Stay at home-Tagebuch Tag 24

Darf man schon traurig drüber sein, dass die Kinder nach dem Kontaktverbot vermutlich nicht mehr jeden Tag freiwillig mit mir aufs Feld gehen werden, oder ist das schon/noch unpassend?

Überhaupt ist es ja ein ganz gefährliches Eisen irgendetwas an der aktuellen Situation positiv zu empfinden oder wahrzunehmen. Man hat gefälligst mit den Menschen, die sich aktuell in schwieriger wirtschaftlicher, emotionaler oder gesundheitlicher Lage befinden uneingeschränkt mitzufühlen und seine eigenen positiven Empfindungen für sich zu behalten.

Ich verrate Euch was: es geht auch beides. Gleichzeitig. Tatsächlich.

Nur, weil ich versuche die Situation so positiv wie irgend möglich zu nehmen, weiß und fühle ich trotzdem mit jedem, der gerade in einer echten persönlichen Krise steckt. Im Übrigen heißt etwas Positives wahrnehmen nicht, dass man nicht selber Sorgen und Nöte, ja, vielleicht sogar eine Krise hat. Man schaut anderen Menschen immer nur vor den Kopf, auch im Internet und erst Recht in diesen Zeiten.

Ich bin ein sehr positiver und optimistischer Mensch und das lasse ich mir doch nicht genau jetzt, wo wir jeden Funken Optimismus und Hoffnung so gut gebrauchen könne, vorwerfen. Rant Ende.

So, der Tag startete heute für mich gegen 9 Uhr. Eine wahre Meisterleistung, bin ich gestern Nacht doch erst um 2 Uhr ins Bett gegangen, weil ich noch so lange den Osterchor unserer Grundschüler zusammen geschnitten habe. Es ist gar nicht so einfach viele einzelne Tonspuren zu einem einzelnen Lied zusammen zu setzen. Insbesondere, wenn die Kinder aller unterschiedlich schnell singen. Aber ich hab die ersten vier Stimmen schon in guten Einklang gebracht.

So richtig wach wurde ich aber erst nach einer lange Dusche und einem heißen Kaffee. Die Kinder konnte ich gegen 10:30 Uhr aus dem Bett pflücken und auch das Frühstück war heute wieder sehr ausgedehnt.

Gegen Mittag waren wir dann alle soweit fertig und startklar, dass man das Haus hätte verlassen können. Was wir ja nicht tun. Tusch!

Der Große beschäftigte sich weiterhin mit seinen Vokabeln und seiner Handschrift. Der Mittlere hüpfte eine Stunde auf dem Trampolin vor sich hin und die Gräte bastelte, malte und schrieb eine kleine Überraschung für ihre Freundin.

Ich führte ein paar Telefonate in Sachen Schulpflegschaft und räumte nebenbei auf. Der Große machte den angesammelten Papiermüll klein, wir wuschen zwei Maschinen Wäsche und falteten die fertigen Körbe weg.

Die liebste Nachbarin brauchte ein offenen Ohr, wofür ich im Gegenzug einen Kaffee an der frischen Luft, mit 2 Metern Sicherheitsabstand, bekam.

Das Wetter war heute einfach der helle Wahnsinn. Diese Wärme finde ich genau richtig. Nicht zu heiß, nicht zu kalt, klare Luft, strahlender Sonnenschein. Ich lieb das ja und mein Vitamin D Speicher ist völlig aus dem Häuschen.

Zum Essen gab es heute diese fiesen kleinen grünen stinkenden Bäume, die den Mittleren schon zum Würgen bringen, wenn ich sie nur durch die Haustür ins Haus trage. Er setzte sich trotzdem todesmutig zu uns an den Esstisch und aß seine Nudeln mit grünem Pesto. So ein tapferer Kerl.

Im Anschluss wollte ich eigentlich mit der Gräte eine kleine Runde drehen und dabei die gebastelten Überraschungen für Lexi und Franzi vor deren Haustür legen. Plötzlich wollten aber alle drei Kinder mitgehen, was mich im ersten Moment ja etwas irritierte, dann aber doch klar ging.

Unterwegs trafen wir heute viele Menschen mit Hunden, was die Gräte immer so ein bisschen in Angst und Schrecken versetzt. Der treue Leser wird wissen: das mit der Gräte und jeglichem Getier ist seit jeher eher schwierig. Auf dem letzten Stück unseres Weges über die Felder trafen wir dann einen Mann mit einem sehr tollen Hund, der sich wirklich gar nicht für die Gräte interessierte und für den ich ein bisschen Tannenzapfen werfen durfte. Den fand sogar die Gräte ganz nett auch wenn sie stets gebührend Abstand hielt.

Total schlau trug ich heute meine Birkenstock Flip Flops, weil: kleine Runde und so. Ihr könnt es Euch vermutlich schon denken. Als wir wieder zuhause ankamen wollte der Große gerne noch ein kleines Ründchen dran hängen.

Aus dem kleinen Ründchen wurden insgesamt 7 Kilometer und meine Füße zeigen mir jetzt beide den ausgestreckten Mittelzeh. Aber es war wieder wirklich toll und großartig und überhaupt. Freue mich jeden Abend wie ein kleines Kind, welche Endorphine so eine poplige Feldrunde in mir freisetzt.

Quelle: coronazaehler.de, 08.04.2020

Nun wäre auch schon Tag 24 von X geschafft. Wenn man jetzt schön wüsste, welchen Faktor wir für X setzen können, wäre das Ganze vermutlich noch einen Deut besser auszuhalten. Mir fehlt nämlich meine beste Freundin, meine Schwester und ganz viele andere Menschen, die man jetzt eben nicht mal einfach so sehen kann, wenn man Lust darauf hat.

Aber wir wissen, wofür wir das tun. Dass es richtig und vernünftig ist. Also stehen wir das durch. Alle. Mit größeren und kleineren Sorgen, aber hoffentlich alle mit einer guten Portion Optimismus und Hoffnung.

Das tägliche Zaubervideo verrät heute ein bisschen was über die Kunst des Ablenkend beim Zaubern. Oder doch nicht?

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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11 Gedanken zu „Stay at home-Tagebuch Tag 24

  1. Ihre ersten Absätze sprachen mich ja sofort an…
    Auch wir finden die derzeitige Situation überhaupt nicht schlimm oder anstrengend. Im Gegenteil…unser Alltag ist so entspannt wie schon lange nicht mehr. Natürlich liegt das sehr an unserem Arbeitsumfeld und unserer Wohnsituation. Wir haben Landwirtschaft und wohnen außerhalb auf einem Hof. Wir arbeiten ganz normal wie immer, haben Platz ohne Ende um uns rum und weder Betreuungs- noch Abstandsprobleme. Die Kinder (13, 9, 5) können jederzeit raus und spielen was sie wollen. Der Große ist glücklich weil er den ganzen Tag seinem Vater draußen helfen darf. Für mich ist der Tag sehr entschleunigt, da sämtliche Fahrerei für die Kinder entfällt, und das ist bei uns sonst einiges am Tag. Eigentlich bekommen wir von dem ganzen Corona Hype fast nichts mit, außer eben in den Nachrichten.
    Selbstverständlich ist mir völlig klar dass es für viele andere Menschen überhaupt keine leichte Zeit ist, in meinem Bekanntenkreis gibt es genug davon. Und natürlich sollte es auch nicht mehr ewig dauern (ein paar Wochen noch wäre ganz okay ), da die Kinder schon gerne ihre Freunde wieder sehen wollen. Doch ich traue mich ehrlicherweise kaum zu sagen, dass wir es momentan eigentlich ganz gut finden. Von vielen Seiten kommt totales Unverständnis was daran bitteschön positiv sein soll.

    1. Ich finde es auch total schön im Moment, das morgendliche Gehetze entfällt, keine Termine zu koordinieren, die Kinder sind völlig frei in ihrem Tun. Aber wie du schon sagst, es liegt an der persönlichen Lebenssituation. Mein Mann hat einen sicheren Job und ich bin sowieso immer zuhause mit meinem Kindergarten-Verweigerer, der sich sehr über die ständige Anwesenheit seiner Geschwister freut. Für mich sehr entspannt im Moment, ich schaffe es sogar jeden Tag Sport zu treiben und zu lesen.

  2. Ich muss momentan meine Oma betreuen, da ihre Pflegerin ausfällt. Und sie ist ein unfassbar garstiger Mensch, wenn ich irgendwas nicht 100%ig so erledige wie sie das will. Und es ist hart, dass sie fast mein einziger Sozialkontakt ist. Manchmal kann ich noch meine andere Oma zu Fuß besuchen, die auch komplett isoliert lebt momentan, oder mein bester Freund und ich sitzen uns für eine Fassbrause am Gartentor gegenüber, jeder auf einer Seite..
    Und trotzdem versuche ich noch, die positiven Aspekte an allem zu sehen. Mit meinem Leben so gut es geht weiter zu machen und die Dinge so zu nehmen wie sie kommen. Mir hilft diese Einstellung enorm, durch den Tag zu kommen. Anders ginge es vermutlich gar nicht. Und wenn andere Menschen noch mehr positives (für sie persönlich) an der Situation finden, dann kann ich mich auch ehrlich dafür freuen. Wem ist denn damit geholfen, wenn alle nur noch traurig und negativ sein dürfen?!

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