Der kleine Ekel für Zwischendurch

Heute gab es Reis mit Brokkoli und Seelachs zum Mittagessen. 4 von 5 Familienmitglieder sind schwer Brokkoli-addicted und das ist daher immer ein sehr sicheres Brett. Da wird sich darum gestritten, wer die größten und meisten Brokkoli-Röschen auf dem Teller hat und alle anderen Beilagen sind eigentlich völlig egal. Brokkoli ist sozusagen unser Familiengemüse.

Aber – und wer in der ersten Klasse gut aufgepasst hat, wird es sofort bemerkt haben – da fehlt einer. Und dieser Eine, der hasst Brokkoli wie die Pest.

Insofern ist es schon mal ganz gut, dass ich mittags jetzt nur für mich und das große Kind kochen muss. So abwechslungsreich war mein Speiseplan schon lange nicht mehr. Wenn ich daran denke, dass nächstes Schuljahr möglicherweise das Mittelkind mittags zum Essen heim kommt … da wird mir schon jetzt ganz Angst und Bange. Aber ich schweife ab.

Es gab also Reis-Brokkoli-Seelachs. Gemischt. Damit eben nicht der Reis und der Seelachs auf der Strecke bleiben. Wir aßen mit großem Genuss und natürlich auch mit der obligatorischen extra Portion grob gemahlenem Pfeffer. Standard.

Ein paar Stunden später kamen dann auch die jüngeren Geschwister nach Hause. Das müssen Sie sich dann in etwa so vorstellen:

Tür geht auf.

Ich so: „Hallo Ihr Herzen. Wie war Euer Tag?

Mimi stürmt an mir vorbei, wirft den Ranzen an seinen Platz, zerrt sich die Jacke vom Körper und kickt die Schuhe von den Füßen. Dabei blubbert und schnattert sie wie ein Wasserfall. Nein. Nicht wie irgendein Wasserfall. Wie die Niagarafälle!

Dahinter betritt Max das Haus, lässt langsam die Träger seines Ranzen von den Schultern rutschen, verharrt dann in der Bewegung und erstarrt.

WAS STINKT HIER SO?

Weil ich witzig sein will schnupper ich mir auffällig an den Achseln, zucke dann mit eben diesen und sage mit unwissender Miene: „Also ich bin’s nicht.

Max, der immer noch in voller Montur in der geöffneten Haustür steht, verzieht extrem angewidert das Gesicht, hebt die Hände abwehrend und erklärt: „Nee, also, nein. Das stinkt. Mach das weg oder ich komm nicht rein.

Ich seufze schwer und überzeuge ihn dann mit Engelszungen doch herein zu kommen. Ich würde auch sofort lüften. Widerwillig lässt er mich dann also die Tür hinter sich schließen. Ich reiße in Wohnzimmer und Küche die Fenster auf und sprühe mit so einem Geruchsneutralisiererdings um mich.

Max zieht derweil in Slowmotion Jacke und Schuhe aus und betritt dann ganz langsam und vorsichtig das Wohnzimmer. Dort bleibt er dann eine Weile stehen und untersucht den ganzen Raum akribisch mit seinem Blick. So, als könne ihn der fiese Geruch gleich in Form eines wilden Tieres aus dem Hinterhalt anfallen.

Was ist das?

Mimi hüpft an ihm vorbei und sieht ihn verständnislos an: „Was ist was?

Was hier so stinkt?!

Mimis Blick wird noch einen Zacken verständnisloser. „Hier stinkt’s doch gar nicht. Hier duftet es.

Als wäre das die alles erklärende Antwort auf quasi jede Frage dieser Welt (also quasi sowas wie 42) dreht sich Max abrupt zu mir um und seufzt laut und schwer: „BROKKOLI! Du hast Brokkoli gekocht.

Ich nicke und versuche dabei aber möglichst schuldbewusst zu gucken, damit es nicht so wirkt, als würde ich mich über seinen Ekel freuen.

[Zeitsprung]

Beim Abendessen – Brote, Müsli und Rohkost – frage ich Max, ob er nächstes Jahr zu Halloween nicht einfach als Brokkoli gehen möchte.
Was? NEIN!
Aber es gibt doch quasi nix, was dich mehr ekelt. Brokkoli wäre also das perfekte Gruselkostüm für dich.
Boah, Mama, nein! Das ist nicht witzig!

Also. Ich find ja schon.

Ehrlicherweise muss ich an dieser Stelle gestehen, dass Max das wirklich ganz und gar nicht witzig fand. Als er sich nach dem Essen wieder nach oben trollte malte ich ihm daher einen Gruselbrokkoli als Entschuldigung, den ich ihm dann beim Zubettbringen überreichte. Und tatsächlich konnte ich ihm damit wieder ein Lächeln entlocken.

Versöhnungsbrokkoli, quasi.

 

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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8 Gedanken zu „Der kleine Ekel für Zwischendurch

  1. Das könnte ich mit Grünkohl sein. Oder mit Weißwein-Essig. XD
    Ersteren kriege ich beim besten Willen nicht runter, obwohl „kale“ ja gefühlt der neueste heiße Sch… ist und am besten überall drin ist. Und beim Geruch von Weißwein-Essig wird mir immer noch schlecht… Wenn ich an die Einkoch-Nachmittage meiner Mutter und meiner Oma zurückdenke, wo wirklich das ganze Haus und der halbe Garten nach Essig roch. Buärks!

  2. Wir haben ein Schild am Esstisch hängen (nicht für mich, ich esse ihn gern): „Schokolade ist Gottes Entschudligung für Brokkoli“. Das wäre was für das Mittelkind. Gibt es aktuell auch als Design für einen Adventskalender.

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