bis einer heult!

Ich hab mir das so gedacht: ich setz mich mit einer großen Tasse Kaffee, einem leeren Aschenbecher und meinem Laptop im Wohnzimmer an den Esstisch und fange einfach an zu schreiben … bis ich fertig bin. So war der Plan. Eine abgeschlossene Geschichte sollte dabei entstehen. Eine Geschichte, die eigentlich in meinem Kopf entstanden ist und nun irgendwie auf Papier bzw. in den Laptop gehakt werden muss. Hätte mich niemand vorwarnen können, dass das Ganze bei weitem nicht so einfach ist, wie gedacht?

Irgendwie sitze ich zum Schluss jede Nacht mit einem Glas Rotwein da. Um ehrlich zu sein ist es wohl schon das Dritte. Der Aschenbecher ist voll und ohne hinzuschauen versuche ich einen weiteren glühenden Stängel in dem Berg Asche zu ersticken. Wieso hat mir eigentlich niemand vorher gesagt, wie nervenaufreibend das Schreiben einer Geschichte sein kann?

Ich leide mit meiner Protagonistin und das meine ich genauso, wie ich es schreibe: ich heule Rotz und Wasser, schniefe laut und schüttle mich zum wiederholten Mal, weil mir ein Schauer über den Rücken jagt. Ich habe allen Ernstes das Gefühl, dass ich erlebe, was sie, Lena, gerade erlebt. Beziehungsweise empfinde, was sie empfindet. Dabei war ich nie in ihrer Situation, habe nie erlebt, was ich sie erleben lasse. Ich heule!

Zwanzig Seiten später: Ich lache bis die Tränen fließen und mein Bauch zu schmerzen beginnt. Immer wieder beginne ich hysterisch zu kichern und bekomme es nicht gebacken, auch nur drei zusammenhängende Zeilen zu schreiben, ohne erneut vor Lachen in Tränen auszubrechen. Ohne erneut loszuheulen.

Rund zehn Wochen geht das so. In jeder freien Minute schreibe ich an der Geschichte, die ursprünglich mal ein Geburtstagsgeschenk für meine Nichte werden sollte. Der Geburtstag ist inzwischen verstrichen und die Geschichte mittlerweile gute 100 Seiten länger, als geplant. Ich wache und schlafe mit dieser Geschichte, träume nachts von den Figuren und hänge tagsüber ständig mit meinen Gedanken in ihrer Welt. Es ist wie ein Klammergriff aus dem ich mich nicht befreien kann. Doch dann kommt der letzte Tag, die letzte Seite, der letzte Abschnitt … ich stocke, renne ziellos eine halbe Stunde durch die Wohnung, nur weil ich dieses Gefühl nicht verlieren will. Es kostet mich Mut und Überwindung schließlich wieder Platz zunehmen, die Finger über die Tastatur fliegen zu lassen und den letzten Satz, das letzte Wort zu schreiben. Dann ist es vorbei.

Ich sitze vor meinem Laptop, starre auf den Monitor und höre dabei in mich rein. Doch da drinnen ist niemand mehr. Die Geschichte ist erzählt, die Figuren finden ihre wohlverdiente Ruhe und ich komme mir so unsagbar klein und alleine vor.

Wieso hat mir niemand vorher gesagt, wie sehr das Schreiben dieser Geschichte mich und mein Leben einnehmen würde? Wie viele Emotionen sich an eine fiktive Erzählung mit fiktiven Personen haften können?

Die letzte Emotion, die mir das Schreiben bringt, ist verzweifelte Erleichterung: ich bin fertig! Wie soll ich nur ohne sie leben? Ich heule!

Rund ein halbes Jahr liegt die Geschichte in der Schublade bis ich den Mut aufbringe, sie hervor zu holen, anderen Menschen zu zeigen. Vier Wochen später habe ich einen Verlagsvertrag …

… und „bis einer heult!“ ist mein neues Motto.

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7 Kommentare

  1. Mascha

    Immer wieder diese Teaser!
    Ich kann es kaum noch erwarten das Buch endlich in meinen Händen zu halten… und das dauert länger als geplant, weil ich grad nich zu hause bin. Das soll jez aber nich so wichtig sein.

    Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass es keinen Grund fürs Leerfühlen gibt.
    Die Geschichte war es wert, und sie ist es immernoch! Und einen Traum hast du dir damit auch noch erfüllt, wenn das Buch erstmal so erfolgreich ist, wie „ihr“(du und das Buch) es verdient, dann…
    … weicht die Leere hpffentlich dem Glücksgefühl!

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