Wattewolkenbewohner

Gemeinsam standen wir an der Klippe und schauten hinunter. Wieder.

Ich griff nach Deiner Hand, aber Du schautest mich nur panisch an und zogst sie wieder weg. Du wolltest nicht springen, noch nicht. Nicht jetzt.

Ich konnte das nicht verstehen, warteten da unten doch die dicksten Wattewolken auf uns, die uns weich und kuschelig auffangen würden. Aber Du hast die Arme vor der Brust verschränkt, dich leicht abgewandt und mit dem Kopf geschüttelt. Du wolltest nicht. Obwohl mich der Anblick der Wattewolken so sehr anzog, widerstand ich dem Sprung. Ich wollte bei Dir bleiben. Bleiben, bis auch du bereit bist. Bis auch Deine Angst versiegt. Denn ohne Dich würden diese Wattewolken niemals so weich sein, wie mit dir.

Ich überlegte lange und viel, wovor Du wohl Angst hattest. Dass uns die Wattewolken nicht halten und wir hindurch purzeln würde?

Und dann erkannte ich, wo dein Problem lag. Du sahst keine Wattewolken. Nur Steine, ein wenig Sand, aber viel Felsen. Du dachtest, wir würden zerschellen, wenn wir jetzt und hier gemeinsam springen. Und ich wusste, dass dir niemand die unglaublich weichen Wattewolken zeigen konnte. Du musstest sie selber erkennen und feststellen, dass keine Gefahr ausgeht, von diesem Sprung.

Ich saß eine lange Zeit an dieser Klippe, ließ die Füße hinab baumeln und betrachtete, den Kopf müde auf einer Hand abgestützt, die Wattewolken. Manchmal tropfte dann eine dicke Träne hinunter und zersprang in tausend glitzernde Partikelchen, wenn sie die Wolke erreichte. Das habe ich vor Dir verborgen, aus Angst, Du würdest nur mir zu Liebe behaupten, die Wattewolken doch sehen zu können.

Du standst immer noch neben mir. Du bist nie von meiner Seite gewichen. Du hast mir dann und wann die Hand auf die Schulter gelegt, mir liebevoll über den das Haar gestrichen und „Sei nicht traurig. Irgendwann werde auch ich die Wolken sehen.“ ins Ohr geflüstert. Ich habe dann traurig gelächelt und genickt. Geglaubt habe ich Dir nicht.

Manchmal, wenn ich alleine an der Klippe spazieren ging, sah ich unten die glücklichen Mensche, wie sie auf ihrer Wolke umher tobten, sprangen und kullerten. Das Glück stand ihnen ins Gesicht geschrieben, mit großen roten Buchstaben. Selten sah ich auch jemand erschöpft und müde auf einer Wolke sitzen, jedoch nicht weniger glücklich als all die anderen Wattewolkenbewohner.

Als ich von einem meiner Ausflüge zurückkam, saßt Du schon auf unserer Klippe, ließt die Beine baumeln und sahst mir mit einem breiten Grinsen erwartungsvoll entgegen. „Na, Du.“ Ich setzte mich neben sich, lehnte meinen Kopf an Deine Schulter und ließ meinen Blick auf unsere Wattewolke gleiten. Wann endlich würde ich sie berühren und spüren können? Wann endlich würdest Du unsere Wattewolke sehen? Immerhin stand neben uns das Schild, das unsere Namen trug.

Als Du plötzlich aufstehst und mir Deine Hand hinhältst bin ich zunächst verwirrt. Manchmal hatte ich Angst, Du würdest mich schupsen, nur damit ich nicht mehr so traurig bin. Als ich zögere legst Du den Kopf schräg, siehst mich prüfend an und lächelst dann. Ich kenn Deine Frage, obwohl Du sie nicht laut ausgesprochen hast.

Natürlich vertrau ich Dir!

Ich legte also meine Hand in Deine, mein Herz in Deins, mich in Dich.

Deine Stimme ist leise und zittert ein bisschen, als Du nun sprichst.

„Ich habe heute Nacht von unserer Wolke geträumt. Ich habe sie gefühlt, gesehen, gerochen. Und als ich aufgewacht bin, bin ich hierher gerannt, um zu sehen, ob es wirklich nur ein Traum war. Sie ist da. Ich kann sie sehen. Und dann habe ich diesen Drang gespürt hinunter zu springen. Sie ruft nach mir, aber du warst nicht hier und ohne Dich kann ich doch nicht springen. Wie hast du das nur so lange ausgehalten?“

Dann spüre ich, wie der Druck Deiner Hand fester wird und wir springen beide, gleichzeitig und mit offenen Augen die Klippe hinunter.
Wir laden auf unserer Wolke.
Sie ist warm.
Sie ist weich.
Wir balgen herum wie kleine Kinder, springen und hüpfen.

Wir. Wir. Wir.

[Aus der Kategorie: ein Traum.]

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13 Heulsusen

  1. Traurige Gruselgeschichte? Komisch, anscheinend bin ich heut einfach gut drauf. Ich lese da von einem Paar, das nun gemeinsam große Schritte geht. Heiratest du den Herrn H.? Wie auch immer, für mich ist es eine Liebesgeschichte. Ich finde deine Texte/Geschichten einfach wunderschön, liebe Pia.

  2. Seraphima

    Liebe Pia,
    Deine Texte sind so wunderschön, so zart, so wahr. Bitte bitte bitte reiche sie schnellstmöglich einem Verlag ein, ich würde mich sehr freuen, bald ein ganzes Buch mit Deinen unglaublich berührenden Texten in der Hand halten zu können. Hier im Blog erscheinen sie mir fast ein wenig zu „vergänglich“ und das empfinde ich als unendlich schade.
    Liebe Grüße
    Nadine

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