ADHS bei Frauen: Wenn 100 % Perfektion nur Fassade ist

Zwischen Masking, Hyperfokus und Erschöpfung

„Ich […] habe oft bewundert, wie Du das alles anscheinend so völlig mühelos wuppst mit den Kindern, wie Du ihre Hausaufgaben und Hobbys begleitest, ihre perfekten Geburtstags-T-Shirts erstellst und anscheinend immer sehr viel Freude an dem hattest. […] Nie wäre ich darauf gekommen, dass Du denkst, Du seist nicht genug. Du warst doch immer mindestens 100 Prozent.“

Dieser Kommentar unter meinem letzten Blogbeitrag ADHS bei Müttern: Zwischen Depression, Perfektionismus und Selbstfindung hat mich mitten ins Herz getroffen. Denn ja, so wirkte es nach außen. Ich, die alles im Griff hat. Die Kinder, ihre Hobbys, Geburtstage mit T-Shirts in perfektem Design, immer organisiert, immer präsent. Die Frau, die 100 % gibt.

Was keiner gesehen hat: Innen drin war ich müde, gehetzt, erschöpft und überzeugt, dass es trotzdem nie reicht.

Diagnose: kombinierte ADHS

Die Auseinandersetzung mit dem Thema begann, als ADHS für das große Kind das erste Mal im Raum stand. Die Erkenntnis, dass da mein Leben, Fühlen und Handeln beschrieben wird, schlug wie ein Blitz bei mir ein.

Dann kam die Diagnose: Schwere kombinierte ADHS, getestet nach DIVA 5, einem strukturierten klinischen Interviewverfahren zur Diagnose von ADHS bei Erwachsenen durch eine Psychotherapeutin. Neun von neun Merkmalen im Kindesalter und sieben von neun im Erwachsenenalter. Schwarz auf weiß.

Kombiniert bedeutet: Es handelt sich um die Kombination der beiden Hauptsymptome von ADHS, nämlich Hyperaktivität – bei mir überwiegend nach innen gerichtet – und Konzentrationsprobleme. Es war also nie eine Frage von „zu viel wollen“ oder „schlechter Organisation“. Es war schlicht das Muster, nach dem mein Gehirn arbeitet.

ADHS bei Frauen: Perfektionismus als Maske und Hyperfokus

Heute weiß ich: Mein Perfektionismus war kein Ehrgeiz, sondern ein Maskierungsmechanismus (fachlich: Masking). Perfektion ist das, womit viele ADHSler Kritik vorbeugen wollen. Wer perfekt ist, macht keine Fehler. Wer perfekt ist, fällt nicht auf.

Aber: Dieser Perfektionismus war nie bewusst geplant. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Er war eine Folge von Hyperfokus und innerem Druck.

Ein Kindergeburtstag zum Beispiel. Ich konnte einfach nicht aufhören, jedes Detail zu planen. Stundenlang habe ich Listen geschrieben, Gestaltet, Gebastelt, Gebacken und Layouts für T-Shirts entworfen. Nicht, weil ich „die perfekte Mutter“ sein wollte, sondern weil mein Kopf nicht loslassen konnte. Ich war festgebissen und bin tiefer und tiefer hineingerutscht.

Von außen sah es nach liebevoller Perfektion aus. Tatsächlich war es Kontrollverlust. Ich konnte nicht stoppen. Und so wurde Perfektion für mich zur Maske: nach außen schön, nach innen erschöpfend.

Zu früh, nie zu spät und doch immer im Alarmmodus

Ich bin nie zu spät. Im Gegenteil: Ich bin fast immer zu früh. Das klingt zuverlässig, ist aber nur die Folge von Zeitblindheit. Mein Kopf kann Dauer und Abstände nicht realistisch einschätzen. Ich habe keine Ahnung, wie lange zehn Minuten sind. Also plane ich lieber eine halbe Stunde extra ein.

Die Angst, zu spät zu kommen, ist riesig. Sie hängt direkt an meiner Rejection Sensitivity (RSD), also die extreme Angst oder Überempfindlichkeit gegenüber tatsächlicher oder vermeintlicher Zurückweisung: Ich könnte jemandem zur Last fallen, enttäuschen, als unzuverlässig gelten. Also bin ich überpünktlich, obwohl ich Warten hasse.

Und das Warten selbst? Es fühlt sich an, als würde mein System in eine Art Standby-Modus schalten. Vor Terminen sitze ich wie ein paralysiertes Huhn auf dem Sofa. Ich könnte noch die Spülmaschine ausräumen oder eine Mail schreiben. Theoretisch. Praktisch starre ich die Uhr an. Das ist Paralyse: der Kopf blockiert, der Körper auf Alarm gestellt.

Wenn innen mehr los ist als außen sichtbar

Von außen wirke ich ruhig. Innen ist da eine ständige innere Unruhe. Finger knibbeln, Beine wippen, Gedanken kreisen. Selbst wenn ich still dasitze (was ich selten tue), tobt in mir ein Orkan. Das ist die nach innen gerichtete Hyperaktivität, die bei Frauen oft übersehen wird.

Und manchmal kippt diese Unruhe in Impulsivität: Ich sage vorschnell zu, übernehme Ämter, verspreche Hilfe und merke erst später, dass es eigentlich viel zu viel ist. Dann jongliere ich Termine, Aufgaben und Verpflichtungen, bis wieder alles wackelt.

Im Laufe meines Lebens habe ich aber Hilfsmittel und Wege gefunden, um zum Schluss alles für alle befriedigend abzuschließen, meist sogar besser als erwartet (Perfektionismus). Danach bin ich allerdings völlig erschöpft und ausgebrannt.

Wenn das Gedächtnis Lücken hat

Zu all dem kommt die Vergesslichkeit. Ich kann stundenlang im Detail versinken, aber vergesse, was ich eigentlich als Nächstes tun wollte. Alltägliches wie zum Beispiel Essen, Trinken oder auf die Toilette gehen. Trotz Listen, Kalendern und Erinnerungen rutscht Wichtiges weg. Ein Geburtstag, eine E-Mail, eine Unterschrift. Deshalb hat mein Perfektionismus so lange funktioniert wie ein Sicherheitsnetz. Er sollte verhindern, dass mir etwas durch die Finger gleitet.

Emotionen auf 180. Wenn Hochsensibilität und ADHS ineinanderfließen

Und dann sind da noch die emotionalen Intensitäten. Freude, Wut, Angst. Alles eine Nummer stärker. Ich freue mich überschwänglich, wenn etwas klappt. Ich bin am Boden zerstört, wenn etwas misslingt. Für andere wirkt das manchmal übertrieben, für mich ist es Alltag.

Lange habe ich das unter Hochsensibilität verbucht (mehr dazu in meinem Beitrag Ich, die hochsensible Mutter und Person). Viele meiner früheren Hochsensibilitäts-Texte erzählen, wie stark ich Reize wahrnehme, wie sehr sie mich beeinflussen. Von Lärm und Gerüchen bis zu Emotionen im Raum.

Heute weiß ich: Ein Teil davon ist schlicht ADHS. Hochsensibilität beschreibt, dass mein Nervensystem auf alles sensibler reagiert, aber mit ADHS kommt noch das Ampelsystem meiner Gefühle dazu: kaum ein „ein bisschen traurig“, stattdessen „sofort extrem“. Herzrasen, Tränen, Wut, Euphorie. Sekundenbruchteile reichen, und ich bin entweder im Freudentaumel oder mitten im emotionalen Sturm.

Diese Intensität ist Fluch und Geschenk zugleich. Ich kann mitfühlen, als beträfe es mich selbst. Ich spüre unausgesprochene Stimmungen im Raum. Aber Reizüberflutung bringt mich ebenso schnell an meine Grenzen, ein falscher Ton, eine Schreckreaktion, und ich kippe.

Früher dachte ich, ich sei einfach nur zu empfindlich. Heute weiß ich, dass es ADHS ist, kein Defekt, kein „Zuviel“, sondern ein anderes Betriebssystem.

Gleichzeitig ist es auch eine Ressource: Tiefes Mitgefühl, kreative Ideen und feine Wahrnehmung entstehen genau daraus.

Die Rechnung: hochfunktionale Erschöpfungsdepression

Weil meine ADHS so lange nicht erkannt wurde, habe ich kompensiert, kaschiert, maskiert. Ich habe funktioniert, egal wie hoch der Preis war. Herausgekommen ist eine hochfunktionale Erschöpfungsdepression, die 2014 in einem Burnout mündete und mich seither mal stärker und mal schwächer begleitet. Ich konnte viel leisten, aber nie in Balance. Ich war effizient, aber nie gesund.

Daraus entstand auch der anhaltende Gedanke, weniger leistungsfähig oder weniger lebensfähig zu sein als andere, ein typisches Muster, das man als Imposter-Syndrom bezeichnet. 

Jetzt kann ich Stück für Stück die Maske abnehmen

Heute hilft mir das Wissen. Ich erkenne meine Maskierung. Ich verstehe, warum ich tue, was ich tue. Und ich kann nach und nach andere Hilfsmittel finden: Struktur, Pausen, Klarheit.

Es ist kein „jetzt ist alles gut“. Aber es ist ein „jetzt weiß ich, was los ist“. Und das verändert alles.

Nach außen wirkte es, als sei ich immer 100 %. Innen war ich leer und erschöpft. Perfektion war nie Stärke, sondern ein Alarmzeichen. Heute übe ich, das 100 %-Bild loszulassen.

Genug sein bedeutet nicht perfekt sein. Und das musste ich erst erkennen und lernen.


Disclaimer

Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen mit ADHS bei Frauen im Erwachsenenalter. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder psychologische Diagnose und keine Therapie. Wenn du dich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennst oder unsicher bist, ob bei dir ADHS vorliegen könnte, wende dich bitte an eine Fachärztin, einen Facharzt oder eine spezialisierte Therapeutin.

Weitere Informationen findest du bei:


FAQ: ADHS bei Frauen

Woran erkennt man ADHS bei Frauen im Erwachsenenalter?

ADHS bei Frauen kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Typisch sind zwar Symptome wie innere Unruhe, Vergesslichkeit, emotionale Intensität, Hyperfokus oder Paralyse vor Terminen, doch es gibt auch viele weitere Merkmale: chronische Desorganisation, Schwierigkeiten beim Planen und Priorisieren, Probleme mit Finanzen oder Haushalt, Prokrastination, schnelle Reizüberflutung und stark schwankende Motivation. Nicht jede Frau mit ADHS erlebt alle Symptome – das Bild ist sehr individuell.

Warum bleibt ADHS bei Frauen oft so lange unerkannt?

Viele Frauen entwickeln früh Maskierungsstrategien: Sie kompensieren mit Perfektionismus, übermäßiger Anpassung oder hoher sozialer Sensibilität. Nach außen wirken sie organisiert, zuverlässig und leistungsstark, während innen Erschöpfung und Chaos herrschen. Zudem sind Diagnosestudien historisch stark auf Jungen mit „Zappelphilipp“-Symptomen ausgerichtet gewesen. Deshalb wird ADHS bei Frauen oft erst spät oder gar nicht erkannt.

Welche Folgen kann unerkanntes ADHS im Erwachsenenalter haben?

Bleibt ADHS unerkannt, steigt das Risiko für psychische und körperliche Folgeerkrankungen. Häufig sind Depressionen, Angststörungen, Burnout oder Imposter-Syndrom. Auch Essstörungen, Schlafprobleme und Substanzmissbrauch treten überdurchschnittlich häufig auf. Dauerhafte Überkompensation führt zu Erschöpfung und kann in schweren Fällen in eine Erschöpfungsdepression oder einen Burnout münden.

Hilft eine Diagnose im Erwachsenenalter noch?

Ja. Eine Diagnose im Erwachsenenalter schafft Klarheit und eröffnet neue Wege im Umgang mit ADHS. Sie ermöglicht den Zugang zu wirksamen Behandlungen wie medikamentöser Therapie, Psychotherapie, Coaching oder alltagspraktischen Strukturhilfen. Viele Betroffene berichten, dass sie durch die Diagnose zum ersten Mal ihr Leben verstehen und Strategien entwickeln, die langfristig entlasten.

Pia Drießen, Kind der 80er, Mutter von 3 Teenagern (*2009, *2010, *2012). Head of Content Experience bei SaphirSolution. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf LinkedIn und Instagram.
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4 Gedanken zu „ADHS bei Frauen: Wenn 100 % Perfektion nur Fassade ist

  1. Hallo, ich war ein bisschen bestürzt, dass mein Kommentar so getroffen hat. Tatsächlich habe ich nie gedacht, dass Du unbedingt perfekt sein bzw wirken wolltest, sondern dass Dir das echt alles sehr viel Freude macht. Ich leide oft an meinem Unperfektionismus, meinem fehlenden Ehrgeiz, auch mein Kind betreffend und dem „er soll selber für sich finden, was er möchte“. Meine Eltern haben mir sehr viel Freiraum gegeben und ich weiß das als Erwachsene sehr zu schätzen. Aber wenn ich sehe, was andere so leisten, denke ich manchmal „ auch ich hätte das können, hätte ich mehr Druck bekommen“. Aber vielleicht liegt das Geheimnis eher darin, zu akzeptieren, dass man ist, wie man ist.

    1. Du musst Dir keine Gedanken um die Wirkung Deines Kommentars machen. Viel mehr war es nochmal die Bestätigung, wie stark mich diese Maskierung all die Jahre am Laufen gehalten hat.
      Du schreibst da etwas sehr Wichtiges im letzten Satz: Man muss akzeptieren, dass man ist, wie man ist. Was mein Beitrag ja auch vermitteln sollte: Nur weil es von außen leicht und perfekt aussieht, muss es das innen nicht sein.
      Ich versuche auch mir keine „was wäre wenn?“ Fragen zu stellen, denn die führen nur zu Wut, Enttäuschung und Schuldzuweisungen, die niemandem mehr helfen.

  2. Danke für Deine Offenheit! Ich erkenne mich in Deinem Beitrag teilweise wieder. Zum Beispiel vorschnell Hilfe anbieten, sei es in der Familie, in der Schule, auf meiner Arbeitsstelle. Ich kann nicht sagen, wie oft es mir zuviel wurde. Das dann zuzugeben, war mir lange nicht möglich. Mittlerweile, aufgrund von körperlichen Beschwerden und auch Erschöpfung, sage ich auch mal Nein, aber es fällt mir nicht immer leicht. Ich denke, es könnte Sinn machen, dass ich mich auf Adhs testen zu lasse. Ich weiß nicht, wo ich anfangen kann. Beim Hausarzt? Habe demnächst dort einen Termin, muss mal überlegen, ob und wie ich das anspreche.

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