Von überlaufenden Eimern

Das Grätenkind ist momentan etwas, nun, sagen wir: emotional aufgewühlt. Da fließen schnell Tränen und kleinste Missgeschicke führen zu großen Ausbrüchen. Mein armes Baby. Doch ich würde nur die halbe Wahrheit erzählen, würde ich nicht zugeben, dass mich das bei aller Empathie manchmal auch nervt.

Die Hose zwickt? Dann zieh doch eine andere an.
Der Socken hat vorne links einen kleinen Knubbel, der das Tragen von Schuhen absolut unmöglich macht? Dann zieh andere an.
Die Haare rutschen immer wieder ins Gesicht? Dann mach dir einen Zopf.
Der Zopf ziept? Dann nimm ein andere Haargummi und zieh ihn nicht so fest.

All das sind Ratschläge, die ich meinem Grätenkind gebe, wenn es gerade mal wieder aus Verzweiflung über kleinste Kleinigkeiten weint. Ihre Reaktion darauf zeigt mir aber, dass es gar nicht diese Kleinigkeiten sind, die sie zum Weinen bringt. Es sind eher kleine Tropfen, die einen mittelgroßen Eimer zum überlaufen bringen. Ja, richtig, einen Eimer. Manchmal hat die Gräte auch ein großes Fass, das sie mit Krams an Emotionen, Situationen, Wahrnehmungen füllen kann. Manchmal nur eine kleine Schüssel.

Ich überlege also was wohl der Grund dafür sein kann, dass sie aktuell nur mit einem Eimer und nicht mit einem Fass unterwegs ist. Klar, der Papa ist nicht da. Schon recht lange nicht und auch noch für eine ganze Weile. Da ist im Moment nur eine Mama für 3 Kinder. Und die beiden Brüder, die diese eine Mama ganz schön in Beschlag nehmen. Mit schulischen Dingen, in erster Linie.

Die Gräte, die macht ihre Hausaufgaben überwiegend ja in der OGS. Und wenn sie etwas nacharbeiten muss, macht sie das selbstständig zuhause. Die braucht niemanden, der dann neben ihr sitzt und Präsenz zeigt. Na ja, brauchte. Doch dann wurden die Tage mehr, an denen sie plötzlich Hilfe brauchte, etwas nicht konnte oder alles zuviel war. Ja, stimmt schon. Die Hausaufgaben sind mehr geworden, aber das, was sie in der OGS schaffte war nahezu gleichzusetzen mit Nix. Also waren die Nachmittage dann irgendwie auch blöd, aber Mama saß neben einem und hat bei den Dingen Präsenz gezeigt, die man eben noch nicht konnte und jetzt plötzlich doch kann. Aha.

Und so sprach ich abends mit dem Grätenkind ganz in Ruhe, dass ich das Gefühl habe, wir würden im Moment irgendwie viel weniger Zeit miteinander verbringen, als zum Beispiel ich mit den Jungs. Und dass mich das irgendwie traurig machen würde. Die Schleusen, die sich da vor mir öffneten, verrieten mir, dass ich wohl den richtigen Knopf gedrückt habe.

“Du, Grätenkind, was hältst du davon, wenn wir ein Mama-Gräten-Date haben? Nur wir beiden alleine. Einmal die Woche?”

Das kleine Gesicht schnieft unter einem Vorhang aus Haaren wie ein verrotzter Bauarbeiter: “Ja! Aber nur wir zwei!” “Ja, nur wir zwei.”

Also hatten wir heute unser erstes Mama-Gräten-Date. Wir gingen zum Bäcker, bestellten einen großen Kakao und einen Kaffee, suchten uns Leckereien an der Theke aus und setzten uns genau so, dass die Gräte den REWE-Eingang gut beobachten konnte. Sie wird mal eine prima Rentnerin.

Dann quatschten wir über alles mögliche. Über die Pausen, den Unterricht, Freunde und Spiele, die sie gerne spielt. Sie meckerte ein bisschen über den einen und schwärmte von dem anderen. Geht ja früh los. Sie freute sich, wenn ein bekanntes Gesicht durch die Tür kam (was aufm Dorf recht häufig passiert), winkte fröhlich und schnatterte dann weiter auf mich ein. Zwischendurch schoben wir uns Kuchen in den Mund und schlürften an unseren Getränken.

Ich glaube, es ist nie ganz einfach die Balance einer gerechten Aufmerksamkeitsverteilung unter mehreren Geschwistern zu finden. Sie haben ja auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Aufmerksamkeitsbedürfnisse. Aber ich hoffe sehr, dass dem Grätenkind so ein Nachmittag, der ihr alleine gehört und den die Brüder dann eben nicht crashen können, weil sie gar nicht in der Nähe sind, ein bisschen mehr gerecht wird.

Ihre restlichen Hausaufgaben hat sie heute jedenfalls in der OGS erledigt. Damit wir schneller zu unserem Date können. Und zum Schluss durften wir nicht nach Hause gehen, ohne den Brüdern etwas vom Bäcker mitzubringen. Eine gute kleine Schwester ist sie nämlich auch noch. Mein lovely Grätenkind. Habibi.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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14 Gedanken zu „Von überlaufenden Eimern

  1. Ein Feini sind Sie. ;)

    Ich glaube sehr gern, dass es alles andere als einfach ist, drei Kindern die ähnliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, aber wichtig ist doch zu erkennen, dass da was im Argen ist und dann etwas zu verändern. Und ganz ehrlich, wie Sie das so wuppen, wenn der Papa so lange weg ist, verdient Respekt.
    Man sieht ja hier immer nur kleine Ausschnitte aus dem Leben, aber ich wage zu behaupten, dass alle drei Drießens eine ganz wunderbare Kindheit haben.

    1. Vielen lieben Dank, aber wie wohl jedes Elternteil glaube auch ich oft, viele Fehler zu machen. Ob unsere Kinder eine schöne Kindheit haben? Vielleicht werde ich das erst wissen, wenn sie erwachsen sind.

    2. Ich muss mich jetzt einfach an diesen Post anhängen, denn besser hätte ich es nicht ausdrücken können! 😊
      Liebe Pia, Du (ich hoffe das Du ist in Ordnung, aber da wir ungefähr gleich alt sind, fühlt sich das einfach besser an 😉) bist eine tolle Mutter und ich lese Deinen Blog einfach super gerne! Er ist mir schon so oft Inspiration gewesen und ich hatte das Gefühl, ich muss das heute mal los werden! Also vielen Dank dafür!! 🙏🌺
      Herzliche Grüße,
      Caroline

  2. Hallo, ich habe keinen tiefgründigen Kommentar, muss ihn aber gefühlt loswerden: die Gräte erinnert mich immer total an Emma Watson. Und ich glaub – einfach so vom lesen-kennen, dass sie der gleiche Menschenschlag ist/wird. Wirksam, offen und voller Liebe für die Welt. Und ein bisschen Rentner-Allüren. Sonnige Grüße

  3. Ich dachte nur gerade, ich würde nicht wollen, dass so etwas persönliches über mein Kind offen im Netz steht. Und mein Kind würde das später ziemlich sicher nicht gut finden, wenn so.viel privates so offen für jedermann lesbar ist.
    Das wird ihr mal so peinlich sein.. ich finde, du gibst viel zu viel über deine Kinder Preis. Darüber wirst du eines Tages mit Ihnen reden müssen und vor allem aushalten müssen. Ich weiss, du meinst es gut, aber das ist wirklich too much.
    Viele Grüsse
    Andrea

    1. Du schließt gerade von Dir und Deinem Kind auf mich und mein Kind. Das kann nicht funktionieren. Nicht für Dich.
      An dieser Geschichte ist rein gar nichts “peinlich”. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft: Wir sind so darauf getrimmt Stärke zu zeigen und Emotionen privat zu halten, dass wir glauben uns für unsere Gefühle schämen zu müssen. Ich erziehe meine Kindern anders und bin mir ziemlich sicher, dass die Gräte auch später an dieser Geschichte keinen Anstoß nehmen wird. Ich wäge sehr wohl ab, was ich hier schildere und was nicht. Immer. Meine Verantwortung. Und ich mache das nicht erst sehr gestern.

  4. Liebe Pia,
    ich finde es erstaunlich bei all dem Stress, den Sie im Moment als “alleinerzeihende” (Sie wissen was ich meine) Mama mit 3 Kindern, Job und Haushalt plus Ehrenämtern noch so eine sensible Antenne zu haben, was die Kinder angeht. Da den richtigen Knopf zu finden und zu drücken…Hochachtung! Ich finde Sie und Ihr Mann machen das mit Ihren Kindern ganz großartig. Auch wenn man Sie nicht persönlich kennt kann man aus Ihrer Sprache und den Bildern so viel erkennen.
    Vielleicht treffe ich Sie ja mal in meiner alten Heimat, bin öfter auf dem Friedhof in R. und dann auch bei REWE. Falls ich also mal eine junge Rentnerin zur Tür schauen erblicke, darf ich dann einfach mal “Guten Tag” sagen?
    Bleiben Sie so wie Sie sind und Ihre Familie gesund, und dass der Papa bald wieder nachf Hause kommt.

    Herzliche Grüße
    Dorothe

    1. Liebe Dorothe,
      Sie folgen uns jetzt schon so lange Zeit und kommentieren immer fleißig hier oder auf Instagram. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie “Hallo” sagen würden und vielleicht reicht die Zeit dann auch für einen gemeinsamen Kaffee.

      1. Liebe Pia,

        vielen Dank für die nette Antwort und ich würde mich über den gemeinsamen Kaffee sehr freuen! Hoffentlich richtet Sabine nicht noch mehr an.

        Herzliche Grüße
        Dorothe

  5. Bei meiner “Großen” (wird jetzt 7J.) merke ich momentan auch, dass sie des Öfteren nach Aufmerksamkeit hascht. Sie versucht sich in den Mittelpunkt zu stellen und übertreibt dadurch des Öfteren. Das nervt oft ziemlich. Liegt aber daran, dass ich momentan noch recht viel Zeit mit ihrem kleinen Bruder (16 Monate) verbringen muss. Man versucht schon, dass der Kleine nur eine Nebenrolle spielt, aber das ist nun mal oft nicht so einfach.
    Habe ihr dann auch schon öfter erklären müssen, dass sie da partout nicht zu kurz kommt und dass ihr das oft nur so vorkommt und sie meint eigentlich wäre sie auch gar nicht eifersüchtig, …
    Und des Öfteren kommt mittlerweile auch der Wunsch nach einem Mama-Tochter-Tag. Der aber momentan noch nicht so einfach zu realisieren ist.
    Beide sind sehr Mama fixiert.
    Mama ist halt im Gegensatz zum Papa immer da (arbeitsbedingt).

    Deswegen und weil ich mich gut in die geschriebenen Worte hinein versetzen kann, finde ich die Artikel von dir so richtig. Dass sind die Artikel die ich hören mag, dass es eben nicht immer alles Sonnenschein ist. Und ich finde an dem Artikel ebenfalls nichts peinliches. Jeder kann sich in die Situation hinein versetzen und wenn es bei dem ein oder anderen besser oder anders läuft, ist doch toll. Bitte mach weiter so!
    Meine Große wäre aber ganz genauso, Mama-Tochter-Tag aber trotzdem den Kleinen nicht vergessen. Sie können halt nicht mit aber auch nicht ohne einander ♡

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