Süßes oder Saures? Von neuen Traditionen.

Damals, als ich noch keine Kinder hatte, ging mir Halloween sowas von ab. Alles nur Geldmacherei der Werbeindustrie, ähnlich wie der Valentinstag. So mein Gedanke. Inzwischen habe ich drei Kinder im besten Halloween-Alter und, was soll ich sagen, auch hier ist das gruselige Treiben eingezogen.

Alles fing letztes Jahr an, als Alex bei einem Freund eingeladen war, beim Trick or Treat mitzulaufen. In nicht mal 30 Minuten verkleideten wir ihn mit einem alten Oberhemd und etwas Ketchup in Dr. Ießen, Hirnchirurg. Schneller und günstiger ging es wirklich nicht.

Dieses Jahr kam dann Max nach Hause und erklärte, er wolle mit seinem Freund Philipp auch zu Halloween klingeln gehen. Ich setzte mich mit Philipps Mama in Verbindung, um zu fragen, wann sie denn losziehen würden. Diese dachte allerdings, WIR würden mit den Kindern laufen gehen und Philipp mitnehmen. Die Jungs hatten sich das ganz wunderbar selber zurecht gelegt.

Da wir beide jetzt nicht übermäßig Halloween-affin sind, entschlossen wir uns kurzerhand dann einfach zusammen zu gehen. Zu zweit ist man weniger allein, ne?

Beim Einkaufen am morgen entdeckte ich im Discounter noch Halloween-Restposten und ergattere so für nur 2,99 Euro ein Skelett-Kostüm für Max. Schminke haben wir allein schon wegen Karneval immer im Haus. Mehr brauchte es ja zum Glück nicht.

Aber natürlich wollte Mimi dann auch mit gehen. Und das Nachbarsmädchen. Alex‘ Freund musste seinen Lauf kurzfristig absagen und so hatten wir Alex dann auch noch im Schlepptau. Wir wuchsen sozusagen halbstündlich von 2 auf 5 Kinder an.

Für Mimi und Alex recyclten wir einfach deren Karnevalskostüme aus der letzten Session. Mimi ging als Fledermaus und Alex als schwarzer Magier. Max wurde noch passend geschminkt und pünktlich zur Dämmerung zogen wir dann gemeinsam mit der kleinen Nachbarshexe los zum Treffpunkt.

Schon auf dem Weg dort hin klingelten wir an einigen Haustüren. Ich war überrascht wie viele tatsächlich ihre Häuser schmücken. Sei es nun aufwendig mit Spinnenweben, lachenden Hexen und blinkenden Totenköpfen oder eben nur mit leuchtenden Kürbislaternen. So war es für die Kinder recht leicht zu erkennen, wo sie fette Beute machen konnten.

Nachdem wir dann komplett waren, konnte es also offiziell los gehen. Natürlich wollten die Jungs erstmal ein, zwei Adressen ihrer Klassenkameraden anlaufen. Ich kürze an dieser Stelle mal ab: zum Schluss bestand unsere kleine Laufgruppe aus 8 Kindern und wir hatten einen riesen Spaß.

Besonders ältere Leute freuten sich über die gruselige Truppe und gaben reichlich Süßigkeiten, aber auch Mandarinen fanden den Weg in die Beutel der Kinder.

Letztendlich waren wir 2 Stunden unterwegs, hatten sehr viel Spaß, wurden an dem einen oder anderen Haus auch sehr gruselig begrüßt oder erschreckt und die Kinder schleppten volle Beutel nach Hause.

Ich sag es Ihnen ganz ehrlich: bisher konnte ich Halloween nicht viel abgewinnen, weil die Leistung so schmal ist. An Sankt Martin singen die Kinder ja wenigstens noch Lieder. An Halloween drohen sie einem ja eher nur: „Süßes, sonst gibt Saures!“ Wobei wir den Spruch in „Süßes oder Saures“ abgekürzt haben, damit er für die nicht Halloween-affinen Menschen, die uns die Tür öffneten, nicht ganz so pöbelnd daher kommt.

Erst später kam mir der Gedanke, dass es auch zu Halloween Lieder und Gedichte gibt, die man vortragen kann. Mein Favorit ist der hier:

Hexen, Teufel und Gespenster, ziehen heut’von Haus zu Haus.
Schauen auch in Eure Fenster und treiben böse Geister aus.
Dafür holt ihnen zum Danke,
Süßigkeiten aus dem Schrank.

Bis nächstes Jahr sollten wir den Spruch auswendig können.

Um meinen bisher konnte ich Halloween nicht viel abgewinnen Satz mal zu Ende zu bringen: Das Lachen, die Aufregung, die leuchtenden Augen der Kinder und die Mühe, die sich viele Leute mit ihren Häusern gaben, machten diesen Halloweenabend zu einem wirklich schönen Erlebnis, das wir gerne wiederholen möchten.

Nächstes Jahr planen wir das Ganze dann mal mit 2 Tagen Vorlauf, damit auch die kleinen Vampire und Hexen, die wir unterwegs aufgegabelt haben, von Anfang an mitlaufen können.

Und allen Leuten, die Halloween nach wie vor nichts abgewinnen können, sei gesagt: das ist völlig okay. An dunklen Häusern haben wir gar nicht erst geklingelt. Auch „Bitte nicht klingeln!“ Schilder haben wir berücksichtigt und sind mehr oder weniger leise (8 Kinder!!!) weiter gezogen. Es war auch niemand dabei, der unfreundlich oder genervt war. Dafür danke.

Wieder einmal habe ich durch meine Kinder gelernt, über meinen Schatten zu springen, Neues auszuprobieren und für gut zu befinden. Übernächste Woche ist dann schon Sankt Martin und die Kinder ziehen singend von Haus zu Haus. Die eine Tradition muss der anderen nicht zwingend die Butter vom Brot nehmen. Und jede neue Tradition hat irgendwo und irgendwann mal ihren Anfang genommen.

In diesem Sinne: ein schönes Martinsfest all denen, die es feiern.

 

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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6 Gedanken zu „Süßes oder Saures? Von neuen Traditionen.

  1. Ein sehr schöner Text mal wieder, mit einem schönen Gedanken :)
    Viel Spaß schonmal beim gripschen (vielleicht könnte man das Wort fürHalloween umändern ;) )

  2. „Dr. Ießen, Hirnchirurg“ – Sehr gut!

    Anstelle von „Süßes, sonst gibt’s Saures“ kenne ich noch „Apfel oder Streich“ aus einer alten Peanuts-Folge, die irgendwann in den 70ern oder 80ern im Fernsehen lief. Aber das war wohl eine recht eigenwillige Übersetzung, da es damals Halloween in Deutschland vermutlich nur auf der Burg Frankenstein gab.

  3. Ich bin auch kein Halloween-Fan, aber was tut man nicht alles, den lieben Kindern zuliebe?! Meine Tochter war diesmal erstmals ohne Erwachsene unterwegs und kam nach anderthalb Stunden mit 2 Kilo Süßkram zurück.

    Bei uns lautet der Spruch übrigens:
    „Wir sind kleine Geister
    und fressen gerne Kleister
    und wenn Sie uns nichts geben,
    bleiben wir hier kleben.“

    1. Der Spruch ist super. Am meisten nervt mich am Halloween auch, dass einem nur ein „Süsses oder Saures“ entgegen geworfen wird. Dazu dann noch am besten von acht Kindern, die sich nur nen roten Punkt auf die Stirn gemalt haben. Solche „lustigen“ oder alternative Sprüche tun meiner Meinung nach der Akzeptanz von Halloween sehr gut. Vielleicht werde sogar ich damit zum Halloween-Verehrer ;-) Solange warte ich aber erstmal auf die Martinskinder.

  4. Wir haben in diesem Jahr auch mal was Anderes ausprobiert:
    Hexenhut und Krötenschleim, gebt uns Süßes, dann geh‘n wir heim.
    Es kann bei den Leuten super an. Die Kinder wollten erst nicht so richtig, weil es muss doch „Süßes oder Saures“ heißen, aber als sie dann so viel positive Rückmeldung bekamen, waren sie überzeugt.

  5. Bei uns ist das auch erst in den letzten Jahren aufgekommen. Da war meine kleine ca. 2 oder 3 Jahre alt. Anfangs sind wir im hellen im Dorf rum gelaufen und haben uns die schicken Kürbisse angeschaut. Als sie dann hin und wieder von ein paar Nachbarn etwas süßes bekam, fand sie das toll. Verstand es aber natürlich nicht.
    Im nächsten Jahr wollte sie mit den „großen“ mitlaufen. Ok sind wir halt mit, das wiederum fanden die großen toll, weil die kleine immer einen kinderbonus bekam und sie dadurch auch mehr. Somit wollten die die kleine immer mitnehmen. Nach ein paar klingeln, … war meine kleine die erste die klingelte und freudig den Spruch aufsagte und die großen die aus Scham dahinter standen *hihi*

    Mittlerweile gehört es für uns dazu und wir treffen uns mit dem Nachbarn zum grillen, Glühwein trinken, gruselig schminken und laufen dann die Adresse ab, wo wir wissen, dass sie was geben. Der Eimer war trotzdem mehr als voll!

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