Bis einer heult! • Manchmal. Nicht für immer.
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7. Juli 2015 | Pia Drießen

Manchmal. Nicht für immer.

Man muss sich vorstellen, dass jeder Mensch einen Raum um sich hat, den er zum atmen und bewegen braucht. Manche nennen das Aura, manche Tanzbereich oder auch Privatzone. Bei hochsensiblen Menschen ist dieser Raum meist etwas größer, als bei normal-sensiblen. Es ist etwas sehr intimes jemanden in diesen Raum eindringen zu lassen. Kaum einer würde sich an einen Fremden in der Bahn anschmiegen oder Knie an Knie mit ihm sitzen, wenn es sich vermeiden lässt. 

Menschen die mir nahe stehen, die ich liebe oder von Herzen gerne hab, die lasse ich in diesen Bereich. Meine Familie und Freunde immer dann, wenn sie oder ich es brauchen. Zur Begrüßung, zum gemeinsamen Freuen, Trauern, Trösten. Meine Kinder haben da eine andere Stellung. Sie sollen soviel Körperkontakt und Nähe bekommen und erfahren, wie sie es brauchen. Der Mittlere ist der mit dem größten Bedarf an körperlicher Nähe. Danach kommt der Große und dann die Kleine. Sicherlich ist das auch etwas vom Alter abhängig. Der Große hat Kuscheln und Körperlichkeiten sehr lange abgelehnt. Seit er circa 5 Jahre alt wurde ist das deutlich mehr und intensiver geworden. Die Kleine wiederum hat etwa mit 2 Jahren aufgehört, intensiv zu kuscheln. Sie lehnt sich mal an, wenn wir Fernsehe schauen oder sitzt auf meinen Schoss, wenn wir etwas lesen.

Und dann gibt es die Momente, in denen alle drei gleichzeitig kuscheln wollen. Der Erste setzt sich neben mich der Zweite kommt an gerannt und der Dritte heult und setzt sich schließlich auf mich drauf. Ich kann das genießen. Wenn es mir rundum gut geht, ich genügend Energie, Schlaf und Zeit für mich hatte. 

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Aktuell sind die Kinder rundum die Uhr daheim. Ich habe keine Minute nur für mich, um mich mal 5 Minuten aufs Sofa zu setzen oder in Ruhe einen Kaffee zu trinken und eine ganze Seite irgendwas zu lesen. Ständig will mich jemand anfassen, sich an mich kuscheln oder auf mir drauf sitzen bzw. liegen. Und wenn sich dann wieder alle 3 gleichzeitig auf/an mich hängen, ja, dann fühle ich mich bedrängt und eingeengt und möchte am liebsten aufspringen und weg rennen.

Ich will meine Kinder nicht zurückweisen, aber inzwischen weiß ich, dass es in Ordnung ist zu sagen, dass man jetzt nicht angefasst werden möchte. Die Kinder selber haben dieses Recht ja auch. Leider interessiert sie mein Bitten oft sehr wenig. Dann fühle ich mich, als wäre ich ein eine Streichholzschachtel eingesperrt und bekäme nur noch durch einen kleinen Spalt Luft. 

Aber: als ich mich heute selber bemitleidete und kurz davor war, vor lauter Bedrängnis in Tränen auszubrechen, las ich vom Tod eines kleines Jungen, den seine Eltern an den Krebs verloren haben. Sofort war da dieses Schuldgefühl. Ich kann noch jammern und weinen, weil meine Kinder mich manchmal einengen, klammern und bedrängen. Das kann diese Mutter nicht mehr. Nie wieder. Und wie sehr wird sie sich in diesen Stunden und Tagen genau das wünschen? Diese Berührung, die Umarmung, den Atmen ihres Kindes auf ihrer Haut …

Manchmal kuriert einen das Leben selber. Manchmal öffnet das Schicksal anderer einem selber wieder die Augen. Und trotzdem ist es manchmal einfach zu viel. Aber lieber dieses manchmal ertragen, als ein für immer leben müssen.

Ruhe in Frieden, kleine Seele.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Bine Eszeha / Jul 7 2015

    Diese Situation kenne ich auch gut (ich hab keine Kinder, aber störe mich manchmal an Kleinigkeiten u steiger mich da rein)…bis einem eine Geschichte eines anderen, den man nicht mal kennen muss, wieder auf den Boden zurück holt und man sich (fast) dafür schämt, weil man nicht zu schätzen weiß, wie gut es einem geht…

    — via facebook.com

  2. Mareike / Jul 7 2015

    Wahre Worte! Wir hatten einen tragischen Unfall im Nachbarort, das Kind war so alt wie mein Sohn jetzt. Das rüttelt wach und lässt einen die schweren Stunden/Tage/Wochen, die man manchmal durchmacht, in einem anderen Licht erscheinen.

    Trotzdem oder deshalb: Viel Durchhaltevermögen! Es brechen wieder anders Zeiten an…

  3. Kathrin / Jul 7 2015

    Ja, wie wahr! Wenn ich von solchen schrecklichen Schicksalen erfahre, dann werden diese Bedrängnis-Probleme plötzlich ganz klein. Trotzdem gibts es manchmal diese Tage, an denen ich nicht besprungen, getreten oder an den Haaren geziept werden möchte. Von zwei Kindern! Ich weiß sie meinen es nicht böse, sie sind nur überschwänglich, lebhaft und genießen die körperliche Nähe. Sie brauchen das Raufen, necken kitzeln. Doch wenn mir dabei immer wieder weh getan wird, dann verliere ich die Lust, auch wenn es ohne Absicht ist. Gut, dass ich die Runden dann meist an meinen Mann weiter geben kann…

  4. Nicola / Jul 7 2015

    Ich weiß was du meinst.. vor vier Wochen ist ein guter Freund mit seinem 10jährigen Sohn nur 200 m (direkt vor seiner Haustür) von uns mit seinem Quad tödlich verunglückt.. die Tage darauf hab ich meine Kleine ständig gedrückt.

    Dazu kam, das für die folgende Woche die Beerdigung genau an dem Tag war, an dem ich meinen Kaiserschnitt-Termin hatte. Als ich den ersten Schrei meiner Kleinen hörte, war mein einziger Gedanke: Heute muss deine Freundin Mann und Kind zu Grabe tragen.. erst als man sie uns wieder brachte, konnte ich mich über unser kleines Wunder freuen..

    Ich schaffe es nicht immer, meiner Großen die nötige Geduld entgegen zu bringen wenn sie wieder dauersendet..(ohne das ich mich jetzt selber als hochsensibel einstufe), aber so ein Ereignis verändert, man wird demütig wenn man mit beiden Kindern kuscheln kann.

    LG Nicola

  5. Stephanie / Jul 7 2015

    Ohhh mit diesem Post sprichst du mir aus der Seele. Genauso geht es mir auch manchmal.

    Sehr sehr schön geschrieben. <3

  6. 😢 Wahre Worte.

    — via facebook.com

  7. Daniela Weiß / Jul 7 2015

    @dailypia „Manchmal…“ – wie recht du hast.

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  8. Nina Hoppe / Jul 7 2015

    Kloß im Hals…😒

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  9. Cordelia Bock / Jul 7 2015

    Oh Mensch, jetzt wird’s mir ganz eng im Hals.😣

    — via facebook.com

  10. Kim Falk / Jul 7 2015
  11. Anke Migula / Jul 7 2015

    Du hast so Recht! Danke fürs Erden! 😘😢

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  12. Rebecca Shari Keultjes / Jul 7 2015

    Absolut ins Schwarze getroffen

    — via facebook.com

  13. Andrea Joshi Michels / Jul 8 2015

    Sehr schön geschrieben. Bei mir ist es zur Zeit ähnlich. Wir werden zwei Pflegekinder aufnehmen und die saugen geradezu jegliche Aufmerksamkeit auf. Wahnsinn, wie zwei kleine Kinder so liebesbedürftig sein können. Manchmal hab ich das Gefühl, dass 4 oder 6 Kinder da sind und es ist sehr anstrengend, Aber auch sehr, sehr schön, wenn sie einen in den Arm nehmen und die Nähe suchen. In anstrengenden Momenten würde ich auch gerne die Notbremse ziehen. Aber Ablehnung und Desinteresse kennen diie Kinder leider zu gut und darum muss Frau stark sein. ;)

    — via facebook.com

  14. Verena / Jul 8 2015

    Ich kenne dieses bedrückte Gefühl, wenn meine drei Kleinkinder an mir zerren, nur allzu gut! Aber es geht vorbei. Und dann werden wir es vermissen. Also: Augen zu, durchatmen, durchkuscheln.

  15. Doro / Jul 8 2015

    Ja, so ist es. Die Zeiten mit den Kindern sind unendlich wertvoll, man sollte sie genießen. Und trotzdem ist es manchmal zu viel. Vor allem, wenn einem auch noch anderes durch den Kopf schwirrt. Und ich denke, das ist OK so. Wir sollen dankbar sein und das Beste aus unserer gemeinsamen Zeit machen. Aber wir dürfen uns auch nicht ständig von Schicksalsschlägen niederdrücken lassen und dabei unsere Bedürfnisse außer acht lassen. Dann geht die Lebensfreude verloren. Und das ist auch nicht gut, weder für einen selbst, noch für die Kinder.

  16. Tomma Rabach / Jul 8 2015

    Wunderschön geschrieben.

    — via facebook.com

  17. Sarah / Jul 8 2015

    Etwas ertragen, was man eigentlich nicht möchte, nur weil andere es nicht mehr haben können – das hat meiner Meinung nach nichts mit achtsam mit sich selber umgehen zu tun, sondern ist Reaktion auf Druck von außen und dem Versuch sich anzupassen. Mama _muss_ das schön finden.

    Einerseits geht die Entwicklung dahin, den Kindern absolutes Selbstbestimmungsrecht zu geben (du musst Oma kein Küsschen geben wenn du nicht willst!), andererseits schreibst du, dass du den Kindern immer Körperkontakt geben möchtest, wenn sie es einfordern. Auch wenn du es gerade nicht magst.

    Ich denke es ist auch wichtig, dort Grenzen zu setzen. Die Kleinen sollen doch nicht nur lernen, dass sie sich entziehen dürfen, wenn ihnen danach ist, sondern auch die Grenzen von anderen zu akzeptieren. Unterschwellig merken sie doch sowieso dass der andere nicht mit Herz und Verstand dabei ist. Widersprüchlich gesendete Kommunikation (komm her/ich mag eigentlich nicht) verwirrt – und besonders die Mama wird doch genutzt um Reaktionen zu testen, von ihr zu lernen und das gelernte dann außerhalb des Familienverbandes umzusetzen.

    • Pia Drießen / Jul 9 2015

      Ich habe geschrieben, dass ich ihnen sage, wenn ich keinen Körperkontakt möchte, weil sie dieses Recht ja auch haben.

  18. Ina / Jul 8 2015

    Danke für diesen Artikel!!!
    Habe erst gestern Abend meinem Mann auch mein „Leid“ geklagt, weil ich momentan stille und viel schwitze, dann noch die Hitze und gerade da, will unser 3 Monate alte Baby die ganze Zeit an mir kleben und auch die Große (2,5) sitzt am liebsten auf mir drauf. Aber eigentlich hab ich einfach nur großes Glück…
    Grüße,
    Ina

  19. Karo / Jul 8 2015

    Genauso ging’s mir gestern! Danke fürs Aufschreiben.

    LG
    Karo

  20. Kathrin Kemper / Jul 8 2015

    Da habe ich jetzt einen dicken Kloß im Hals und muss echt an mir halten nicht zu heulen…

    — via facebook.com

  21. Lenja / Jul 8 2015

    Der Gedankenwechsel begleitet mich seit fast 2 Jahren (schlimm wie die Zeit vergeht). Der Verlobte meiner Mutter ist damals an Leukämie gestorben und immer wenn ich meinen eigenen Mann auf den Mond schießen will, denke ich „Mama kann ihren Schatz nie wieder berühren“… da bekomme ich sofort Schuldgefühle und Tränen in den Augen.
    Manchmal muss man sich vor Augen halten wie reich und glücklich mal eigentlich ist – auch wenn es nicht zu dem eigenen Empfinden gerade passt.

  22. Mona / Jul 9 2015

    Ich habe vier Kinder. Und wenn mir mal alles zu viel ist schaue ich sie an und denke „Danke Gott, dass ich NOCH vier Kinder habe“.
    Nach der Chemotherapie des zweiten Kindes wächst solche Dankbarkeit hoch, selbst wenn ich gerade diese „Hexe“ grad öfters mal gern ne Weile gegen Ruhe tauschen würde…
    Zum Glück ist sie noch bei uns, sie würde sehr fehlen…

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