Aus dem Land der Wörterfabrik

„Es gibt ein Land,
in dem die Menschen fast
gar nicht reden.
Das ist das Land der großen
Wörterfabrik.

Die große Wörterfabrik von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

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Selten, vielleicht aber auch noch nie, hat mich eine Geschichte so sehr berührt, wie diese. Im Land der Wörterfabrik kann man nur die Wörter aussprechen, die man kauft und dann schluckt. So ist das wortreiche Reden den Reichen überlassen Menschen, die kein Geld haben, wühlen im Müll nach Wörtern, die andere weggeworfen haben. Manchmal fliegen Wörter durch die Luft, die Kinder mit Schmetterlingsnetzen einfangen. Paul ist so ein Kind und er ist verliebt in Marie, das Nachbarsmädchen. Und weil er kein Geld hat, kann er ihr das nicht sagen, so wie Oskar, dessen Familie unheimlich reich ist. Am Ende dieser Geschichte schafft es Paul dennoch, Marie seine Gefühle zu gestehen. Mit Worten, die nicht mal im entferntesten mit seinen Gefühlen zu tun haben, die aber – ganz tief aus dem Herzen kommend – alles sagen, was er ihr sagen will.

Diese Geschichte hat mich zunächst durch ihre wunderschöne Illustration bezaubert. Gemeinsam mit der gefühlvoll erzählten Geschichte ist das ganze Büchlein ein echtes Kunstwerk.

Es war ein Geschenk für den Großen, der so unglaublich viele Wörter hat und der sie uns ununterbrochen, ständig, immer um die Ohren haut. Ich kenne keinen anderen Menschen der so viel reden kann. Der jeden Gedanken, jedes Handeln und Tun von sich, aber auch anderen, verbalisieren muss. Er ist der Untertitel seines und auch meines Lebens. Das ist derweil sehr anstregend. Meine Notbremse ist immer wieder ein „Ich kann nicht soviel zuhören, wie Du redest.“ Und das ist die Wahrheit. Irgendwann ist seine Stimme nur noch ein Rauschen. Leider eines, das alles andere übertönt. Wenn er spricht, höre ich nichts anderes mehr. Das mag an der Tonalität seiner Stimme liegen, vielleicht aber auch an meiner tief verwurzelten Angst, ihm zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich war mir unsicher, ob er die Geschichte verstehen würde. Zwar wird sie für Kinder ab 3 Jahren empfohlen, aber sie ist doch recht tiefsinnig. Aber ihn faszinierte die Vorstellung, dass man nur die Wörter aussprechen kann, die man vorher kauft.

„Dann könnte ich gar nicht mehr all das erzählen, was ich so erzählen will.“
„Ja, das stimmt.“
„Und wenn ich mal etwas bestimmtes sagen will, dann muss ich das bezahlen. Dann könnte ich mir nie wieder Lego kaufen.“
„Stimmt auch.“
„Dann müsste ich vorher aber ganz gut nachdenken, was ich sagen will.“
„Hmm hmm.“
„Oh je.“

Zum Glück müssen wir nicht für unsere Wörter bezahlen. Zum Glück haben wir alle die Möglichkeit die Dinge auszusprechen, die uns wichtig sind. Nur leider tun wir das alle viel zu selten. Wir reden und reden und reden und sagen doch nichts. 

Besonders Paul hat den Großen sehr berührt. Dass er etwas, für ihn sehr wichtiges, sagen wollte und doch nicht konnte; dann aber doch einen Weg fand. 

„Bei Dir ist das manchmal umgekehrt“, sage ich zu ihm. „Du redest so viel, dass man gar nicht mehr weiß, was Dir davon wichtig ist und was nicht.“

Und er nickt verstehend.

Mein großer Junge. Heute lief er mit seinem Ranzen in den Kindergarten. Weil heute Schulranzentag war. So groß, so stolz. 

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Und ich weiß nicht, wie bereit ich selber schon bin, ihn so ein großes Stück mehr loszulassen. Ihn aus dem engen und vertrauten Umfeld des Kindergartens in die viel größere und selbstständigere Umgebung der Schule abzugeben. Ich weiß, dass das keine Frage von Wollen ist, sondern von Müssen. Und ich weiß auch, dass alles gut werden wird. Vielleicht früher, vielleicht aber auch erst später. Ich denke, wir sind beide voller ängstlicher Vorfreude. Weil wir beide nicht wissen, was uns erwartet. 

Er ist so wunderbar. So unsagbar wunderbar. Mein kleines großes Wunder, auf das wir so lange gewartet haben und das unser Leben vollständig auf den Kopf gestellt hat. Das mich lehrte, über meine Grenzen hinaus stark zu sein. Das mich lehrte, tiefer und bedingungsloser zu lieben, als ich es je zuvor getan habe.

Hoffentlich mögen ihm all die Wörter, die in ihrem wohnen, erhalten bleiben und sich vermehren. Und hoffentlich wird er einen Weg finden, all die Wörter herauszulassen. Vielleicht schreibt er dann später auch Geschichten. So wie ich das ab der 1. Klasse tat. Vielleicht erkennen wir dann, warum sie alle in ihm wohnen und warum sie alle raus müssen. Ununterbrochen. Ständig. Immer.

 

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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20 Gedanken zu „Aus dem Land der Wörterfabrik

  1. Jetzt weine ich .
    So schön geschrieben!

    Ich wünsche dem kleinen „großen “ Quietschbeu eine unbeschwerte Schulzeit und dass er nie aufhört alles auszusprechen was schön,wichtig und auch manchmal schmerzlich ist !

  2. Der Letzte Absatz spricht mir aus der Seele. Unsere Jungs sind sich schon sehr ähnlich, nur das meiner doch um einiges Jünger ist und ich ihn dennoch „ziehen lassen“ muss.

    Eine Frage habe ich, wie hast du den Batman Button gemacht??? Ich würde Sam auch gerne welche für seinen Ergo machen :D

  3. was für ein schöner Text…
    ich weiß gar nicht wie ich es beschreiben soll; so viele Gedanken und Themen in einen ganz liebevoll und tiefgründigen

    und zum Nachdenken hast du mich auch ge bracht… das Wichtigste bleibt oft unausgesprochen…

  4. Hier ist das auch ein sehr beliebtes Buch, aber aus entgegengesetzten Gründen. Mein zweiter Sohn hat eine Sprachentwicklungsverzögerung und konnte sich sehr lange gar nicht ausdrücken, wie er wollte. Das war sehr schwierig. In Paul konnte er sich wiederfinden.

  5. Wenn dir das Buch gefällt, wirst du dieses auch mögen: Im Garten der Pusteblumen. Die Zeichnungen sind noch wunderschöner <3

  6. Ich habe eine kurze Frage. Ich lese immer sehr gerne deinen Blog. Sehr oft übers Handy. Wenn ich hier über den Link auf die Blogseite gehe, ist dort leider immer die Desktop Version zu sehen und nicht eine angepasste für das Handy. Soll das so sein oder liegt das an Facebook?

  7. Liebe Pia!
    Was für ein wunderschöner Post! Ich hab‘ Gänsehaut! Und Tränen in den Augrn! Und ich kann nun etwas gestärkter in den Tag starten! Unser 2 1/2 jähriger Sohn macht mich gerade sooooo wahnsinnig!!!
    Also lieben Dank für diesen Beitrag!!!
    Liebe Grüße, Rea

  8. Ich mag das Buch auch unheimlich gerne! Ich lese es immer wieder mit meinen Schülern, manchmal schon in Klasse 1, manchmal später, aber es berührt immer wieder und die Kinder können sich gut damit identifizieren.

  9. Du hast so schöne Worte gefunden für dass was ich vor ca. einem Jahr ähnlich empfunden habe…. Der Abschied vom Kiga viel mir viel schwerer als Lili und bei der Einschulungsfeier stiegen mir die Tränen in die Augen als ich mein kleines großes Mädchen aufgerufen wurde. So war sie doch in meinen Augen mehr Schulranzen als Kind. Und auch Lili ist eine echte Quaselstrippe. Sobald sie aufwacht legt sie los ! In der Schule ist das glaube ich für sie von Vorteil. Sprachlich ist sie weit vorn. Schreibt Seitenlange Geschichten und liest in einem Affentempo für eine Erstklässlerin. Und nun ist sie bald schon in der 2. Klasse !! Unvorstellbar !!
    Das Kinderbuch ist ganz nach meinem Geschmack, dass werde ich gleich mal bestellen.

  10. Ein schöner Text! Wenn ich von deinem Großen lese, denke ich an meine Große. Sie redet und redet. Egal ob Andere reden. Ich fühle mich manchmal, als hätte ich Karla Kolumna an meiner Seite, die alles für mich kommentiert. Nun hat sie entdeckt, dass man schreiben üben kann. Ich bin gespannt wohin das führt. Das Buch merke ich mir allerdings!

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