Bis einer heult! • "Drücker" im doppelten Sinne
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24. Mai 2005 | Pia Drießen

„Drücker“ im doppelten Sinne

Gestern Abend entließ mein geliebter Chef mich freundlicher Weise etwas früher in meinen Feierabend. Ob er von meinem Geschniefe und Gehuste genervt war oder einfach nur gütlich sein wollte entzieht sich meiner Kenntnis.
An (ER)Kenntnis habe ich am gestrigen Abend jedoch einiges dazu gewonnen. Wenn Du vor 18 Uhr zu Hause bist klingeln permanent komische Leute und wollen komische Sachen von Dir.

Fall 1
Ein junger und großer Mann steht vor der Tür, hat ein weißes Sweatshirt mit einem Hubschrauber drauf an und eine orange-rote Weste drüber. Sein erster Satz klingt in etwa so:
„Ich bin vom Rettungsdienst – keine Sorge – nix passiert, leben noch alle und ich will Sie auch nicht mitnehmen!“ Ich denk mir ‚Gut – dann eben nicht!‘ und lehne mich erschlafft an den Türrahmen. Er will nur 2 Minuten meiner kostbaren Zeit, um mir zu erklären, warum er unterwegs ist. Als ich „Nein“ sage, weil ich einfach zu kaputt bin und wirklich keine Lust auf Geschichten habe, die in einem „und würden Sie uns daher eventuell finanziell unterstützen?“ enden, erklärt er mir mit glasigem Blick, dass „Seit heute Morgen 11 Uhr erst 2 Leute 2 Minuten für ihn Zeit gehabt hätten.“
Ich denk mir ‚Na, was ’ne magere Ausbeute – hier da (Tempo rüber reich) – Schnäuzt Dir mal die Nase, Kleiner!‘ – entschuldige mich und schließe die Tür …

Fall 2
5 Minuten später klingelt es erneut. Leicht genervt trotte ich zu Tür in der Vorahnung, dass der Kerl es noch mal versuchen will. Erstaunlicher Weise steht nun ein anderer Typ vor der Tür. Deutlich Jünger, gelbes T-Shirt und Jeans – dunkler Teint.
„Hallo ich bin der Neue – hast Du mal 2 Minuten für mich?“ Der Neue? Von Was? Wofür 2 Minute? Kennen wir uns? Ich bin völlig überfahren und halte auch schon einen Zettel mit irgendwelchen blöden Fragen in der Hand.
„Ich mache eine Befragung zur allgemeinen Einstellung der Bevölkerung zum Thema Jugendkriminalität“ – ‚Alles Verbrecher‘, denk ich mir und lehne wieder erschöpft am Türrahmen. Der Neue (mir ist der Name entfallen oder er hat ihn gar nicht erst genannt.) sprudelt los mit seinen Fragen und ich sag ihm die Antworten in der Hoffnung er würde die in sein Blättchen eintragen und gehen. Warum ich auf die Frage, ob ich ein Stückchen Tisch zum Schreiben hätte „Ja“ antworte, weiß ich nicht. Auf Grund der Umzugsvorbereitungen sieht es bei uns jetzt schon wie auf einem Schlachtfeld aus und da lass ich dann noch fremde Neue durchsteigen – what the fuck??? Ich schieb es an dieser Stelle mal auf die Grippe – ja, das wird es sein.

Beim Ausfüllen des Blattes erklärt mir Der Neue, dass er selber schon im Knast gesessen hat, weil er auf Kokain und Acid war und damit auch gehehlt hat. Nun wäre er in einem Resozialisierungsprojekt und müsste diese Befragung machen, um seinen Willen zur Arbeit zu zeigen. 75% der jugendlichen Straftäter werden im ersten Jahr nach Ihrem Knastaufenthalt wieder straffällig, erklärt mir Der Neue – die Dunkelziffer läge bei rund 95 % – ob ich Vorurteile hätte? Ich denk mir ‚Ja, jetzt eine Menge!‘ und schüttel´ den Kopf. Gut, denn nur 62% der Befragten geben offen zu Vorurteile gegen jugendliche Straftäter zu haben – die Dunkelziffer liegt bei über 80% – „Du gehörst aber nicht dazu, oder?“ – Ich schüttel´ den Kopf, aber nicke innerlich heftigst. Der Neue ist mir unsympathisch, tatscht mir im Gespräch permanent mit dem Handrücken aufs Knie redet wie ein Wasserfall. Zwischendurch erklärt er mir noch, dass ich ja viel jünger aussehe als ich bin und fragt mich über meinen Beruf aus.

Langsam wird er unangenehm und ich fange nervös an, auf dem Sofa hin und her zu rutschen. Er erklärt, dass dir Agentur für Arbeit ihm die Ausbildung, die er jetzt zum Altenpfleger machen will, nicht bezahlt und daher von weiß_der_Geier einen Überschuss an Zeitschriften bekommen hat, welche er nun an nette Menschen wie mich, die ihm vorgaukeln jedem Straftäter eine zweite Chance zu geben, verkaufen soll um durch den Erlös seine Ausbildung zu finanzieren. Das Geld kommt auf ein gesperrtes Konto an welches er nicht dran kommt. Ich sage „Nein!“ – er versucht noch 5 Minuten herzzerreißend zu begründen, dass ich ihn doch so gerne unterstützen möchte, dies aber nur über den Weg eines Zeitungsabos ginge und ich ihm doch bitte, bitte helfen sollte. Wenn ich keines der Blätter haben wolle, solle ich sie doch einfach weg schmeißen, aber die 24 Cent am Tag würden ihm wirklich helfen (hahahahaha).

Gott sei Dank kommt Herr H. zum richtigen Zeitpunk nach Hause und schüchtert Den Neuen mit einer Größe von mindestens_3_Köpfe_größer und einem energischen „Guten Abend!“ ein. Ich erklär noch mal schnell „Nein, ich will keine Neue Revue, keine Frau aktuell und der Springer kann mich sowieso mal gern haben“ und schiebe Den Neuen in Richtung Tür.

„Schönentachnochundtschüß“

Herr H. sagt, ich solle mich nicht wundern, wenn unsere Bude morgen Abend komplett ausgeräumt ist. „Der Neue“ wird wahrscheinlich der entscheidende Hinweis auf den Täter sein und „pickeliges Jüngelchen“ passt auch auf nahezu jeden zwoten Teenager im Dorf – Herr H. hätte an der Stelle wohl zu den ehrlichen 62 % gehört ;) Ich naive Kuh!

Haben wir herzlich gelacht :grin:

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. R. / Mai 24 2005

    Frau Pia! Sie können nicht jeden Verrückten ins Haus lassen! (Das bezieht sich jetzt NICHT auf Herrn H.! ) Wenn Ihnen etwas passiert, wer soll den Kölner Schuhandel durch Stützkäufe helfen? Herrn H.s Blog vor technischen Schwierigkeiten bewahren? Hier immer was nettes schreiben?

    Herzliche Grüße vom besorgten
    R.

  2. CyberLine / Mai 24 2005

    Des warn bestimmt nur Fans die mal 5 Minuten mit Frau Pia verbringen wollten. So ne art Stalker :P

  3. Legolas / Mai 24 2005

    klingeln permanent komische Leute und wollen komische Sachen von Dir.

    Kann ich voll bestätigen. Ich wurde gerade nach 29 Stunden Schlafentzug und anschliessenden 2 (!!) Stunden Augenpflege von den Zeugen Jehovas geweckt.

  4. Pia / Mai 24 2005

    Es gibt aber auch Menschen, Herr Legolas, die ziehen sowas magisch an!

  5. apunkt / Mai 24 2005

    Tehe.. als ich noch in meiner Unistadt gewohnt habe, kamen da auch immer so Leute. Mal das rote Kreuz, mal welche von Premiere…
    Und jedes Mal, wenn ich dir Tür aufgemacht habe, haben die mich gefragt, ob denn meine Eltern da seien. *gnaa* Ich hab dann immer nein gesagt. (Meine Eltern waren ja auch nicht da. Die wohnten nämlich in einer völlig anderen Stadt.)

    Ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner Genugtuung beinhaltete dann, mir vorzustellen wie sie eine Etage tiefer erfahren, das es eine Einraumwohnung ist, in der ich da wohnte. Aber realistischerweise muß ich wohl leider vermuten, das die meisten das wahrscheinlich gar nicht mitbekommen haben.

    Komiker. Immerhin mußte ich noch nie einen Staubsaugervertreter abwimmeln deswegen – die sind immer von alleine wieder gegangen.

  6. Thomas / Mai 24 2005

    Hmmm… *grübel*
    So einen „Fall 2 – Typ“ hatte ich auch schon mal in Hausflur. Zum Glück hab ich ihn nicht reingelassen. Und ne Zeitung konnte er mir auch nicht aufschwatzen… :mrgreen:
    *kopfschüttel*

  7. Pia / Mai 24 2005

    Ein Kollege berichtet mir eben, dass ihn der arme ehemalige Jugendknacki auch schon mal besucht hat und er ihn ebenfalls in die Bude gelassen hat – ich bin also nicht alleine naiv und gutgläubig. *tz*

  8. Koerb / Mai 24 2005

    Bei uns hat auch einmal ein solcher Ex-Junkie-Knacki-Zeitungsverkäufer geklingelt. Aber reingelassen habe ich ihn nicht. Der war auch merkwürdig. Brrr.

  9. maren / Mai 24 2005

    fehlen ja eigentlich nur noch die zeugen jehovas.

  10. Pia / Mai 24 2005

    Die waren ja heute schon bei Herrn Legolas :D

  11. Heinz-Inge / Mai 24 2005

    Dem Vertreterfaß den Boden ausgeschlagen hat bei mir vor kurzem Arcor: binnen 2 Wochen standen 3 Vertreter vor meiner Tür und wollten mir einen Vertrag aufschwätzen, obwohl ich schon beim ersten „Nein“ gesagt hatte – da noch relativ freundlich (als er den Namen meines Anbieters hörte, gab er mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck auf :D). Nichtsdestotrotz kamen wie gesagt noch die 2 Kollegen, gegenüber denen ich mich zunehmend unfreundlicher verhielt. Verstehe ich auch beim besten Willen nicht, bei solchen Firmen sollte doch im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas ein einmaliges „Nein“ genügen.

  12. Legolas / Mai 24 2005

    @Pia: Jaja, lach Du nur ;)
    Das blöde daran ist, dass einem die richtig guten und schockierenden Sprüche, mit denen man diese Freaks verjagen könnte, immer erst später einfallen.

  13. ingo / Mai 24 2005

    ja ja die drücker! das kommt mir bekannt vor. mich wecken die immer. am besten waren noch die beiden tanten die mich bekehren wollten oder die beiden spd typen, die ich damit rausgeworfen habe, dass ich gesagt habe: „sorry schon gewählt“. die beiden wussten wohl noch nix von briefwahl…

  14. Marc / Mai 24 2005

    Hey Pia! Ich weiss das passt jetzt nicht so in den Blogg, aber du bist echt super! Einfach der Hammer… =) Hach scheen. :) Weiter so!

    Dein Fan :)

  15. Pia / Mai 25 2005

    Lieber Stefan – DAS war mir auch in der Sekunde klar, in der er mit ‚Neue Revue‘ Abos vor mir rum fuchtelte ;)

  16. Atomaffe / Mai 25 2005

    Bei mir war auch schonmal son Vogel, aber der hatte nicht eine der zahlreichen Zeitschriften die ich gerne abonnieren würde in seinem Programm. Der wollte mir doch tatsächlich eine (ich trau mich garnicht das zu sagen..) Bravo anbieten als ich ihn fragte ob er auch Musikzeitschriften im Angebot habe.

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