Bis einer heult! • "Dann hau ich den Bösen auf den Kopf!"
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14. November 2015 | Pia Drießen

„Dann hau ich den Bösen auf den Kopf!“

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Weil Mama und Papa vergangene Nacht vor dem Fernseher saßen und zwischen den großen internationalen Nachrichtensendern hin und her zappten, waren die Kinder sich heute morgen erstmal selber überlassen. Das haben sie großartig gemacht. Alex deckte für die Geschwister den Tisch und gemeinsam frühstückten sie Müsli. Danach spielten sie friedlich in ihren Zimmern, bis wir schließlich aufstanden.

Der Mann schaltete direkt wieder die Nachrichten an, während ich ein zweites Frühstück zubereitete. Brötchen, Rührei und gekochte Eier. Je nach Wunsch jedes Einzelnen. Meine Gedanken kreisten um die Geschehnisse in Paris. So wie ich eingeschlafen war, voller Sorge, Entsetzen und Wut, so wachte ich wieder auf. Die Kinder bekamen schnell mit, dass irgend etwas geschehen war und fragten nach.

So saßen wir schließlich gemeinsam am Frühstückstisch und erzählten den Kindern, was in der vergangenen Nacht in Paris geschehen ist. Auf Grund des Berufs ihres Papas, insbesondere seiner Auslandseinsätze in Afghanistan, wissen sie auch schon mit 6 und 5 Jahren, dass es Kriege in der Welt gibt. Ich berichtete von den Detonationen, den Attentätern und den Selbstmorden. Und von den unfassbar vielen unschuldigen Toten.

Max erklärte aufgebracht, dass er sich das nicht gefallen lassen würde und er den Bösen feste auf den Kopf hauen würde. Als ich ihm sagte, dass man die Bösen vorher gar nicht als solche erkannt habe, war er natürlich irritiert. „Warum nicht?“ Tja, mein Kind, was antworte ich Dir da? Ich weiß es ja selber nicht. Frankreich hat seit 2006 eine 12-monatige Vorratsdatenspeicherung, die solche terroristischen Übergriffe ja verhindern soll. Genützt hat diese ihnen offensichtlich nichts.

Wir diskutierten lange darüber, ob sowas auch bei uns passieren kann. Der Mann ist sich da sicher: Ja, kann es, jeder Zeit. Mir persönlich graut es daher vor großen Veranstaltungen wie zum Beispiel Karneval. So viele Menschen auf den Straßen, die nichts wollen, außer ausgelassen zu feiern. Sind sie nicht das ideale Ziel?

Ja, ich habe Angst. Meine Kinder hingegen noch nicht. Sie vertrauen darauf, dass wir, ihre Eltern, sie beschützen. Für sie ist Paris genauso weit weg wie z.B. Masar-e Scharif, was aus oben genannten Gründen für sie eine der ersten Assoziationen mit Krieg ist. Und trotzdem war das da gestern Nacht eine kriegerische Handlung. Im Nachbarland. Wortklauberei hin oder her. Zivilisten wurden getötet, in einem Glaubenskrieg, der sie persönlich nicht betraf, in den sie mit Sicherheit nicht hinein gezogen werden wollten.

Warum wir den Kindern erzählen was vorgefallen ist und sie nicht vor der Realität schützen? Weil sie verstehen sollen, dass es da draußen Kriege gibt. Weil sie verstehen sollen, dass eine böse Gruppierung nicht gleich alle Menschen der selben Glaubensrichtung böse macht. Weil sie lernen sollen, zu differenzieren und sich nicht von allgemeinen Vorurteilen, die andere Kinder vielleicht von ihren Eltern aufschnappen und wiedergeben, beeinflussen zu lassen. Wir möchten, dass sie selber denken und meiner Meinung nach kann auch ein 5- bzw. 6-jähriger sich durchaus schon selber seinen Teil denken. Und das tun sie auch.

Max hat schon mal geäußert, dass er später Soldat werden möchte. Alex möchte nach wie vor Polizist werden. Bei beiden Berufswünschen mache ich keine Luftsprünge. Klar, ich bin ihre Mutter. Wer sieht schon gerne, wie sich die eigenen Kinder freiwillig Gefahren aussetzen? Es sind auch nur Berufswünsche von Kindern, die sich in den kommenden Jahren vermutlich noch dutzendfach ändern werden. Aber dahinter verbirgt sich dieser Glauben an Gerechtigkeit, an Hilfe für die, die sich nicht selber helfen können und der eigenen Wille, etwas zu tun, zu verbessern und nicht nur zuzusehen. Sicher gibt es noch tausend andere Wege und Möglichkeiten zu helfen und etwas zu verändern. Ich hoffe daher nur, dass sie ihre grundsätzliche Bereitschaft etwas für den Frieden in der Welt zu tun, behalten, statt Angst vor Flüchtlingen und fremden Nationalitäten zu entwickeln, wie ich es heute an so vielen Stellen bereits lesen musste.

Unser Leben und unser Alltag geht weiter. Trotzdem fühlt es sich heute befremdlich an, wenn Menschen so tun, als sei nichts geschehen, Katzen-Videos teilen und in ihre Kochtöpfe fotografieren. Das ist keine Bewertung, sondern ein Gefühl. Jeder geht anders mit solchen Geschehnissen um, jeder verarbeitet anders.

Dieser Beitrag verfolgt kein größeres Ziel. Er hält nur meine Gedanken fest. Ein bisschen wirr und unsortiert, aber er schafft mir etwas Erleichterung in diesen Stunden, in denen mein Kopf voll mit Warum?s und Was kommt noch?s ist.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Sasa / Nov 14 2015

    Für mich fühlt es sich befremdlich an, wenn heute alle so betroffen sind, ihre Profilbilder ändern und tiefsinnige Zitate posten, obwohl jeden Tag so viele unschuldige Menschen getötet werden.

    • Anna / Nov 14 2015

      DANKE DAFÜR!!! genau das denke ich mir auch immer, wenn plötzlich alle Regenbogengesichter haben oder jetzt eben den Eiffelturm hinter ihren Fotos – „Gefällt mir“ dafür zu drücken, widerstrebt mir richtig.

    • Minensie / Nov 15 2015

      Dankbar, dass gleich der erste Kommentar das ausdrückt, wie ich es ebenfalls empfinde. Danke. Die Welt spielt nicht erst seit Paris verrückt. Nicht erst seit zwei Tagen.

      Und Danke Pia für deine Worte. Auch das bestärkt mich, dass unser Weg, ehrlich mit dem Weltgeschehen umzugehen, für uns der richtige ist. Ich weiß, was meine Kinder verkraften. Und ich kann so schlecht diese Dinge klein reden.

      Gruß

      Mine

  2. Hanne. / Nov 14 2015

    Danke fürs ansatzweise Ordnen unseres Gefühlschaos.

  3. Jenny / Nov 14 2015

    Danke für deine Gedanken

    mir geht es wie dir… bedrückt und fassungslos und der Kopf voller Fragen und ein Bauchgefühl von ängstlicher Unsicherheit „was kommt noch vllt. auch hier“

  4. Chaosqueenlein / Nov 14 2015

    Noch heute erinnere ich mich an den 11.9.2001 ich war damals noch 12 Jahre alt. Ich war alleine zu Hause und schaute heimlich fern. Ich sah diese Bilder dieser Attentate und hatte Angst. Ich rief meinen Vater an und fragte Papa gibt es jetzt Krieg? Und er sagte ich weiß es nicht Kind! Ich fragte was bedeutet das alles für uns? Muss ich Angst haben und er sagte ich weiß es nicht Kind! Das machte mir damals Sorgen ich saß lange vor dem Fernseher obwohl ich es nicht sollte. Papa kam so schnell er konnte und wir sprachen lange darüber. Er erzählte mir auch von Terror aus seiner jungen Erwachsenen Zeit (Entführung der Landshut, die Hochzeit der RAF) rund um die Zeit der Geburt meiner Schwester. Er beschrieb mir seine Gefühle und auch das Terrorismus greifbarer, fassbarerer war. Doch jetzt nur nur noch viel sinnloserer Akt der Grausamkeit sei. Auch er wisse nicht weiter, das hat mich nachhaltig beeindruckt. Gerade weil mein Papa mein Fels, mein alles Wisser und Ratgeber so ratlos war. Auch wir sprachen gestern lange über das was passiert ist. Ich gebe Ihrem Mann recht, dass so etwas immer und überall passieren kann und 100% Sicherheit nirgendwo besteht. Im Moment machen mir die Ereignisse in Paris aus einem weiteren Grund Angst. Ich fürchte es gibt den „besorgten Bürgern“ und Politikern unserers Landes. Ein Beispiel dafür sicher der Facebookpost von Herrn Mattusek. Sicherlich beängstigt es mich wenn Rotkreuzkameraden von IS Videomaterial Funden berichten. Doch das ist eine solch krasse Ausnahme und quasi nicht erwähnenswert auf die Anzahl NUK(Notunterkünfte) betrieben werden und wie oft die Belegschaft schon gewechselt hat. Dennoch macht es mir Angst, dass all das den falschen Menschen auftrieb gibt. Davor fürchte ich mich im Augenblick. Mir haben auch die Anschläge in Paris zu Beginn des Jahres oder in London, Ägypten oder sonst auf der Erde Angst bzw Sorgen bereitet doch jetzt in Verbindung mit unserer Innenpoltischen Situation beunruhigt mich das um so mehr. Zusätzlich dazu das Wissen meine Eltern in unserer Hauptstadt Leben zu wissen.

  5. Mme Susa / Nov 14 2015

    @dailypia Sehr schön geschrieben!

    — via twitter.com

  6. Bei mir kam das komische Gefühl bereits vorgestern auf, als in Beirut Bomben in einem Einkaufszentrum hochgingen und sich in den „sozialen“ Medien keine Sau dafür interessierte.

    • Pia Drießen / Nov 14 2015

      Was vermutlich auch der medialen Berichterstattung geschuldet ist. Leider.

  7. Sibxlle / Nov 14 2015

    Ich weiß immer noch nicht, wie ich das meinem großen erklären soll. Er macht sich dann gleich Gedanken um Leute, die nicht da sind. Andererseits muss ich ihn mit dem thema konfrontieren, die nächsten Tage Wird in Radio, Fernsehen und Zeitung dauerberieselung sein. Oder dann in der Schule halt.

  8. micha_s / Nov 14 2015

    @dailypia Wie froh war ich heute, daß mein Kleiner noch zu klein ist.

    — via twitter.com

  9. Lenja / Nov 14 2015

    Ich finde es sehr gut, wie ihr mit euren Kindern über solche Themen sprecht. Mir graut immer davor, dass Kinder den Schwachsinn von anderen aufschnappen und übernehmen. Da muss man als Eltern oder auch als Paten und Verwandte dagegen halten und ihnen Mitgefühl, Nächstenliebe und Toleranz beibringen. Und ganz wichtig: vorleben! Sie sind die nächste Generation, die nächsten erwachsenen Menschen die etwas bewegen könnten. Die noch mehr positive Energie verbreiten können.

  10. Silke / Nov 14 2015

    Liebe Pia,
    Du schreibst, dass Du es befremdlich findest wenn Menschen so tun als sei nichts geschehen. Das respektiere ich uneingeschränkt.
    Mich lässt das Thema auch nicht kalt – absolut nicht.
    Ich möchte Dir aber auch gerne erzählen warum ich dieses Thema nicht auf meinem Blog thematisieren möchte und weiter mache wie bisher.
    Unabhängig von dem – naja – für den Moment unpassenden Titel des Blogs gibt es ein paar Dinge, die die Isis von uns will: Aufmerksamkeit, Angst und Einschränkung.
    Deswegen finde ich es – für mich – richtig, dem entgegen zu wirken indem ich versuche mein Leben genauso (naja, vielleicht ein bisschen bewusster) weiter zu leben wie bisher.
    Ob das richtig ist? Ich weiß es nicht. Aber für mich und meinen Blog fühlt es sich richtig an.
    Viele Grüße,
    Silke

    • Pia Drießen / Nov 14 2015

      Ich vermag nicht darüber zu urteilen, was richtig ist. Jeder empfindet für sich selber etwas anderes als richtig. Ich habe das hier heute geschrieben, weil ich es los werden wollte. Ohne weitere Intention. Darum urteile oder bewerte ich auch nicht das Tun und Handeln anderer Menschen. :)

  11. Fledermama / Nov 15 2015

    Ich finde es sehr gut, dass du ausdrücklich nicht urteilst.

    Auch ich mache so weiter, wie bisher. Denn ich mache mir jeden Tag das Leid in dieser Welt bewusst. Unsere Welt ist groß und grausam. Täglich werden irgendwo Menschen gequält, unterdrückt und getötet. Ich unterscheide dabei nicht, ob es Menschen in Beirut oder Syrien, ein Flugzeug voller russischer Touristen oder Unschuldige in Paris betrifft. Ich blende den Schrecken dieser Welt für mich nie aus. Deshalb machen mich die Anschläge in Paris nicht mehr betroffen, als der ganz normale Wahnsinn der Welt es ohnehin schon tut…

    Mich hat mal jemand (eigentlich provokativ) gefragt, ob wer gestorben sei, weil ich immer schwarz trage. Meine Antwort war „Ja, jeden Tag sterben unschuldige Menschen auf dieser Welt. Und ich trage jeden Tag ein wenig Trauer für sie“…

    Aber eigentlich wollte ich ja nur kommentieren, dass ich es sehr gut finde, dass ihr eure Kinder nicht in einer „Seifenblase“ aufwachsen lasst. Ich glaube fest daran, dass Ehrlichkeit und Offenheit immer der richtige Weg sind. Gerade als Mutter will man ja sein Kind eigentlich vor allem Schlechten schützen und bewahren. Aber dem steht halt manchmal die Realität gegenüber. Dabei eine gute Balance zu bewahren, ist eine große Kunst die ihr, so scheint es zumindest aus der Ferne, gut beherrscht…

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  1. So ein Gefühl. #Paris | nullenundeinsenschubser
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