Bis einer heult! • Die letzten 3 Tage
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16. August 2015 | Pia Drießen

Die letzten 3 Tage

Freitag, der erste echte Schultag des Großen. Wir brachten die Geschwister mit dem Auto zum Kindergarten und liefen dann zu Fuß zur Schule. Der Große trug das „Ich pass auf Dich auf!“-Armband von Luxusweiberl, als Ersatz für sein Kuscheltier, das er sonst immer mit in den Kindergarten genommen hatte. Ich hatte ihm erklärt, dass er am Anhänger, einer silbernen Fledermaus, reiben soll, wenn er Angst bekäme. Auf dem Weg zur Schule meinte er dann, er wolle da Armband wieder ausziehen. „Das funktioniert gar nicht! Ich hab immer noch Angst!

Ich erklärte ihm, dass Angst völlig normal und auch etwas gutes sei. Ich selber musste an meinem allerersten Schultag ganz alleine zur Schule gehen und heulte den ganzen Weg bis zu Schule Rotz und Wasser. Dort angekommen habe ich dann aufgehört, weil ich nicht wollte, dass die anderen Kinder mich weinen sehen. Aber diese Angst vor neuen, unbekannten Situationen, die kenne ich heute noch sehr gut. Aber ich weiß inzwischen auch, dass diese Angst vergeht. 

Er behielt das Armband dann an. Weil es ihn auch daran erinnert, dass Batman große Angst vor Fledermäusen hat und genau deshalb die Fledermaus als sein Zeichen wählte. Wenn Bruce Wayne sich seiner Angst stellen kann, dann kann der Große das auch.

Je näher wir der Schule kamen, umso länger wurde mein Arm. Ich spürte förmlich, wie die Schritte des Großen immer kürzer und langsamer wurden. Dennoch nutzte das alles nichts. Das mit der Schulpflicht hatte ich ihm ja bereits erklärt. Und dass alles besser wird, wenn er erstmal die anderen Kinder und den Tagesablauf kennen würde. Trotzdem kullerten dann Tränen und er klammerte sich an mich und bat mich immer wieder, da zu bleiben. Die Lehrerin reagierte toll, nahm ihn an die Hand und führte ihn in die Klasse. 

Ich weiß, dass es ihn noch einige Morgen viel Überwindung kosten wird, in die Schule zu gehen. Aber ich weiß auch, dass das irgendwann aufhört und er doch noch gerne in die Schule gehe wird. Ich hoffe im Moment nur, dass das nicht allzu lange dauern wird.

Samstag besuchten wir ein Fest der Begegnung im Nachbardorf. Der ökumenische Arbeitskreis Flüchtlingshilfe hatte eingeladen und ich war sehr überrascht, wie gut besucht das Fest war. Zeitgleich war bei uns im Dorf nämlich Kirmes und da war schlichtweg gar nichts los. Wir trafen ein paar Freunde, wir unterhielten uns und ich wurde der Dame, die die Arbeitsgruppe „Begleitung“ organisiert, vorgestellt. Nachdem ich meine Bereitschaft zur Unterstützung bekundet hatte, wurde ich nur wenig später einer 6-köpfigen afghanischen Flüchtlingsfamilie vorgestellt, die Unterstützung bei der Suche einer Wohnung benötigen. Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch Schicksal, dass sie in genau dem Moment um Unterstützung baten, als ich meine anbot.

Durch die Einsätze des Mannes in Afghanistan und die Hilfe, die wir vor Ort bereits organisiert haben, freute ich mich, dass wir nun auch hier einer afghanischen Familie unsere Unterstützung anbieten können.

Wir waren uns direkt sympathisch. Die älteste Tochter spricht bereits gut Deutsch und so konnten wir uns einigermaßen gut verständigen. Außerdem hatten wir einen Dolmetscher an unserer Seite. Die jüngste Tochter der Familie ist etwa im Alter der Kleinen. Dann gehören noch 2 Söhne zur Familie. Während die Mutter mit den 4 Kindern bei uns im Dorf in einem Zimmer wohnt, lebt der Vater derzeit noch in Düsseldorf in einer Flüchtlingsunterkunft für Männer.

Wir tauschen Telefonnummern aus. In dem Zusammenhang möchte ich Euch den Artikel Handys sind für Flüchtlinge kein Luxus ans Herz legen. Ich weiß, dass die Frage danach immer wieder gestellt wird. Kommenden Dienstag haben wir den ersten gemeinsamen Termin beim Amt, um die Familie in die Warteliste für eine Wohnung einzutragen. Parallel werde ich mich auch selber auf die Suche nach einer Wohnung machen, auch wenn die Chancen auf dem privaten Wohnungsmarkt etwas zu bekommen, verschwinden gering scheinen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich weiß, dass viele Leute aus unserer Stadt hier mitlesen. Ich würde mich freuen, wenn auch Ihr Euch über die Möglichkeiten der Unterstützung informieren würdet. Es fehlt an allen Ecken und Enden an ehrenamtlichen Helfern.

Sonntag, also heute, setzten mich Kopfschmerzen aus der Hölle vollkommen aus dem Gefecht. Nach einem Pancakes-Frühstück ging ich mit den Kindern hoch, um mit ihnen CDs zu hören und zu spielen. Tatsächlich döste ich an im Bett des Mittleren immer wieder ein.  Ich weiß, dass wir uns unterhielten, dass sie mir Fragen stellten und ich antwortete, aber irgendwann stupste mich der Mann an – die Kleine lag schnarchend auf  mir drauf – und meinte, es sei bereist 18 Uhr. Oh!

Ich rollte mich aus dem Bett, machte Bratnudeln mit Ei und brachte die Kinder danach mehr oder weniger erfolgreich ins Bett. Die Kleine ist natürlich schon 3 Mal wieder raus gekommen. Klar, wer sich nachmittags einfach zu Mama legt und einschläft, der ist abends auch nicht so richtig müde.

Ich hingegen könnt schon wieder ins Bett gehen. Aber ich muss jetzt erst nochmal meine kommende Woche organisieren. Und eine halbe Tüte Schokolinsen essen. Mjam.

Habt einen tollen Wochenstart!

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Steffi / Aug 17 2015

    Oh, man, der Kleine. Ist er denn allein aus seiner Kita in der Schule? Keine bekannten Kinder?
    Bei uns sind ca. 6 weitere aus seiner Kita in der Klasse, bisher gabs keine Tränen …
    Hoffe, dein Grosser hat bald nette Freunde, auf die er sich dann morgens freut !
    Viele grüsse
    steffi

    • Pia Drießen / Aug 17 2015

      Ein weiterer Junge aus seiner Kita geht mit ihm in die selbe Klasse. Leider tut der auch etwas schwer.

  2. Tanja / Aug 17 2015

    Eine tolle Idee, das Armband gegen das Kuscheltier zu tauschen und schon wieder was dazugelernt. Ich wusste bis gerade nicht, dass Batman Angst vor Fledermäusen hat.
    Toll, dass du der Familie hilfst. Ich stehe auch mit einer Familie in Kontakt und konnte schon ein wenig Hilfe leisten.

    Ich wünsche dir einen schönen Tag

  3. Stephanie / Aug 17 2015

    Danke, liebe Pia, dass Du Fremden hilfst!

    Alles Gute für den Schulstart, und dass es bald besser wird. Ich finde es wirklich wunderbar, wie Du Dich in Deine Kinder einfühlst und lese sehr gerne davon.

  4. Natalia / Aug 18 2015

    Hier bis jetzt keine Tränen. Ich muss allerdings immer mit ihm warten, bis sein Pate da ist. Mache ich natürlich gerne :-)

    Mateo ist aber über seinen Mini-Sorgenfresser sehr glücklich und er meinte gestern Abend, das hilft ihm sehr.

    Eine gute Freundin aus dem Kindergarten weint jeden morgen bittere Tränen, klammert sich an die Mama und will sie gar nicht gehen lassen :-( Ich hoffe, auch bei ihr legt sich das schnell :-)

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