Bis einer heult! • Vom ZUtrauen
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24. Mai 2011 | Pia Drießen

Vom ZUtrauen

Nachdem die ersten zwei Tage bei der Tagesmutter ganz wunderbar verliefen und der Quietschbeu zum Abschied nicht mal weinte, wurden leider die Kinder der Tagesmutter krank und wir mussten eine Woche pausieren. Wer weiß was in dieser Zeit im Kopf des Quietschbeus passiert ist, jedenfalls wollte er die darauffolgende Woche nicht mehr dort bleiben.

Am ersten Tag weinte er, als ich ging und weinte, als ich wieder kam. Sofort stürzte er in meine Arme, umklammerte mich und weinte ganz schlimm. Das nahm mich sehr mit und ich zweifelte natürlich direkt ausschweifend an meiner Entscheidung. Am Nachmittag sprach ich sehr lang und ruhig mit ihm darüber, dass die Mama arbeiten geht und er dann bei der Tagesmutter mit Q. spielen darf. Ich versicherte ihm, dass ich ihn immer wieder abholen würde und ich mich den ganzen Vormittag sehr auf ihn (und natürlich das Löwenmäulchen) freuen würde. Auch sagte ich ihm, dass er ruhig traurig sein und weinen dürfte, soviel er wollte. Manchmal geht es einem danach nämlich besser.

Am folgenden Tag weinte er bereits, als wir ins Auto stiegen, saß dann beim Frühstück nur da, starrte mich an und aß keinen Bissen. Als er nach einer Weile auftaute und fragte „Mama? Arbeiten?“ bejahte ich, stand auf und gab ihm einen Kuss. Sofort begann er wieder zu weinen, also nahm ich ihn aus dem Hochstuhl, gab ihm seine Boo und sein Schmusekissen und sagte, dass ich nun arbeiten fahren würde und ihn gleich wieder abholen würde. Wie besprochen. Und er sollte so lange weinen, wie er möchte und wenn es dann gut ist, dann kann er mit dem Q. spielen.

Die Tagesmutter sagte mir später, dass er nur kurz geweint habe, dann seine Boo und sein Schmoosi weggeräumt hätte und gespielt hätte.

Heute Morgen im Auto habe ich ihm dann gesagt, dass wenn er traurig sein würde, er seine Boo und das Schmoosi nehmen und ganz fest drücken sollte. Dann ginge das schnell wieder weg. Und so aß er heute bereits wieder mit viel Hunger und kasperte am Tisch mit Q. herum. Als ich dann gehen wollte kamen ihm erneut die Tränen. Ich reichte ihm, wie verabredet, seine Boo und das Schmoosi, drückte ihn feste, gab ihm einen Kuss und sagte ihm, dass ich ihn sehr lieb habe und bald wiederkäme.

Ich hörte ihn bereits wieder normal sprechen, als ich am ersten Treppenabsatz war.

Ich weiß noch, dass ich erst kürzlich ein Gespräch darüber führte, was Kinder in diesem Alter verstehen können und was nicht. Wir kamen auf das Thema über die Frage, ob man von einer dreijährigen erwarten kann, dass sie höflich um etwas bittet, statt kreischend und stampfend einfach nur zu fordern. Meiner Meinung nach kann man das, ja.

Ich bin der Meinung, dass man den Kleinen viel mehr zutrauen sollte, als man von Haus aus vielleicht tut. Mit den richtigen Worten kann man auch einem zweijährigen Zusammenhänge in seiner kleinen Welt schildern und erklären. Er weiß, dass man weint, wenn einem etwas sehr weh tut. Und er weiß inzwischen auch, dass Vermissen und Angst haben wehtun. Nicht am Bein oder der Hand, sondern im Bauch und in der Brust. Das sagt er mir auch.

Als wir im Zoo waren und er vor den Papageien so furchtbar Angst hatte, da rief er auch „Aua!“ Als wir uns gestern noch mal über die Papageien unterhielten sagte er dann „[Quietschbeu] weint. Papain laut keischt. [Quietschbeu] aua Bust.“ (Ich habe geweint, weil die Papageien so laut gekreischt haben. das hat mir in der Brust weh getan.) Dabei hat er sich auf die Brust gezeigt. Ich hab ihm dann erklärt, dass das Aua in der Brust Angst heißt. Das hat er natürlich noch nicht sofort umsetzten können, aber wenn ich nun von „Angst“ spreche, weiß er in Etwa, was damit gemeint ist.

Auf dieselbe Art und Weise habe ich ihm auch mal Liebe erklärt. Wenn man sehr glücklich ist, wenn man mit jemandem zusammen ist und traurig, wenn er weggeht, dann hat man diesen Menschen lieb. Und wenn es im Bauch kribbelt und man dolle Lachen muss, wenn man zusammen ist, sich drückt und küsst, dann ist das Liebe. „Mama. Liep.“, war seine Antwort. ?

 

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. ramona / Mai 24 2011

    hach :-) so richtig. so schön erkannt.

  2. Ninette Halbbluthobbit / Mai 24 2011

    Am Ende kam mir noch ein Tränchen.

    Ich finde Ihre Art, mit den Miezbeus umzugehen, wunderbar. Offensichtlich verstehen Kinder in dem Alter deutlich mehr, und man kann ihnen auf eine ganz andere Art Trost bieten. Wenn der QB weiß, was genau es ist, was er da fühlt, hat er auch weniger Angst davor.

    Sie sind eine tolle, sehr einfühlsame Mutter, das denke ich immer wieder, wenn ich hier lese, die Jungs haben ganz großes Glück. Ich möcht’s später genauso machen können, wenn eigene Hobbitkinder auf dem Plan stehen. (:

  3. Mrs.Felsenheimer / Mai 24 2011

    ein wirklich toller artikel von dem ich mich gern inspirieren lasse. uns steht demnächst der wechsel in die krippe bevor und da mache ich mir natürlich auch gedanken, wie ich mit der (zu erwartenden) trauer/irritation meines juniors umgehen kann. er ist allerdings erst 1 jahr alt, was die kommunikation untereinander noch erschwert aber ich denke auch ihm kann ich hoffentlich verständlich machen, dass die krippe nichts böses ist. ich glaube hier hilft routine und zuverlässigkeit. und eine große portion verständnis. und sie sagen etwas ganz richtiges: man darf traurig sein und als eltern sollte man das auch zulassen.

  4. Shura / Mai 24 2011

    Das hast du wunderbar geschrieben! Mir tut auch immer das Mutterherz weh, wenn ich L. abgebe und er weint und ich von T. keinen Kuss mehr bekomme, weil alles andere spannender ist als ich.

  5. Barbara / Mai 24 2011

    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Kinder sehr viel verstehen, wenn man es ihnen erklärt und auch unangenehme Dinge besser akzeptieren, wenn es vorher klar ist, dass es gemacht wird und dass es unangenehm sein kann. Unser Großer wurde operiert und damit verbunden waren eben auch die Voruntersuchungen usw. Wir haben ihm immer die Wahrheit gesagt, vereinfacht, aber eben versucht zu erklären, was mit ihm gemacht wird und ob es weh tut oder nicht. Dafür war er dann relativ gelassen und auch danach reagiert er nicht panisch auf Ärzte und Instrumententische, was den Hörgeräteakuster beim Anpassen der Ohrstöpsel doch sehr erstaunte…

  6. aleXXblume / Mai 24 2011

    Das ist TOLL. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich das so noch nie angepackt habe und dass ich mich noch hinterher dafür schäme, dass ich nicht selber auf so ein Handeln gekommen bin. Ich glaube, besser kann man es nicht machen! Und ich hoffe jetzt mal, dass meine Kids mir mein im Vergleich dazu „Axt im Wald“-Verhalten verzeihen und keinen psychischen Schaden davongetragen haben…..

    • Mama Miez / Mai 24 2011

      Grundsätzlich denke ich nicht, dass Kinder von der „Axt im Wald“ Methode einen psychischen Schaden nehmen. Aber ich erinnere mich noch gut an MEIN erstes mal alleine im Kindergarten-Gefühl und könnte heute noch Heulen. Einen Schaden habe ich daher trotzdem nicht. Denk ich. Der Quietschbeu ist sehr empfindsam. Da muss man oft mit Samthandschuhen und so. Jedes Kind ist anders!

  7. Frau Schlüpfer / Mai 24 2011

    *schnuff*
    wie kommt eigentlich das löwenmäulchen mit der situation klar?

    • Mama Miez / Mai 24 2011

      Das Löwenmäulchen weinte einmal mit, weil der Quietschbeu fürchterlich weinte. Ließ sich aber umgehend beruhigen. Er ist ohnehin viel extrovertierter, draufgängerischer und vorwitziger, als der große Bruder. Seine Freude, wenn ich sie nach Mittag abhole, ist immer sehr groß :)

  8. Stephanie / Mai 24 2011

    Hallo,
    sie machen das ganz toll. Wirklich ich wünsche mir in meinem Alltag als Tagesmutter genau solche Mamas. Denn es stimmt die Kleinen verstehen sehr wohl wenn man ihnen etwas mit einfachen Worten erklärt, auch wenn sie sich noch nicht so äussern können. Ich mache das hier recht ähnlich. Wenn die Kleinen weinen, werden sie getröstet und erklärt das Mama arbeiten muss, sie aber bald wieder kommt. Sie dürfen traurig sein und es ist auch wichtig das man ihnen diesen Raum gibt.

  9. Sylvia / Mai 24 2011

    [Riesenrührungsheuli]

  10. Ilsa / Mai 24 2011

    Ich bin beeindruckt und berührt. Sie nehmen Ihren Sohn und seine Gefühle ernst. Und das heißt, keinen Riesentanz machen, um diese Gefühle erst gar nicht aufkommen zu lassen, sondern sie zulassen. Für mich ist der Schlüssel Ihr Satz: „Mit den richtigen Worten kann man auch einem zweijährigen Zusammenhänge in seiner kleinen Welt schildern und erklären.“ Denn das heißt, Sie kennen und verstehen seine kleine Welt und sprechen seine Sprache.
    Ihre Jungs haben wirklich Glück mit ihrer Mutter.
    Alles Liebe von Ilsa

  11. Stadtmoewe / Mai 25 2011

    Tränchen .. ihr seit so zauberhaft süß. Wirklich, wirklich toll. Mehr gibt es gar nicht zu sagen ?!!

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