Bis einer heult! • eingelocht.
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7. Oktober 2006 | Pia Drießen

eingelocht.

Ich weiß nicht mehr warum mein Mitazubi Matthias und ich nach der Arbeit in dieses Einkaufszentrum fuhren. Ich weiß nur noch, wie wir an den Läden vorbei schlenderten und vor dem kleinen Piercingstudio stehen blieben, um ins Innere zu gucken. Der Laden hatte eine wahnsinnig große Fensterfront, ein gemütliche Sofaecke und war ansonsten wir eine Mischung aus Nobel-Wohnzimmer und Schmuckgeschäft eingerichtet. Edel, irgendwie. Nicht, wie man sich ein Piercingstudio vorstellt.

Kurzentschlossen – im wahrsten Sinne des Wortes – bin ich dann in den Laden gestürmt. Matthias sah mir noch einen Moment mit hochgezogenen Augenbrauen nach und folgte dann. Neugierig löcherte ich den schmalen und recht kleinen Kerl, welcher beim Klingeln der Türglocke in den Verkaufsraum kam, wie viel ein Zungenpiercing kostet, ob das weh tut (ja, ich meine, die Frage lag ja irgendwie nahe) und wie lang der „Eingriff“ dauert.

Zwei Minuten später verließen wir den Laden, da ich mich sofort und umgehend auf den Weg zur Bank machen wollte. 120 Euro kostete das Piercing, wenn ich mich richtig erinnere.

Matthias folgte mir kopfschüttelnd. Ich glaube, er schüttelte die ganze Zeit mit dem Kopf, sagte aber nichts, was ein wenig ticki aussah.

Nicht eine Sekunde habe ich wirklich darüber nachgedacht. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir vor dem Laden standen, habe ich mich wirklich militant gegen Piercings ausgesprochen. Pfui, bah, so was machen nur *schlimmes Wort*. Was mich zu diesem Schritt trieb? Keine Ahnung, ehrlich nicht, bis heute nicht.

So saß ich eine viertel Stunde später im sterilen Hinterraum des Ladens auf einer Liege und ließ meine Zunge von einer kleinen Lampe durchleuchten. „Damit sehe ich, wo die Adern und Nervenstränge verlaufen.“ Aha, okay, die will man ja gerne unbeschadet behalten.

Die Nadel war gigantisch. Mindestens 10 Zentimeter lang und bestimmt ein Zentimeter Durchmesser. Okay, letzteres ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber so kam es mir vor. Der Moment, indem diese riesige Nadel meine Zunge durchbohrte, war gegen meine Erwartungen lachhaft. Der Piercer sagte vorher zu mir, dass das Gefühl damit vergleichbar sein, wenn man gegen ein Bett tritt. Der Schmerz ist kurz und heftig, aber im nächsten Moment wieder vergessen. Und so war dieser Moment doch nicht einmal schmerzhaft. Ein kleiner kurzer Pieck, nicht mehr oder weniger als bei einer Spritze, die man in den Arm gesetzt bekommt.

Nach kurzem Rumgefummel hatte ich einen riesigen Piercingstab in der Zunge. Man erklärte mir, dass die Zunge anschwellen würde und daher am Anfang so ein langer Stab eingesetzt werden müsste.

Und so kam es auch. Meine Zunge schwoll mindestens auf das Doppelte an, mindestens. Aber das größere Problem war definitiv, dass ich durch minutenlanges Zerren an der Zunge beim Piercer, einen wahnsinns Muskelkater in der Zunge hatte. Man darf nicht vergessen, dass die Zunge ein einziger Muskel ist. Der ganze Lappen schmerzte, als würde er absterben und Essen war eine ganze Woche lang unmöglich. Erst da wurde mir bewusst, wie sehr man so eine Zunge beim Essen benötigt und beansprucht. Eine ganze Woche ernährte ich mich von Fischmacs, die man wunderbar mit Speichel zersetzen und ungekaut schlucken konnte.

Nach zwei Wochen wurde mir dann das endgültige Piercings eingesetzt. Das fühlt sich dann auch nicht anders an, als wenn man einen Ohrring wechselt. Der Stab wurde kürzer, die Kugeln größer. Da ich beim Stechen selber sehr viel Wert darauf gelegt habe, dass der Stecker nicht zu weit vorne sitzt, hatte und habe ich ein tatsächlich sehr weit hinten sitzendes Piercing und kann somit größere Kugeln tragen, als es normalerweise der Fall ist. Oft kommt es vor, dass Menschen, die mich schon lange kennen, erst nach Monaten und Jahren entsetzt aufschauen und „Du bist ja gepierct!“ rufen.

Heute habe ich dieses Piercing ziemlich genau vier Jahre. Es hat mich nie gestört. Wenn ich das Stück Stahl raus nehme, um es zu reinigen, dann höre ich mich an, als hätte ich keine Zunge. Sie ist dann so leicht, dass ich mich schnell verhasple und einen so genannten Knoten in der Zunge habe.

Warum ich mich damals für ein Zungenpiercing entschied ist ziemlich einfach. Das Loch wächst auch nach Jahren noch an einem Tag zu. Sollte es also so weit kommen, dass ich den Stab nicht mehr tragen möchte, nehme ich ihn raus und habe schon einen Tag später meine Ruhe. Gut, das Sprechen muss ich dann wohl neu lernen, aber das sollte sich schnell regeln lassen.

Im Übrigen hatte ich nach dem Stechen selber mit dem Sprechen keine Probleme. Gehört hat man jedenfalls nie, dass ich ein Piercing in der Zunge habe. Meine Eltern bemerkten den „Schmuck“ erst spät. Meine Mutter nach rund vier Monaten und mein Vater nach einem Jahr.

Heute vergesse ich das oft selber und bin im ersten Moment immer völlig überrascht, wenn mich jemand darauf anspricht.

Ach ja, da war ja was. Bääääh!

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Luca / Okt 7 2006

    Auf dem Foto sieht es so aus als hätte die obere Kugel sich schon eine Vertiefung geschaffen, wo sie drinnen verschwinden kann.
    Wächst das auch wieder zu?

  2. Pia / Okt 7 2006

    Die Vertiefung ist so etwas wie eine Druckstelle. Nehme ich den Stecker raus dauert es 5 Minuten bis diese Verschwunden ist. Die habe ich auch nur, wenn ich den Mund lange geschlossen habe und das Piercings so an den Gaumen drücke.

  3. AndiBerlin / Okt 7 2006

    Das ist aber wirklich groß. Das Piercing jetzt, nicht die Zunge.

  4. Pia / Okt 7 2006

    Es heißt ja auch nicht „das Zunge“ :)

  5. Clara / Okt 7 2006

    Hm, ich hatte auch jahrelang ein Zungenpiercing, bis ich die Zahnärztin wechselte, welche mir sehr eindrucksvoll erklärt hat, was so ein Metall-Piercing für Schäden anrichten kann. Was das kostet, wenn die Kugeln die Zähne kaputtgeschlagen haben, etc… Sie schlug mir vor, ich solle doch bunte Plastekugeln nehmen, sie sähen doch ganz hübsch aus… Hehe, aus dem Alter bin ich raus, also hab ich ne Woche lang überlegt, raus oder Risiko? Da ich schon genug Geld bei Zahnärzten gelassen hab, hab ich mich schweren Herzens gegen das Piercing entschieden. Das ist jetzt ca. 1 Jahr her, und ich fühl mich immernoch „nackig“ im Mund…
    :)

  6. Pia / Okt 7 2006

    Das war mit ein Grund, warum ich dsa Piercing so weit hinten wollte. An die Zähne komme ich nur wenn ich bewußt mit dem Ding rum spiele. Und das ist selten.

  7. Clara / Okt 7 2006

    Jahaaa – das hab ich der Ärztin auch gesagt… ;)

  8. Finja / Okt 7 2006

    ich hätte auch beinahe mal. dann war ich zu feige. und zu abhängig von meiner zunge. ich wollte sie nicht mal für fünf minuten entbehren.

  9. Kess / Okt 7 2006

    Wenn ich Eis schlecke, ziehe ich auch eine Spur! :-)

  10. nomy / Okt 8 2006

    ich bin nicht gepierced und finde das muss auch nicht sein, an mir selber zumindest nicht aber das ist sicher nicht unlustig eins zu haben

  11. Matthias / Okt 8 2006

    Ich erinnere mich :))
    Auch daran, was der schmalen und recht kleinen Kerl mir verpassen wollte!!! *kopfschüttel* ;))

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