Bis einer heult! • Heute war so ein Tag!
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9. September 2015 | Pia Drießen

Heute war so ein Tag!

Heute war so ein Tag, an dem ich das Eltern-Kind-Turnen vorzeitig abbrach, weil der Große ununterbrochen in Tränen ausbrach. Wegen Nichtigkeiten. Als wir nach Hause kamen, schickte ich ihn deshalb eine halbe Stunde in sein Zimmer, um runter zu kommen. Zwar fand er das erst überhaupt nicht witzig, erklärte mir aber danach, dass sein Kopf so voll und so laut gewesen wäre, dass er gar nicht mehr „geradeaus“ denken konnte. Ein ganz klassischer Fall von totaler Überreizung. Mein armes Kind.

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Ja, auch mir fällt sein Verhalten in solchen Situationen schwer. Ich verstehe ihn zwar, aber letztendlich musste ich so das geliebte Turnen der kleinen Schwester abbrechen, um seinen Bedürfnissen nachzukommen. Es ist und bleibt ein einziger Spagat zwischen dem Bedürfnis nach Aktivität und Ruhe. Für alle drei Kinder. Während der Mittlere sich bei Überreizung einfach zurück zieht, sich auf die Bank setzt und kurz mal kuscheln muss, bricht der Große in Tränen aus, wird unruhig, zappeling und laut. Dann hilft nur eine komplette Auszeit. Raus aus allen Situationen, die irgendwie seine Aufmerksamkeit fordern und absolute Ruhe. Dann kann er sich inzwischen relativ schnell selber regulieren.

Während der Große seine Auszeit nahm, füllte ich mit dem Mittleren ein Freundebuch aus. Nachdem er seinen Namen unter seinen Eintrag geschrieben hatte, fragte er, ob er noch mehr schreiben dürfe. Natürlich habe ich Ja gesagt … und staunte dann nicht schlecht, als er tatsächlich Worte schrieb. Dass sein großer Bruder jetzt schreiben kann, das stachelt den Mittleren ganz schön an. Wenn man mal bedenkt, dass er vor 6 Wochen noch nicht mal seinen Namen schreiben wollte. Heute sieht das schon so aus:

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Ganz bewundernswert finde ich übrigens, wie klar und sauber er schon die Buchstaben schreibt. Da hat der große Bruder wirklich länger für gebraucht. Der wiederum hat heute erfahren, dass er ab kommender Woche im Forder-Kurs für Deutsch ist, was ihn wahnsinnig stolz macht. Es ist so toll zu sehen, wie er beim Schreiben nach Lautschrift aufblüht und über jedes Wort, dass ich lesen kann, unendlich stolz ist. Es ist wir ein Geschenk!

Am Abend war ich auf der Informationsveranstaltung unserer Stadt zum Erstaufnahmelager für Flüchtlinge, das morgen bezogen wird. Nach der Veranstaltung konnte ich noch einen Blick in die Halle werfen. Ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn man in dieser riesigen Halle steht, durch die Bettreihen geht und sich vorstellt, wie nur wenige Stunden später dort rund 120 Menschen einziehen und vorübergehend leben werden.

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Wir sollten nie vergessen, wie gut wir es haben. Ich bin unendlich dankbar für jedes Kinderlachen, dass meine Kinder in ihren eigenen Betten, in ihren eigenen Zimmern schlafen können. Dass wir sie täglich je nach Wetterlage kleiden können und dass sie immer satt werden. Dass sie warm baden können, nicht nur zum reinigen, sondern auch mal nur so, aus Spaß. Wir haben ein sehr reiches und erfülltes Leben. Und es sollte für uns alle selbstverständlich sein, denen, die es nicht so gut haben, ein wenig von unserem Hab und Gut abzugeben und zu teilen.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Saskia / Sep 9 2015

    Liebe Pia, wirklich ein beklemmendes Gefühl, in diesen Räumen. Bei uns sind es riesige Kirmeszelte. Wir haben seit heute eine Flüchtlings Familie bei uns zu Hause aufgenommen. Haben ein Zimmer und das Gästebuch geräumt und Platz geschaffen für vier Personen. Wir sind gespannt, wie das wird. Aber nix tun ist ja auch keine Lösung… to bei continued… ☺

  2. Anke / Sep 9 2015

    Ja, da hast du vollkommen recht, ich bin sehr dankbar. Ich war vor kurzem in einer Einrichtung, um viele Sachen vom Sohn hinzubringen. Danach denkt man noch mehr, wie gut man es hat, als wenn man nur die Nachrichten sieht…..

    Ich bin froh, wenn ich sehe, wie hier in Dortmund von der Mehrheit reagiert wird und der braune Rest wirklich nur ein Rest ist. Momentan nerven mich die Leute, die ich für intelligent hielt und die jeden Mist teilen zb. bei FB. Von manchen bin ich menschlich echt enttäuscht….

    Keiner kann wohl nachvollziehen, was diese Menschen durchmachen. Vielleicht kann ich noch verstehen, aus eigener Erfahrung, wie es ist, ein Kind zu verlieren, aber Flucht? Manche von den sog. „besorgten Bürgern“ hören sich an, als wären diese Menschen aus Spaß auf der Flucht….

    Aaaaah, ich höre lieber auf …. das ist ein Endlos-Thema….

    Freue mich zu lesen, das der Große im Forder-Kurs ist. Bei uns gibt es so etwas leider nicht. Aber ich bin auch erst mal froh, dass die Schule so gut bei uns gestartet ist – bisher läuft es entgegen aller (oder hauptsächlich der Erwartungen des Kiga) wirklich sehr gut …. Hoffe es hält an.

    Auch hier geht das Selbst-Regulieren wirklich besser als noch vor einigen Monaten.

    LG
    Anke

  3. Michy / Sep 10 2015

    Hallo,

    Du triffst mit Deinen Worten den Kern der Sache. Wir haben in der Regel ein unglaublich schönes Leben voller Reichtümer. Vielleicht können wir uns nicht jeden Wunsch erfüllen – aber das muss ja auch nicht sein. Die meisten von uns leben in einer Wohnung, die sie sich ihren Wünschen entsprechend eingerichtet haben. Wir haben ausreichend Nahrung, medizinische Versorgung und leben in einem sicheren Land. Das sollten wir uns regelmäßig vor Augen halten und nicht so viel „jammern“. Lieber sollten wir unsere Energie effektiv nutzen und schauen, wo wir ggf. den Flüchtlingen unter die Arme greifen können.
    Eine Freundin von mir gibt z.B. Musikunterricht in einem Flüchtlingsheim. Die Kinder sind begeistert von der Abwechslung und freuen sich auch auf deutsches Liedgut.

    Hab einen tollen Tag!

    Michy

  4. Mamamulle / Sep 10 2015

    Ohja wir haben es so gut! Diese Halle… Gänsehaut!

  5. Tatjana / Sep 10 2015

    Liebe Pia,

    wir haben es wirklich gut und genau dass sollten wir den Kriegsvertriebenen geben. Toll, dass du bei der Infoveranstaltung warst! Ich bin als Pendlerin täglich zweimal am Münchner Hauptbahnhof und bekomme es hautnah mit, wenn in der früh um 7 Uhr Familien mit Kleinkindern auf dem harten Boden der Bahnhofshalle schlafen, bzw. schon wach sind und warten, bis der Fahrkartenschalter aufmacht. In der Tasche habe ich dann immer Lollies oder ein Spielzeugauto dabei. Ich hoffe, dass weitere Städte und Länder der Münchner Hilfsbereitschaftswelle folgen!
    Viele Grüße
    Tatjana

  6. Ulrike / Sep 10 2015

    gnah, diese „Lautschrift“ ist doch echt eine blöde Idee!! So gut wie alle meiner Nichten/ Neffen, die es so in der Schule lernen mussten, hatten dann auch Schwierigkeiten, später auf das „richtige“ Schreiben umzulernen. Einige Sachen kriegen sie gar nicht mehr raus!
    Warum nicht einmal und dann direkt richtig und vielleicht etwas länger mit ein paar Fehlern, die beim Ersten Lernen ja doch völlig normal sind?!

    Ich hoffe, dass das nicht flächendeckend wird oder sich dieser Trend wieder zurückzieht, bis ich Kinder habe, die zur Schule gehen.

    Ich finde deine Beschreibungen und Erklärungen zur Hochsensibilität sehr spannend – es öffnet den Blick und das Verständnis für „knatschige“ oder zappelige Kinder. Vielleicht hab ich sowas sogar in der Familie.. ich werde das mal weitergeben.

  7. Sayuri / Sep 12 2015

    ICh bin echt erstaunt wieviel die 1klässler im vergleich zu meinen 1. klässler machen *grübel* ist das nun schlecht oder nicht?!?
    Unsere sind gerade mal bei der Ziffer 7, sie schreiben so lange bis jeder in der Klasse sie einigermaßen leserlich und fehlerfrei schreiben kann.
    Mit Buchstaben ist das glaub ich ähnlich.

    MMh ein nachteil das die Kids keine hausaufgaben haben, ich weiß nicht wo sie dran sind. Aber laut erzählungen haben sie auch gar nicht so die Lautschrift. oder meiner ist einfach zu faul das gelernte daheim zu zeigen :D

    Ne freundin erzählte, das ihr sohn schon den ersten mathe test hatte :O die müssen schon + und – bis 10 rechnen und haben schon ihre erste Note.

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