Bis einer heult! • Viel zu laut!
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10. Dezember 2014 | Pia Drießen

Viel zu laut!

Ein besonders starkes Merkmal der Hochsensibilität des Quietschbeus ist sein unheimlich geräuschempfindliches Gehört. Schon als Baby brachte ihn ein Stimmengewirr von mehr als 3 Personen völlig aus der Fassung. Generell kann er daher bis heute keine Menschenmassen vertragen und klagte z.B. jüngst, nach dem Besuch eines Familiencafés im Nachbarort, über Ohren- und Kopfschmerzen. Auf dem Weihnachtsmarkt war es ihm ebenfalls zu laut und im Auto kommen ihm auch schon mal die Tränen, wenn seine kleine Schwester kreischt. Er kommuniziert das auch ganz deutlich. „Mama, mir ist das viel zu laut!“ Wenn der Geräuschpegel dann nicht gesenkt wird, reagiert er manchmal richtig verzweifelt bis hin zum totalen Nervenkollaps. 

Es war eine seiner Erzieherinnen, die eine wahnsinnig tolle Idee hatte, die dem Quietschbeu in solchen Situationen sehr weiter hilft. Es war relativ viel Trubel in seiner Gruppe und der Quietschbeu reagierte gewohnt nervös, unruhig und unkonzentriert. Sie gab ihm kurzerhand einen Teppich und eine Aufgabe, mit der er sich auf den Fußboden legen sollte. Sofort war er viel ruhiger und arbeitete konzentriert und ausdauernd, obwohl es um ihn herum laut und wuselig war.

Mir war schon früher aufgefallen, dass er sehr häufig am Esstisch spielt, zum Beispiel Lego, wenn seine Geschwister auf der Erde herum toben. Oder eben auf der Erde sitzt, wenn die Geschwister am Tisch sitzen. Jetzt kann ich das auch endlich in einen Zusammenhang bringen. Er wechselt einfach die Hörebene, in dem er sich über oder unter die normale Geräuschpegelhöhe begibt. So simpel und doch so effektiv. 

Für den Quietschbeu ist beinahe alles zu laut oder zu geruchsintensiv. Wenn die Nachbarn ihren Kamin anmachen, was ich nur rieche, wenn ich das Haus verlasse um z.B. an die Mülltonnen zu gehen, dann riecht er das bei geschlossenem Fenster in seinem Zimmer. Als die Bauern im Sommer Gülle ausgefahren haben, da roch er das schon direkt vor der Haustür, wenn wir noch Kilometer weit von den Feldern entfernt waren. Einmal rief er mich ganz ängstlich, als er schon im Bett lag, es würde verbrannt riechen. Ich roch beim besten willen nichts, schnupperte aber die ganze 1. Etage ab, um nichts zu übersehen. Als ich gerade im Badezimmer stand rief er ganz panisch: „Mama, das wird schlimmer!“ Ich ging in sein Zimmer zurück und erst da roch ich einen leicht verbrannten Geruch. Das Meedchen hatte ein Puppenhemdchen über eine Glaslampe von IKEA gelegt, das nun durch die Hitze der Glühlampe anfing zu kokeln.  Obwohl ich noch 1 Minuten zuvor direkt vor der Lampe gestanden habe, habe ich nichts gerochen. Da war ich Gott froh um seine feine Nase.Wer weiß wie schnell es zu spät gewesen wäre! 

Auch hört der Quietschbeu z.B. mein Handy in meiner Hosentasche oder Handtasche vibrieren, wo ich nicht mal das Klingeln höre. Wenn er in seinem Bett liegt und wir bekommen Besuch, kann er mir ganz genau sagen, wie viele Personen und wie viele davon männlich und wie viele weiblich waren. Wenn der Miezmann und ich miteinander flüstern, versteht er jedes Wort. Manchmal sogar die Antworten meiner Gesprächspartner am Telefon (merke: nie am Telefon über Weihnachtgeschenke reden!).

Manchmal ist das sehr unheimlich. Vor allem, weil er auch jedes Gespräch, selbst wenn 3 Gespräche parallel geführt werden, aufnehmen und verstehen kann. So weiß ich am Ende eines Tages immer ganz genau, was welches Kind aus seiner Gruppe am Vortag gemacht hat, was es bei wem zu essen gab und und und. Er ist wie ein Schwamm für Unbedeutsames. Jede noch so unwichtige Information saugt er auf, verarbeitet sie und legt sie irgendwo ab. Wie sein Ablagesystem genau funktioniert kann ich nicht sagen. Aber es funktioniert.

Wenn er etwas einmal gehört hat, kann er es auswendig. Besonders schön bei Gedichten und Lieder zu beobachten. 

Generell ist Musik etwas, was er auch sehr sehr laut gut erträgt. Neulich hörten wir ein Rammsteinlied und er wollte sofort, dass wir das lauter machen. Dann tanzte er so ausgelassen und wild durchs Wohnzimmer, bis er nahezu in Ekstase war. Ganz stolze Mutti bin ich dabei ob seiner koordinierten Körperbewegungen und Tanzmoves in Entzückung geraten. Allerdings ist er sonst auch eher unkoordiniert, was seine alltäglichen Körperbewegungen angeht. 

Seit rund einer Woche habe ich eine Weihnachts-Swing-CD im Auto. Die Kinder lieben es. So still und leise war es seit Wochen nicht mehr im Auto. Normalerweise kräht immer einer rum, jammert, schimpft oder sucht Streit. Nun schauen sie aus dem Fenster, wippen mit dem Fuß und summen leise mit. Wunderbar!

Nun, leider ist nicht immer Musik da und es gibt Situationen, in denen er zwangsläufig einer unruhigen Geräuschkulisse ausgesetzt sein wird. Daher haben wir ihm jetzt für Events wie Weihnachtsmärkte, Cafébesuche, oder auch zum konzentrierten Arbeiten und Spielen zuhause einen Gehörschutz gekauft. So müssen wir alle nicht auf Ausflüge mit Menschenmassen verzichten und der Quietschbeu ist zeitgleich nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Umweltgeräusche zwar gedämpft, aber nicht völlig abgehalten werden. In der Grundschule, die der Queitschbeu besuchen wird, arbeitet man auch mi solchen Mickey Mäusen. Es ist eine weitere Möglichkeit, ihm ein wenig Rückzug und Normalität zu bieten, wo er sich sonst „anders“ fühlt. 

Alles in allem kann ich sagen, dass wir in den letzten 12 Monaten unheimlich viel über seine Bedürfnisse und den Umgang mit den kleinen Besonderheiten gelernt haben. Er selber versteht sich selber immer besser und formuliert Empfindungen auf den Punkt aus. Manchmal fällt es ihm noch schwer, Lösungen anzunehmen. Zum Beispiel, dass eine Auszeit in seinem Zimmer gerade IHM gut tut und keine Strafe ist. Die Zeit wird’s richten.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Melanie / Dez 10 2014

    Hallo Pia,
    ich kann den Quietschbeu sehr gut verstehen. Auch ich bin eine HSP und wahnsinnig geruchs- und geräuschempfindlich. In Teeläden und Reformhäusern bekomme ich z.B. ganz schnell Kopfschmerzen, wenn die Nachbarn den Kamin anschmeissen kann ich nicht mehr lüften und wie oft nerve ich meinen Mann damit, dass er den Fernseher leiser stellen soll, während er schon nichts mehr versteht. Der Gehörschutz wird Ihrem Sohn und damit auch der ganzen Familie sicherlich gut tun. Alles Gute! Melanie

  2. blumenpost / Dez 10 2014

    Ich kann ihn in diesen Punkten so so so gut verstehen. Und so toll, dass ihr das jetzt schon erkennt.
    Grad die Geruchs- und Geräuschempfindlichkeit kommt mir sehr bekannt vor. Mein Mann macht immer Witze, dass ich bestimmt gut Trüffel suchen könnte. Und weil ich so viel empfindlicher bin was Geräusche angeht, geraten wir hier regelmäßig aneinander…

  3. Maya / Dez 10 2014

    Hallo Pia,
    den Gehörschutz haben wir hier auch im Einsatz – unsere Tochter (10 Monate) hasst den Staubsauger, mit dem Teil auf den Ohren (hier allerdings in PINK) sitzt sie mitten im Gewusel und freut sich über den „frischen“ Wind…
    Viele Grüße
    Maya
    (die gerne und regelmäßig bei Dir vorbeischaut und oft Tränen lacht)

  4. Janine / Dez 10 2014

    Es ist sehr schwer sich Geräuschen zu entziehen. Bei mir ist immer das Limit erreicht, wenn ich sage „meine Ohren bluten“. Ich bekomme auch immer alle Gespräche im Raum mit. Es scheint wie beim Quietschbeu aber anscheinend noch deutlich schlimmer zu gehen. Toll, dass ihr eine Lösung gefunden habt. Für Erwachsene empfehle ich einfach Ohropax. Damit laufe ich auch manchmal in der Wohnung rum, wenn ich Ruhe brauche.

  5. Stefanie Diekmann / Dez 11 2014

    du beschreibst mich…wiedermal

  6. Kathrin Kemper / Dez 11 2014

    Hallo Pia,
    ich habe gerade die Rolläden hoch gezogen, wollte schön lüften und musste sofort wieder alle Fenster schließen, weil ein Nachbar wieder am Räuchern ist. Ich bin da selber sooooo empfindlich, auch was Geräusche, Lärmpegel, Gerüche angeht.
    Mein kleiner Schlingel ist von Anfang an bei Geräuschen äußerst sensibel gewesen, das hat sich auch noch nicht großartig geändert, außer bei Musik, da geht es auch mal laut, konnte Deinen Post also gut nachempfinden.
    Ob sich das auch noch auf Gerüche auswirkt, werden wir sehen, noch bin ich nicht so sicher.
    ABER was ich unbedingt wissen muss: was für eine CD mit swingender Weihnachtsmusik ist das???
    Erstmal schon jetzt besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch.
    Kathrin

  7. Anke / Dez 11 2014

    Huhu,

    den gleichen Schutz haben wir hier auch, ich hatte ja auch schon mal geschrieben, das es bei unserem Sohn ähnlich ist, wegen der Geräusche – da es bei Ausflügen privat sowie im Kiga dann immer ein wenig Probleme gab, haben wir den Schutz besorgt, seitdem klappt alles super. Selbst zum Nürburg-Ring konnten wir und entspannt Autorennen schauen, was er selbst ja auch mag, aber ohne Schutz ging das gar nicht, Ich glaube, er war da auch selbst über sich verärgert, weil es ihm zu laut war – zumindest sah es für uns so aus.

    Also, schnellste Lösung, Gehörschutz und das ist schon mal erledigt. Im Kiga sucht er sich meist ein stilles Eckchen, mit den Erziehern ist das auch abgesprochen und seit wir seit Sommer eine neue Leitung haben, die sich auch mehr auskennt als die vorherige (Wahrnehmungsstörungen, Integration etc.) läuft es bei uns auch wirklich sehr gut.

    LG
    Anke

  8. Katrin / Dez 11 2014

    Wow Frau Miez, durch Sie und den Quietschbeu habe ich erst mit 20 erkannt, das ich hochsensibel bin und jetzt nach diesem Artikel bin ich äußerst erstaunt, das meine Geräuschempfindsamkeit und dieses „alles was irgendwo passiert oder gesagt wird“-mitkriegen wohl auch daher rührt. Ich danke Ihnen! Und ich finde es toll, dass Sie das so früh schon erkannt haben und der Quietschbeu somit auch verstanden und auf ihn eingegangen werden kann. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und schon einmal eine schöne Weihnachtszeit und einen tollen Start ins neue Jahr!

  9. Martina / Dez 11 2014

    Bei uns sind diese Mickey-Mäuse auch voll im Einsatz. Keines meiner Kinder ist hochsensibel (jedenfalls ist es mir bisher noch nicht aufgefallen). Dennoch ist es einfach so, dass alle gerne die Gemeinschaft suchen, aber auf der anderen Seite die Ruhe brauchen, um zu puzzeln, zu malen etc.
    Eigentlich haben wir diese Dinger mal für Sylvester und für den Besuch eines Fußball-Stadions gekauft. Sie werden aber bei vielen verschiedenen Gelegenheiten getragen: Rasenmähen, Staubsaugen, der eine hört ein Hörbuch, das der andere nicht will, die Mutter singt zu laut und zu schief oder die kleine Schwester hat einen Tobsuchtsanfall. Sie hängen bei uns in der Gardarobe und jeder kann sich einen holen, wenn er ihn braucht. Irgendwie hat sich das einfach so ergeben und es funktioniert großartig.
    Noch ein kleiner Tipp: diese Mickey-Mäuse passen auch auf Mamas Ohren :)

  10. Daniela / Dez 11 2014

    Starke Geruchsempfindlichkeit ist alles andere als ein Segen…ich war schon immer sehr empfindlich was Gerüche betraf, durch die Schwangerschaft ist das noch schlimmer geworden. Seit Beginn der Schwangerschaft konnte ich schon kein Parfum mehr tragen und auch jetzt, 2 Jahre danach tue ich das nur äußerst selten und meistens bereue ich es schnell, weil ich mich durch den Geruch belästigt fühle, selbst meine früheren Lieblingsparfums kann ich kaum ertragen. S-Bahn fahren konnte ich ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft auch nicht mehr – es war Sommer und die Geruchsvielfalt absolut nicht zu ertragen…
    Große Menschenmenge und Geräusche machen mich auch fertig. Wenn ich beim Abholen mal mit in den Raum der Kita gehe, bin ich schon nach 5 Minuten total ko… Absolut unvorstellbar für mich, wie das die Kinder und Erzieher den ganzen Tag aushalten. Meine Kleine zieht sich bei Geräuschen auch gerne zurück, z.B. wenn wir in unserem Kurs „Zwergentöne“ (Singen und Spielen für 1-3 Jährige, was sie wirklich liebt!) mal trommeln, dann macht sie ein Lied gut mit, danach wird es ihr dann aber zuviel und sie fängt an ALLE Trommeln wegzuräumen (auch von den anderen)…
    Es ist toll, dass ihr so hinterherseid herauszufinden, wie ihr eure Kinder am besten unterstützen könnt und dass dann auch tut, das wird ihnen den Alltag ganz sicher erleichtern!

    Eine schöne Adventszeit noch,
    liebe Grüße, Daniela.

    • Elisabeth Herzellie / Dez 15 2014

      Hallo Daniela, ich kenne das mit Parfüms, ich finde die auch viel zu überparfümiert, was ich aber gern nehme sich richtige Naturprodukte, Naturseife und Parfüm, von einer kleinen Gewerbetreibenden auf Dawanda, die Sachen sind nicht sooooo stark parfümiert.
      LG Elisabeth

  11. Katharina / Dez 11 2014

    Vielen Dank für das Vorstellen der Gehörschutzidee!
    Ich muss noch ein bißchen denken, aber vielleicht könnte das unserem Sensibelchen auch eine Lösung bei zuviel Gewusel sein. Allerdings tragen die Dinger ja doll auf und erregen erst recht Aufmerksamkeit. Dabei ist das in wuseligen Situationen das letzte, was mein Mittelkind braucht. Mal schauen. Geringere Sensibilität kann man ja leider nicht antrainieren.

    Damit meine ich nicht, dass ich meinem Kind die feinen Antennen abtrainieren möchte. Aber in einer Klasse von fast 30 komplett verschiedenen Kindern täte ein dickes Fell manchmal ganz gut

  12. Ellie / Dez 12 2014

    Toll, dass ihr ihn so gut beobachtet und auf seine Bedürfnisse eingeht und ebenfalls toll, dass er sie schon so gut äußern kann!
    Ich könnte mir gut vorstellen, dass sein Gehör ihm große Vorteile beim Erlernen eine Instruments bringen könnten – jetzt, da er langsam alt genug für ein Instrument ist, gibt es ja vielleicht eine Gelegenheit dafür. (Falls das seinen Interessen entspricht.)

  13. Frau Zeitlos / Dez 12 2014

    Was mir gerade einfällt: ich las mal in einem Blog von einem Jungen, der unterwegs immer IPod hörte, um die Geräusche der Umgebung auszublenden. Vielleicht hilft das ja auch, falls die Mäuseohren mal nicht greifbar sind.

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