formuliert. Aber Wurst, ist trotzdem lustig zu lesen. :-)

    • Pia / Aug 5 2013

      Äh, nein. Da steht : „[…] fährt so ein R8 überhaupt 120 km/h, wenn man das Gaspedal durch tritt?“ Betonung liegt auf WENN. Ich vermute eher, er fährt 120, wenn man das Gaspedal nur antippt. Im Buch steht aber mehrfach durch treten.

  14. quasselette / Aug 21 2013

    Danke für diese Rezension. Ich hab wirklich versucht das Buch zu lesen und habe nach ungefähr 2/3 aufgegeben, weil ich so obermegagenervt war von der miesen Schreibweise auf 7.-Klässler-Niveau und weil die Unschuld ungefähr 572 Mal im Buch rot geworden ist (und dazwischen ständig Orgasmen hatte). Es ist schlimmer wie Daily Soap, es ist eher eine Reality Soap mit unglaublich miesen Laiendarstellern.

  15. Elle / Aug 22 2013

    Ich habe das 1. Buch angefangen. Bei Seite 200 habe ich es weg gelegt und nie wieder angerührt. Langweilig und die Protagonistin nervte schon ab Seite 3 … Deine Rezension scheint den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. :-) Danke dafür

  16. Schdeffie / Jun 2 2015

    Liebe Pia!

    (informeller Teil: ich glaube, das könnte ein längerer Kommentar werden…)

    Durch Zufall bin ich auf deinem Blog gelandet und mein Einstieg war der Post zum Thema „Baby ohne Brei zu fester Nahrung hin führen“ der mich spontan sehr angesprochen hat, ich hab ihn auch gleich ganz motiviert meinem Mann gezeigt. Allerdings werden wir unser Baby noch eine Weile ganz ohne Brei durch bringen, ich muss es nämlich im August erstmal zur Welt bringen. ;)

    Ich hab dann eine Weile hier quer gelesen zu allen möglichen Themen wie zB sehr beeindruckenden, rührenden Geburtstagsgeschichten, Kita-Alltag, … bliblablubb ich hole mir seitdem hier wie der Name schon sagt meine tägliche Ration „daily Pia“ ab und finde es toll :)

    Dieser Post hat mir nicht nur absolut aus der Seele gesprochen, nein MEINE innere Göttin hat sich erstmal kaputt gelacht, auf dem Teppich gewälzt, langsam wieder aufgerappelt und brach dann in ein triumphierendes Gelächter aus in welchem nur mehr ein Gedanke Platz fand: „Wie gut, dass ich diese Buchserie, den Film und so quasi alles drumherum bis zum heutigen Tag boykottiert habe!“ STRIKE!
    (Bis zum heutigen Tag… hihi… wo der Post ja schon fast 2 Jahre alt ist und der Hype ja längst vorbei – ich hatte trotzdem das Bedürfnis hier meinen ersten Kommentar auf deinem Blog abzugeben!).
    Ich habe einmal bei einer Freundin eine Seite Probe gelesen und als ich meine Augenbraue nicht mehr weiter hoch ziehen konnte, als bis an den Anschlag, habe ich den Kopf geschüttelt und beschlossen DAS DA… NIEMALS!
    Und auf dass die Welt geschockt sein möge: Ich finde ja so Blümchensex durchaus toll. Das will natürlich keiner lesen. Das wird auch kein Bestseller. Und schon gar kein Blockbuster. Aber diese ganze SchundpseudoBDSM-Fangemeinde kann einfach mein komplettes Budget an Handschellen, Seilen, Machtspielchen und Co. mit benutzen. Kostenlos neu und unbenutzt in liebevolle Hände abzugeben.

    Ich wünsche dir einen schönen restlichen Urlaub mit deiner Familie, gute Erholung und weiterhin viele kreative Blogmomente!

    Herzliche Grüße,
    Schdeffie

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