Bis einer heult! • "Mama, bist Du tot?"
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10. November 2013 | Pia Drießen

„Mama, bist Du tot?“

Ich liege im Wohnzimmer auf einem Stapel Yoga-Matten, welche die Kinder zum Spielen und Toben benutzen und die aus meinen Kursen übrig geblieben sind. Ich habe die Augen geschlossen, konzertiere mich auf meinen Atmung und meinen Herzschlag und versuche irgendeine Form von Ruhe in mir herzustellen. Diese unerträgliche Lautstärke, der Streit, die Vorwürfe, die Unzufriedenheit, die ständigen (An-)Forderungen, sich teilen wollen, sich teilen müssen, nicht allen gerecht werden können, das akzeptieren, trotzdem das Beste draus machen wollen … in meinem Kopf heulen die Sirenen.

„Mama, bist Du tot?“

Es dauert einen Moment bis mir bewusst wird, dass mir die Frage wirklich gestellt wurde. Gerade eben, keinen halben Meter von mir entfernt. So laut kreischten meine Gedanken sich gegenseitig an. Gute Mutter. Schlechte Mutter. Richtig reagiert. Falsch reagiert.

„Mama?“

Die Stimmte wird lauter und ich öffne abrupt die Augen, schaue meinen großen Sohn an und antworte:

„Nein. Ich bin nicht tot. Nur sehr sehr erschöpft!“

„Warum bist Du erschöpft? Hast Du nicht gut geschlafen?“

Nein, das auch nicht, weil seine kleine Schwester die halbe Nacht wach neben mir lag und wimmerte. Arschlochzähne. Sage ich immer wieder. Nun schon im vierten Jahr. Ich brumme bestätigend.

Um mich herum herrscht Chaos. Ich habe es in den letzten Wochen tatsächlich irgendwie geschafft sowas wie eine Grundordnung aufrecht zu erhalten. Dennoch weit weg entfernt von dem, was ich eigentlich zum Wohlfühlen brauche. Doch heute ist Sonntag. Die Kinder haben direkt nach dem Aufstehen alles aus ihren Spielkisten gerissen und im Wohnzimmer verteilt. Sie streiten um ein Utensilo, das beide Jungs gleichzeitig als Sankt Martins Hut benutzen wollen. Die kleine Schwester schreit aus Prinzip mit. Der Hut ist ihr egal.

Ich erhebe mich von den Matten und begebe mich in die Küche um Frühstück zu machen. Die Jungs haben sich Rührei, Nürnberger und Bacon gewünscht. Ein richtiges Männerfrühstück, wie das vom Papa, von dem er uns ein Foto geschickt hat.

Derweil geht der Streit weiter, diesmal um die Steckenpferde. Wir besitzen bei drei Kindern tatsächlich nur 2 Steckenpferde. So ein bisschen Thrill muss man sich schon bewahren. Hätten wir drei, hätten sie vermutlich alle die falsche Farbe.  

Die Erkenntnis, dass man es nie allen dreien Recht machen kann, hat mich schon vor einiger Zeit ereilt. Auch von der romantischen Vorstellung der  (Gleich-)Gerechtigkeit unter allen Kindern habe ich mich erfolgreich freigemacht. Mal profitiert das eine Kind mehr, mal das andere. Es ist das echte Leben.

Ich decke mit Hilfe der kleinen Tochter den Tisch. Sie weiß genau wer welchen Teller in welcher Farbe bekommt und wer wo sitzt. Sie ist da jetzt schon, mit eineinhalb, ähnlich pedantisch wie ich. Oder ihr großer Bruder. Eine Familientragödie, das mit der Pedanterie bei Nichtigkeiten.

Während ich Bacon und Würstchen wende, dabei das Rührei stocken lasse, schmeiße ich zum fünften Mal in Folge alle drei Kinder aus der Küche. Nur um mir ein sechstes Mal anzuhören, was der eine dem anderen weggenommen hat.

„Mama, wieso bekomme ich nie etwas zu trinken?“

Das ist es wieder. Augenblicklich stellen sich alle meine Nackenhaare auf, mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen und ich muss kurz die Augen schließen, um nicht sofort und auf der Stelle zu platzen.

Ich greife nach der Milch und schütte mich in Tassen ein.

 „Wieso bekomme ich kein Frühstück?“

Einatmen. Ausatmen.

Nur am Rande sei erklärt, dass meine Kinder – auch nicht der Große – weder dursten noch hungern müssen. Sie bekommen Wasser soviel sie trinken können und wollen. Unsere Malzeiten sind sehr geregelt. Ich bin es nur müde, auf Fragen zu antworten, die einer Anklage, einem Vorwurf gleichen. Die unausgesprochene Frage. Es ist unser aktuelles Dilemma und zehrt so sehr an mir und meinen Nerven, dass ich in Tränen ausbrechen, oder ein Loch in die Wand schlagen könnte. Mal dies. Mal das.

Der Frage 1 – „Mama, wieso bekomme ich nie etwas zu trinken“ – denken Sie sich eine „Mama, kann ich etwas zu trinken haben?“ Bitte voraus, welche ich abgelehnt habe. Ebenso bei Frage 2.

Der Punkt ist nur, dass diese Fragen nicht gestellt wurden. Nicht laut. Demzufolge auch nicht beantwortet bzw. abgelehnt wurden. Weder leise noch laut.

Im Kopf meines 4,5jährigen Sohnes hat das wohl aber genau so stattgefunden. Derzeit formuliert er nahezu jede Frage, Bitte, Aufforderung, wie ein Vorwurf. Und das hat nichts mit einem beeinträchtigten Empfängerohr zu tun. Das Empfängerohr hört sehr gut und aufmerksam zu. Aber da ist nichts, was es hören könnte, außer diesem verzweifelt anklagenden Worten, die ihm mitteilen, dass es dem Sender an etwas fehlt. Nur an was, das kann er nicht in Worte fassen. Nicht in die Richtigen.

Es ist eine schwierige Phase. Für ihn, für mich, für uns. Es ist alles anderes und soll doch so normal sein, wie eben so ein Alltag von statten geht. Dass es eben doch nicht so ist, zeichnet sich im Verhalten des großen Sohnes ganz deutlich ab. Er hegt einen ausgewachsenen Weltschmerz, ist unzufrieden mit sich und seiner Umwelt, niemand – nicht mal er selber – kann es ihm Recht machen.

Im Kindergarten ist er noch stärker angepasst und unauffällig, als sonst schon. Niemals würde eine Beschwerde oder Sorge über ihn geäußert. Zuhause, in seinem sicheren Hafen, ist hingegen nichts richtig. Gar nichts. Von der Farbe seiner Socken angefangen, über den Inhalt seiner Brotdose, die Wahl der Jacke bis hin zum „Nie hilfst Du mir beim Anschnallen“ vs. „Ich will keine Hilfe!“

Trete ich irgendwie in Aktion, ist sie falsch. Trete ich nicht in Aktion und warte auf die Chance der Reaktion, ist dies falsch. Dann höre ich den „nie“-Vorwurf. Sehr zuverlässig.

In einer normalen, gestärkten Situation mit Rückhalt durch den Mann, wäre das eine (leicht) zu meisternde Phase. Mit meinen aktuellen Energiereserven, meinem angeschlagenen Nervenkostüm, den fehlenden Pausen und Auszeiten hingegen … ist es eine Herausforderung seinem eigenen Erziehungsstil treu zu bleiben, Verständnis zu haben und zu zeigen und Ursachen zu erforschen.

Ich schrieb dem Mann also von meinem endenden Latein, woraufhin er den großen Sohn bei der heutigen Videokonferenz fragte, ob er und die Mama sich im Moment oft streiten würden. Er beantwortete die Frage mit einem geknickten „Ja.“ Auf die Frage, ob er wüsste, wieso das so wäre, schüttelte er den Kopf. Ja, er sei frech und ja, er würde nicht hören. Aber warum er das tun würde, dass wüsste er nicht.

Er sagt die Wahrheit. Das weiß ich. Das macht es aber nicht einfacher. Weder für ihn noch für mich.

Sind wir irgendwo zu Besuch, benimmt er sich sehr gut. Ich muss mir nie Gedanken machen, ob er irgendwo unangenehm auffallen könnte. Das sind die Mechanismen, die er sich selber zu Recht gelegt hat und die ihm helfen, auf unsicherem Raum unsichtbar zu sein. Haben wir hingegen Besuch, gleicht es einem Blitzkrieg. Sein sicherer Raum und Hafen, in dem er keine künstlichen Filter aufrecht erhalten muss und sein kann und darf, wie er ist, wird von Fremden unsicher gemacht. Sie fassen sein Spielzeug an, sitzen an seinem Tisch und interagieren mit seinen Geschwister und seiner Mama. Er ist nicht mehr Herr der Lage, verkapselt sich in sich selber – wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterher rennt – und explodiert.

Ich kann das nicht auffangen. Nicht im Moment. Die einzige Lösung ist eine Auszeit in seinem Zimmer. SEIN Zimmer, wohlgemerkt. Vor knapp einer Woche entschied er sich eines Abends dazu, nun sein eigenes Zimmer bewohnen zu wollen und fortan auch allein zu schlafen. Am Folgetag beschloss er keine Kuscheltiere mehr mit in den Kindergarten nehmen zu müssen. Ich ahnte schon da, dass irgendwas „großes“ in ihm vorgeht. Dass es nun aber in diesem Pulverfass gipfeln würde, konnte ja keiner ahnen. Und es überfordert mich, bin ich aktuell doch selber kaum in der Lage „normalen“ Umgang mit meinem Freunden und Mitmenschen zu pflegen. Es ist so anstrengend, wenn man keinen Blitzableiter hat, keinen Gegenpart, der einen kennt und versteht, ohne dass man sich erklären muss.

Ich gucke also in diesen kleinen 4,5jährigen Spiegel, sehe die Zerrissenheit, die Unsicherheit und die Wut und bin machtlos.

Ich kann keine Nähe von Menschen zulassen, wenn ich eigentlich ganz besonders Nähe brauche. Mein großes Kind macht es eben so. Er verlässt das gemeinsame Schlafzimmer mit seinen Geschwistern. Er lässt alle Haltgebenden Kuscheltiere zu Hause. Und er schickt mich abends aus seinem Zimmer, obwohl ich noch mit ihrem Reden und Kuscheln wollte.

Setzt sich hingegen der kleine Bruder auf meinen Schoß spring er auf und ruft unter Tränen, dass ich ihn ja nie kuscheln würde. Was schmerzt. Denn wie gerne würde ich mit ihm kuscheln. Ganz besonders jetzt. Aber er kann keine Nähe zulassen. Nehme ich ihn in den Arm wird er steif wie ein Stock, wechselt das Thema und muss irgendwas ganz dringend erledigen. Nur diese eine Umarmung am Abend, wenn er ins Bett geht. Die ist ihm wichtig. Das gehört zum Ritual. Einen dicken Kuss und einmal ganz feste Drücken. Da sind wir pedantisch. Er und ich. Ich und er.

Und diese eine Umarmung ist alles, was ich im Moment von ihm habe. Außer Vorwürfe, Unzufriedenheit und Ängste. Ein Mikrokosmos, den ich in wenigen Augenblicken aussaugen muss, um genug Energie und Kraft zu haben, den nächsten Tag mit Geduld und Ausdauer zu überstehen.

„Mama, bist Du tot?“ fragt er mich, als ich am Abend kurz mit geschlossenen Augen auf seinem Bett liege. In meinem Kopf rauscht es wellenartig, mein Körper ist ganz schwer und meine Glieder sind erschöpft und müde.

„Nein, ich bin nicht tot. Nur sehr sehr müde“, flüstere ich mit geschlossenen Augen zurück.

Er streicht mir mit einer Hand die Haare aus der Stirn und ich spüre seinen prüfenden Blick auf meinem Gesicht.

„Dann ist ja gut.“

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+