Stay at home-Tagebuch Tag 2

Nun ist schon Tag 2 unserer offiziellen #staythefuckhome Zeit und ich dachte, ich sollte doch langsam mal festhalten, was wir tun und wie es uns geht.

Tatsächlich habe ich 2 von 3 Kindern bereits seit vergangenen Mittwoch zuhause behalten. Da hatten die beiden Jüngeren einen Schnupfen und ich dachte, bei den aktuellen Entwicklungen, die sich ja letzte Woche wirklich noch eher nebensächlich abspielten, behalte ich sie daheim. Eine kluge Entscheidung, wie ich jetzt weiß.

Der Große besuchte noch bis Freitag die Schule. Ich hatte bereits Freitag einen Kurs, der eigentlich Sonntag stattfinden sollte, abgesagt und da noch Unverständnis geerntet. Ja, letzten Freitag zählte man noch zu den Hysterikern, wenn man lieber zuhause blieb. Dabei musste man medial nur mal nach links und rechts schauen. Italien versank schon da im Chaos und ich habe für mich bereits letzte Woche die Entwicklung der Infektionszahlen von Wuhan und Italien mit denen in Deutschland verglichen. Im Grunde war es klar, dass wir da ankommen, wo wir jetzt sind und auch, dass es noch weiter gehen wird.

Ob unsere Landes- und Bundesregierung schnell genug gehandelt hat? Keine Ahnung. Auf jeden Fall keine Sekunde zu früh.

Ich möchte noch kurz etwas loswerden, bevor ich zur schnöden Alltagsberichterstattung komme.

In den letzten Tagen führte ich mit zwei Personen der Risikogruppe alt und vorerkrankt Gespräche, in denen sie eher die Einstellung “Ich hab mein Leben gelebt, wenn’s jetzt vorbei ist, dann ist das eben so” vertraten. Ich kann dazu nur eins sagen: Ist ja schön und gut, wenn man mit sich und seinem Leben so im Reinen ist, dass man gut damit klar kommt, wenn es jetzt auch mal zu Ende geht. Aber dass diese Menschen dann im Ernstfall einen Menschen, der noch Lust und Motivation hat sehr alt zu werden, ein Intensivbett weg nehmen, das kann ich nicht gut heißen. Da hört mein Verständnis auf! Vielleicht sollte man auch bedenken, dass man an Covid19 erkrankt im schlimmsten Fall ziemlich einsam und alleine stirbt. Da kommt keine Familie mehr ans Krankenbett und nimmt Abschied. Man wird isoliert bis zur letzten Sekunde. Ist das dann das gewünschte Ende eines gelebten Lebens?

Ja, ich weiß das klingt hart und beängstigend, aber scheinbar verstehen manche Menschen anders den Ernst der Lage nicht. Und hier spreche ich ja nur von der Risikogruppe. Von den uneinsichten gesunden und jungen Menschen habe ich noch gar nicht angefangen!

Es geht hier nicht mehr nur um mich oder um dich. Es geht um uns alle. Um jeden Einzelnen. Und es scheint derzeit, dass man erst selber betroffen sein muss – was ich im Moment GOTT SEI DANK noch nicht bin – um die Lage verdammt noch mal ernst zunehmen!

STAY THE FUCK HOME! Jung, alt, vorerkrankt, gesund. Bleib einfach zuhause. Echt jetzt!

***

So, weiter mit Alltag. Auch wenn es mir gerade noch nicht so richtig in den Sinn will, dass das jetzt auf unbestimmte Zeit unser Alltag sein wird.

Wir haben uns auf so etwas wie einen festen Tagesrhythmus geeinigt. Der beinhaltet aber auch, dass wir bis 8/8:30 Uhr schlafen, gemütlich in den Tag starten, etwa gegen 9 Uhr frühstücken und uns so gegen 10 Uhr schulischen Dingen zuwenden. Die Kinder lernen etwa eine bis eineinhalb Stunden. Von der Grundschule gab es Aufgabenpakete die sich überwiegend auf die Selbstlernhefte stützen. Das Gymnasium des Großen hat zu bearbeitende Buchseiten und Aufgabenblätter per E-Mail geschickt. Beide Schulen kommunizieren, die Kinder sollen die Aufgaben nach Möglichkeiten der Eltern und Kinder erledigen. Es herrscht kein Druck und darüber bin ich unendlich froh.

Tatsächlich nehmen alle drei Kinder die Möglichkeit des selbstbestimmten Lernens sehr gut an. Keiner macht Theater, jeder schaut, was er machen kann und worauf er Lust hat. Wir nutzen zusätzlich die derzeit kostenlosen Angebote von Anton App und Lernattack.

Gegen Mittag verschwinden alle Drei dann in den Garten. Ich weiß, wie privilegiert wir gerade mit unserem Garten sind und ja, mir ist auch bewusst, dass er es uns deutlich leichter macht zuhause zu bleiben, als ganz vielen anderen Familien mit Kindern.

Da wir außer dem Trampolin keine nennenswerten Spielsachen mehr im Garten haben, haben die Kinder begonnen ein großes Loch auszuheben. Für einen späteren Pool, wenn Sie verstehen. Ich lasse sie und denke mir: Gras wächst nach. Hauptsache sie beschäftigen sich irgendwie draußen und haben dabei Spaß.

Wir essen weiterhin gegen 14 Uhr zu Mittag. Heute gab es Volkorn-Spaghetti mit Zuccini-Käsesauce für den Großen und mich und mit Pesto bzw. Ketchup für den Mittleren und die Gräte.

Nach dem Essen entsorgt der Große den Müll, die Gräte räumt den Tisch ab und der Mittlere hilft mir beim Wäschefalten. Die Kinder haben gefragt, ob ich ihnen das mit der Wäsche mal genau zeigen könnte und so bringe ich jetzt jedem von ihnen nach einander die Bedienung der Waschmaschine und des Trockners bei, lasse sie ihre eigene Wäsche waschen, falten und verräumen.

In Situationen wie dieser sind sie deutlich aufnahmefähiger und wissbegieriger, als im normalen Alltag. Der Mittlere möchte in den nächsten Tagen und Wochen dazu das Nähen mit der Nähmaschine lernen und die Gräte möchte, dass wir mit der Curly Girl Methode ihre Wellen heraus kitzeln. Zeit haben wir jetzt jedenfalls erstmal genug und da wird sicher auch noch eine Lernstunde Badreinigung und Fensterputzen drin sein. Sie lachen jetzt, aber mir hat das nie jemand richtig gezeigt, was ich mir später wirklich gewünscht hätte.

Den Nachmittag verbringen die Kinder wie sie wollen. Also abwechselnd im Garten oder an ihren Spielekonsolen, telefonieren mit Freunden oder gucken Netflix. Ich habe Zeit für etwas Arbeit, auch wenn die derzeit eher mau ausfällt. Ja, auch mit gehen in diesen Zeiten die Aufträge flöten.

Gegen 18.30 Uhr treffen wir uns zum Abendessen wieder. Der eine isst Joghurt, der andere Müsli, die Gräte und ich schmieren uns Brote. Es ist alles noch sehr entspannt und unaufgeregt.

Während der Mittlere die schulfreie Zeit feiert wie kein Anderer, vermissen die Gräte und der Große die Schule und ihre Freunde jetzt schon. Dass es keine Ferien sind erkannte der Mittlere aber spätestens in dem Moment, als ich ihm die Verabredung mit seinem Freund untersagte. Aber auch diesen Wutausbruch habe ich ausgehalten. Erstaunlicherweise funktioniere ich unter Druck und in Ausnahmesituationen immer besonders gut.

Zwischendurch kämpfe ich in den dämlichsten Momenten mit den Tränen. Beim Zucchini in Spiralen schneiden. Bei Klopapier auffüllen. Oder nach dem kurzen Vidocall mit dem Mann.

Der Tag endet aktuell so gegen 21 Uhr. Die Kinder liegen dann in ihren Betten und hören Hörbücher. Ich folge ihnen gegen 23 Uhr.

Ich kann ja morgen ausschlafen. Und übermorgen. Und überübermorgen.

Seufz.

Print Friendly, PDF & Email
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
Beitrag erstellt 4559

9 Gedanken zu „Stay at home-Tagebuch Tag 2

    1. Liebe Pia, du sprichst mir aus der Seele!!! Danke, dass du uns in Zeiten wie diesen an eurem Leben teilhaben lässt und so ein Stück weit Normalität in meinen Alltag bringst.
      LG Wendola

  1. Ach du Liebe! ❤️
    Der Satz mit den Tränen kam überraschend… du machst das prima! Aber ich stelle es mir in dieser skurrilen Zeit schwer vor, wenn der Partner weit weg ist und manchmal alles im Kopf und Herz viel wird… Ich wünsche dir Kraft und Zuversicht. Seid behütet…
    Liebe Grüße

  2. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie die aktuelle Situation alleine mit drei Kindern ist. Dass es tolle Kinder sind macht es vermutlich ein wenig einfacher. Ich merke ja selbst schon, wie es uns zu viert aus der Bahn wirft (und ja, wir haben auch Garten und gehen noch isoliert spazieren, haben aber sonst alle Kontakte eingestellt; schon seit Tagen). Danke für deinen Lagebericht. Durch sowas fühlt man sich weniger abgeschottet. :)

  3. Ach ja, noch ein Gedanke, den ich in den letzten Tagen hatte (aber mir fehlt die Plattform, um diesen Gedanken zu teilen): Wir können was gegen die zu rasche Ausbreitung tun, wir können zuhause bleiben. Die wohl wichtigste Maßnahme der Stunde. Aber wir können auch noch auf einem anderen Wege dazu beitragen, dass wir unser Gesundheitssystem, dass in den nächsten Wochen und Monaten auf eine harte Probe gestellt wird, zu entlasten: Wir können gut auf uns und unsere Kinder aufpassen. Eine Platzwunde, eine Gehirnerschütterung, ein verstauchter Knöchel, das muss jetzt wirklich nicht sein. Ich bin beileibe keine Helikopter-Mutti, ganz im Gegenteil. Aber im Moment darf meine 4-jährige halt nicht ganz rauf in den Apfelbaum klettern. Und meinem 18 Monate altem Sohn geb ich jetzt wieder die Hand beim Treppensteigen. Ich selbst versuche, mich beim Gemüse schnippeln auf meine Arbeit zu konzentrieren und nicht nebenbei noch xyz zu erledigen. All das war mir bisher nicht so wichtig, weil ich mich auf unser System verlassen konnte. Onkel Doktor wirds schon richten. Jetzt sind es aber vielleicht auch solche kleinen Maßnahmen, die dabei helfen, die ÄrztInnen und MitarbeiterInnen im Krankenhaus zu entlasten, damit sie sich auf das konzentrieren können, was wirklich wichtig ist: Menschenleben retten.

    Vielleicht lesen ja ein paar Leute die Kommentare hier und können was mit meinen Gedanken anfangen.

    Liebe Grüße
    Wendola

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben