Bis einer heult! • Von Symmetrien und anderen Macken
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4. April 2014 | Pia Drießen

Von Symmetrien und anderen Macken

Mein Hang zu Symmetrien ist fast krankhaft. Ich richte Gegenstände so lange aus, bis sie einen nahezu exakt gleichen Abstand von einander haben. Besonders schlimm ist es, wenn ich Gegenstände unterschiedlicher Anzahl habe. So deckte ich gestern zum Beispiel eine Festtafel ein und hatte 5 Vasen und 3 Dekoeier, die ich so lange hin und her schob, bis mein innerer Symmetrietrieb annähernd befriedigt war. Das ist auch so eine Macke, die der Hochsensibilität zuzuschreiben ist und sich auch in Dingen wie z.B. den Namen meiner Kinder wiederspiegelt. Die Anfangsbuchstaben ihrer Namen haben alle den gleichen Abstand im Alphabet zueinander und der zweite Buchstabe ist immer ein anderer Vokal. Ge, Ju, Ma. Sie lachen jetzt, aber mich beschäftigt sowas und es kostet mich Überwindung aus solchen Mustern auszubrechen.

Das Meedchen ist heute genau 1 Jahr, 10 Monate, 1 Woche und 4 Tage alt. Und hat bereits jetzt einen deutlichen Hang zu Symmetrien. Wenn sie eine Perlenkette fädelt, wählt sie maximal zwei Farben und fädelt diese – mit Hilfe – immer abwechselnd auf. Wenn einmal zwei gleiche Farben nebeneinander liegen, werden sie von der Kette wieder abgemacht und neu gefädelt. Abwechselnd. Meistens kombiniert sie rot und blau sowie gelb und grün. Ebenfalls eine Eigenart, die ich auch habe. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich Farben nach Geschlechtern sortiere. Gelb und Grün sind für mich weiblich. Rot und Blau männlich. Das findet aber nur in meinem Kopf statt.

Meine Tochter hält krampfhaft an Regeln und Gewohnheiten fest. Sie geht grundsätzlich nicht ohne Kopfbedeckung und Jacke aus dem Haus. Auch wenn es 23 Grad sind. Sie führt Dinge, die sie im Haus findet, sofort ihren Besitzern zu, statt sie einfach wegzuräumen. Die auf den Boden geworfene Jacke des Löwenmauls bringt sie dem Löwenmaul, das unter dem Tisch liegende Spielauto dem Quietschbeu und häufig trägt sie mir mein Smartphone hinterher, wenn es einfach auf dem Tisch liegt.

Hinzu kommt ihre unbegründete Panik für jeglichem Getier – Großes wie Kleines -, die Tatsache, dass sie keine Nässe im Gesicht oder an den Händen erträgt – weder Rotz noch Wasser – und die Angst vor lauten Geräuschen, die sie nicht zuordnen kann – vorbei fahrende Autos, Kreissägen, Sirenen.

Ich fasse es mal so zusammen: da zeichnet sich ein sehr deutliches Bild ab und fast täglich kommen neue Merkmale dazu. Und ich habe zum ersten Mal die Möglichkeit das ganze mit einem bewundernden, statt eines besorgten Blickes wahrzunehmen, zu beobachten und zu verstehen. Ich bin nicht mehr genervt, wenn mein Kind sich partout weigert barfuß über die Wiese zu laufen, sondern gebe ihm Gummifüße. Ich diskutiere nicht Minutenlang, ob es für eine Jacke zu warm ist, sondern hole eine ganz dünne. Ich rolle auch nicht mit den Augen, wenn mein Kind sich am Sand an den Füßen stört, sondern lasse es mit Socken im Sandkasten spielen. Ich rufe nicht mehr von weitem, dass etwas ungefährlich ist, wenn mein Kind Angst hat, sondern nehme es auf den Arm, vermittle ihm Sicherheit und erkläre erst dann, dass von einer Situation, einem Geräusch oder einem Tier keine Gefahr ausgeht.

Letztendlich profitiert das Meedchen von den Erfahrungen, die ich bereits mit dem Quietschbeu gesammelt habe. Ihn habe ich anfänglich – als ich noch nichts von der Hochsensibilität wusste – durchaus mal gedrängt, doch etwas mutiger zu sein. Oder war genervt von seinen Marotten, was Gras, Sand oder Wasser anging. Ich habe eine Menge gelernt. Auch über mich. Und dafür bin ich sehr dankbar.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Daniela / Apr 4 2014

    Ich hatte das erste mal in deinem Blog über Hochsensibilität gelesen und dabei sehr stark an mich selbst gedacht. Vor wenigen Wochen erzählte mir meine Mutter (61 Jahre alt!) sie habe ein ganz tolles Buch über Hochsensibilität und dass sie sich selbst jetzt endlich besser verstehe und sie sich sicher sei, dass auch ich hochsensibel bin. Natürlich bin ich das, das wusste ich, als ich deine Artikel darüber gelesen habe und den Test gemacht hab. Danke, dass „Du“ unserer Besonderheiten einen Namen gegeben hast… Ich wusste immer, dass ich „anders“ und feinfühliger als andere bin, aber dass es dafür einen „Namen“ gibt, war mir vorher nicht bewusst…

    Meine Tochter ist jetzt 16 Monate alt und ich bin gespannt, wie sie sich in der Hinsicht entwickelt. Aber einen ausgeprägten „Ordnungswahn“ hat sie jetzt schon…

    Ich finde es absolut großartig, dass du wieder so regelmäßig schreibst, deine Artikel sind für mich wie ein Kaffee und ein Stück Schokolade zwischendurch! Danke dafür!

  2. jenny / Apr 4 2014

    Ich finde sand barfuss auch eines der ekeligsten sachen überhaupt. Es ist so wundervoll euch hsps zu lesen ….wir 2 damen in diesem haushalt leben das ja auch ;-)

  3. Susann / Apr 4 2014

    Auch wenn ich vermutlich nicht hochsensibel bin: Bei den Farben geht es mir ähnlich. Ich habe als Kind auch immer grün und gelb kombiniert und blau und rot. Für mich waren allerdings grün und blau männlich und rot und gelb weiblich. Es gibt da auch noch einige andere Eigenschaften, die manche Menschen entwickeln, die für die Außenwelt meist unsichtbar bleiben. Zum Beispiel dass Menschen auch Buchstaben Farben zuordnen. Oder Namen Farben zuordnen (das hat auch einen Namen, den habe ich natürlich vergessen…) Vermutlich hat jedes Kind für bestimmte Dinge eigenartige Muster im Kopf. Ich finde es immer toll, wenn mir wieder solche Muster aus meiner Kindheit einfallen. Ich frage mich dann, ob mein Sohn die gleichen Muster entwickelt.

  4. frau gaenseklein / Apr 4 2014

    Oute mich auch als Hochsensible. Zumindest hier in diesem Moment. Einzig mein Mann hat mitbekommen, dass ich Dinge anders fühle als manch anderer es eben tut. Obwohl sowas ja eher subjektiv zu betrachten ist.
    Alles in allem fühle ich mich eher bereichert, als benachteiligt. Ausser wenn ich barfuß über eine Wiese laufen soll..da hört der Spaß auf ;-)

  5. Katrin / Apr 4 2014

    Danke, das ich durch Sie mit dem Thema Hochsensibilität in Verbindung kommen konnte. Endlich gibt es Erklärungen dafür, wieso manche Menschen Dinge nicht mitkriegen, die ich schon gefühlt 5 Stunden vorher gehört habe und wieso es mir so wichtig ist, das alles gerade und ordentlich und an seinem festen Platz liegt. Mal davon abgesehen, das es viele Stimmungen und Ängste erklärt. Ich wünsche Ihnen und ihren Kindern und Mann weiterhin alles Gute. Sie sind eine tolle Frau und eine tolle Familie! :)

    Eine bisher stille und junge Mitleserin.

  6. Sandra / Apr 4 2014

    Ja, genau das ist es, was ich auch in meinem letzten Kommentar erwähnte. Ich habe GANZ viel durch die Hochsensibilität meiner beiden Mädchen gelernt. Früher haben immer viele Menschen versucht, mir einzureden, dass ich etwas falsch mache. Eben weil meine Mädchen (oder damals war es erst nur eines) irgendwie immer anders als andere Kinder waren / sind. Diese Geräuschempfindlichkeit, die Angst vor neuem, vor Hunden, vor Luftballons, vor Tröten, vor Geburtstagspartys, vor Gruppenveranstaltungen, vor Gras, vor Sand, vor dem Friseur, vor Hosen mit Knöpfen, etc…(ich könnte noch weiter aufzählen:)) Mein Herz und Verstand hat mir immer gesagt, daß ich alles richtig mache aber dennoch hatte ich ganz oft Zweifel und habe oft Dinge von meinen Kindern verlangt, was bei Hochsensiblen eigentlich so gar nicht funktioniert und die Ängste oft noch verstärkt haben. Heute ärgere ich mich oft darüber, dass ich damals noch nicht so stark war, meine Kinder 100%ig so anzunehmen wie sie sind. Heute bin ich so stolz auf sie und sehe diese Hochsensibilität als ganz tolle Eigenschaft an! Schön, dass dein Meedchen von deinen Erfahrungen profitieren kann. Gruß

  7. Christine / Apr 4 2014

    Hm, wo ist denn dann der Übergang zwischen Hochsensibiliät und Zwanghaftigkeit? Geht das fließend ineinander über? Gibt es da teilweise keine Unterschiede?
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende :-)

  8. Feenglanztanz / Apr 4 2014

    Ich habe nie über dieses Thema so nachgedacht. Aber seit dem du das erste mal in deinem Blog über Hochsensibilität geschrieben hast, denke ich echt ständig darüber nach. Und dachte, das dieses nur bei Kindern vorkommen würde. Ganz im Gegenteil. Ich richte auch alles Gerade, Parallel hin. Obs auf Tischen, Böden oder im Kleiderschrank ist. Deko muss immer gerade stehen, auch Schuhe und Klamotten müssen gerade, nach Farbe sortiert sein. Gewürzdosen, Schalen und Brotdosen stehen im Schrank, nach farbe. Im Kühlschrank wird auch alles sortiert. Und meine Sachen, die ich trage, müssen Farblich stimmen. Sowie Schminke und Haare und Schuhe. Müssen zusammen passen. Auch mag ich keine nassen Hände. Deswegen hab ich immer ein sauberes Frischgewaschenen Handtuch und Desinfektionsspray dabei.
    Und das ist alles schon seit Jahren so. Seit dem ich Mich errinern kann.

    Ist Hochsensibilität, denn wirklich Vererblich?

    Jetzt achte ich aufjedenfall viel mehr darauf, als vorher. Und ich finde, es noch nicht mal Nervig.

    Liebe Grüße

  9. Simone / Apr 4 2014

    puh ja, dieses genervt sein kenne ich auch sehr gut!
    Wenn man endlich weiß, warum es so ist, ist es für alle deutlich entspannter.
    Ich suche momentan immer noch den Grad zwischen “ Hochsensibilität“ und Bockphase/ normales, altersgerechtes Verhalten….
    Unsere Lebensmittelergänzung zeigte nach 6 Tagen die erste positive Veränderung, mittlerweile wird es leider komplett verweigert:(
    Wünsche euch ein schönes Wochenende!
    Simone

  10. Marc / Apr 4 2014

    „Hang zu Symmetrien“ – Halb so wild, solange hier nicht mit Mittelachsensatz gebloggt wird. ;-)

    Als ich das über Hochsensibilität las, kam für mich ein Aha-Effekt, wie vor einigen Jahren als ich vom Asperger-Syndrom hörte. Vielleicht ist das häufiger, als man glaubt. Denn das würde für mich erklären, warum sich manche Menschen denen ich so begegnete, so verhalten haben, wie sie es eben taten.

    (Wobei man da als Erwachsener eher noch mit „ist halt so“ umgehen kann, als als Jugendlicher im Spagat zwischen Gruppenzwang, Selbstfindung und nicht zum Gemobbten werden wollen.)

  11. Sibylle / Apr 4 2014

    Susann das mit den Farben für Wörter/Buchstaben und andere Verknüpfungen verschiedener Sinneseindrücke nennt sich Synästhesie. Kenn ich, denn ich hab das. Is nicht weiter wild :)

  12. Sandra / Apr 4 2014

    Darf ich Sie mal was fragen, Mama Miez (oder auch alle anderen Kommentatoren, die hochsensible Kinder haben)?
    Wie gehen Sie mit Fragen anderer bezüglich einiger „Macken“ ihrer Kinder um? Erklären Sie jedem das Thema Hochsensibilität? Ich weiß immer so gar nicht, wie ich das Verhalten meiner Kinder mal eben so erklären soll. Hätte gern mal so eine Art Standardanwort, vor allem für Menschen, denen ich das aus Gründen eigentlich nicht so ausführlich erklären möchte. Vielleicht hat jemand einen Tipp für mich?

    • Mama Miez / Apr 4 2014

      Ich begründe das „andersartige“ Verhalten Fremden gegenüber gar nicht. Freunde und Mütter von Freunden der Kinder wissen Bescheid, sofern sich das Gespräch mal dazu ergab.
      Manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde, sage ich: „Er hat eine empfindsame Seele.“ Da habe ich noch nie blöde Reaktionen drauf bekommen.

  13. Lilli / Apr 5 2014

    Das mit den Namen fasziniert mich absolut. Und mich beschäftigt jetzt die Frage, ob der Miezmannvorname mit Do oder So beginnt. Das wäre mir dann allerdings schon fast ein bisschen unheimlich ;).

  14. Dana / Nov 11 2015

    Hier bin ich inzwischen angekommen. Boahhh, eigentlich wollte ich maximal wieder schreiben wenn ich am Ende angekommen bin, aber an dieser Stelle kann ich garnicht anders.
    Dieses rot/blau – gelb/grün -Ding hat mich jahrelang glauben lassen, dass ich echt von nem anderen Planeten bin. Ich habe da in meinem Leben noch nie drüber gesprochen, weil mich das Gefühl des bescheuert-Seins so nachhaltig verfolgt hat.
    Bei mir waren blau und rot ein Paar. Herr Blau und Frau Rot quasi. Und natürlich Herr Grün und Frau Gelb. Blau/rot waren für mich die „Guten“ und grün/Gelb die „Bösen“. Bei jedem Gesellschaftsspiel war das für mich ein Problem, denn die „Bösen“ durften nie gewinnen. Wir hatten so ein Spiel mit so Pylonen-haften Hütchen in den vier Farben. Ziel war es die Hütchen der anderen Spieler unter seinem Hütchen zu fangen. Das habe ich ganz oft mit mir gespielt um eine Gerechtigkeit zu schaffen. Da hat immer blau oder rot gewonnen.
    Wie gesagt, das ist eine sehr frühe Erinnerung und ich fühlte mich deswegen echt „anders“ – negativ anders.
    Farbtick habe ich nach wie vor. Bei Schokolinsen esse ich erst rosa dann weiß usw.
    Ich bin grad voll geflasht und fühle mich „normal“

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