„Ich mag und lass das jetzt so!“

Die Tage schrieb ich drüben bei Instagram darüber, dass ich keine 20 mehr bin, diese Feststellung in erster Linie aber immer nur andere Leute für mich treffen. Man mag es sich ja gar nicht vorstellen können, aber ich habe durchaus mitbekommen, dass es seit meinem 20. Geburtstag zu mehreren Jahreswechseln kam, ich ein-, zweimal die Arbeitsstelle gewechselt habe und zwischendurch irgendwie auch dreimal schwanger war. Das ist ja nun nicht alles über Nacht passiert, ne? Dennoch werde ich gerade in letzter Zeit häufiger mal darauf hingewiesen, dass ich nun aber wirklich keine 20 mehr bin. Nicht mal mehr 30 a, b oder c.

Nun weiß ich gar nicht genau, was ich mit dieser Info anfangen soll. Gibt es irgendwo einen Knigge für 40+ Menschen, der mir angebrachte Verhaltensweisen, erlaubte Kleidungsstile und eventuell auch irgendwas über angemessen Sprachgebrauch näher bringt? Nee, ich hab doch nicht gefragt. Zum Schluss sagt irgendwer: „Ja, hier, gibt es!“ Immerhin gibt’s nix, was es nicht gibt.

Mir persönlich ist es ziemlich egal, was irgendwelche Leute meinen wie ich mich verhalten, kleiden, schminken oder wie ich reden soll. Ich denke, mein Selbstbewusstsein ist da recht ausgereift und stabil. Aber ich weiß auch, dass viele Frauen ihr Leben lang darunter leiden, gesellschaftlich begutachtet und bewertet zu werden. Und das ist durchaus ein Thema, das einem gerade mit eigenen Kindern immer wieder begegnet.

Die Gräte ist jetzt in einem Alter, in dem sie sich für Mode und Beauty interessiert. Ich finde es wahnsinnig spannend zu beobachten, wie sie ihren ganz eigenen Modegeschmack entwickelt, wo sie sich Inspiration holt und wer ihre Vorbilder sind. Das bin nämlich gar nicht (mehr) ich, wie man vielleicht bei einer Zehnjährigen noch glauben könnte. Es sind in erster Linie Figuren in Filmen und Serien und ältere Schülerinnen, von denen sie mir dann berichtet, dass die „voll hübsch!“ wären. Der Modegeschmack der Gräte läuft auch ziemlich konträr zu meinem und – was ich am spannendsten finde – beeinflusst eher meinen, als umgekehrt.

Ich bin in den 80ern groß geworden und war in den 90ern Teenager. Ich habe low rise Jeans getragen, so tief sitzend, das häufig nicht mal mehr Platz für einen Reißverschluss war. Der String-Tanga hat hinten rausgeguckt. Ihr erinnert Euch vielleicht. Das Görl liebt Hosen, deren Bund an den Rippenbogen anstoßen und jedes Crop-Top lang wirken lassen. Skinny Jeans gehen auch nicht. Also wirklich gar nicht. Je weiter umso besser. Oversize is a thing! Bitte aber nur in gedeckten Farben. Beige, weiß, khaki, grau und schwarz. Ich hab ausgesehen wie eine ausgekippte Tüte m&ms!

Jedenfalls – um mal auf den Punkt zu kommen – gebe ich mir größte Mühe dem Kleidungsstil meiner Tochter supportiv zu begegnen. Er muss mir nicht gefallen, weil ich es nicht trage. Er muss ihr gefallen. Sie muss sich darin wohlfühlen um ein Selbstbewusstseine entwickeln zu können. Ein Selbstbewusstsein, das sie sowohl in der Pubertät, wie auch mit 40+ vor manipulativen Kommentaren und Bewertungen schützt und die Frage „Darf ich das sagen/tragen/machen/zeigen?“ weder jetzt noch später überhaupt erst aufkommen lässt.

Man kann seinem Kind nämlich nicht erst erzählen, dass es Pippi und nicht Annika sein soll und anschließend, dass Annika dieses oder jenes aber nicht tun/sagen/tragen würde. Und wer sagt überhaupt, dass das Kind Pippi und gar nicht Annika sein möchte, hm? Ich habe mein Selbstbewusstsein erst spät – mit Anfang/Mitte 30 – und durch große Veränderungen in meinem persönlichen Umfeld entwickelt. Es ist von Zeit zu Zeit immer noch knitterig und es ist auch immer wieder Arbeit es glatt zu bügeln und zu sagen: „Komm, geh weg. Ich mag und lass das jetzt so!“

Und da haben wir es wieder: ein wirrer Text mit tausend Gedankensprüngen, so wie ihr es von mir gewohnt seid. Nehmt was davon mit oder lasst es links liegen. So, wie es euch passt und gefällt. Küsschen!

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Mediengestalterin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter und Instagram.
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14 Gedanken zu „„Ich mag und lass das jetzt so!“

  1. Ich finde nicht, dass der Text wirr war, ganz im Gegenteil. Und ich finde, dass da viel Wahres drin steckt. Dieses „Darf ich das mit 42 eigentlich noch?“ kenne ich auch. Meistens gelingt es mir dann, über mich selbst zu lachen und all die Dinge zu tun, die ich mag. Aber manchmal eben auch nicht. Und mit einem Teeniekind hat man stylingtechnisch auch schon einiges durch :D

    Ich freue mich jedenfalls, dass du wieder bloggst. Seit vielen Jahren verfolge ich deinen Blog mehr oder weniger stumm und regelmäßig. Fühlt sich sehr schön an, wieder etwas von dir zu lesen :)

    Viele Grüße
    Birgit

  2. Ich hab in den letzten Wochen auch immer wieder gesagt bekommen, das ich doch schon so alt sei und warum ich in den Alter nochmal neu anfange 🙄
    Aber im gleichen Atemzug wird man vorher für Mitte Ende 20 geschätzt und gelobt, wie jugendlich man noch sei, aber wehe man geht seinen Traum nach. Dein insta Post kam da genau richtig und der Text hier auch genau so. Bestätigt mein eigenes Denken, einfach mal scheiß drauf, scheiß auf andere zu sagen. Aber ich kenne so einige in unseren Alter die ständig zu hören bekommen, sie sollen sich ihren Alters entsprechen. Ich glaub in unserer Generation gibt es einfach eine Truppe die sich eben nicht sagen lässt wie man zu sein hat
    Ganz ehrlich? Erwachsen werden kann ich auch noch in 20 Jahren 🤣

  3. Da hast du vollkommen Recht. Ich bin doch schon zweimal blöd angemacht worden, weil ich mir mit 50+ die Haare nicht färbe. Einmal von einer Kollegin, die entsetzt hinter mir her rief „Das willst du aber doch so nicht lassen!“ Ich so „Bitte, was?“. Daraufhin meinte sie, ich könne doch nicht mit so grauen Strähnen rumlaufen. Doch, das kann ich sehr wohl! Das andere Mal war es ein Mann, der ein Foto im Status von mir so kommentierte:“Du siehst echt fertig aus und die Haare müsstest du auch mal wieder färben!“ Ein Mann, der gleichaltrig selbst graue Haare hat und auch ein Bäuchlein vor sich herträgt. Tatsächlich fühlen sich auch einige Frauen von mir angegriffen, nur alleine durch meinen Satz, dass ich meine grauen Strähnen mag, ich keine Lust habe auf alle paar Monate färben und wer bestimmt überhaupt, dass wir Frauen nicht auch in Würde altern dürfen. Da gehören graue Haare nun mal dazu. Jeder darf so wie er will, solange er andere nicht verletzt oder ihre Freiheit einschränkt. Den Spruch „Du bist doch keine 20 mehr“ habe ich allerdings noch nie gehört. Gerade in meinem Umfeld sind viele Frauen 50+, die richtig tolle Klamotten tragen und viel Glitzer. In unserem Alter braucht man Farbe und Glitzer. :-) Aber nicht unbedingt in Form von gefärbten Haaren. Mein Motto jetzt im Alter „Einen Sch… muss ich“ und für Sticheleien, blöde Bemerkungen oder Bevormundungen „Für den Sch… bin ich wirklich zu alt!“ :-)

    1. Dieses leidliche Thema Haare ist auch fürchterlich. Ich hab mich vor zwei Jahren dazu entschieden meine Naturhaarfarbe zu tragen. Das erste Mal seit 20 Jahren. Überall großes Unverständnis. Wie kann man nur freiwillig nicht blond sein wollen. Und die grauen Haare sieht man ja dann auch.
      Stört mich nicht. Einfach gar nicht.

  4. Dein Schreibstil ist richtig gut. Das muss man dir lassen. Was mir fehlt ( oder fehlen würde) ist Regelmäßigkeit und echte interessante Highlights des Tages. Entweder hast du da nichts zu berichten oder du willst darüber nicht berichten, ist ja auch okay.
    Z.B. spannende Urlaubsreisen, besondere Anschaffungen.

  5. Ich bin zwar schön etwas älter,werde nächstes Jahr 70. Aber schon seit Jahren denke ich mir, wie muss man sich in jedem Alter fühlen. Bin ich alt? Ich weiss, dass ich nicht mehr jung bin, aber alt??
    Und ich finde es sehr amüsant, dass immer andere Menschen zu wissen scheinen was das Beste und Angemessene für mich ist. Es interessiert mich aber nicht. Ich bin ich. Und ich finde es toll, dass auch du so bist wie du bist und das auch deinen Kindern zustehst.

  6. Ich bin 10 Jahre älter als du, hab mich nie für Mode interessiert und bei meiner (seit 3 Tagen 17jährigen) Tochter ist das ähnlich. Ich hab Lieblingssachen, die ich über viele Jahre trage, bis sie auseinanderfallen. Meine Tochter trägt irgendwas, was ihr eben in die Hände fällt und ich rede mir gelegentlich den Mund fusselig, dass sie bitte die nun wirklich zu kurzen Hosen bitte mal aussortieren soll. Da fehlen inzwischen etliche Zentimeter – stört sie nicht. Nun ja.

    Haare färbe ich allerdings. Meine Naturhaarfarbe ist sehr dunkel und so fielen die ersten grauen Strähnen (mit 30!) deutlich auf. Damals war ich nicht bereit für graue Strähnen und habe gefärbt. Heute wäre ich bereit für graue Strähnen, aber wenn ich mir nach 4 Wochen so meinen Ansatz ansehe, wäre ich ohne Färben inzwischen wohl nicht gesträhnt, sondern komplett grau und dafür – man ahnt es – bin ich mit Anfang 50 wieder nicht bereit. Also färbe ich erstmal weiter …

    Okay, ist alles etwas wirr. Leben und leben lassen ist das Motto – egal ob mit 17 oder 70. Solange es sauber und gepflegt ist, ist mir nahezu egal, was jemand trägt oder macht. Auch wenn ich persönlich das eine oder andere als unvorteilhaft empfinde und nicht tragen würde.

  7. Alter ist nur eine Nummer – sagt aber nichts über dich oder deine Persönlichkeit aus.

    Leider kommt mit dem Alter aber eine gewisse körperliche Veränderung, die man am besten akzeptiert und damit umgeht. Graue Haare ist da noch das auffallende – vieles andere ist eher versteckt und verdeckt. Angefangen von den Knitterfalten im Kopf über die körperlichen WehWehchen. Das Knie das immer bei Regen schmerzt, die Magensäure die bei Zuviel Kaffee rebelliert …

    Aber das wichtige ist ja was man damit macht – ist es negativ? Mitnichten, aber anders. Veränderungen sind ja nicht schlimm.

    Was die Kinder angeht finde ich es auch spannend zu sehen das der 14 Jährige ganz klar meinen Stil kopierte, aber mittlerweile sich in Details verändert, einen Remix daraus macht mit dem was er bei anderen toll findet. Den Oversized Pulli, das Hemd mit dem Bananen Print oder ähnliches zu den Vans und der Cargo Hose … irgendwie dann doch wieder ähnlich der Grunge Zeit meiner Jugend. Nur ohne Karo Hemden die findet er gruselig.

    1. Unterschreibe ich alles haargenau so. Ich merke eindeutig, dass die Augen schlechter werden und die Haut schlabberiger. Aber gut, man kann halt auch nicht ewig jung bleiben und mir käme es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in den Sinn, mich in Selbstmitleid zu suhlen.

      Und ja, der Große orientiert sich hier auch sehr am Stil seines Papas. Wobei er die Liebe zu Converse definitiv von mir hat.

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