Die Zeit wird’s richten.

Seitdem alle drei Kinder in der Schule sind hat sich unser Alltag doch sehr verändert. Nicht nur, weil alle drei nun Schulkinder sind, sondern auch weil sie einfach älter, selbstständiger und unabhängiger geworden sind. Es ist inzwischen so selten, dass ich mit allen drei gleichzeitig unterwegs bin. Eines der Kinder hat immer eine Verabredung, etwas anderes vor oder eben keine Lust mitzukommen. Noch vor 2 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Da hingen sie mir alle drei gefühlt rund um die Uhr am Rockzipfel.

Nein, ich kann nicht behaupten, dass ich wehmütig wäre. Ich genieße die Zeit, die ich nun auch wieder für mich ganz alleine habe oder eben intensiver mit dem einen oder anderen Kind verbringen kann. Es macht alles so viel einfacher. Weniger Eifersucht, weniger sich gegenseitig übertönen müssen und vor allem: mehr freiwilliges Zusammensein.

Das Verhältnis der Jungs ist deutlich besser geworden, seit sie Interessen teilen, die wir Eltern eben nicht teilen. Computerspiele zum Beispiel. Oder irgendwelche YouTuber. Seit wenigen Wochen muss ich die auch morgens nicht mehr zur Schule begleiten. Das war insbesondere dem Mittleren noch lange sehr wichtig. Jetzt ist es aber auch für ihn nicht mehr nötig und das führt mich zu einer anderen Erkenntnis, die ich inzwischen gewonnen habe.

Die Zeit wird’s richten. Sowohl der Große wie auch der Mittlere sind sehr sensible Gemüter, die sich vieles schnell und manchmal auch zu intensiv zu Herzen nehmen. Ein im Streit hingeschmettertes „Du bist nicht mehr mein Freund!“ hat da nicht selten echte Krisen ausgelöst. Ein mahnendes Wort der Lehrerin über zu unsauber geschriebene Texte zu starken Selbstzweifeln und dicken Tränen geführt. Ein Freund, der sich drei mal hintereinander mit einem anderen Kind verabredet hat, echte Ängste geschürt, man habe etwas falsch gemacht. Der eine äußert das durch körperliche Unruhe, der andere durch totale Zurückgezogenheit. Nicht selten werde ich gefragt, ob die beiden denn wirklich Brüder seien, wo sie scheinbar doch so grundverschieden wären. In Wahrheit sind sie sich ähnlicher als man denken mag.

Sie brauchen beide für vieles länger und sind sehr empfindsam in allen möglichen Bereichen. Der eine hat arge Probleme mit Nahrungsmitteln jeglicher Art. Zu bitter, zu hart, zu matschig, riecht zu intensiv, zu süß, zu klebrig. Die häufigste Begründung, wenn er etwas nicht mag, ist: „Das fühl sich so komisch im Mund an!“ Das ist nun mal seine Wahrnehmung und das haben wir inzwischen akzeptiert. Bis dahin war es ein langer Weg über „Stell Dich nicht so an!“ (ja, als Jungeltern die es nicht anders gelernt haben, sagt und denkt man solche Dinge) über „Probier wenigstens!“ bis hin zu „Aber Du musst doch irgendwas essen?!?!

Letzteres war echte Verzweiflung meinerseits, aber zum Schluss hat das Kind dann doch immer irgendwas gegessen. Und wenn es über Wochen nur Haferflocken mit Milch waren.

Das andere Kind ist sehr Angst behaftet und haptisch extrem empfindsam. Es mag nicht berührt oder angefasst werden. Schon als Baby mochte er das nicht. Die einzigen Menschen, die ihn in den Arm nehmen dürfen, sind seine Familienmitglieder. Aber auch da nur kurz und nicht zu feste. Nach wenigen Sekunden schiebt er einen dann von sich weg. Ist er sehr aufgebracht hilft ihm eine sanfte Berührung am Rücken, aber dafür muss eine tiefe Vertrauensbasis vorhanden sein. Ich bin unendlich froh, dass er in seiner neuen Lehrerin eine Person gefunden hat, der er absolut vertrauen kann. Das ist wie ein Sechser im Lotto und hätte auch total nach hinten losgehen können. Sie nimmt ihn an wie er ist, problematisiert sein Verhalten nicht, sondern sucht Möglichkeiten und Wege, ihn zu erden. Sechser im Lotto. Sagte ich ja schon.

Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte: eine Zeit lang haben wir versucht unsere Jungs zu „normalisieren“, wobei sich das jetzt schlimmer anhört, als es war. Wenn ein Verhalten so sehr von der Norm abweicht, dass es eben von dieser oder jener Stelle thematisiert wird, dann überlegt man im ersten Moment natürlich schon, was man anderes machen kann (oder vielleicht sogar falsch gemach hat). Die Erkenntnis, dass wir die Kinder aber weder ändern können noch wollen, hatten wir dann aber zum Glück recht früh. Als mir das erste Mal bewusst wurde, dass mein Kind Dinge, die andere Kinder in seinem Alter noch nicht oder schon lange tun, auch alle macht, nur eben zu einem späteren/früheren Zeitpunkt, hat mir das ganz viel innere Ruhe gegeben.

So probiert das eine Kind inzwischen alle Speisen freiwillig, lässt sich dann und wann sogar auf neue Komponenten in seinem Speiseplan ein und kommentiert nicht mehr nur mit einem Würgegeräusch, sondern kann uns recht objektiv schildern, was ihn an diesem Lebensmittel missfällt. Er gibt sich viel Mühe beim Schreiben und hat genug Selbstbewusstsein zu sagen: „Ich hab mein Bestes gegeben! Das muss Ihnen reichen.

Das andere Kind hat gelernt seine Abneigung gegen Körperlichkeiten auszuformulieren, ohne dabei motorisch völlig auszuflippen, wütend zu werden oder gar zu weinen. Er kann sagen: „Mir ist das zuviel. Zuviel Lärm/Geruch/Bewegung um mich herum. Ich brauch eine Pause.“ Nicht immer rechtzeitig, aber in vielen Fällen so früh, dass er sich selber wieder erden kann. Was ein Gewinn auf der langen Straße der Entwicklung!

Und was ist mit Mimi? Auch die hat ihre Baustellen. Insbesondere in der Haptik liegt da einiges im Argen. Schuhe müssen mindestens eine Nummer zu groß sein, Jeanshosen gehen nur als Jeggins in knalleng. Ohne Knopf oder einen breiten Bund. Unterhosen müssen einen Beinansatz haben; Socken keine Muster unter den Fußsohlen. Die Liste  lässt sich noch beliebig erweitern. Anders als ihre Brüder ist sie außerhalb unserer Familie aber sehr angepasst und explodiert emotional (Wut, Trauer, Angst) nur in vertrauter Umgebung. Das macht es für sie in sofern einfacher, da ihr „aus der Rolle fallen“ einfach von außen gar nicht bemerkt oder kommentiert wird. Manchmal wünsche ich mir, die Jungs hätten diese Fähigkeit auch. Nicht für mich, sondern für sich selber. Denn wer ständig von Außenstehenden irgendwie kommentiert wird, der muss sich schon als Kind ein sehr dickes Fell aneignen.

Was ich aber eigentlich mit diesem Text sagen will: bleibt geduldig. Ein sensibles Kind wird nicht weniger sensibel, wenn ihr versuch ihm seine „Marotten“ abzuerziehen. Probiert Alternativen. Lasst Dinge weg. Gebt auch mal nach.

Wenn Ihr sehr aktive Menschen, gerne unter anderen Menschen und unterwegs seid, aber auch merkt, dass Eurer Kind genau das Gegenteil braucht, dann macht Euch bewusst: Das ist kein Dauerzustand. Sie werden älter, reifer und lernen die möglicherweise fehlenden Umweltfilter anders auszugleichen und zu kompensieren.

Das große Kind ist jetzt 9 Jahre alt. Das ist die Hälfte von Volljährig. Die Zeit vergeht so schnell und schon jetzt haben sich viele unserer Sorgen in Luft aufgelöst. Der Rest wird sich auch noch finden.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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18 Gedanken zu „Die Zeit wird’s richten.

  1. DANKE…manchmal braucht man solchen Erfahrungen und Richtigstellungen des Blickwinkels .Immer klappt es hier nämlich nicht das Kind im ganzen zu sehen und zu sehen ,dass seine Fehler, keine Fehler sind, sondern das was ihn als Person halt ausmachen… DANKE

      1. ich bin wohl genau in diesen jahren davor und freue mich sehr über den text. genau das versuche ich mir seit monaten einzureden, gegen die kommentare von außen, gegen das verbiegen des eigenen kindes. danke und alles liebe für euch.

  2. Vielen Dank für diesen Mutmachbeitrag! Mit drei Kindern zwischen 1,5 und (fast) 6 Jahren komme ich nahezu täglich an meine körperlichen und emotionalen Grenzen. An schlechten Tagen kann da auch mal der Optimismus flöten gehen. Dieser Post hilft in der jetzigen Situation wirklich weiter und kommt meiner Grundhaltung (Alles wird irgendwie irgendwann gut…) sehr entgegen.
    Danke, danke, danke!

  3. Danke 💓 Und noch ein ergänzender Gedanke: Manches wird auch nicht gut, jedenfalls nicht das „gut“, was wir Eltern so im Sinn haben. Aber auch das ist okay, so lange wie wir unsere Kinder stützen und begleiten. So meine Erkenntnis der letzten neun Jahre – auch dieser Prozess brauchte seine Zeit..

  4. Ganz toll geschrieben, danke! Ich habe ein Kind, das scheinbar die „Marotten“ deiner drei in einem vereint. Leider haben wir nicht so viel Glück mit Erzieherinnen und Lehrern gehabt – umso schöner ist es daher zu lesen, dass es noch welche von den Guten gibt :-)

  5. Danke!
    Ich lese deinen Blog nun seit 6 Jahren und so oft helfen mir deine Schilderungen vieles gelassener hinzunehmen, ich habe auch ein sehr gut explodierendes Kind was dabei oftmals keine Grenzen kennt, dies aber wie bei Mimi nur zu Hause hat und woanders die Ruhe selbst ist. Danke dir dass du so vieles mit uns teilst

  6. Ich kann mich nur anschließen: Vielen vielen Dank für den Beitrag! Meine Jungs sind noch 1,3 und 5 und gerade bei den beiden Großen komme ich auch oft an meine Grenzen und denke, ich muss etwas an ihnen „ändern“ damit sie besser in die Gesellschaft passen… Weniger laut, weniger emotional, offener, weniger ehrlich und stur… Dein Beitrag macht mir Mut ihrer Entwicklung mehr Zeit zu geben. Dankeschön!

  7. Ein sehr schöner Artikel! Soviele Situationen, die Du da beschrieben hast, kenne ich. Und ich möchte auch immer, dass die Kinder einfach nur so als Mensch gesehen werden, wie wir jeden Erwachsenen auch sehen. Es hat doch jeder Mensch seine eigene Art, nur Kinder sollen immer in ein Schema passen…

  8. Das klingt großartig. Ich habe vor ein paar Jahren mal in deinem Jahresrückblick gelesen, dass du viel dafür gekämpft hast, dass dein Sohn keine Diagnose (adhs oder Autismus nanntest du glaube ich) bekommt. Da habe ich lange gezweifelt und zwischendurch gedacht „ohja das arme Kind.“ eine Diagnose ist oft richtig und wichtig, um Kindern zu helfen sich in der Welt zu recht zu finden. Meine große Tochter wurde viel zu spät diagnostiziert und das wünsche ich keinem Kind der Welt. wenn ich dann allerdings lese, dass deine kinder so sensibel sind und du ihre Baustellen ganz genau denkst, denke ich mir nur:“ wow da hat sie ganz viel richtig gemacht und für das richtige gekämpft. Diese Kids haben echt riesen Glück.“
    Uff lange Rede, kurzer Sinn mach weiter so!

  9. Danke für den Text! Ich kann so viel nachvollziehen. Kennst du von Nora Imlau „So viel Freude, so viel Wut“? Hat mir die Augen geöffnet. Echte Empfehlung!

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