Quietschbeu-?-Meilenstein

Heute Morgen einen von mir herbei gesehnten Meilenstein passiert:

Ich brachte die Miezbeus wie gewohnt in den Kindergarten. Wir waren früher als sonst dran, da ich heute besonders früh auf der Arbeit sein musste. Normalerweise findet der Quietschbeu es nicht sooo toll, wenn er einer der Ersten oder sogar der Erste ist.

Sein Gruppenkollege Tom saß schon beim Frühstück. Tom ist stark lernverzögert und daher mit 4 Jahren noch in der U3 Gruppe. Er kann wenig bis gar nichts mit anderen Kindern anfangen, wobei der Quietschbeu ihm immer ganz besonders Aufmerksamkeit schenkt, weil Tom sich in mich verliebt hat. Er muss mich immer umarmen, mit mir kuscheln oder mich anstarren, aber leider auch kneifen, an meinen Haaren ziehen oder beißen, wenn ich ihm in der Kürze der Zeit nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenken kann. Tom hat eine separate Kinderpflegerin an seiner Seite. Tom ist unheimlich süß, aber auch sehr anstrengend.

Der Quietschbeu betrat jedenfalls freudestrahlend den Raum, schleppte seinen Rucksack zu seinem Stuhl und setzte sich zu Tom, der bereits frühstückte. „Hallo Tom, gute slafe?“

Ich war erstaunt, dass der Quietschbeu direkt so offen auf Tom zuging, sich ohne Murren und unischeren Blick, was ich nun tun würde, hinsetzte und seinen Rucksack öffnete.

„Ssale haben, bitte.“, forderte er seinen Erzieher auf. Freitags darf der Quietschbeu Müsli mit in den Kindergarten nehmen. Da freut er sich schon die ganze Woche drauf. Er öffnete das kleine Obstdöschen vorsichtig und schüttelte die Birnenstücke auf seinen Teller.

Ich stand ganz perplex daneben. Normalerweise lässt er meine Hand nicht los, bis ich sage, dass ich nun fahren würde. Dann klammert er sich an mein Bein und beginnt fürchterlich zu weinen.

Heute begann er einfach so völlig selbständig seinen Kindergartentag und ignorierte mich nahezu. Ich ging also neben meinen großen Sohn, der bereits in seinem Müsli rührte, in die Hocke und sage: „Ich fahre jetzt arbeiten. Bekomme ich noch einen Kuss?“ woraufhin der Quietschbeu mir einen Kuss gibt und winkt. Als ich an der Tür bin und noch mal winke wird sein Blick dann doch ängstlich und er fragt leise: „Mama fährt Aarbeit?“ – „Ja Schatz, Mama fährt jetzt arbeiten. Bis später! Ich habe Dich lieb“

Und dann gehe ich. Durch die Tür des Gruppenraumes – ich bleibe stehen und lausche – durch die Tür zum Eingangsbereich – ich bleibe stehen und lausche – durch die Haupttür – ich bleibe stehen und lausche.

Der Quietschbeu weint nicht. Nicht eine Sekunde. Ich höre ihn noch sagen, dass Mama jetzt arbeiten fährt. Dann zählt er all seine Kindergartenfreunde auf, die gleich noch kommen werden und unterhält sich mit seinem Erzieher über das, was er gestern Nachmittag noch alles erlebt hat.

Ich bin ergriffen und muss Tränen wegkniepern. Mein großer Junge. Mein großer fürsorglicher, freundlicher und tapferer Junge.

Ich liebe Dich so sehr, mein Herz!

Print Friendly, PDF & Email
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
Beitrag erstellt 4496

9 Gedanken zu „Quietschbeu-?-Meilenstein

  1. Wunderbar! Ich bin doch jetzt ganz froh, dass Colin jetzt schon in den Vor-Kindergarten geht. Vermutlich reflektiert der QB schon mehr als er und hat deshalb diese Ängste gehabt, die Colin nicht hatte. Genauso ist es wohl mit dem LM. Aber ist es nicht wunderbar, dass sie jetzt gerne dorthin gehen?! Etwas ganz eigenes erleben ohne Mama und Papa. Ich bin immer schon gespannt was der Kleine mir am Nachmittag erzählt und reime mir dann zusammen was erfunden und was wirklich geschehen ist. :)

  2. Ach Gott, du kannst das so toll beschreiben! GENAU SO ging es mir immer und immer wieder mit den Mädels. Man lässt halt immer ein kleines Stückchen von sich selbst, also vom eigenen Herzen, mit im Kindergarten, wenn man sich zur Arbeit davon stiehlt.

  3. Auf so einen Meilenstein, bei dem sich auf einmal etwas löst, was vorher ein großes Problem war, hoffe ich bei meinem 8jährigen bei den Hausaufgaben. Daß er sich demnächst einfach hinsetzt, die Hefte aufmacht, loslegt und und nach Erledigung des Pensums stolz so etwas sagt wie: „Und jetzt mache ich was anderes!“ Wäre schön.
    Ein allmähliche Änderung wie beim Kleinen mit der Kindergarteneingewöhnung wäre mir auch recht.

    LG Dieter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben