Bis einer heult! • "Ein fetter Mann!"
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4. Mai 2016 | Pia Drießen

„Ein fetter Mann!“

Lieber großer Mann in Latzhose, den wir dich gestern bei McDonalds in Troisdorf trafen, als unsere Kinder ein Belohnungseis mit Smarties schlabberten, weil sie zuvor einen unangenehmen Hauttest beim Kinderarzt über sich ergehen lassen mussten.

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Es tut mir leid, dass meine 3-jährige Tochter „DAS IST ABER EIN FETTER MANN!“ durch die ganze Fast Food-Filiale brüllte, als sie dich sah. Ehrlich! Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

Du hast Dich nach ihrem Ausruf umgedreht, sie eine Weile prüfend angeguckt und den Kopf geschüttelt.

Weißt Du, sie ist 3 Jahre alt. Sie stellt Dinge fest. Du hast ja nicht ihre, zuerst an mich gerichtete, Frage gehört: „Mama, der Mann hat aber einen dicken Bauch, oder?“ Ich habe ihre unverfänglichen und legitimen Frage mit „Ja, den hat er“ geantwortet. Was dann genau in dem kleinen Kopf passiert ist, dass sie diese Feststellung mit den oben bereits erwähnten Worten und vor allem in dieser Lautstärke wiedergeben musste, weiß ich nicht.

Du sollst aber bitte wissen, dass ihren Worten nichts Wertendes oder gar Bösartiges anhaftet. Bis gestern war ihr gar nicht bewusst, dass man das Wort fett nicht nutzt, um damit Menschen zu beschreiben. Ich bemühe mich, all meinen Kindern beizubringen, dass Menschen ganz unterschiedlich sind. Groß, klein, dick, dünn, dunkel, hell, weiblich, männlich oder beides und trotzdem eben einfach nur das: Menschen. Ich vermittle ihnen Unvoreingenommenheit und Respekt gegenüber jedem Menschen, egal wie er aussieht, woher er kommt oder an was er glaubt. Aber auch diesen Weg ist man nicht von heute auf morgen gegangen. Ich arbeite daran.

Vielleicht hat es gerade die Situation gestern gebraucht, damit ich meiner Tochter erklären kann, dass man niemanden fett nennt. Vorher ist das einfach noch nie Thema gewesen. Ich habe ihr auch erklärt, dass solche Worte die Menschen, denen man sie sagt, verletzten können; dass diese dann vielleicht traurig werden oder sogar nicht mehr unter andere Menschen gehen, weil sie vielleicht Angst haben, dass wieder jemand so etwas gemeines zu ihnen sagen könnte. Sie war dann sehr still und hat dich die ganze Zeit beobachtet. Ich weiß, dass sie verstanden hat, was ich ihr erklärt habe und dass es in ihrem kleinen Kopf kräftig rumort hat. Die Tatsache, dass man einem großen stattlichen Mann mit seinen Worten vielleicht weh getan haben könnte, das hat auch die kleine Mimi sehr beschäftigt.

Jedenfalls, und das ist der Grund warum ich das hier schreibe: ich möchte mich nicht entschuldigen. Nicht für Mimi, denn wie schon geschrieben, lag keine Böswilligkeit in ihren Worten; kein Bewusstsein für die Wirkung ihrer Worte. Ich möchte Dir vielmehr danken! Dafür, dass Du mit ihr im Anschluss trotzdem geflirtet, Grimassen geschnitten und zum Abschied gewunken hast. Dass Du sie eben so genommen hast, wie sie ist: ein kleines 3-jähriges Mädchen mit ganz viel Unsinn im Kopf.

Als wir den Laden verließen und sie Dir noch mal kräftig zugewunken hat, flüsterte sie mir zu: „Das ist aber ein sehr netter Mann!“ Schade, dass sie das nicht mit der selben Lautstärke kundgetan hat, wie ihre Begrüßung.

Danke!

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Anntje / Mai 4 2016

    Sehr süß <3

  2. Danny / Mai 4 2016

    Bei mir hat es einige Zeit gedauert, bis ich solche Aussagen von Kindern richtig einzuordnen wusste.

    „Die Frau ist aber dick“
    „Guck mal, die dicke Frau“
    „Danny, du darfst da nicht drauf du bist zu dick“

    Mittlerweile weiß ich, dass diese Aussagen genauso wenig wertend gemeint sind wie die Tatsache, dass ich zwei Füße habe, eine Brille trage und lange Haare habe. Das hilft ungemein und lässt auch mich sehr gelassen damit umgehen.

  3. linfue / Mai 4 2016

  4. Sonja Suchentrunk / Mai 4 2016

    Gänsehaut!

  5. Biene / Mai 4 2016

    Solche Momente kenne ich auch zu gut. Bei uns kam das letztens beim Einkaufen das 1. Mal aus ihrem Mund. Da lief ein Mann mit längerem Bart und Mütze und sie meinte „Mama der Weihnachtsmann“ und das kam nicht einmal – nein, jedesmal wenn er uns über dem Weg lief!… Mittlerweile treffen wir ihn immernoch beim Einkaufen, aber nun sagt es die Maus etwas leiser :-)
    Der Mann fand das nämlich scheinbar nicht ganz so witzig wie sie.

    Und das 2. Mal wo es jetzt direkter kam, sackte mir auch erstmal das Herz in die Hose und ich musste schlucken und gucken, wie der Mann darauf reagiert. Wir waren im Urlaub und standen am Fahrstuhl und plötzlich meinte sie: Mama der hat aber einen dicken Bauch!
    Zum Glück hat dieser sehr nett gekontert und gemeint: Ja da hast du recht, ich esse halt gerne! (Er hatte zum Glück selbst Enkel und kennt die Situation)

    Als wir beim Pflanzenladen eine etwas eigenartig geschminke Verkäuferin gesehen haben und die Kleine meinte: Die sieht aber komisch aus!
    War es zum Glück auch so leise, dass es die Frau nicht gehört hat und als es von ihr noch Gummibärchen gab, war es vergessen… Puuh

    Kindermund tut Wahrheit kund!… Aber manchmal bleibt einem da schon etwas die Spucke weg ;-)

  6. Sayuri / Mai 4 2016

    Danke für diesen Post. Denn ich muss gestehen, das mich solche ausrufe sehr verunsichern, wehtun und ja ich habe oft gedacht, was deren Eltern bitte Falsch gemacht haben bzw die Kinder verzogen haben. Aber den Blickwinkel hab ich nie betrachtet. Ich habe unseren zwerg immer gleich angefahren wenn er sowas abwertendes sagte, „Mama und Papa sind auch so dick, das ist nicht nett, das tut weh so über jemanden zu reden“
    Mir tut es heute leid, den er hat es wie Mimi bestimmt nicht böse gemeint.

    Und ich werde mich jetzt auch nicht mehr schämen sondern es einfach hinnehmen wenn kleine Kinder so etwas sagen. Lächeln und wie der nette Mann reagieren. Kinder sind eben Kinder, danke.

  7. Jennx / Mai 4 2016
  8. Judith / Mai 5 2016

    Och Gott ist das süss!

  9. Eva / Mai 8 2016

    Ja, Kinder tendieren dazu, Sachen sehr direkt beim Namen zu nennen, ohne boese Absicht. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mein Problem bei der ganzen Sache ist (und das ist als Denkanstoss fuer alle gedacht, fass dies bitte nicht als Kritik an Dir auf, Pia!): Ich selbst bin dick und kann mit dieser Bezeichnung gut leben, ganz im Gegensatz zu „fett“. „Fett“ ist in unserer Kultur ein Wort mit einer eindeutig negativen Konnotation. An „fett“ ist nichts positiv, niemand moechte so bezeichnet werden, wie Du, Pia, Deiner Tochter scheinbar sehr gelungen vermitteln konntest. „Fett“ ist im Gegensatz zu „dick“, „duenn“, „gross“, „klein“ etc. nicht neutral. Und ich frage mich, woher ein dreijaehriges Kind dieses Wort ueberhaupt kennt. Meine Kinder bringen aus der Kita jede Menge Woerter nach Hause, von denen mir lieber waere, sie wuerden in der Kita bleiben ;-) „Fett“ war zum Glueck noch nicht dabei.

    • Eva / Mai 10 2016

      War ja klar, dass es nach meinem Kommentar so kommen musste: Heute morgen meinte mein Sohn zu mir „Mama, du bist aber wirklich fett.“ Neuer Kindergartenwortschatz. Aber im Ernst, welcher Erwachsene haelt „fett“ fuer ein alltagstaugliches Wort?

      • Pia Drießen / Mai 10 2016

        „Eine fette Spinne!“ Ist so ein Satz, der hier durchaus genutzt wird. Vielleicht hat sie es davon abgeleitet.

        • Eva / Mai 10 2016

          Ok, ok, da hast Du natuerlich recht. Und ich bin wieder etwas besaenftigt :-)

  10. Matilda / Mai 13 2016

    Ein bisschen off-topic aber meine Mutter hat neulich eine ähnliche Geschichte aus meiner Kindheit zum besten gegeben. Ich war wohl bereits mit 11/2 Jahren sprachlich sehr fit, dass ich aber Erwachsenen auch zuhör und alles verstehe war meiner Mutter wohl nicht so bewusst, was sich rächen sollte. Meine Mutter unterhielt sich mit Ihrer Schwägerin über die gemeinsame Schwiegermutter (sehr schwierige Person) Die Schwägerin (also meine Tante) zu meiner Mutter nachdem es wieder mal Ärger gab Oma K. ist so eine „blöde Sau“. Ich hab das wohl mitbekommen und mir gemerkt, und so baute ich mich, mit meinen 18 anscheinend zwei Wochen später bei einer Familienfeier vor meiner Oma auf und wiederholte das ganze ziemlich laut – mehrfach, da meine Oma mich nicht verstand der Rest, der Verwandschaft aber schon (die Reaktionen lagen wohl zwischen entsetzen und lachend auf dem Boden liegen). Meiner Mutter war das sehr peinlich, auch wenn Sie nur indirekt Schuld hatte und ich ja definitiv nicht wusste was ich da sag. Das Glück aller Beteiligten war dann, das meine Oma das ganze auch nach der 3. Wiederholung nicht verstanden hat. :-) Und mir wurde das ganze dann, verständlicherweise, verboten.

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