Stay at home-Tagebuch Tag 4

Die Stimmung ist gut. Ich möchte sogar soweit gehen und behaupten sie ist besser als die letzten Tage. Ich vermute, dass einfach langsam der erste Schock abebbt und langsam Verstehen und Akzeptanz einsetzen. Ich hoffe es sehr.

Heute morgen bin ich noch vor dem Frühstück zu Lidl gefahren, da die liebste Nachbarin die letzten Tage eine Einkaufsliste geschrieben hatte, die langsam dringlich wurde. Wenn man es gewohnt ist für jedes fehlende Päckchen Butter schnell in den Supermarkt zu springen, ist es erstmal eine Herausforderung wirklich eine durchdachte Liste aller benötigten Lebensmittel für die kommenden Tage/Woche zu erstellen. Ich helfe ihr wirklich gerne und aus freien Stücken, habe aber auch gesagt, häufiger als einmal die Woche werde ich nicht einkaufen fahren. Heute dann also für die liebste Nachbarin zu Lidl, den ich sonst meide wie der Teufel das Weihwasser.

Und ja, ich bin eine von denen, die jetzt mit Einweghandschuhen einkaufen geht. Dass diese grün sind und damit ordentlich auffällig, war mir aber tatsächlich nur ungefähr 5 Sekunden unangenehm. Dann sah ich schon ein paar andere Menschen mit Handschuhen oder sogar Mundschutz. Es ist okay. Es sind jetzt diese Zeiten.

Ich ziehe also nach dem Aussteigen aus dem Auto meine Froschhände an, hole mir einen Einkaufswagen und schiebe ihn in den Lidl. Der Laden ist für einen Donnerstagmorgen eher durchschnittlich frequentiert. Die Regale sind recht gut gefüllt. Einzig Früchtetee und Dinkelmüsli kann ich von meinem Einkaufszettel nicht abhaken. Normalerweise nutze ich eine App, aber da ich in der Öffentlichkeit derzeit nicht unnötig an meinem Handy rumfummel will, habe ich alles auf einen Zettel geschrieben, den ich danach wegwerfe. Auch das Foto oben habe ich gemacht, bevor ich den Laden betreten bzw. den Wagen mit der rechten behandschuhten Hand berührt habe. Sonst hätte ich mir die Handschuhe auch sparen können. Es ist ein bisschen Umdenken erforderlich, aber im Grunde geht es.

Eine Beobachtung möchte ich mit Ihnen aber dennoch teilen. Da ich schon bei Twitter darüber geschrieben habe, bette ich hier einfach den Tweet ein:

Es ist schwer aus ein Leben lang eingeübten Umgangsformen auszubrechen. Ich finde es auch immer noch sehr irritierend die Nachbarin aus der Ferne in den Hof rufen zu müssen, statt einfach das Haus zu betreten. Letztendlich waren wir aber beide froh, dass ich (fast) all ihre Wünsche erfüllen konnte.

Während meiner Abwesenheit hat der Postbote ein Päckchen vom Papa für die Gräte gebracht. Sie sitzt freudestrahlend auf der Erde im Wohnzimmer, packt Kekse und Schokolade aus und gerät beim Anblick eines wunderschönen handgeschnitzten Schmuckkästchens ganz aus dem Häuschen. Darin versteckt sich zudem noch ein Anhänger in Herzform aus Lapislazuli. Es rollen kurz ein paar Tränchen. Vor Freude und Vermissen.

Im Anschluss frühstücken wir heute Aufback-Hörnchen und Brot. Die Kinder sind deutlich entspannter als die letzten Tage und zanken sich heute nicht einmal darum, wer beim Frühstück neben mir sitzen darf.

Danach gehen die Jungs eine Weile in den Garten und die Gräte beginnt direkt mit ihren Schulaufgaben. Mathe klappt heute ganz wunderbar. Die YouTube-Hilfe von gestern hat also gewirkt. Auch die Aufgaben zum Satzbau bekommt sie ganz ohne Hilfe hin. Dann arbeitet sie im Lies mal-Heft weiter und die Jungs kommen dazu.

Der Große übersetzt einen Text aus dem Lateinischen ins Deutsche, bearbeitet ein paar Matheaufgaben und eine Aufgabe aus dem Deutschbuch. Anschließend lernt er noch Englisch- und Latein-Vokabeln.

Der Mittlere setzt sich an den Tisch, nimmt sich selbstständig seine Deutsch-Aufgaben vor und beendet sie ohne einen einzigen Piep zügig und vollständig. Sogar die ellenlange Heftaufgabe hat er ohne Murren bearbeitet. Das habe ich noch nie nie nie niemals erlebt. NOCH NIE! Ich bewerte das an der Stelle mal nicht. Wir wissen ja wie Murphy so tickt.

Während die Jungs erstmal auf ihre Zimmer verschwinden, will die Gräte heute das mit der Waschmaschine lernen. Also zeige ich ihr, wie schon gestern dem großen Bruder, welche Wäsche man zusammen waschen kann, wie man das Waschmittel dosiert und welches Programm für die Fuhre Buntwäsche das richtige ist.

Ich weiß ehrlich nicht wo die Zeit in diesen Tagen bleibt, aber überrascht stelle ich dann doch fest, dass es schon wieder Zeit zum Essen ist. Ich mache ein paar Vorschläge und freue mich, dass die Kinder nicht schon wieder nach Nudeln schreien. Auch damit hätte ich vor einer Woche noch nicht gerechnet.

Es gibt schließlich Kaisergemüse in Sahne-Kräuter-Sauce, Kroketten und vegetarisches Cordon Bleu bzw. Nuggets für die Kurzen. Das geht schnell, schmeckt allen (zumindest in Einzelteilen) und macht uns alle satt.

Im Anschluss verschwinden die Jungs wieder in den Garten, wo sie ein neues Spiel auf dem Trampolin erfunden haben. Ich schaue etwas wehmütig in meinen zerschossenen Garten. Vor 2 Wochen wurde die tote Thuja-Hecke und die morsche Zeder gefällt. Seitdem sieht es dort aus wie auf einem Schlachtfeld. Wenn der Mann bald bald bald wieder zuhause ist, wollen wir daraus endlich wieder einen richtigen Garten machen.

Die Gräte übt weiterhin an ihrem E-Piano die Noten und Tasten richtig zuzuordnen. Die App, von der ich gestern bereits sprach, heißt übrigens SimplyPiano (iOS | Android). Es gibt einen kostenfreien Grundkurs. Danach muss man leider ein Abo abschließen. Die Gräte bekniet mich gerade das doch bitte bitte bitte zu machen. In Anbetracht der Tatsache, dass wir jetzt wohl oder übel ein paar Wochen bis Monate zuhause verbringen werden, ziehe ich das ernsthaft in Betracht.

© coronazaehler.de, 19.03.2020
Quelle: coronazaehler.de, 19.03.2020

Ich werde ab sofort täglich am Ende meiner Tagebucheinträge einen aktuellen Screenshot der Seite coronazaehler.de einbinden. Für später, als Dokumentation. Damit wir in ein paar Jahr zurück blättern können und sehen, wo wir zu der Zeit standen und was danach noch passierte. Sie müssen sich das nicht angucken, wenn es Sie vielleicht beunruhigt oder verängstigt. Für Interessierte macht ein Klick die Ansicht groß.

Inzwischen ist es schon nach 18 Uhr. Die Zeit fliegt nur so dahin und man wundert sich fast, warum die Tage sich sonst – im regulären Alltag wie wir ihn noch vor einer Woche hatten – manchmal so zogen.

Ich hoffe es geht Ihnen allen gut. Fast hätte ich jetzt Ihnen da draußen geschrieben, wie ich es sonst immer tue, aber ich hoffe inständig, dass Sie alle zuhause sind, sofern es Ihnen möglich ist. Stay healthy!

Es wurde keine Werbung für genannte oder erkennbare Marken beauftragt.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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12 Gedanken zu „Stay at home-Tagebuch Tag 4

  1. Die Handschuhe sehen doch viel cooler aus als diese hautfarbenen oder weißen! Irgendwann werd ich wohl auch wieder einkaufen müssen, weiß selber noch nicht mit welchen Maßnahmen…

  2. Ich hab schwarze Einweghandschuhe. Und da ich überwiegend schwarz gekleidet bin fällt das kaum auf. Wär mir aber auch egal. Leider gibt es “da draussen” noch zu viele Deppen, die nicht begreifen, dass uns ihr Verhalten eine Ausgangssperre bescheren könnte. Ich hoffe, die schalten bald ihr Hirn ein.
    Alles Gute für sie und die Kids, bleiben sie gesund

  3. Ich gehe täglich aus dem Haus. Bin zwar „nur“ eine Büroangestellte, aber bei uns können nicht alle Home Office machen. Mein Mann macht einen halben Tag Home Office (während ich außer Haus bin) und geht dann zur Arbeit. Für mich ist also der Einkauf oder Gang zum Bäcker nichts ungewöhnliches 🤷🏼‍♀️
    Vielleicht macht die Firma ja mal komplett dicht, dann sieht das wieder anders aus.

    1. Ja, ich schreibe ja extra: wem es möglich ist! Allerdings kann man auch bei einem nicht ungewöhnlichen Einkauf mehr Vorsicht und Rücksicht walten lassen, als es früher vielleicht nötig war. Wir tun das ja nicht nur für uns selber. In erster Linie tuen wir es für unsere Mitmenschen.

  4. Hallo liebe Pia, danke für deinen Hinweis zu dem Anton Programm. Meine Kinder lieben es. Es ist schön, Dich wieder so regelmäßig lesen zu können!
    Bleibt gesund und habt eine gute Zeit!
    Viele Grüße Dörte

  5. Es wäre sehr schön, wenn Privatpersonen aufhören würden sich mit Schutzausrüstung (Handschuhe, Mundschutz, etc.) einzudecken, da das leider zur Folge hat, dass die Personengruppen, die diese Schutzausrüstung dringend brauchen, also z.B. Krankenhauspersonal, nur noch einen sehr begrenzten Vorrat derselbigen haben.

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