In diesem Moment.

„Mama, bleib noch hier. Bitte.“ Das sagt er sonst nie, wenn ich mit ihm zu Ende gebetet habe, mich mit einem feuchten Kuss auf die Stirn und einem „Gute Nacht, mein Schatz, ich hab Dich lieb“ verabschiede. Also bleibe ich. Ich setzte mich neben seinem Bett auf den Boden und beginne seinen Bauch zu streicheln. Durch die Dunkelheit höre ich das saugende, schmatzende Geräusch, das er beim Trinken seiner Milchpulle erzeugt. Das ist das letzte Babyding, das er sich bewahrt hat und von dem er sich bisher nicht trennen mag. Ich lasse ihn.

Mit einer Hand greift er nach meiner Hand und delegiert meine Finger zu seiner Brust. „Hier krabbeln“, nuschelt er mit der Nuckelflasche im Mundwinkel und ich kann vor meinem geistigen Auge sehen, wie ihm ein kleines Milchrinnsal aus dem Mundwinkel läuft.

Meine Finger krabbeln seine kleine Brust und ich spüre deutlich das wilde und hektische Pochen seines bald 3jährigen Herzens, das nicht mal zum Schlafen ruhiger werden will. Irgendwann ist die Milchpulle geleert. Sorgfältig stellt er die Flasche ans obere Kopfende seines Bettes. Da steht sie für gewöhnlich morgens noch, wenn ich ihn wecke.

Kaum liegt er wieder auf dem Rücken, sortiert er auch schon meine Finger wieder auf seine Brust. Eine Weile kreise und kraule ich ihn dort, bis ein lautes und sehr tiefes Gähnen unmissverständlich ankündigt, dass es jetzt Zeit wird zu Schlafen. Er rollt sich auf die Seite, wurschtelt ein bisschen mit seiner Daunenbettdecke und seinem Stillkissen herum, sucht seine Boos und sein Schmusekopfkissen und findet schließlich wohl die Position zum Einschlafen.

Das ist der Moment, in dem ich aufstehe und rausgehen möchte. Doch er hält mich fest. „Nein Mama. Hier bleiben!“ Ich setze mich wieder und lege meinen Kopf auf seine Bettdecke. „Ich halte Deine Hand fest, ja?“, flüstere ich ihm zu und er brummt zustimmend.

Nach einer Weile ist sein Atmen ganz ruhig und flach geworden. Ich bin dennoch unsicher ob er wirklich eingeschlafen ist und frage leise: „Männlein, schläfst Du?“ Er haucht ein „Nein“ zurück. Dann spüre ich seine kleine warme Hand in meinem Gesicht, das immer noch auf seiner Bettdecke ruht.

„Ich streich‘l Dich, Mama. Mach die Aug‘n zu.“ Und ich schließe die Augen und genieße es, wie mein kleiner großer Sohn meine Wange streichelt. Unaufhörlich, auf und ab, hin und her.

Irgendwann kommt seine kleine Hand warm und feucht auf meiner Wange zum Erliegen. Sein Atmen ist schwer und tief. Ich seufze leise und schäle mich langsam erst aus der sanften Liebkosung, dann aus der Bettdecke und stemme mich schließlich auf die Beine.

Mein Herz klopft ganz wild und aufgeregt, als ich ihn sanft auf die Wange küsse und noch einmal „Ich liebe Dich!“ hauche.

In diesem Moment hätte ich ihn gerne mit all meiner Liebe und meinem ganzen Körper umhüllt und aufgesaugt. In diesem Moment war diese ohnehin schon bedingungslose Liebe so tief, rein und klar, dass es wehtat. Im positivsten Sinne, den man sich denken kann.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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